# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1846 05 02_S69 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Der Lutheraner. „Gottes Wort und Luthers Lehr' vergehet nun und nimmermehr.“ Herausgegeben von C. F. W. Walther. Jahrgang 2. St. Louis, Mo., den 2. Mai 1846. No. 18. Bedingungen: Der Lutheraner erscheint alle zwei Wochen einmal für den Subscriptionspreis von Einem Dollar für die auswärtigen Unterschreiber, welche davon die Hälfte vorauszubezahlen und das Postgeld zu tragen haben. — In St. Louis wird jede einzelne Nummer für 5 Cents verkauft. Von den Schleichern und Winkelpredigern.*) (Siehe: Luthers Auslegung des 82. Psalms.) 1. Die Winkelprediger schleichen unberufen und ungesandt hin und wieder in die Häuser und lassen ihr Gift aus, ehe es der Pfarrherr (oder Obrigkeit) erfahren. Das sind die Diebe und Mörder, davon Christus Joh. 10, 8. sagt, die in fremde Kirchspiele fallen, und in ein fremd Amt greifen, das ihnen nicht befohlen, sondern verboten ist. Ein Bürger ist schuldig, wo solcher Winkelschleicher einer zu ihm kommt, ehe denn er denselbigen höret oder lehren läßt, daß er es seiner Obrigkeit ansage, und auch dem Pfarrherrn, deß Pfarrkind er ist. Thut er das nicht, so soll er wissen, daß er, als ein Verräther seines Pfarrherrn (dem er Ehre schuldig ist) wider Gott handelt, dazu selbst schuldig ist und gleich auch mit dem Schleicher ein Dieb und Schalk wird, wie der 50. Psalm v. 16—20. sagt von solchen Winkellehrern: Gott sprach zu dem Gottlosen: Was verkündest du meine Rechte und nimmst meinen Bund in dein Maul? so du doch die Strafe hassest, und wirfst meine Worte hinter dich. Wenn du einen Dieb siehest, (das ist einen Seelendieb, Joh. 10, 8.), so läufst du mit ihm, und hast Theil mit den Ehebrechern (das ist mit den Abergläubigen und Ketzern), dein Maul lässest du Böses reden und deine Zunge treibet Falschheit; du sitzest und redest wider deinen Bruder, und verleumdest deiner Mutter Sohn. Hätte man den Münzer (das Haupt der Wiedertäufer), Carlstadt und ihre Gesellen nicht so lassen schleichen und kriechen in fremde Häuser und Kirchspiele, dahin sie niemand gesandt, auch keinen Befehl hatten, so wäre alle das große Unglück wohl verblieben. Daß aber die Apostel auch zuerst in fremde Häuser gingen und predigten, dazu hatten sie Befehl, und waren dazu verordnet, berufen und gesandt, daß sie an allen Orten sollten predigen, *) Wir machen unsere Leser auf dieses auch für unsere Zeit und besonders für unsere hiesigen kirchlichen Verhältnisse überaus wichtige Bedenken Luthers aufmerksam. Man sieht daraus, daß die schwärmerischen Secten noch heute dasselbe Wesen treiben, wie vor Jahrhunderten. Man vergleiche nur, was Luther hier von den Wiedertäufern seiner Zeit sagt, mit dem Treiben der Methodisten, mancher sogenannter evangelischer Prediger u. a. hier zu Lande. D. H. wie Christus sprach Marc. 16, 15.: „Gehet hin in alle Welt und prediget allen Creaturen.“ Aber darnach hat niemand mehr solchen gemeinen apostolischen Befehl, sondern ein jeglicher Bischof oder Pfarrherr hat sein bestimmt Kirchspiel oder Pfarre, welche St. Petrus I, 5, 3. auch darum Kleros heißt, d. i., Theil, daß einem jeglichen sein Theil Volkes befohlen ist, (wie St. Paulus Tito auch schreibet,) darin kein anderer oder fremder ohne sein Wissen und Willen sich unterstehen soll seine Pfarrkinder zu lehren, weder heimlich noch öffentlich, und soll ihm auch bei Leib und Seel niemand zuhören, sondern ansagen und melden seinem Pfarrherrn oder Obrigkeit. Und dieses soll man also feste halten: daß auch kein Prediger, wie fromm oder rechtschaffen er sei, in eines Papisten oder ketzerischen Pfarrherrn Volk zu predigen oder heimlich zu lehren sich unterstehen soll ohne desselbigen Pfarrers Wissen und Willen. Denn es ist ihm nicht befohlen. Was aber nicht befohlen ist, das soll man lassen anstehen. Wir haben genug zu thun, so wir das Befohlene ausrichten wollen. Es hilft sie auch nicht, daß sie vorgeben, alle Christen sind Priester. Es ist wahr, alle Christen sind Priester, aber sie sind nicht alle Pfarrer. Denn über das, daß er ein Christ und Priester ist, muß er auch ein Amt und befohlen Kirchspiel haben. Der Befehl und Beruf macht Pfarrherrn und Prediger. Gleichwie ein Bürger oder Laie mag wohl gelehrt sein, aber ist darum nicht Doctor, daß er in den Schulen öffentlich lesen möchte, oder sich solches Amts unterwinden, er werde dazu berufen. Das habe ich müssen von den Schleichern und Meuchelpredigern, deren jetzt über die Maaßen viel sind, anzeigen, zu warnen alle Pfarrherren und Obrigkeit, daß sie mit Fleiß darauf sehen, dazu ihr Volk vermahnen, und gebieten, sich vor solchen Läufern und Buben zu hüten und sie zu meiden, als des Teufels gewisse Boten. Es sei denn, daß sie gute Kundschaft und Zeugniß bringen ihres Berufs und Befehls von Gott, zu solchem Werke, in solch Kirchspiel. Sonst soll man sie nicht zulassen noch hören, wenn sie gleich das reine Evangelium wollten lehren, ja, wenn sie gleich Engel und eitel Gabriel vom Himmel wären. Denn Gott will nichts aus eigener Wahl und Andacht, sondern alles aus Befehl und Beruf gethan haben, sonderlich das Predigtamt, wie St. Petrus spricht, II, 1, 21: „Das sollet ihr wissen für das Erste, es ist noch nie keine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht, sondern die heiligen Menschen Gottes haben geredet, vom heiligen Geist getrieben.“ Darum wollte auch Christus die Teufel nicht lassen reden, da sie doch ihn Gottes Sohn ausriefen, und die Wahrheit sagten, Luc. 4, 34. 35., Marc. 1, 24. 25., denn er wollte solch Exempel, ohne Beruf zu predigen, nicht gestatten. So gedenke nun ein jeglicher: Will er predigen oder lehren, so beweise er den Beruf und Befehl, der ihn dazu treibet und zwinget, oder schweige still. Will er nicht, so befehle die Obrigkeit solchen Buben dem rechten Meister, der Meister Hans heißt; das ist alsdenn sein Recht, als der gewißlich einen Aufruhr oder noch Aergeres im Sinn hat unter dem Volk anzurichten. 2. (Siehe: Luther's Werke. Hall. XX, 2074 ffl. Brief von den Schleichern und Winkelpredigern. Anno 1531.) Ich habe vernommen, mein lieber Herr und Freund, wie bei und um Euch die Wiedertäufer auch gern heranschleichen und die Unsern mit ihrem Gift beschmeißen wollen. .. Erstlich sind sie damit wohl und leichtlich zu ergreifen, wenn man sie fragt um ihre Vocation (Beruf), wer sie habe heißen herschleichen oder kommen und im Winkel so predigen, so mögen sie keine Antwort geben, noch ihren Befehl anzeigen. Und ich sage fürwahr, wenn solche Schleicher sonst kein Unthätlein an sich hätten und eitel Heilige wären, so kann doch dies einige Stück, (daß sie ohne Befehl und ungefordert kommen geschlichen,) sie für Teufels-Boten und -Lehrer mit Gewalt überzeugen. Denn der heilige Geist schleicht nicht, sondern fleuget öffentlich vom Himmel herab. Die Schlangen schleichen, aber die Tauben fliegen; darum ist solch' Schleichen der rechte Gang des Teufels, das fehlet nimmermehr. Ich habe hören sagen, wie sich die Schleicher können finden zu den Arbeitern in der Erndte, und auf dem Felde unter der Arbeit predigen, also auch zu den Köhlern und einzelnen Leuten in den Wäldern, und allenthal— 23