# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juli 1855_S213 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Prof. Dr. Hengstenbergs Urtheil über den Stand der Union. 213 Wegen einhergeht und mit der Subjectivität gegen die Objectivität andringt, und der nur Verbitterung anrichten kann. Wenn wir anders Dr. Jul. Müller als den Repräsentanten der Freunde der absorptiven Union betrachten dürfen, so läßt sich bei ihnen ein wesentlicher Fortschritt wahrnehmen. Noch auf der Generalsynode war ihnen die Union das Vehikel, um die moderne vermittelnde Theologie an die Stelle des kirchlichen Bekenntnisses einzuführen. Dr. Müller gesteht es jetzt offen zu, daß das Verfahren der Generalsynode bei Aufstellung des Consensus kein rein urkundliches war, vielmehr eine Verschmelzung des alten kirchlichen Bekenntnisses und der modernen Theologie.*) Jetzt dagegen werden der Union weit engere Gränzen gezogen. „Die Union — sagt Dr. Müller — ist nichts Anderes und kann nichts Anderes sein als die Vereinigung dieser geschichtlich bestimmten lutherischen und dieser ebenso bestimmten reformirten Kirche zu Einer Kirchengemeinschaft.“ Wir freuen uns dieses Fortschrittes, aber wir meinen, daß die Begeisterung für die Union eigentlich jener früheren Fassung derselben galt und auf die jetzige nur übergetragen worden ist. Wir finden es sehr natürlich, daß jetzt gar Manche „sich gleichgültig von der Union abwenden, als einem im Grunde kleinlichen Unternehmen, das den großen Anforderungen der Gegenwart nicht gewachsen sei.“ Für ein bloßes Minus — und das ist die absorptive Union in ihrer neuesten Gestalt — kann sich Niemand vernünftiger Weise lebhaft begeistern. Nur solcher Thaten kann sich die Kirche wahrhaft in Gott rühmen, die aus dem positiven Glauben hervorgehen, für die das Wort gilt: „du hast mit Gott gekämpft und obgesiegt.“ Die Freude über die kirchliche Vereinigung mit den wenigen Reformirten in den östlichen Provinzen, mit denen man auch ohne die Union in gutem Frieden leben würde, kann dem Schmerze über die Trennung von den 48,000 separirten Lutheranern und das gespannte Verhältniß zu den Lutherischen Kirchen der Nachbarländer nicht das Gegengewicht halten, noch weniger dem Schmerze über die durch das Andringen der absorptiven Union herbeigeführten Wirren, Entfremdungen, Entrüstungen und die Aufreibung edler Kräfte in dem reizlosen Kampfe. Wir sind zudem überzeugt, daß die jetzt gezogene Gränze an sich eine unhaltbare ist, daß sie nur momentan durch die Gunst der Umstände, durch das Wohlwollen und den Rechtssinn des gegenwärtigen Regimentes behauptet werden kann. „Es mag leicht eine Zeit kommen — sagt Dr. Müller — wo die Union noch viel mehr Noth haben wird sich ihrer Freunde zu erwehren, als jetzt ihrer Feinde.“ Wenn diese Zeit eintreten wird, dann werden die destructiven Freunde der Union Sturm laufen durch die Bresche, welche die relativ conservativen bereitet haben. Die Willkühr, mit der man die Lehrunterschiede indifferenzirt hat, welche die Confessionen von einander trennen, wird einer weiter gehenden Willkühr, die von ihr nicht im Wesen, sondern nur dem Grade nach verschieden ist, zum Deckmantel dienen. Wenn diese *) Schrift: Die Evang. Union. S. 138 ff.