# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_October 1855_S296 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 296 Lutherisch-theologische Pfarrers-Bibliothek. er auch nun bewogen wurde, sein Vorhaben, Medizin zu studiren, aufzugeben und Gott zu geloben, daß er sich dem Dienst des Evangeliums widmen wolle. Gerhard selbst schreibt daher im Jahre 1615 von Arndt: „Ich ehre und halte ihn nunmehr über die 16 Jahr als meinen geistlichen Vater, fintemal er anfangs zum Studio theologico mir gerathen." Selbst eine Anweisung, wie die Theologie zu studiren sei, erbat sich Gerhard, als er 1603 nach Jena ging, von Johann Arndt und erhielt eine solche von demselben. *) Was zweitens die Oratio, das Gebet, betrifft, so sind u. A. Gerhards Meditationes sacrae und Exercitium pietatis quotidianum allein schon hinreichend, zu beweisen, welch' ein brünstiger Beter derselbe gewesen sein müsse. Es sei hier nur noch bemerkt, daß er trotz der ungeheuren Arbeit, die ihm seine vielen Aemter, seine schriftstellerische Thätigkeit **), seine weit ausgebreitete Correspondenz und die Zuziehung seiner Person zu allerhand öffentlichen wichtigen Verhandlungen durch hohe Häupter auferlegten, dennoch täglich zweimal mit seinen Kindern und Gesinde Betstunde hielt. Seine leuchtende Gottseligkeit wurde selbst die Ursache, daß neidische und fleischliche Männer ihn der Rosenkreuzerei und des Weigelianismus verdächtig zu machen suchten, in Folge welcher Beschuldigung Gerhard das bekannte Gedicht aufsetzte: Qui studium hoc aevo pietatis gnaviter urget Et sophies partem tractat utramque sacrae, Ille Rosaecrucius vel Weigelianus habetur Et nota turpis ei scribitur haereseos etc. D. i. Wer zu dieser Zeit ernstlich auf Eifer in der Frömmigkeit dringt und beide Theile der heiligen Weisheit treibt, den hält man für einen Rosenkreuzer oder Weigelianer und brandmarket ihn mit dem Schandflecken der Ketzerei u. s. w. Was endlich die Meditatio, das Studium, betrifft, so sind Ger- *) Sie findet sich in der bereits citirten Biographie Fischers. S. 23. 24. **) Man findet ausgerechnet, daß auf jeden Tag seines schriftstellerischen Lebens fünf Bogen kommen, die er für den Druck geschrieben, meist in lateinischer Sprache. Johann Major schreibt: „Keines hat er zweimal, um- oder abgeschrieben, noch schreiben lassen, sondern, so geschwind die Cogitata und der Kopf, so geschwind war die Faust; kein Brunnen quillet so reichlich, als es bei ihm floß, wenn er die Feder ansetzte." (Conc. funebr.) Der gelehrte Michael Walther bekennt: „Ich würde wahrhaftig unter der Last unterliegen, wenn ich auch nur den hundertsten Theil seiner Ausarbeitungen auf mich nehmen wollte. Ich schreibe dieses Wunder dem besonderen Beistand des heil. Geistes zu." Selbst Römische und Reformirte haben Gerhards Arbeiten ausnehmend hoch gehalten. Voß bekennt, er habe nicht umhin gekonnt, alle Schriften Gerhards von Wort zu Wort durchzulesen. Freilich hat sich unter diesen Herren auch der Neid geregt. Man war ärgerlich, daß die lutherische Kirche einen solchen Gelehrten aufzuweisen habe. Als der berühmte französische reformirte Theolog Claude de Saumaise (Salmasius) in Leyden mit Gerhards Sohn zusammentraf, redete er denselben mit den unwahren, seinen Neid verrathenden Worten an: „Bist du der Sohn jenes Gerhards, der mehr geschrieben, als gelesen hat?" Jöcher berichtet in seinem Gelehrten-Lexicon: „Gerhard ließ noch bei 30 Volumina in Manuscript, welche in der Fürstlichen Bibliothek zu Gotha liegen. Er hatte auch einen so starken Briefwechsel, daß er über 10,000 Briefe geschrieben."