# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Mai 1855_S157 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Excerpte als Beiträge zur pastoralen Casuistik. 157 mens Ehre und die theuer erlösten Seelen, sammt dem ganzen Verdienste seines Sohnes, solchermaßen, daß er an seinem jüngsten Gericht gar genaue Rechenschaft von einem jeden darüber haben will: so hat man daraus abzunehmen, daß kein schwereres Amt, daß keine schwerere Bürde in irgend einem Beruf und Stande zwischen Himmel und Erde sei, als der Prediger Amt, und ihre Bürde, die sie deshalb tragen. Derhalben wenn von eines Predigers Fleiß über die ihm anvertrauten Seelen gehandelt wird, so kann man insgemein nicht anders sagen, als daß ein Prediger nimmermehr fleißig genug sein kann, und wenn er auch sein Aeußerstes und Allerbestes thut, dennoch nur dasselbe zu dieser Zeit Stückwerk heißen muß. 1. Cor. 13. Belangend derowegen die Frage insonderheit: ob ein Prediger schuldig sei, seine trägen Pfarr- und Beichtkinder, wenn sie sich vom heil. Abendmahl enthalten und unbußfertig in ihren Sünden dahin leben, einen jeden einzeln und insonderheit zu vermahnen, oder ob es an dem, was auf der Kanzel geschieht, genug sei? so kann die Erklärung derselben aus dieser allgemeinen Regel leicht genommen werden. Denn wenn ein Prediger seines hohen, schweren Amtes, dann auch der köstlichen Schätze und insonderheit der theuer erkauften Seelen halben, die ihm vertraut sind, nimmermehr, wie gesagt, fleißig genug sein kann, so mag hierauf nicht anders als mit Ja geantwortet werden, daß ein Prediger freilich schuldig ist, seine trägen Pfarr- und Beichtkinder, wenn sie sich, als vorgedacht, in ihren Sünden aufhalten, privatim einen jeden, der ihm bekannt und wissend ist, besonders zu vermahnen, und es nicht an dem, was auf der Kanzel geschieht, bewenden zu lassen. Denn weil ein Prediger an Gottes Statt sein Amt führet und Gott den Herrn in demselben repräsentirt, so muß er sich auch ihm und seinem geoffenbarten göttlichen Willen nicht zuwider, sondern vielmehr gemäß und ähnlich erzeigen. Nun ist unleugbar wahr aus ganzer heil. Schrift, daß Gott nicht allein von Herzen gerne wolle, daß alle Menschen insgemein, sondern ein jeder insonderheit möge selig, und also niemand verloren werden. 1. Tim. 2. 2. Pet. 3; läßt auch deswegen nichts an ihm mangeln. Darum muß ein Prediger, durch welchen Gott an seiner Statt mit dem Menschen handelt, sich eben befleißigen, daß er nicht allein von Herzen gerne wolle, daß alle Menschen insgemein, sondern auch ein jeder insonderheit möchte selig und niemand verloren werden, derowegen nichts an sich mangeln lassen, sondern nach dem äußersten Vermögen einem jeden einzelnen Pfarr- und Beichtkinde so getreu zu seiner Seelen Heil und Wohlfahrt sein, als er weiß, daß ihm Gott dazu getreu ist, und vornämlich durch dasjenige, was ihm Gott zu solchem Ende anzuwenden mitgetheilt und in die Hände gegeben hat, solche Treue in der That beweisen. Ohne das hat es Gott den Predigern insonderheit auferlegt und befohlen, und zwar mit großem Ernste, wenn er spricht, Ezech. 33. daß sein Wächter, welchem er seine Gemeinde vertrauet hat, dem Gottlosen, d. i., einem jeden großen Sünder insonderheit seine Sünde anzeigen und ihn zur Buße ver-