# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juni 1855_S190 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 190 Verhältniß der Predigt zum Wort ꝛc. Zum Bewußtsein, zum Leben der Gegenwart muß die Predigt machen was einst geschehen zu ihrem Heil. Keine Auslegung ohne Anwendung, keine Anwendung ohne Auslegung. Wenn die Predigt erbauen will durch das Zeugniß vom Worte, muß sie eben einen durch das Wort gelegten Grund in der Gemeinde voraussetzen. Die Gemeinde ist dadurch Gemeinde, daß sie ein Bewußtsein hat von der Heilssumme des Wortes Gottes d. h. ein Bekenntniß. Nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche beruft die Gemeinde, sie mag es thun in welcher Form sie will, den Geistlichen unter der Bedingung, daß er das Wort Gottes dem Bekenntniß der Gemeinde gemäß auslege.*) Kein Prediger in der Landeskirche Sachsens, der nicht mit einem schweren Eide gelobet hat, dem Bekenntnisse gemäß zu predigen. Bekenntnißmäßig muß ein evangelischer Geistlicher predigen — muß er predigen, sagen wir. Denn daß Eide geleistet werden, um gehalten zu werden, wird hoffentlich Niemand bestreiten wollen. Jeder Geistliche, welcher noch an einen Richter der Lebendigen und der Todten glaubt, muß der Frage entgegensehen: hast du so gepredigt, wie du geschworen hast predigen zu wollen. Alsdann wird er sich nicht berufen können auf die Menge von Geistlichen, die diesen Eid für nichts geachtet haben; nicht auf die rationalistischen Professoren, die ihm gesagt haben, das alte Testament sei der Kodex der hebräischen Literatur und das neue enthalte die Ansichten der ersten Christen, das Bekenntniß sei eine dogmenhistorische Antiquität und das Wesen des Protestantismus sei der religiöse Fortschritt; nicht auf die rationalistischen Glieder der Kirchenbehörden, die auf ihre Auktorität pochten, während sie alle Auktoritäten der Kirche für nichts achteten; nicht auf die Interpellationen und Auslassungen liberaler Kammern. Vielleicht darf man bei so Manchem, der Ende des vorigen und in den ersten Decennien dieses Jahrhunderts mit dem rationalistischen Strom schwamm, ein milderndes Wort wagen von Zeiten der Unwissenheit. Diese sind jetzt vorüber. Das Wort wird jetzt von den Dächern gepredigt: wer es nicht hören will, der muß mit Absicht ausbeugen. Das Salz des Rationalismus ist in der Wissenschaft dumm geworden: der guten Sache leiht auch die Wissenschaft ihre Flügel.**) Fast allenthalben erblickt man jetzt auf den Spitzen der lutherischen Landeskirchen das Kreuz Jesu Christi. Was insonderheit unser Hohes Kirchenregiment will, darüber haben die Erlasse des vorigen Jahres, betreffend die Abschaffung rationalistischer Predigtbücher und *) Möchte nur auch dieser jetzt in Deutschland vielfach anerkannte Grundsatz auch gleich oft befolgt werden! Aber wie oft liest man in den deutschen Blättern die herrlichsten Bekenntnisse selbst von Denen zu den Symbolen, die doch, wenn es sich um gewisse gangbar gewordene neue Lehren und Anschauungen handelt, dieselben unbedenklich ignoriren oder offen fallen lassen! L. u. W. **) Möchte nur nicht auch gar oft die Wissenschaft mit der „guten Sache“ auf und davon fliegen! L. u. W.