# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1854 06 22_S176 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) ſe, den unſere proteſtantiſche Dogmatik feſtgeſtellt hat. Wer davon abweicht, muß auf Irrwege gerathen, ſie mögen ſichtbar ſein oder nicht. Wer auf die ſichtbare Kirche den Nachdruck legt oder auf die ebenmäßige Durchdringung von ſichtbar und unſichibar, der munß dahin kommen, daß er ein unlutheriſches Kirchenamt begehrt. Die nothwendige Folgerung der ſichtbaren Kirche ſind ſichtbare Prieſter, Biſchöfe und endlich der Pabſt. Wer den Nachdruck auf die ſichtbare Kirche legt, der muß dahin kommen, zu be— haupten, daß, wer nicht zu dieſer ſichtbaren Kirche gehört, „„ein Feind iſt,“» wie nicht allein Cy— prian geſagt, ſondern wie auch neuerlich wieder cyprianiſirt worden iſt. Wer ſo die ſichtbare u. unſichthare Kirche verwechſelt, der muß bei ſei⸗ ner Betonung der Sichtbarkeit der Kirche dahin kommen, die der ganzen Chriſtenheit gehörenden Titel: eine, heilige, allgemeine, auf die ſichtbare Kirche zu übertragen. Dann wird auch, um die Heiligkeit der ſichtbaren Kirche auch ſichtbar herzuſtellen, behauptet werden müſſen, eine Kir⸗ che, wenn ſie auch ſonſt reines Wort und reines Sacrament hat, iſt keine Kirche mehr, wenn ſie keinen Bann hat. Statt zwei Gnadenmittel muß ein ſolcher vorläufig drei annehmen: Wort, Sacrament und Bann, ſtatt zwei Sacramente muß ein ſolcher vorläufig drei annehmen: Tau⸗ fe, Abendmahl und Ordination. Was noch folgen müßte, z. B. die altkatholiſchen Büßung⸗ en, ein ſichtbar kirchliches Oberhaupt, ein vor⸗ nehmes Herabblicken auf die Reformatoren und ihre Schriften u. ſ. w., das würde von der mu⸗ thigen Regſamkeit der Zeiten und Perſonen abhängen. Mir graut vor ſolchen unproteſtan⸗ tiſchen Sätzen: ſie werden uns eine lutheriſche Hierarchie zu Wege bringen, die den alten pro⸗ teſtantiſchen Anſchauungen gänzlich entgegen iſt. Wer ſo die Symbole und den ganzen altproteſt⸗ antiſchen Lehrſtoff mit einem Griffe beſeitigt, der kann, da es überhaupt nur zwei folgerichtige Kirchenwege giebt, einen Alt und einen Neu⸗ teſtamentlichen, nicht anders, er muß ſein Ange⸗ ſicht ſtracks gen Rom wenden. Es geht jetzt ein katholiſchergug durch die Welt, ſagt ein berühmter ſchweviſcher Geſchichtsforſcher: hier fühlt man etwas davon! Aber welches Wunder! Der römiſch- katholiſche Möhler ſagt in ſeiner Symbolik (6. Auflage S. 425): „ja gewiß dieſe, die unſichtbaren, die in das Bild Chriſti Uebergegangenen und Vergöttlichten ſind Träger der ſichtbaren Kirche: die Bößen in der Kirche, die Ungläubigen, Scheinheiligen, todten Glieder am Leibe Chriſti würden keinen Tag die Kirche ſelbſt in ihrer Aeußerlichkeit zu bewahren vermögen. Der Satz, daß die innere Kirche zuerſt zu ſetzen ſei und dann erſt die äu⸗ ßere, hat eine vollkommen wahre Seite. Wir find nicht eher lebendige Glieder der äußern Kir⸗ che, als bis wir der innern angehören.““ So ſpricht ein römiſcher Dogmatiker von der Wahr⸗ heit der proteſtantiſchen Lehre uͤberwältigt, und wir fangen an, die proteſtantiſche Lehre zu ver⸗ laſſen und zu — romaniſiren! Gott helfe uns zur rechten Wahrheit uud Klar⸗ heit! — — —174— Dr. Rudelbach üher die Ordination. Noch eine Schattenſeite der deutſch⸗ lutheriſchen Kirche. Dr. Rudelbach iſt durch ſein entſchiedenes Zeugniß gegen Rationalismus und Union und für lutheriſche Kirche u. lutheriſche Lehre, zu einer Zeit, wo faſt alle, die zu den großen Gelehrten unſerer Tage zu rechnen ſind, ſchwiegen, unſe⸗ rer Kirche zu ſo großem Segen geworden, daß es ſcheint, als fordere es die Dankbarkeit eines Lu⸗ theraners, über die Gebrechen eines ſolchen Man⸗ nes den Mantel der Liebe zu werfen. Allein dem iſt nicht ſo. Je begabter ein Mann iſt und je mehr er ſich durch ſeine anderweitige Treue das Zutrauen der Glieder der Kirche erworben hat, deſto fruchtbarer iſt auch immer gerade ſein Irr⸗ thum. Solche große Männer, wie ſie durch Got⸗ tes Gnade Viele für die Wahrheit gewinnen, zie⸗ hen gerade da, wo ſie irren, gemeiniglich einen noch größeren Troß mit ihnen Irrender nach ſich. Nun iſt aber jeder Irrthum wider Gottes Wort immer ein tödtliches Seelengift, das eben um ſo verderblicher und ausgebreiteter in der Kirche wirkt, je ſublimirter (feiner) u. mit je beſ⸗ ſerer Empfehlung es als Arznei ausgeht. So ſehen wir uns denn, wiewohl mit tiefem Be⸗ vauern, da wir einen Rudelbach am liebſten nur rühmen möchten, genöthigt, auf einen Irr⸗ thm hinzuweiſen, den dieſer von uns ſonſt hoch— verehrte Mann früher zwar ſchon blicken ließ, aber nun weitläuftig entwickelt und der Kirche öffentlich vorgelegt hat. Es betrifft dieſer Irr— thum die Lehre von der Ordination und die damit zuſammenhängende Lehre vom hl. Predigt⸗ amt. Es findet ſich die Auseinanderſetzung die⸗ ſer Lehre aus der Feder Dr. Rudelbach's in dem erſten diesjährigen Quartalheft der unter ſeinem und Dr. Guericke's Namen erſcheinenden „Zeit⸗ ſchrift.“ Wir wollen zwar das Hieronymianiſche: Haereticorum sententias prodidisse, superasse est. d. h. die Meinungen der Ketzer bekannt ge⸗ macht haben, heißt, dieſelben überwunden ha— ben— auf den Irrthum Dr. Rudelbach's keines⸗ wegs anwenden, für diesmal genüge es jedoch, den Leſern nur mitzutheilen, was derſelbe wider Gottes Wort und das Bekenntniß unſerer Kir⸗ che über den genannten Punkt lehre. Am angezogenen Ort ſchreibt der Genannte erſtlich u. A. Folgendes: „Es iſt keineswegs zu billigen, daß man“ (von Seiten der alten luthe⸗ riſchen Theologen) „die Ordination weſentlich blos als „„die öffentliche und Ifeierliche Beſtä⸗ tigung oder gleichſam Verkündigung der Voca⸗ tion“ » auffaßte. Um zu zeigen, daß es nicht eigentlich auf die Handauflegung dabei ankomme (gleichſam als ob irgend ein, von den erſten Tagen des Chriſtenthums an bezeugtes, Stück einer heiligen Handlung weniger bedeu⸗ tend ſein könne *),erwähnte man mit beſonde⸗ rem Nachdruck der feurigen Gebete.“ In dem Folgenden kommt Dr. Rudelbach auf Auch die in Einſchluß geſtellten Worte ſind Dr. Rudel⸗ bach's Worte. Derſelbe achtet alſo auch die Han daufle⸗ gung für ein weſentliches Stück der Ordination, geht alſo auch hitrin von dem Vorhild der Lehre un ſerer Kirche ab. den bekannten Beſchluß des vierten, im Jahre 451 gehaltenen ökumeniſchen Concils (des Chal⸗ cadonenſiſchen), nach welchem ganz richtig nie⸗ ſmandabſolut, das heißt, niemand eher or⸗ dinirt werden ſoll, als bis er eine Vorati⸗ on zu einem beſtimmten Amte in der Kirche er⸗ halten hat, weil man eben von Anfang an in der ganzen altkatholiſchen Kirche mit wenigen vereinzelt daſtehenden Aus nahmen die Ordinati⸗ on nicht für eine Weihe gehalten hat, durch wel⸗ che man in einen gewiſſen Prieſter ſt an d auf⸗ genommen wird, ſondern für eine feierliche öffent⸗ liche Beſtätigungdes Berufes, den man zu einem beſtimmten Amte bereits erhalten hat. Dr. Rudelbach aber verwirft jenen Beſchluß des ökumeniſchen Concils und gibt merkwürdiger Weiſe, da ſonſt ſo wenig für ſeine Anſicht ſpricht, ſagleich Folgendes zu bedenken: „Uebet allen Zweifel erhaben iſt es, daß die Römiſche Kirche ſpäter, namentlich das ganze Mittel⸗ alter hindurch, nicht daran feſthielt, ſondern Jahr für Jahr zu Taufenden ordinirte, ohne daß die Ordinirten ein beſtimmtes Amt hatten, und blos durch paſſende Beſtimmungen (zuletzt am * ausführlichſten durch die Deerete des Triden⸗ tiniſchen (Coneils) Sorge dafür trug, daß die ſo Ordinirten ſowohl einen Wirkungs⸗ kreis finden, als ein nothwendiges Auskommen haben könnten.“ „Werfen wir nun, fährt Dr. Nudelbach fort, einen Blick. zurück auf die Altlutheriſche Theorie von der Vocation und Ordination, ſo iſt zuerſt unbedingt einzuräumen, daß ſie den Sinn Lu⸗ thers u. der Schmalkaldiſchen Artikel klar ausdrückt.“ Ein wichtiges Zugeſtändniß! Aber wer ſollte denken, daß nun Dr. R. dennoch ſich gegenn eine Lehre erklärt, die, wie er ſelbſt ſagt, den auch von ihm beſchworenen Bekennt⸗ niſſen unſerer Kirche durchaus gemäß iſt? Aber, leider! ſchreibt er nun u. A. folgendes weiter: „Im erſten Anhange zu den Schmalk. Art. wird, freilich im Vorbeigehen u. ohne ordentlicht archäologiſche Gewähr“ (d. h. ohne daß es aus der alten Geſchichte bewieſen werden könnte), „bemerkt: „„daß wenn in der alten Kirche das Volk die Prieſter u. Biſchöfe erwähll, ſo ſei der Biſchof derſelben oder einer naheliegen⸗ den hinzugetreten u. habe den Erwählten durch Handauflegung beſtätigt; die Ordination ſeimithin nichts Anders als eine ſolche Beſtätigungu. Bekräftigung geweſen.“ Allein abgeſehen von alle die⸗ ſem muß das Reſultat unſerer bisherigen Unter⸗ ſuchung ſich in Folgendem herausſtellen. Zu⸗ erſt: daß unſere älteren Dogmatiker in der Re⸗ gel und wenigſtens nach einer Richtung, meiſt aus einem in mehreren Stücken“ (alſo nicht in allen ?) „wohlgegründeten polemiſchen. Intereſſe wider die Römiſch-Katholi⸗ ſchen, den Begriff der Ordination nicht zu ſeinem vollen Rechtekommenließen Sodann (wenn man uns über den Typus der Darſtellung fragt welchen weir für allein ſchrift⸗ mäßig u. vollkommen kirchlich *) achten): Der Leſer ſieht, daß man jetzt in Deutſchland unter dem „kirchlich' nicht verſieht, dem Sinn unſerrr rechtgläubigen