# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1846 04 18_S65 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Der Lutheraner. „Gottes Wort und Luthers Lehr' vergehet nun und nimmermehr.“ Herausgegeben von C. F. W. Walther. Jahrgang 2. St. Louis, Mo., den 18. April 1846. No. 17. Bedingungen: Der Lutheraner erscheint alle zwei Wochen einmal für den Subscriptionspreis von Einem Dollar für die auswärtigen Unterschreiber, welche davon die Hälfte vorauszubezahlen und das Postgeld zu tragen haben. — In St. Louis wird jede einzelne Nummer für 5 Cents verkauft. (Eingesandt von Dr. Sihler.) Was waren Evangelische und was sind Evangelische? Evangelische waren und hießen zur Zeit der Reformation solche, an denen sich folgende Kennzeichen und Merkmale vorfanden: 1) Sie unterwarfen sich einfältig und aufrichtig, ohne Heuchelei und Vorbehalt, der gesammten heil. Schrift alten und neuen Testaments und zumal der reinen ungefälschten Heilslehre derselben, wie diese von Alters her in der heil. christlichen Kirche, zumal auch gegen Irrlehrer und Irrgläubige bekannt wurde. 2) Sie unterwarfen sich demgemäß auch den drei wichtigsten Zeugnissen und Bekenntnissen der evangelisch-apostolischen Mutter-Kirche, nämlich dem Apostolischen, Nicänischen und Athanasianischen, welche zwei letztere das erste gegen gottlose und grundstürzende Irrlehren auf Grund der heil. Schrift weiter auslegen und näher bestimmen. — 3) Sie bezeugten also durch diese Unterwerfung, d. i. durch das freie Mitbekenntniß derselben theuerwerthen Heilswahrheit, ihre Glaubens- und Lehr-Einheit mit der orthodoxen (rechtgläubigen) katholischen (allgemeinen) Kirche der ersten Jahrhunderte vor dem Aufkommen des Pabstthums und seiner Lügen und Irrthümer. — 4) Sie behaupteten und vertheidigten mit heiligem Ernste und Eifer und mit Daransetzung von Gut und Blut, die reine lautere Heilslehre und zumal die vom alleingültigen Verdienst Christi und seiner gläubigen Aneignung in der Predigt des Evangeliums und in den heil. Sacramenten gegen Papisten und Schwärmer. 5) Sie erkühnten sich nicht, nach menschlichem Dünkel die schriftmäßige Lehre von den heil. Sacramenten als Nebenlehren anzusehen, deß wohl sich bewußt, daß sie die Hälfte der Heilswahrheit für die Aneignung Christi und seines Verdienstes ausmachet, und daß sie ein mächtiger Damm und Bollwerk gegen Wiedertäufer, Abendmahlsschwärmer und andere Flatter- und Rottengeister sei. 6) Sie verwalteten fort und fort das Wächter- und Zeugenamt vom reinen Wort und Sacrament und machten keine Gemeinschaft und Einigung (Union) mit denen, die beides darin verwarfen, daß sie die heil. Taufe und Abendmahl zu leeren, inhaltslosen Zeichen und Bildern machten.*) Denn sie wußten wohl, daß eine wahre Einigung nur dann möglich sei, wenn der bisherige Widerpart seine schwärmerische Irrlehre von den heil. Sacramenten, desgleichen auch vom Amt der Schlüssel und Anderem fahren ließe und in die rechtgläubige Schriftlehre einginge, wie sie zudem in der evangel. apostolischen Kirche gehalten wurde von Anbeginn. Evangelische aber (oder Protestanten oder Unirte) sind und heißen jetzt zur Zeit eines gefühlsgläubigen, vielgeschäftigen, unreifen, fieberkranken, bekenntnißträgen und schwärmerischen Christenthums solche, an denen sich folgende Kennzeichen und Merkmale vorfinden: 1) Sie unterwerfen sich nicht einfältig und aufrichtig ohne Heuchelei und Vorbehalt der gesammten heil. Schrift A. und N. Testaments und zumal der reinen und ungefälschten Heilslehre derselben, trotz alles Scheins dieser Unterwerfung, wie diese Unlauterkeit im Folgenden soll bewiesen werden. 2) Sie unterwerfen sich demgemäß auch nicht jenen drei wichtigsten Bekenntnissen der apostolischen Mutterkirche, welche die reine evangelische Heilswahrheit nach Außen gegen Irrgläubige und Irrlehrer siegreich behaupten und nach Innen immer bestimmter entwickeln. Ein Theil nämlich dieser heutigen Evangelischen (wie z. B. die in Rheinbaiern) verschmäht alles kirchliche Bekenntniß, haut sich eigenwillig vom Stamme der ev.-apostolischen Mutterkirche ab und stellt sich freiwillig auf die Seite der Schwarm- und Rottengeister, die dasselbe thun, und zwar unter dem Schein und Vorgeben, als sei dieser Muthwille und Leichtsinn die rechte Ehrerbietung gegen Gottes Wort, und als wolle das Bekenntniß der Kirche sich neben oder gar über die heil. Schrift stellen. Ein anderer Theil der sogenannten Evangelischen oder Unirten, (wie z. B. in Preußen) verwirft zwar nicht gerade schlechthin alles kirchliche Bekenntniß, ist aber gleichgültig hierin und hält also: die Lutheraner und Reformirten könnten ja ihre besondern kirchlichen Symbole beibehalten, *) Und doch hatte ein Theil dieser Reformirten in der Schweiz und Ober-Deutschland die Wittenberger Concordie von 1536 bereits angenommen und dadurch ihr Einverständniß mit der reinen Sacramentslehre der Evangelischen, Lutherischen Bekenntnisses, thatsächlich bezeugt, fiel aber später wieder ab. gleichwohl könnten sie doch, wegen der mancherlei Uebereinstimmung, sich zusammen thun, und der streitigen Lehren vergessen. Näheres darüber später; hier kürzlich nur so viel, daß schon hieraus die Wahrheit der Beschuldigung in No. 1. hervorgeht. — Denn es ist unmöglich, daß in den Lehren von den heil. Sacramenten sowohl die Bekenntnißschriften der lutherischen als der reformirten Kirche den Einsetzungsworten des HErrn JEsu Christi in der heil. Schrift gleichmäßig unterthan sind; und es ist dann auch am Tage, daß nur die lutherische Kirche sich diesen Worten, wie sie lauten, unterwirft, und den Kern und das Mark der Sache hat und festhält, die reformirte Kirche dagegen diesen Worten einen bildlichen Sinn unterschiebt und sich an den Schalen und Hülsen der Sache genügen läßt. Wie kann nun in den sogenannten Evangelischen heutiger Zeit wahre ungeheuchelte Ehrfurcht vor dem Worte Gottes sein, das doch unmöglich in derselben Sache bildlich und buchstäblich sein kann, wenn sie diesen gewaltigen Gegensatz in der Lehre der Lutherischen und Reformirten für nichts, und die Einigung trotz dessen doch für möglich, ja für schön und wünschenswerth ansehen, weil man doch in andern Artikeln einig sei! Achtet man das Wort Gottes an einer Stelle nicht — zumal wo es sich um feierliche Stiftungen und wesentliche Gnadenmittel des Sohnes Gottes handelt — und ist gleichgültig dabei, ob der Sinn buchstäblich oder bildlich, d. i. das himmlische Gut im irdischen Mittel wirklich darin sei oder nicht: so möchte schwer zu erweisen sein, daß eine lautere aufrichtige Unterwerfung unter das ganze Wort Gottes vorhanden sei. — 3) Sie sind fern davon, wie die Evangelischen alter Zeit, die Mitbekenner Luthers, die lautere ungetrübte Heilswahrheit mit Daransetzung von Gut und Blut zu vertheidigen, sowohl gegen die Papisten als gegen die Schwärmer. Entweder nämlich sind sie lau und faul hierin — und es kann auch bei ihrer unsichern, ungewissen Unterlage kein Muth des wahren kirchlichen Bekenntnisses in ihren Adern sein — oder sie eifern mehr fleischlich als geistlich wider die Papisten; gegen die Sacramentsschwärmer aber sind sie gar friedliebend gesinnt, ja sie sind größtentheils mit ihnen innerlich gar herzlich einig; sie sind nämlich in den Lehren von den heil. Sacramenten mehr oder minder