# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_October 1855_S295 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Lutherisch-theologische Pfarrers-Bibliothek. 295 von der Sonne die Rede sein kann, so bei jener nur von Johann Gerhards Locis theologicis. Der ganze Titel dieses großen dogmatischen Werkes ist: „Locorum theologicorum cum pro adstruenda veritate, tum pro destruenda quorumvis contradicentium falsitate per theses nervose, solide et copiose explicatorum Tomi novem." Johann Gerhard, geboren zu Quedlinburg in Sachsen den 17. Oktober 1582, gestorben zu Jena den 17. August 1637, ist ohne Zweifel der dritte unter den größten Theologen unserer Kirche [wie selbst Bossuet bemerkt hat *)], an deren Seite auf gleicher Linie dann kein vierter gestellt werden kann. Gelehrsamkeit und Gottseligkeit finden sich in ihm so vereinigt, daß man nicht sagen kann, welche von diesen beiden Eigenschaften in ihm in größerem Maaße vorhanden gewesen sei. Er war eben ein Theologus, ein Gottes-Gelehrter im wahren Sinne des Wortes, dem die Theologie nicht wie sonst eine Wissenschaft, sondern als ein Habitus supernaturalis inwohnte. Oratio, meditatio und tentatio, was nach Luther allein zu einem Theologen macht, waren die drei Schulen, in deren jeder Gerhard von Jugend auf gelernt hat und in denen er bis an seinen letzten Athemzug ein eifriger Schüler geblieben ist. Was zuerst die Tentatio, die Anfechtung, betrifft, so führte Gott unseren Gerhard schon im 15. Jahre seines Alters in diese vor allen nöthige Theologen-Schule tief hinein. Er hat über den sechsten Psalm die Ueberschrift gemacht: „Geistliche Anfechtung vom Zorne Gottes wegen der Sünden," und laut einer vorhandenen Handschrift die Randbemerkung hinzugesetzt: „Ich habe einmal eine solche Anfechtung erfahren, aber mein Gott hat mich aus dem tiefen Abgrunde jener Anfechtung befreit; ach, HErr, ich bin dein ewiger Schuldner!" In seinem Tagebuche berichtet er selbst von dieser Anfechtung: „Im 15. Jahr meines Alters gerieth ich in schwere Anfechtung und große Krankheit, als Schwindsucht, Wassersucht; redete ein ganzes Jahr mit Menschen mehr nicht, als ja und nein; schlief wenig, aß wenig, weinete immerdar, betete Nacht und Tag ohne Unterlaß; nach Ausgang des Jahres wurde ich durch Gottes Gnade erlöst. Unter meinen geheimen Sachen wird man noch finden ein geschrieben Betbüchlein, welches ich dazumal gemacht und mit Thränen wohl genetzt." S. Vita J. Gerhardi aut. E. R. Fischero. p. 13. Als der Knabe Gerhard in diesem göttlichen Schmelztiegel lag, werden sich wohl wenige darein zu schicken gewußt und nicht geahnt haben, daß eben damals Gott der HErr in dem heißen Feuer hoher geistlicher Anfechtung ein auserwähltes Rüstzeug sich zurichte, wie einst auch Luther in solchem Hochofen der furchtbarsten langwierigen Seelenängsten und Schrecken vor Gottes Zorn zu dem von Gott bereitet wurde, was er hernachmals wurde. Johann Arndt, der in jener Zeit Pastor in Quedlinburg war, war das Werkzeug, durch welches Gott unserem Gerhard nicht nur Trost zusprach und ihn endlich wieder aufrichtete, sondern durch welches *) Er nennt Johann Gerhard le troisieme homme de la Reforme apres Luther et Chemnice in seiner bekannten Histoire de variations des eglises protestantes. Tom. 2, P. 455.