# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juni 1855_S189 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 189 Verhältniß der Predigt zum Wort und zum kirchlichen Bekenntniß. Auf die voranstehenden Winke älterer Theologen in Betreff der Predigt lassen wir nun ein gutes Wort des Herrn Professor Dr. Kahnis folgen, welches derselbe im Vorworte zu dem dießjährigen Jahrgang des von ihm redigirten „Sächsischen Kirchen- und Schulblattes,“ gleichfalls die Predigt betreffend, ausgesprochen hat. Wir machen hierbei insonderheit auf das aufmerksam, was dieser Theolog unsrer Zeit über das Verhältniß der Predigt zum Symbole sagt. Seine Worte sind folgende: Etwas Anderes aber soll nach ihrer Entstehung wie nach ihrer Stellung im Kultus die Predigt nicht sein, als Auslegung und Anwendung des Wortes Gottes. Nicht eine wissenschaftliche Exegese soll die Predigt sein, aber auf gründlichen exegetischen Studien ruhen; nicht eine Bibelstunde soll die Predigt sein, aber allezeit in das Verständniß des Textes den Hörer einführen. Es wäre viel besser, wenn die Prediger es dahin brächten, daß die Hörer nach der Predigt zur Schrift gingen, um auf Grund des Gehörten unter Gebet und betendem Nachdenken sich tiefer einzuleben in die Schrift, als daß sie Predigten gedruckt forderten, um sich nicht ohne Kennergefühl an der Gedankenwelt und Diktion eines gefeierten s.g. Canzelredners zu erfreuen. Die Bedeutung, welche in neuerer Zeit die Homilie oder doch homilienartige Predigt gewonnen hat, ist ein Zeichen, daß die Gemeinden wieder anfangen in der Kirche nicht Gedanken, die man bei dem Worte haben kann, sondern das Wort selbst zu suchen. Die Homilie ist die leichteste und die schwerste Predigt. Es ist unendlich leicht, ohne Disposition und Elokution an der Schnur des Textes exegetische, praktische und andere Gedanken aufzureihen, wie sie eben kommen. Diese Homilien sammeln aber nicht, sondern zerstreuen. Den Text aber auszulegen wie ein Gastmahl, ohne den exegetischen Küchenapparat sehen zu lassen, einzuführen in die Höhe, Breite und Tiefe jedes Einzelwortes und doch einen Gesammtgedanken, einen Gesammteindruck zu erzielen, mit den Erfahrungen des Lebens in den Text zu gehen und aus dem Texte wieder herauszufördern, was zur Lehre, zur Strafe, zur Züchtigung und zur Unterweisung in der Gerechtigkeit dient: dazu gehören nicht geringe Kräfte. Wo die Anwendung auf das Leben fehlt, ist die Homilie nicht was sie sein soll. Der Exeget strebt das objektive Verständniß der Schrift an; der Prediger aber will auf Grund der Schrift die Gemeinde erbauen. Sobald der Prediger in das was Wissenschaft, Erfahrung und christliches Bewußtsein ihm bieten nur greift, um daraus Tinten zu nehmen, mit welchen er den Text ausmalt, wie es bei alten und neuen Vertretern der Homilie nicht selten ist, verliert er sich in den Exegeten. Nicht Leben in das Wort, sondern das Wort in das Leben zu tragen, ist die Aufgabe der Predigt. Erbauen heißt eben, an dem Glauben und Leben der Gemeinde, welches auf dem Grunde der Apostel und Propheten erbaut ist, fortbauen durch das Zeugniß vom Worte der Apostel und Propheten.