# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_November 1855_S329 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Wie werden wahrhaft lutherische Gemeinden gegründet ꝛc. 329 machen, so kommt der Seelsorger leichtlich in die Versuchung, schärfer mit ihnen zu handeln und sie also dadurch mehr zu verschließen und zu verhärten, als zu öffnen und zu erweichen. Und daher ist es denn für solche und ähnliche Fälle die rechte, dem evangelischen Sinne und der Liebe Christi gemäße Regel eines treuen lutherischen Seelsorgers, daß, so lange der böse Wille des Herzens nicht in klaren unwidersprechlichen Thatsachen offen und unzweifelhaft zu Tage liegt, der Sitz des Uebels mehr in der Irrung des Verstandes und des Gewissens anzunehmen sei. Bei solcher liebenden Voraussetzung und demgemäßem Verfahren, verbunden mit treuer Fürbitte, wird denn endlich auch jener mehr formelle anfängliche Widerstand aus der temperamentlichen Unart und einer disharmonischen Mischung der Seelenkräfte überwunden und der Irrende, wenn auch auf langsamem Wege, endlich zur heilsamen Erkenntniß der Wahrheit gebracht werden. Uebrigens kommt es natürlich bei diesem Stücke der lutherischen Seelsorge nicht bloß auf die Beschaffenheit der Irrenden, sondern auch auf die des Irrthums selber an, und wie diese sich zu der der Irrenden verhalte; denn wie der relativ beste Fall der ist, wo Holz, Heu oder Stoppeln d. i. keine schlechthin seelenverderbliche Irrlehre auf dem rechten einigen Grunde, d. i. Christo, gebaut ist, und wo solche Irrung in einem aufrichtigen lernbegierigen Herzen, vielleicht aus Schuld eines früheren Lehrers sich vorfinden: so ist wiederum der schlimmste Fall der, wo ein grundstürzender Irrthum, (als z. B. die Leugnung der Schriftlehre vom dreieinigen Gott, von der Gottheit Christi, von der Rechtfertigung des Sünders vor Gott allein aus der Gnade Gottes, durch das Verdienst Christi und mittelst des wahren lebendigen Glaubens u. a. m.) sich mit einem hochmüthigen Herzen und bösem Willen verbindet. In diesem letzteren Falle, der natürlich unausbleiblich den Bann endlich nach sich zieht, wenn der Schuldige auch die Gemeinde nicht hört, sind die schärfsten Beizen und härtesten Donnerkeile des göttlichen Wortes ganz an ihrem Orte, ob es etwa noch möglich wäre, das harte Herz zu erschüttern und den bösen Willen zu brechen; — und gelänge auch dieses nicht — wie es hier fast nie gelingt — so doch zu einem Zeugniß über sie, ähnlich wie Christus das achtfache Wehe über das Otterngezüchte der verblendeten und verstockten Pharisäer und Schriftgelehrten ausruft. In jenem ersten Falle wird meist die klare und faßliche Darlegung der Wahrheit, ein väterlich gehandeltes Gespräch die erwünschte Frucht gewähren, daß der bisher Irrende den Irrthum verläßt und die Wahrheit ergreift. Alle übrigen Fälle der Irrung aber, die zwischen diese beiden Extreme fallen, werden nun, je nachdem sie dem relativ besten oder schlimmsten Falle benachbart sind, den einen oder den andern Ausgang nehmen. In jedem Falle aber hat der Seelsorger hier die beste Gelegenheit, die Wichtigkeit der einen und reinen Lehre seinem Patienten vor die Augen zu malen und ans Herz zu legen, indem er ihm anschaulich nachweist, theils wie