# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juni 1855_S171 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Wie werden wahrhaft lutherische Gemeinden gegründet ꝛc. 171 Tugenden und guten Werken, die eben um Christi willen geschehen, gegen allerlei Mitchristen und Mitsünder, sonderlich in der brüderlichen und allgemeinen Liebe lebendig erweiset; denn leider giebt es auch heut zu Tage, da das gute lutherische Bekenntniß gleichsam wieder zu Ehren und Würden gekommen ist, nicht wenige Afterlutheraner, die das Aushängeschild desselben über ein ungebrochenes hoffärtiges Herz herüber ziehen und als ausnehmende Bekenner gelten wollen, indeß sie doch theils durch ihre Flauigkeit in guten Werken, theils durch ihren Hochmuth und Zanksucht und faules Geschwätz ꝛc. das Bekenntniß thatsächlich verleugnen. Und ähnlicher Weise ist der lutherischen Lehre von den guten Werken jener Pietismus durchaus nicht gemäß, den man heut zu Tage gerade in den confessionalistischen Lutheranern nicht selten vorfindet und der nichts weniger als eine gesunde, evangelische praktische Gottseligkeit und eine Frucht des rechtfertigenden Glaubens und des im Herzen lebenden Bekenntnisses ist. Vielmehr ist es mit diesen Leutlein also bewandt, die gegenüber der staatskirchlichen Union die rechten lutherischen Helden, ja Märtyrer zu sein wähnen, daß wie ihr Confessionismus, so auch ihr Pietismus nichts denn purlautere Werkerei ist — Summa, daß sie bei allem Festhalten dieser und jener lutherischen Formen und Formale in Bekenntniß, Gottesdienst und Wandel den lutherischen, d. i. evangelischen Geist entweder niemals besessen, oder wieder verloren haben, d. i. entweder niemals gründlich arme Sünder in Adam und Gerechte in Christo gewesen, oder doch jetzt in Abfall davon begriffen sind. — Wie aber die lutherische Predigtweise die Lehre von den guten Werken nur im Zusammenhange mit der vom rechtfertigenden Glauben handelt, so thut sie gleichfalls mit der vom christlichen Kreuz, das wohl schwerlich irgendwo tröstlicher, erbaulicher, reichhaltiger und in die mannigfaltigsten äußeren Umstände und Verhältnisse, so wie innere Seelenzustände und Gemüthslagen eingehender gehandelt wird, als von der lutherischen Predigt und Lehre, wie dieses auch die vielen in Schrift verfaßten Kreuz= und Trostpredigten, Betrachtungen und Lieder klärlich beweisen; hier ergießt sich reichlich der lutherische d. i. evangelische Geist in breiten und tiefen Strömen, zu heilsamer Labung und Befruchtung aller Seelen, die von der Hitze der äußeren Trübsal oder innerlichen Anfechtungen beginnen, ausgedörrt zu werden und wie gejagte Hirsche nach frischem Wasser zu lechzen. Da ist es nun der lutherischen Predigtweise besonders eigenthümlich, die reichen Trostquellen des göttlichen Wortes gleich als durch Kanäle, den durstigen und schmachtenden Seelen zuzuleiten, um ihren Glauben und Hoffnung dadurch kräftig anzufrischen und zu erquicken und ihnen nachzuweisen, wie es Gnade und Ehre sei, mit Christo eine kleine Zeit zu dulden und zu sterben, um dereinst ewiglich mit ihm zu leben und zu herrschen, und wie alle Leiden dieser Zeit nicht werth seien der Herrlichkeit, die auch an ihnen solle geoffenbaret werden, so sie anders unter dem Kreuze des Leibes oder der Seelen, des Hauses oder des Amtes weder weich noch hart würden, sondern den guten Kampf