# Der Lutheraner_Frankfurt am Main_Januar 1950_S2 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Seite 2 Januar 1950 Nummer 1 * wohl äußerlich nur „eine kleine Kraft", und doch hat Gott auch unseren Kirchen für das vor uns liegende Jahr große und wichtige Aufgaben gestellt. Besteht nun unsere Aufgabe darin, daß wir uns jetzt nicht mehr soviel mit Fragen der christlichen Lehre und des Bekenntnisses beschäftigen, sondern daß wir uns mehr mit der „christlichen Lösung" der drängenden politischen und sozialen Fragen der Gegenwart befassen? Das ist die ungestüme Forderung vieler Kirchenblätter, der Reden maßgeblicher Führer der großen Kirchen und der immer zahlreicheren kirchlichen Kongresse. Wir können dem nicht folgen, ja wir lehnen solche Parolen und Zielsetzungen als Aufgaben der Kirche ab. Es könnte uns mit Recht so gehen, wie den Teilnehmern des Bochumer Katholikentages, die politische Entschlüsse über das Mitbestimmungsrecht der Arbeitnehmer faßten und sich von höchster Stelle der Regierung (Vizekanzler Blücher in Essen) sagen lassen mußten, daß diese Forderungen undurchführbar seien, und daß es eine Geringschätzung des deutschen Arbeiters sei, wenn man ihn mit leeren Begriffen vertrösten wolle. Solche Vorschläge würden zweifellos zu einer Anarchie in den Betrieben führen. Die Kirchen haben kein Recht, in fremdes Amt zu greifen und in Dingen maßgeblich sein zu wollen, die nicht zu ihrer Aufgabe gehören. Gottes Wort sagt darüber, daß die Kirche Christi und die Gläubigen für die Obrigkeit beten (1. Tim. 2, 2) und der Stadt Bestes suchen sollen (Jerem. 29, 7). Sie sollen als Glieder ihres Volkes durch Beteiligung an den Wahlen, und wenn sie in besondere Ämter berufen werden, treu und gewissenhaft ihrem Lande dienen und in herzlicher und uneigennütziger Liebe gegen ihren Nächsten, sei es als Unternehmer oder Arbeiter, als Beamte oder Angestellte, jeder in seinem Stand ihre Pflicht erfüllen. Die Kirche soll sich nicht in die Verantwortung der Obrigkeit drängen, sie soll aber frei und öffentlich verkündigen, was Gott in seinem heiligen und unverbrüchlichen Gesetz als Grundlage seiner Schöpfungsordnung und unserer Lebensordnung ein für allemal bestimmt hat. Demgegenüber gedenken unsere Freikirchen mit Gottes Hilfe nach den klaren Grundsätzen der Schrift zu handeln. Vor allem wollen wir Gott fleißig bitten, daß er die Herzen der Staatsmänner mit Weisheit und Gottesfurcht erfülle. Daneben wollen wir besonders auch der großen leiblichen Not unseres Volkes gedenken. In vielen unserer Gemeinden hat eine besondere Hilfsaktion für die notleidenden Glaubensgenossen in der Ostzone eingesetzt. Wir alle wollen durch Absendung von Paketen oder durch Geldspenden mithelfen. Unsere Christen in Westdeutschland, die selbst viel Hilfe erfahren haben, sollten auch gedenken an das Wort des Herrn Jesu: „Geben ist seliger denn nehmen." Apost. 20, 35. Wenn wir uns nun unseren besonderen kirchlichen Aufgaben zuwenden, so ist hier das Einigungswerk innerhalb der lutherischen Freikirchen * Deutschlands, über dessen letzten Erfolg an anderer Stelle unseres Blattes näher berichtet worden ist, von großer Bedeutung. Es hat sich eine weitgehende Zusammenarbeit in wichtigen kirchlichen Werken innerhalb der Freikirchen angebahnt, so auf dem Gebiet der Ausbildung der Diener am Wort in der neugegründeten Lutherischen Theologischen Hochschule in Oberursel und dem Proseminar in Groß-Osingen. Ebenso ist eine enge Verbindung in der Jugendarbeit (Jugendburg Tannenberg), dem allgemeinen Hilfswerk zur Unterstützung notleidender Glaubensgenossen, in dem Kirchenblatt „Der Lutheraner", dem „Kollegium für lutherisches Schrifttum", in der Schaffung eines neuen Gesangbuches und dergl. zwischen den Kirchen aufgenommen worden. Diese gemeinsamen Werke bedürfen der treuen Fürbitte und der tatkräftigen Unterstützung unserer Christen und müssen immer mehr ausgebaut werden, damit sie der Sache der lutherischen Kirche recht dienen können. Alle kirchlichen Werke dienen ja nur einem Endzweck: das seligmachende Evangelium auszubreiten und der verlorenen Welt zu verkündigen. So erfordert das nächste Jahr von uns eine verstärkte Missionsarbeit. Die geistliche Not ist riesengroß. Die Verbitterung und Enttäuschung hat die Herzen hart gemacht. Die anfänglich nach dem Krieg erhoffte Erweckungsbewegung ist wieder abgeebbt, nachdem der erste Schreck des Zusammenbruches überwunden war. Zahllose lutherische Flüchtlinge aus dem Osten haben noch keine rechte kirchliche Heimat gefunden. Sie suchen freie lutherische Gemeinden, die wirkliche Gemeinden sind, wie sie es in ihrer östlichen Heimat gewohnt waren. In der eigentlichen Großstadtmission haben unsere Freikirchen erst sehr schüchterne Versuche gemacht. Unsere Brüder im Ausland sind uns da weit voraus. So möge uns Gott im neuen Jahre mit heiligem Eifer für die Rettung und Stärkung dieser Seelen, mit großer Liebe für die Sammlung und den Aufbau unserer Gemeinden erfüllen. Er schenke uns Pfarrer, Kirchenvorsteher, Männer- und Frauenvereine, Jugendgruppen, die nicht nur daran denken, wie sie selbst ihres Glaubens leben, sondern die hinausgehen, um die Einsamen und Suchenden, die Angefochtenen und Glaubenslosen zu rufen und sie zu nötigen, daß sie hereinkommen, „auf daß mein Haus voll werde" (Luk. 14, 23). Rechte Missionskirchen aber werden wir dann werden, wenn wir uns selbst unseres Glaubens, Bekenntnisses und unserer kirchlichen Stellung voll bewußt sind. Nichts hindert mehr die Kraft und den Erfolg kirchlicher Arbeit als die Unsicherheit in der klaren, schriftgemäßen Stellung in Lehre und kirchlichem Leben. Man hat die Freikirchen zuweilen engherzige Winkelkirchen gescholten. Es ist wahr: die unbedingte Treue zu dem Bekenntnis der Väter und die Abweisung der kirchlichen Gemeinschaft ohne die völlige Übereinstimmung in der reinen Lehre hat uns teilweise einsam gemacht. Wir freuen * uns darum, daß wir in den beiden vergangenen Jahren an der Begegnung amerikanischer und deutscher Theologen und den tief eindringenden theologischen Besprechungen teilnehmen konnten, und es ist unser herzlicher Wunsch, daß sie fortgesetzt werden möchten. Es ist bei vielen ein neues Suchen und Forschen in Gottes Wort, den Schriften Luthers und den Zeugnissen der lutherischen Kirche zu bemerken. Wie nötig da eingehende Aussprachen sind, zeigt z. B. Nr. 18 der „Evang.-Lutherischen Kirchenzeitung", wo bekannte lutherische Theologen über „Christozentrische Schriftkritik" und „Offenbarung und Schrift" schreiben und sich mit großem Ernst um das rechte Verständnis der Bibel als des Wortes Gottes bemühen, dabei aber zu dem Resultat kommen, daß die alte lutherische Lehre von der Inspiration der Schrift (der recht verstandenen Voll- oder Verbalinspiration) heute nicht mehr festgehalten werden könne, und daß die Bibel tatsächlich Widersprüche und Irrtümer enthalte. Eine solche Stellung widerspricht dem klaren Zeugnis Christi und der Apostel wie dem Bekenntnis unserer Kirche. Eine kirchliche Vereinigung ohne die Einmütigkeit im Bekenntnis auch in diesen Fragen wäre ein Schaden für die Kirche und eine Union, die keinen Segen bringen kann. Die lutherischen Freikirchen sind der festen Überzeugung, daß sie dem Luthertum in Deutschland dadurch am besten dienen, daß sie der Versuchung der Stunde, eine Einigung ohne Einigkeit zu erstreben, widerstehen; sie sind aber von Herzen bereit, in der Furcht des Herrn und in brüderlicher Gesinnung mit anderen um den rechten Verstand des Wortes Gottes und die Wahrheit zu ringen. Gott segne alle Bestrebungen und Bemühungen, die auf dieses Ziel gerichtet sind, und schenke unseren lutherischen Freikirchen, die nun in Glaubens- und Kirchengemeinschaft miteinander kämpfen und arbeiten wollen, für das neue Jahr viel Kraft und Gnade und seinen heiligen Geist! Die Schriftleitung Die Kirche, die Wahrerin der reinen Lehre in Gesetz und Evangelium. Ein Ölbaum kann in die zweihundert Jahre stehen, währen und Früchte tragen, und ist ein schön Bildnis der Kirche. Denn Öl bedeutet die Leiblichkeit und Freundlichkeit des Evangelii; Wein die Lehre des Gesetzes. Es ist aber eine solche natürliche Einigkeit und Verwandtnis zwischen dem Weinstock und Ölbaum, daß wenn der Weinstock auf einen Ölbaum gepropft und gesetzt wird, so trägt er beides, Weinbeere und Öl. Also die Kirche, dem Volk eingepflanzt, klinget und lehret das Evangelium, und braucht beider Lehre und bringt von beiden Frucht. Luther. Die beiden Sprüche auf der ersten Seite zeichnete Elisabeth Reuter. Wir bringen sie mit Genehmigung des Verlages Johannes Herrmann, Zwickau/Sa., aus dem „Biblischen ABC", 24 Bibelsprüche für die Jugend mit Zeichnungen von Elisabeth Reuter, geheftet DM —,75 und aus der Serie 1 der „Luther-Postkarten" von Elisabeth Reuter (8 Postkarten mit Lutherworten DM —,70). Beides zu beziehen durch den Lutheraner-Verlag, Frankfurt am Main.