# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1854 08 03_S194 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) gegrundeten hierarchiſchen Praris, entweder ſchon in einem ungerechten Bann lagen, oder doch deſ⸗ ſen gewärtig ſein mußten, und nun Hülfe, Troſt und Verſorgung bei uns ſuchten, da ſie bei den Kirchengerichten ihrer Synode kein Gehör fan⸗ den, die uns ſelber ſchon in Druckſchriften, alſo oͤffentlich, wie oben nachgewieſen, in den Bann gethan, Ketzer geſcholten und weder ſchriftlich noch mündlich mit uns verhandeln wollte. Des⸗ halb hoffen wir denn auch, daß die l. Brüder, nach obiger geſchichtlicher Orientirung es jetzt einſehen werden, wie ſie zu vorſchnell geurtheilt, als ſei durch unſere Handlungsweiſe gegen Hrn. P. Grabau ein Bann unter uns, indem ſie uns ſofort, ohne doch uns zuvor gehört zu haben, als dem Achan [Joſua 7.] ähnlich anſchauen, was wir mit kirchlich⸗lutheriſcher Vorſichtigkeit und Gerechtigkeit nicht recht zuſammenzureimen ver⸗ mögen und deſſen wir auch von andern Brudern, als z. B. den preußiſchen Lutheranern in Bres⸗ lau, nicht ſofort bezůchtigt worden ſind. Es nimmt uns auch ſonſt in der That Wun⸗ der, wie eine ganze, faſt nur aus Theologen be⸗ ſtehende Conferenz uns das Erempel des Achan mit Grund und Fug aufrücken dürfe, da wir zum Erſten doch nicht, wie Achan, wider einen klaren und erkannten Befehl Gottes, alſo wider beſſer Wiſſen und Gewiſſen geſündigt haben, und alſo deshalb ſicherlich Niemand, der mit uns in Gemeinſchaft tritt oder bleibt, ſich theilhaftig macht unſrer Sunden; zum Andern der Fall mit Achan auch in das ceremonialgeſetzliche Gebiet gehört, da Iſrael darin vor den andern Völkern ein heilig Volk ſein ſollte, daß es durch die Be⸗ ſchneidung und andere gottesdien ſtliche Geſetze und Ordnungen durch eine gewiſſe äußerliche Heiligkeit von den andern Völkern abgeſondert war. Im N. T. dagegen gilt ſolche Ordnung nicht mehr, da die Heiligung eines Chriſtenmen⸗ ſchen nur in dem Glauben und der Einwohnung des heil. Geiſtes beſteht. Hier würde einer durch Sünden wider das Gewiſſen, ſeien es geheime oder offenbare, den Glauben an Chriſtum u. den heil. Geiſt ausſtoßen; aber nur der macht ſich deſſen Sünde theilhaftig, der, ſo ſie offe nbar wä⸗ re, ſie wiſſentlich mit⸗ und nachmacht, oder ſie nicht ſtraft, und durch ſolches ſein Schweigen al⸗ lerdings ſchon in einem gewiſſen Sinne Gemein⸗ ſchaft hat mit den unfruchtbaren Werken der Finſterniß. Der andere iſt dieſer, daß die Ehrw. Conferenz zur Erlangung eines, ob Gott will, unparthei⸗ iſchen Standpunktes ſich möglichſt genau an den ganzen hiſtoriſchen Verlauf dieſer Streitſache halte, nicht aber wider uns und für Paſtor Grabau ſich durch den letzten Briefwechſel zwiſchen beiden Synoden im Juni 1853, den Hr. P. Gra⸗ bau der Conferenz zu Leipzig vorgelegt hat, ſtim⸗ men laſſe; denn wir können uns leider der An⸗ nahme nicht erwehren, daß der im Ganzen ge⸗ mäßigte Ton — denn obwohl der Herr P. Gra⸗ bau, wie Sie ſchreiben, Ihre Beſtrafung „willig angenommen“, ſo hat er doch bald nach ſeiner Rückkehr, ohne alle Reizung und Veranlaſſung von Außen, Hrn. Prof. Walther ſo giftig und bitter als jemals früher des Jeſuitismus bezüch⸗ tigt — jener Briefe an uns nur deshalb ange⸗ uommen wurde, um ſpäter bei den Brüdern in Deutſchland, die den genaueren Zuſammenhang unſres Streites und ihre Streitführung nicht kannten, den Eindruck zu machen, daß er unmer —192— auf dieſe Weiſe mit uns verhandelt hätte, wie denn auch kurz vor der Abreiſe der beiden Dele⸗ gaten nach Deutſchland der allerdings anſtößige Name: „die aus Preußen ausgewanderte luthe⸗ riſche Kirche“ [ſtatt Gemeine] abgethan und dafür der Name: „Synode von Buffalo“ ange⸗ nommen wurde. Der dritte Punkt iſt dieſer, daß es nach Gra⸗ bauiſchen mündlichen und ſchriftlichen Darſtel⸗ lungen und Mittheilungen über uns, den lieben Brüdern drüben leichtlich den Eindruck machen könnte, als wichen wir auf kirchlichem Boden den hie ſigen burgerlichen Verhältuiſſen, und handhab⸗ ten, da hier, wie die Conferenz ſchreibt, „der Zaum des chriſtlichen Staates durchaus fehle,“ gar keine oder doch eine ſehr laxe Kirchenzucht, und wendeten den Bann gar nicht an. Dies iſt aber, Gott ſei Dank, durchaus nicht der Fall, und wir fühlen uns veranlaßt, gleich vorweg zu ſchicken, daß wir „den Zaum des chriſtlichen Staates“ für die Ausübung der Gottgefälligen und nach Chriſti Ordnung erfolgenden Kirchen⸗ zucht und für die Abwehr demokratiſcher Gelu⸗ ſte und Uebergriffe in die Gerechtſame des heili⸗ gen Predigtamtes noch nie vermißt haben; denn wir haben Gottes Wort, in richtiger Anwendung, immer ſtark genug gefunden, auch durch unſern ſchwachen Mund die rechte Erkenntniß über die Lehre auch von der Kirchenzucht und vom Bann zu erzeugen, und demgemäß die Gewiſſen zu be⸗ richten und den Willen der Gemeinde zum Ge⸗ horſam gegen daſſelbe zu reizen, wenngleich hin und her Einzelne zeitweiſe oder dauernd wider⸗ ſtrebten und im letzteren Falle meiſt ſich ſelber von der Gemeinde ausſchieden, nachdem vergeb⸗ lich alle ſeelſorgeriſche Liebe und Treue im Leh⸗ ren, Ermahnen, Bitten, Flehen und Warnen an ſie gewendet war. Zwar iſt es wahr — und kann auch, nach der Lage der Dinge, nicht anders ſein, iſt auch ſchwer⸗ lich in der Kirche je anders geweſen, — daß, je nach dem chriſtlichen und kirchlichen Standpunkte der einzelnen Gemeinden nach Erkenntniß, Glauben, Erfahrung und geiſtlichem Leben, auch die Kirchenzucht im weitern und engern Sinne gehandelt und z. B. Manches in mehr gefoͤr⸗ derten und älteren Gemeinden ſchärfer geſtraft wird (ja möglicherweiſe daſelbſt den Bann nach ſich zieht), was bei noch jüngeren und chriſtlich und kirchlich noch weniger herangebildeten Ge⸗ meinden eine gelindere Ruge erfährt, ja vielleicht bei Aufräumung noch gröberer Blöcke, ſcheinbar zuerſt noch uͤberſehen wird; gleichwohl iſt es eben ſo wahr, daß die Kirchenzucht nirgends in unſern Gemeinden fehlt, ja daß nur ſehr wenige neuere Gemeinden ſein mögen, darin leider nicht ſchon einzelne Bannfälle vorgekommen ſind, und daß, ohne daß deshalb die Gemeinden ſich auflöſen, die Kirchenzucht, ohne Ruhm zu melden, ernſter und nachdrücklicher gehandelt wird, als, ſoviel wir wiſſen, in allen lutheriſchen Landeskirchen Deutſch⸗ lands, obwohl dieſe „den Zaum des chriſtlichen Staates“, aber freilich auch deſſen Hemmſchuh dazu haben. Ketzer, Säufer, Hurer, Ehebrecher, Wucherer u. ſ. w. werden in unſern Gemeinden nicht geduldet und, wie geſagt, Gottes Wort auch durch unſern unwürdigen Mund, in angemeſſener Anwendung auch auf die einzelnen Fälle, richtet Alles auf's Beſte aus, ohne Mitwirkung aller menſchlichen Mittel, als da ſind: der weltliche Arm des landesherrlichen Kirchenregiments, pfarrherrliche Schreckſchüſſe und Banndrohungen, auf Grund falſcher Schriftauslegung und deß etwas. So läßt ſich auch keiner von uns, nach landes⸗ üblicher Unſitte, zeitweiſe oder auf's Unbeſtimmte, in Form eines menſchlichen Rechtsvertrages, von der Gemeinde berufen; und ſolche Luthera⸗ ner oder verwahrloſete Gemeinden, die nach ge⸗ nugſamer Unterweiſung und Berichtung über die Lehre vom ordentlichen Beruf aus Gottes Wort, dieſen Beruf nicht ausſtellen wollen, werden von uns auch nicht angenommen. Desgleichen iſt die Beichtanmeldung in unſern Synodalge⸗ meinden ohne Ausnahme eingeführt und wird, als eine treffliche Gelegenheit für die kirchliche Seelſorge, auf evangeliſche und väterliche Weiſe ſorgfältig benutzt. In neuern und rohern Ge⸗ meinden aber, wo die Lente, und zwar zunächſt gerade um des Verfalls auch dieſer heilfamen kirchlichen Ordnung in Deutſchland willen, der⸗ ſelben anfänglich noch widerſtreben, und ſich noch nicht perſönlich bei ihrem Seelſorger anmelden wollen, da laſſen ſich dieſe — obzwar ſehr gegen die ſtrikte Obſervanz der pfarrherrlichen Würde, aber hoffentlich als evangeliſche Mitarbeiter des heiligen Geiſtes — in der Liebe und Geduld Chriſti die Mühe nicht verdrießen, zumal im An⸗ fange ihrer Amtsfuͤhrung, die Leute, die zum hei⸗ ligen Abendmahl gehen wollen, zuvor einzeln auf den zerſtreuten Farms zu beſuchen, um den Stand ihrer chriſtlichen Erkenntuiß und ſonſtigen Seelenzuſtand zu erforſchen und, je nach ihrer geiſtlichen Nothdurft, zu belehren, zu ſtrafen, zu tröſten u. ſ. w. Wer ſich aber auch ſolches Ge⸗ ſprächs weigert, wird zum heiligen Abendmahl nicht zugelaſſen. Leider aber iſt an ſolcher Wei⸗ gerung meiſt nicht allein perſöͤnliche Störrigkeit, ſondern auch die klägliche Verwahrloſung und kirchliche Entwöhnung Schuld, in welcher, zum Bedauern, die lutheriſchen Landeskirchen aus ſo vielen Gemeinden uns ihre Kirchkinder herüber⸗ ſchicken; denn vielfach hören wir die Rede: „ſolche Fragen ſind wir von Deutſchland her nicht ge⸗ wohnt; unſere Paſtoren haben uns nichts ge⸗ fragt, wenn wir zum heiligen Abendmahl gehen wollten; wir brauchten nur unſere Namen beim Küſter anzugeben“ u. dgl. So müſſen denn wir hieſige Paſtoren mannigfaltig die Schuld unſerer Mutterkirche, an der wir aber ja freilich auch Theil haben, bußen und thun es auch gerne, in⸗ dem wir ſie weder um ihre pfarrherrlichen Ehren, Guͤter und Würden, noch um „den Zaum des chriſtlichen Staates“ beneiden, ſondern mittler⸗ weile, als die Traurigen, aber allezeit frohlich, als die Armen, aber die doch Viele reich machen, als die nichts haben und doch Alles haben, unſere lieben Gemeinden auf dem Grunde der reinen Lehre und in einer dem guten Bekenntniß gemaͤ⸗ ßen Praxis zu begrunden und aufzuerbauen trach⸗ ten; denn nicht in dieſe und jene Form ſogenann⸗ ter apoſtoliſcher oder altlutheriſcher Kirchenord⸗ nungen, liturgiſcher Gottesdienſte, confeſſioni⸗ ſtiſchen Schaugepränges und pietiſtiſch⸗geſetzlicher Heiligkeit ſetzen wir das Weſen wahrhaft luthe⸗ riſcher Gemeinden, ſondern in das Leben und Weben im rechtfertigenden Glauben, nach vor⸗ aufgehender Buße zu Gott und mit nachfolgender rechtſchaffener Gottſeligkeit im Reden, Thun und Leiden, darin ſich der Glaube auch gegen Men⸗ ſchen lebendig und thätig erweiſet; denn dieſer Glaube allein iſt ja das rechte chriſtliche und lu⸗