# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1854 06 22_S181 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) fimals von den Hufflten in ihren Schlachten wider Kaifer und Biſchöfe geſungen. hat. Immerhin mochten die Chöre in den Kir⸗ chen langſam eine Sylbe ſo lang wie die andere dahin ſingen, das Volk machte das nicht. Solbe ſo lang wie die andere, ſo klappts, als wenn man auf ein Brett ſchlägt, daher man auch in der rationaliſtiſchen Zeit, als man zu ſingen, kegehrte wie die Prieſter und Chöre in der rö⸗ miſchen Kirche, jene Weiſe für barbariſch und ganz unſingbur erklärte; ſingt ihr dagegen wie beim Leſen jede Sylbe ſich ſelbſt betont und lang oder kurz klingt, ſo iſt es eine der wundervollſten Weiſen, die es giebt. Die Melodien entſtanden damals mit den Worten des Liedes, nicht durch die veſtandesmäßige Berechnung eines Muſikers, daher wurden ſie auch geſungen nach dem Ryth⸗ nus der Worte. Dem Verlangen des Volks konnten ſelbſt die katholiſchen Prieſter u. Mönche nicht widerſtehen; manche unter ihnen überſetz⸗ tn die alten lateiniſchen Kirchengeſänge, machten neue oftmals in ſeltſamſter Miſchſprache aus deutſchen und lateiniſchen Worten zuſammenge⸗ ſctt (z. B. In dulei jubilo, Nun ſinget und ſeid froh) oder legten weltlichen Volksweiſen geiſt⸗ liche Lieder unter. Kurz vor der Reformation war es als wollten die Prieſter ſelbſt durch dieſe ſeine Lieblingsneigung, Lieder zu ſingen, das Volk in der römiſchen Irrlehre recht beſtärken; da war gar kein Ende der Lieder auf die Jung⸗ ſtau Maria, ja auf St. Anna, als welche Jeſu Großmutter ſei. Ums Jahr 1517, als die ge⸗ ſignete Reformation begann, war das chriſtliche geuiſche Volk nicht bloß vorbereitet, die lautere kehre des Wortes Gottes mit Begierde zu er⸗ greifen, ſondern auch als geiſtliches Prieſterthum ſtinen gerechten Antheil am Gottesdienſt, wirk⸗ lichn Gemeindegeſang bei allen Gottesdienſten In erhalten. Dr. Martin Luther predigte wieder in voller Reinheit und Klarheit die Lehre von der Gerech⸗ tizkeit allein durch den Glauben an Jeſum Chri⸗ ſum und ſetzte damit die chriſtliche Gemeinde von neuem in ihr königlich Prieſterthum ein; ras ſie ſchon lange begehrt hatte, nemlich bei allen Gottesdienſten mitzuſingen, das mußte ihr jetz als ihr Recht gewährt werden. Er ſchrieb daßer in den Jahren 1523 — 1526 drei Schrif⸗ kun von deutſcher Meſſe und Ordnung des Got⸗ ksdienſtes und beſtimmte darin, daß bei allen Gotesdienſten die Gemeinde deutſche Lieder ſugen ſollte an den Stellen, wo der Chor früher lateiniſche vorgetragen hatte, während er die Chorgeſänge und Antiphonen auf ihr gehöriges . Haß beſchränkte und von allen papiſtiſchen Zu⸗ thaten reinigie. Nun galt es für die geiſtlichen Lieder zu ſorgen. Es gab ja deren bereits eine zemliche Zahl, aber nur die Lieder der Böhmi⸗ ſchen und Mähriſchen Brüdet waren rein von der Papiſtiſchen Irrlehre, die anderen waren Rößtentheils damit verſetzt und bedurften des⸗ halb der Umarbeitung wie jene der Ueberſetzung. Gerade an dieſer alten Melodie „Vater Unſer im Himmelreich“ könnt ihr recht ſehen, wie da⸗ zumal das Volk die geiſtlichen Lieder geſungen Ver⸗ ſuch's mit jener Volksmelodie — ſingt ihr eine —179— Das that Dr. Luther mit ſehr vielen Liedern: Nr. 17. 36. 134. 183. gehören zu dieſen; ande⸗ re dichtete er ſelbſt im Anſchluß etwa an einen ſchon vorhandenen Vers wie Nr. 21, oder nach einem Bibelſpruche wie Jeſ. 6. Nr. 147, Lucä 2. Nr. 41. u. 65, und wieder andere dichtete er mit den Noten der Melodie dabei gedruckt, flogen dieſe Lieder, die geiſtreichſten und lieblichſten ſeit und wurden bald in Häuſern und Werkſtätten, auf Märkten, Gaſſen und Feldern geſungen, ſo daß die Römiſchen klagten: das Volk ſingt ſich in die neue Lehre (die Evangeliſche) hinein. Obwohl die wenigſten vom Volke leſen konnten, daher vie Lieder durch Vorſagen auswendig ler⸗ nen mußten, wie wir jjetzt etwa die Kinderchen allerhand Sprüche lehren, ſo wußten doch na⸗ mentlich die Bürger in den Städten bald dieſe Lieder auswendig und brachten ſie auch in die Kirchen hinein. Als z. B. im Jahre 1527 Ol⸗ dekop und Lampe in Braunſchweig das reine Evangelium zu predigen anfingen, ließ der rö— miſch geſinnte Rath der Stadt einen berühmten römiſchen Prediger, den Dr. Sprengel, genannt Sprütze, kommen, damit er die Evangeliſchen widerlege. Da nun derſelbe am 22. Sonntage nach Trinitatis eine lange Predigt wider die rei⸗ ne Lehre gethan und mit den Worten geſchloſſen hattte: hieraus iſt nun bewieſen, daß ein jeder Menſch durch ſeine guten Werke könne ſelig wer⸗ den, da rief ein Bürger mit Namen Niſchau: Pfaffe du leugſt! und ſtimmte an Nr. 166: Ach Gott vom Himmel ſieh darein. Die ganze Ge⸗ meiade fiel in den Geſang ein, Dr Sprengel aber ſtieg beſchämt von der Kanzel herunter und un⸗ ternahm ſich zu Braunſchweig keines Predigens mehr.— Schon 1524 ſammelte Dr. Luther und ſein Freund Walther dieſe Lieder in ein Geſang⸗ buch, Jahre mußte ſchon eine zweite Auflage gedruckt Jahr 1528 kam ein größeres Geſangbuch von 56 Liedern heraus, da auch manche Freunde Luthers wie Dr. Juſtus Jonas, Paul Speratus, Paul Eber u. A. treffliche Lieder dichteten, das war ein Singen und Klingen in deutſchen Lan⸗ den; der Teufel hat ſich gewiß die Ohren zuge⸗ halten. Die Noten der Melodien wurden den Liedern ſogleich beigedruckt. Dr. Luther ſagte: die No⸗ ten machen den Text erſt lebendig. Er war ſelbſt ein tüchtiger Muſikus, blies die Flöte und ſpiel⸗ te die Laute meiſterhaft und hatte daher auch ei⸗ ne rechte Freude daran, das chriſtliche Volk mit Melodien wie mit Liedern zu verſorgen. Im Jahre 1524, als er mit den Liedern ſo lebhaft beſchüftigt war, lud er ſeine guten Freundk, Konrad Rupf aus Altenburg und Johann Wal⸗ ther aus Torgau zu ſich ein und behielt ſie als ſeine Tiſchfreunde ſo lange bei ſich, bis ſie mit einander „über der Ton Art und Weis“ über⸗ eingekommen und die nöthige Zahl von Melo⸗ dien zu den Kirchengeſängen geſetzt hatten. Die⸗ ſe Verſammlung nannte Luther die Cantorey im Haus. Da wurden nun dir ſchon vorhandenen frei, wie Nr. 243; 42; 159. Auf einzelne Zettel den Pſalmen, in alle deutſchen Landen hinaus welches 8 Lieder enthielt; im folgenden werden, vermehrt mit 8 andern Liedern, und im geiſtlichen Weiſeu geprüft und was davon etwa durch langen Gebrauch verkehrt und geſchmacklos geworden war, abgethan; ſchöne Weiſen zu welt⸗ lichen Volksliedern wurden aufgenommen und in kirchlichen Ton geſetzt, und die Melodien, welche Luther, Lazarus Spengler u. A. zu ihren Liedern erfunden hatten, in beſtimmten Noten⸗ ſatz gebracht; die Dichter nemlich dichteten da⸗ mals oft mit den Worten ſogleich die Melodie und namentlich Dr. Luther hatte damals bereits die Weiſe: Nun freut euch, lieben Chriſten g'mein erfunden, wie er Anno 1530 ſang: Ein feſte Burg iſt unſer Gott. Was ſo die „Canto⸗ rey im Haus' gearbeitet, die Melodien, den Lie⸗ dern beigedruckt, kamen unters Volk durch die wandernden Sänger, durch die Currentſchüler, welche ſie auf den Straßen ſingen mußten, ja ſogar durch die Stadtzinkeniſten, welche ſie in den Städten täglich zwei bis drei Mal vom Thurm herab blieſen, wie noch heutiges Tages in man⸗ chen alten deutſchen Städten der Brauch iſt. Geſammelt aber wurden die Melodien zuerſt im Jahre 1524 von Johann Walther in ſeinem „Wittenbergiſch deutſch geiſtlich Geſangbüchlein, und in dem Buche: Newe deutſche geiſtliche Ge⸗ ſänge, 1544 herausgegeben von Georg Rhaw, demſelben, der bei der Disputation zu Leipzig eine zwölfſtimmige Meſſe aufführte, ſpäter aber zur lutheriſchen Kirche übergetreten, Buchdrucker in Wittenberg wurde. Das waren die beiden erſten Lutheriſchen Choralbücher, Werke, welche den Grund legten zu der ganz neuen Art von geiſtlichem Geſang, entſtanden durch dik Verbin⸗ dung der geiſtlichen Tonart mit dem Rythmus des Volksliedes. Rythmiſch wurden dieſe Melodien alle geſun⸗ gen. Dr. Luther verſchmähte nicht, was irgend Schönes war unter den alten Gregorianiſchen Geſängen, welche in gleichmäßigem Tacte ver⸗ laufen, aber dieſe theilte er dem Chor zu, den er keineswegs abſchaffte; er hatte ſogar noch gerne, daß die Chöre, welche aus Schülern beſtanden, ihre Geſänge lateiniſch vortrugen. Der Ge⸗ meinde muthete er es nicht zu, im ebenmäßigem Tacte zu ſingen, hat wohl kaum jemals daran gedacht; die Gemeinde ſang ihre Lieder ryth⸗ miſch. Selbſt die Orgel, welche dazumal noch ziemlich ſchwer zu ſchlagen war und daher wenig geeignet zu raſchem Spiel, durfte den Gemeinde⸗ geſang nicht begleiten, um nicht etwa die freie Bewegung deſſelben zu ſtören; der Chor mußte die Melodie, welche die Gemeinde ſang, mit mehrſtimmigem Geſange leiten und begleiten. Die Notenſchrift, welche wir jetzt haben, war damals in der Ausbildung begriffen, namentlich die Bezeichnung der Menſur der Töne, daß ſie nemlich ſi ch eintheilten in ganze, halbe, viertel, achtel u. ſ. f. Der deutſche Franco von Cöln um 1200 und nach ihm Walther Odington von Evesham hatten dieſe Art, bei den Noten ſogleich zu bemerken, wie lang oder wie kurz ſie zu ſingen ſeien, erfunden, aber erſt die Reformation Und unter den Männern der Reformalion namentlich Dr. Luther brachten dieſe wie ſo viele andere Er⸗ findungen in rechten Gebrauch der Kirche und durch die alſo bewirkte Uebung zu größerer Voll⸗