# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1846 05 16_S74 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) fühle, bis er also eine deutliche empfindliche Versicherung davon erlangt habe und mit der süßesten Freude überströmt worden sei. Diese Bekehrungsmethode verwerfen wir als unschriftmäßig, denn sie greift erstlich die Lehre von der Rechtfertigung, die im Himmel geschieht, an der Wurzel an und führt zweitens zu einem trostlosen Christenthum. Denn erstlich geht das Empfinden und die süße Versicherung der Gnade nicht dem Glauben vorher, sondern folgt dem Glauben, ist die Rechtfertigung nicht selbst, sondern eine Frucht derselben (Röm. 5, 1. 2.), und sodann wird das Zeugniß des heil. Geistes nicht immer in gleichem Grade von den Gläubigen empfunden, ja es kommen Stunden der Anfechtung, wo es sich so in das Verborgene des Herzens zurückzieht, daß es ganz zu schweigen scheint, nur ein geheimes Seufzen nach Gnade übrig bleibt und fast nichts als das Verdammen des Herzens (1 Joh. 3, 20.) gespürt wird. Beispiele in Menge hierzu geben uns das Buch Hiob und die Psalmen, worin der wechselnde Seelenzustand begnadigter Kinder Gottes, wie dieselben nehmlich bald im süßesten Gefühl des Trostes, bald in Unempfindlichkeit stehen, mit dem Griffel des heil. Geistes selbst uns abgezeichnet ist. Daß das Zeugniß des heil. Geistes vorhanden sei, ist daher nicht allein nach unserem Gefühle, sondern vor allem nach unserem Glauben an das Wort der Gnade zu beurtheilen. Lehrt man daher auf das veränderliche Gefühl des eignen Herzens und nicht auf das unveränderliche Herz seines lieben Vaters in Christo, nehmlich nicht auf das bloße Wort des Evangeliums und seine sichtbaren Siegel, die heil. Sacramente, vertrauen, so schiebt man den Seelen einen falschen Glaubensgrund unter, macht die Frucht der Rechtfertigung zu ihrem Grund und stürzt diejenigen, die man so leitet, in die Gefahr, entweder ihre Empfindungen zu ihrem Heilande zu machen, oder den geforderten steten Gnadengenuß zu heucheln oder, wenn Gott sich im Herzen verbirgt, zu verzagen und zu verzweifeln. Ueber diesen wichtigen Gegenstand, der ein großes Licht über das ganze neuere Christenthum der Methodisten, auch mancher Afterlutheraner, Evangelischen und anderer Secten gibt, lassen wir daher einige schöne Zeugnisse erfahrener Männer zur ernstlichsten Beherzigung des christlichen Lesers folgen. In der Concordienformel heißt es: „Von der Gegenwärtigkeit, Wirkung und Gaben des heil. Geistes soll und kann man nicht allerwege ex sensu, wie und wenn mans im Herzen empfindet, urtheilen, sondern, weil es oft mit großer Schwachheit verdeckt wird und zugehet, sollen wir aus und nach der Verheißung gewiß sein, daß das gepredigte gehörte Wort Gottes sei ein Amt und Werk des heil. Geistes, dadurch er in unseren Herzen gewißlich kräftig ist und wirket.“ (S. Wiederholung. Art. 2. vom freien Willen.) Luther: „Gott vergibt die Schuld zweierlei Weise: heimlich und daß wir es nicht empfinden; gleichwie er vielen Menschen Schuld zurechnet und behält, die sie gar nicht empfinden oder achten. Zum Andern: öffentlich und daß wir es empfinden, gleichwie er Etlichen zurechnet Schuld, daß sie es empfinden, als durch Strafe und Schrecken des Gewissens. Die erste Vergebung ist allezeit vonnöthen; die andere ist zuweilen vonnöthen, daß der Mensch nicht verzage. . . . Die erste Vergebung ist uns bitter und schwer, aber sie ist die edelste und allerbeste; die andere ist leichter, aber desto geringer. Alle beide zeigt der HErr Christus an Maria Magdalena. Die erste, da er ihr den Rücken kehrt und doch zu Simon sprach: „„Ihr sind viele Sünden vergeben;““ da hatte sie noch nicht Friede; die andere, da er sich zu ihr wandte und sprach: „Dir sind deine Sünden erlassen; gehe hin in Frieden;““ da ward sie zufrieden. Also die erste macht rein, die andere macht Friede. Die erste wirkt und bringt, die andere ruhet und empfähet. Und ist gar ein unmäßlich Unterschied zwischen beiden. Die erste ist bloß im Glauben und verdient viel. Die andere ist im Fühlen und nimmt ein den Lohn. Die erste wird gebraucht mit den hohen Menschen, die andere mit den Schwachen und Anhebenden.“ (Ueber Luc. 7, 47—50.) Scriver: „Hier möchte aber ein betrübtes Herz sagen: Ach, ich empfinde solch Zeugniß des heil. Geistes nicht in mir, ich weiß von seinem innerlichen Zusprechen, von seinem Trost, Friede und Freude nichts; ich empfinde mehrentheils in meiner Seele lauter Schrecken und Angst, manchmal fällt mir in meinen Nöthen nicht ein einiger Spruch der Schrift ein, oder, wenn er mir schon einfällt und von Andern vorgehalten wird, so kann ich doch keine Kraft daraus haben, er geht nicht zu Herzen, ich bete mit schlechter Andacht und finde keine Süßigkeit darin u. s. w. Ich antworte: Man muß von dieser hochwichtigen und tröstlichen Sache nicht urtheilen nach unserem Fühlen und Empfinden, sondern nach dem Wort Gottes, welches mit deutlichen Sprüchen lehrt, daß die gläubigen Herzen Tempel des heil. Geistes sind, daß er in ihnen wohnet, daß er ihrem Geist Zeugniß gibt, daß er ihr Tröster und Beistand ist, der bei ihnen bleibt ewiglich. Es folget auch nicht: Ich fühle keinen Frieden, keine Freude in mir, darum ist der heil. Geist und das Reich Gottes nicht in mir; ich empfinde das Zeugniß des heil. Geistes und seinen Trost nicht, sondern das Brüllen und Trotzen des höllischen Mordgeistes, darum ist mein Herz solches Zeugnisses nicht fähig; ich kann es nicht glauben, daß ich Gottes Kind bin, darum bin ichs nicht. Dieses, sage ich, und dergleichen folget nicht; eben als wie nicht folget: Der Baum grünet und blühet nicht im Winter, darum hat er keinen Saft, sondern ist verdorret. — So lange ein wiewohl geringes und schwaches Seufzen nach Gott bei dem Menschen ist, so lange ist der Geist Gottes nicht von ihm gewichen; das Sehnen der Seele nach Gottes Gnade hat von dem heil. Geist seinen Ursprung.“ (Siehe: Seelenschatz, Th. II. Pr. 12.) Heinrich Müller: „Fühlest du die freudenreiche Bewegung des Geistes nicht, so laß dichs nicht verdrießen. Dies Empfindniß ist nicht eben nöthig zur Seligkeit. Christus spricht: Wer glaubt, soll selig werden. Marc. 16, 16. Nun aber gründet sich der Glaube nicht auf das Empfinden, sondern auf das Verheißen Gottes; ja dies ist die höchste Kraft des Glaubens, wenn er ohne und wider alles Empfinden sich dennoch fest an Gottes Verheißung hält, wie von Abraham geschrieben ist Röm. 4, 18., daß er ohne, ja wider Hoffnung gehoffet habe. Und eben darum entzeucht Gott oft seinen süßen Trost, daß er den Glauben probire, ob er auch an seinem Wort fest halte.“ (Himmlischer Liebesk. C. 13, § 59.) Albrecht Bengel: Das Dringen auf die Versicherung von der Rechtfertigung kann redliche Seelen erst irre und verzagt machen und unlautere Seelen in eine eigenmächtige Kakozelie (Nachäfferei) treiben. Kein größeres Dringen aber kann sein, als wenn man einer Seele die Rechtfertigung abspricht oder in Zweifel zieht, sofern sie deren Versicherung nicht mit vollem Munde darthun kann.“ (Abriß der Brüdergemeinde S. 478.) D. Burk: „Wir müssen Gott zuerst trauen lernen, hernach erfahren, zuerst die Speise in den Mund nehmen, hernach läßt es sich gut schmecken. Sonst kommt es hinter sich für sich heraus. Hintennach aber gibt Gott auch zu schmecken, und wir trauen nun um so viel mehr. Die Ursache aber, warum manchmal einige unlautere Seelen den wichtigen Schluß zu früh machen (daß sie Vergebung haben), ist eben diese: durch das strenge Treiben auf Versicherung geschieht es, daß man hernach, wenn man meint, man habe so etwas erhascht, begierig darauf hinfällt, es für einen Raub achtet und sich darin beruhigt.“ (S. Buch von der Rechtfertigung. § 13. 14.) „Es ist nicht einmal das Zeugniß (des heil. Geistes) beständig. Man zeugt eine Sache nicht immer nur so für die lange Weile, sondern alsdann, wenn sie in Zweifel kommt, wenn sie streitig gemacht wird.“ (Ib. § 30.) (Fortsetzung folgt.) (Eingesandt von Dr. Sibler.) Gibt es Alt- und Neu-Lutheraner? Man hört und liest jetzt so mancherlei von Alt- und Neu-Lutheranern, daß unkundige Hörer und Leser leicht auf den Gedanken kommen, als gebe es solche Leute. Wir werden aber alsbald sehen, daß sie nur als Trugbilder in den Köpfen solcher Leute spuken, die entweder nicht wissen, oder nicht wissen wollen, oder doch sich stellen, als wüßten sie nicht, was denn überhaupt ein Lutheraner sei? Darum wird es denn am gerathensten sein, um der Aufrichtigen unter den Unkundigen willen, zunächst darzuthun, was denn eigentlich Lutheraner oder lutherische Christen seien und sodann nachzuweisen, daß es in Wesen und Wahrheit weder Alt- noch Neu-Lutheraner gebe, noch jemals geben werde. Dazu gebe Gott seinen Segen! Amen. Lutheraner nun sind solche Christen, die nicht etwa auf Luthers Person sich gründen und steifen, wie etwa die Papisten auf St. Peters oder des Pabstes Person und allerlei Schwarm- und Rottengeister auf ihrer Winkelpäbste und Häuptlinge Namen und Personen, sondern die da stehen mit Luther auf demselben alten und im-