# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_April 1855_S97 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Lehre und Wehre. Jahrgang I. April 1855. No. 4. Lutherische Antithesen. Im vorigen Jahre erschien bei Schwetschke und Sohn in Braunschweig ein Schriftchen von 53 Seiten in 8. unter dem Titel: „Unlutherische Thesen. Deutlich für Jedermann." Verfasser ist der Königlich Preußische unirt-evangelische Superintendent zu Schkeuditz Dr. Rudolph Stier. Diese (212) Thesen, eigentlich antilutherische, doch auch mit vollem Rechte von ihrem Sammler „unlutherische" genannt, überbieten alles, was je von sogenannten „Gläubigen" aus der unirten Kirche für das Unionsbabel und gegen eine bekenntnißtreue Kirche geschrieben worden ist. Sie zeugen von der Verzweiflung, die in dergleichen Herren bei der Wahrnehmung entstanden ist, daß die unirte Kirche ihrem unvermeidlichen Schicksale, dem Untergang, rasch entgegen geht und daß die evangelisch lutherische Kirche, ihre Unzerstörbarkeit bewährend, unwiderstehlich sich wieder aus dem Staube erhebt. Die Thesen gehören offenbar zu den letzten desperaten Mitteln, die man jetzt anwendet, den kranken, sterbenden Mann wieder ins Leben zu rufen; sie sind ein wahrer „Friß Vogel oder stirb." Was die lutherische Kirche betrifft, so sind sie nach Dr. Rudelbach's richtigem Ausdruck ein wider dieselbe geschleuderter „Bannbrief." Denn so lautet unter andern die 173 Thesis: „Ich" (Rudolph Stier) „unire mich, ob es nur anginge, und sie nur irgend meinen Herrn Christum bekennen wollten, lieber mit allen redlich suchenden Rationalisten, denen euer Dogmenpopanz" (ihr Lutheraner) „bisher" (verstehe: „meinen," Rudolph Stier's) „Christum zu finden gewehrt hat, als mit euch, die durchaus Lust behalten, zu zanken in den Gemeinden Gottes." Niemand hat, so viel uns bewußt ist, diese Thesen, diese Schande der „gläubig christlichen" Literatur, nach Verdienst und Würden beleuchtet (wahrscheinlich, weil Stier als „gläubiger Gelehrter" der unirten Kirche einen nicht unbedeutenden Ruf hat*), als der Licentiat der Theologie, Herr Karl Ströbel. Dieser jedoch, ein treuer Sohn unserer Kirche, ein Mann, auf dem offenbar etwas von Luthers eigenthümlichem Geiste ruht, ein Mann von deutscher Biederkeit, Geradheit, Ehrlichkeit und Derbheit, in der Kraft des *) So daß denselben selbst Herr Pastor Grabau als Auktorität citirt. S. Inform. 3. Jahrg. No. 20. 7