# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1854 02 28_S120 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) kaufen könnten; in keinem Fall aber ſollten ſie auf irgend eine Weiſe gedrückt oder gequält wer⸗ den.“ Aber der Erzbiſchof ließ ſich dadurch nicht im Geringſten anfechten; er that zu wiſſen; Die Leute, welche man in Schutz nehme, ſeien ja Rebellen, für ſolche gelten die Artikel des Weſtphäliſchen Frieden nicht.“ Mit dieſem einen Vorwande hielt er die proteſtantiſchen Fürſten hin, daß ſie mit allen ernſten und drohenden Vorſtellungen nichts ausrichten konnten. Jetzt wendeten ſie ſich an den deutſchen Kaiſer, Karl VI. ſelber, welcher bekanntlich damals noch das Haupt des ganzen deutſchen Reiches war. Wiederholt gingen ſie ihn ehrfurchtsvoll, aber auf das dringendſte an, er möge doch mit ſeiner kaiſerlichen Macht einſchreiten und die Geſetze des Reichs aufrecht halten. Der Kaiſer aber that nichts weiter, als daß er einige Schreiben und ſpäter auch ſeinen Vicekanzler nach Salzburg ſchickte, und den Erzbiſchof ermahnen ließ, „er möge fein in dieſer Sache ſeine Pflichten als Reichsfürſt nicht übertreten.“ Ob aber dieſer Ermahnung Folge geleiſtet wurde, darum be— kümmerte er ſich nicht weiter. So konnten die proteſtantiſchen Fürſten auch beim Oberhaupte und Schutzherrn mit aller Arbeit und Mühe nichts erreichen. ö Wie nun das plötzliche Auswanderungs— Mandat erſchien und in der rauhen Winterszeit unbarmherzig in Vollzog geſetzt wurde, da er— ließen ſie noch ein Bedenken nach Salzburg: „Nach dem Geſetz müßten den Auswanderern 3 Jahre Friſt gegeben werden; geſchähe dies nicht, ſo könnten ſie für keine Folgen ſtehen.“ Aber die Antwort lautete: „Ein für allemal, die Leute wären Nebellen und für dieſe habe das Geſetz keinen Schutz. Indes wolle man aus beſonderer Gnade den Angeſeſſenen das Ziel bis Georgi verlängern, von den Unangeſeſſenen aber alle 14 Tage immer zweihundert entſenden.“ Aber es war aller Orten bekannt, daß die Beſchuldigung einer Empörung nur Liſt und Trug ſei. Darum begann man jetzt Evange— liſcherſeits Gegengewalt zu gebrauchen. In den Riederlanden wurden mehrere katholiſche Kirchen zugeſchloſſen; in Preußen, Holſtein, Hannover und Heſſen kündigte man den Katho— liſchen an, daß ihre Stifte und Pfarreien nächſtens aufgehoben werden würden. Furcht und Zittern bemächtigte ſich derſelben, ſie ſen— deten Vorſtellungen und Bitten nach Salzburg, Wien und Rom. Umſonſt, der Sinn des Erz— biſchofs wurde nicht gebeugt, und der Kaiſer und der Pabſt, — ſie hatten auch ihre Urſache, warum ſie ihre Ohren verſchloſſen. Die einzige Wohlthat, die man den unglück⸗ lichen Glaubensgeneſſen noch erweiſen konnte, war, ihnen ihr Leben außerhalb Salzburg zu ſichern. Schon der Salzbund hatte den Peter Heldenſteiner aus Werfen und den Niko⸗ laus Forſtreuter aus St. Johann abge— ordnet, wo es ſei, um neue Wohnplätze anzu⸗ halten. Der ruhmwürdige König Friedrich Wilhelm von Preußen war es, welcher ihnen Aufnahme in ſeine Lande und Verſorgung auf der Reiſe verſprach. In ſeiner Provinz Lithauen. — 118 — waren große Strecken durch Krieg und Peſt menſchenleer geworden; dieſe wollte er mit ihnen wieder bevölkern. — Das neue Jahr 1732 erneuerte unſern Duldern im Gebirge die alten Trübſale und Schreckniſſe. Die Dörfer der Lutheriſchen waren wie ausgeſtorben, weil ihre Bewohner bang und ſcheu kaum aus ihren Mauern hervorzugehen ſich getrauten. Und daheim durften ſie nicht einen herzerhebenden Geſang anſtimmen, nicht Die Soldaten drohten Feuer in das Haus zu werfen, in welchem ſich etwas Lutheriſches hören ließe. Wer es im Geringſten verſah, wurde in Ketten gelegt und nach der Reſidenz abgeführt. Dort läutete man die Glocken, ſobald ſolche ge⸗ feſſelte Rebellen dem Weichbild der Stadt ſich näherten, um das Volk von der Ankunft neuer— Ungeheuer zu benachrichtigen. Dieſe wurden in blaue Mäntel gehüllt, mit verbundenen Augen, wie zum Richtplatz hereingeführt. Das Volk lief wüthend neben den Wägen her, und ſtieß ſchreckliche Verwünſchungen gegen ſie aus. Dann wurden ſie in die Gewölbe Hohenſalzburgs ge⸗ worfen. Die Veſte wurde ganz voll, wo dann ein und der andere von Hunger, Kälte und Gram verzehrt dahin geſtorben. Doch das unmenſchliche Herz der papiſtiſchen Dränger konnte auch noch dabei allerlei Poſ⸗ ſen-und Narrenſpiele mit dieſen armen Bekennern Chriſti anſtellen, um ſie wankend zu machen. Auf der freien Höhe unter den Löchern der Gefängniſſe zimmerten beſtochene Geſellen ein Rad und flochten einen menſchlichen Körper darauf. Es war aber nur eine ausgeſtopfte Kleidung. Die Wächter riefen ſich abgeredter- maßen dabei ſo ſtark zu, daß es in die Ohren der Gefangenen tönte: „Der kann auch nicht in Frieden dahinfahren, er hat ſich zu ſpät bekehrt, der Teufel läßt ihn nicht los.“ Der Feſtungs— Kommandant ließ Figuren von Holz verfertigen, in Armenſündergewänder kleiden, und unter den Augen der Eingekerkerten köpfen. Wenn kaum der Morgen graute, ging der Todtengräber vorüber, ſang mit hohler Stimme Lieder von Tod und Gericht und klagte den Wachen, daß er jetzt nicht genug Gräber machen könne. Durch ſolche abſcheuliche Blendwerke ſollten die Kreuz— träger vollends mürbe gemacht und zum Abfall gebracht werden. Aber ſie wendeten ihre Seelen im Gebet nach der himmliſchen Quelle und wurden muthig, um des Evangeliums willen ſelber den Tod zu leiden, weil ſie, durch dasſelbe herrlich im Gericht zu beſtehen, die gewiſſe Ueberzeugung hatten. Unter dieſe grauſamen Poſſenſpiele gehört auch noch ein Auftritt, der zwar eigentlich erſt mehrere Wochen ſpäter ſich zugetragen hat, billig aber hier anzureihen iſt. Da wurden nemlich 300 neu angekommene Auswanderer in einen ganz mit ſchwarzem Tuch ausgeſchlagenen und häufig mit Blut beſprengten Saal geführt. Auf dem Tiſche lag ein bloßes Schwert und zur einen Seite ſtanden die Nachrichter, zur andern aber haben. ein lutheriſches Morgen- und Abendopfer laut beten, nicht ſich aus dem heil. Bibelbuch vorleſen. erdenkliche Ueberredung an, die Lutheriſchen zur Verleugnung ihres Glaubens zu bewegen und wieſen dabei drohend auf Schwert und Nach⸗ richter hin. Aber auch dieſe ſchwere Prüfung wurde herrlich beſtanden durch den Geiſt deſſen, der den Müden Kraft und Stärke genuß den Unvermögenden gibt. Geradezu hinrichten ließ der Erzbiſchof keinen, da muß er ſich doch, vor wem? gefürchtet Aber ſeinen trotzigen Beſcheid nach Regensburg ließ er vollziehen. Von 14 Tagen zu 14 Tagen wanderte ein Zug Unangeſeſſener nach der Grenze. Sie ſchritten draußen im Kampf des Schnees und Sturmes, oder über knarrende Eisbahnen, und weil der Weg häufig. verweht war, iſt hie und da Einer an den Felſen hinabgeglitten und hat Freiheit und Frieden gefunden, noch ehe ſeine Füße über das Land der Drangſal hinaus waren. Die Zurückbleibenden hatten dagegen von rohen Hauswirthen wegen der Miethe, von der Strenge des Winters in ungeheizten Stuben, von dem Mangel an Lebensmitteln ꝛc. noch unſäglich viel auszuſtehen; auch forderte man als Abzugsgebühren nicht ſelten das Letzte, was ſich einer auf die Reiſe geſammelt hatte. Da fragten die Prieſter ſpottend, wie ihnen der lu— theriſche Glaube bekäme? Sie zeigten ihnen im Fall der Umkehr eine lachende Zukunft und ließen dabei blinkeide Geloſtücke durch ihre Finger laufen. Aber es iſt einmal ausgemachte Erfahrung, daß die, ſo um der Gerechtigkeit willen leiden, gewöhnlich nur im Aufang zaghaft und ſchwach ſind; mit der wachſenden Noth werden ſie vielmehr muthiger und ſtärker. So mußten auch hier wieder die Prieſter mit Staunen und Beſchämung ihre Mühe vergeblich ſehen. Die Züge der Wanderer wurden trotz des Verbots immer größer, je weiter ſie kamen. Aber wie viele der traurigſten und rührendſten Ge⸗ ſchichten haben ſich dabei zugetragen! Nur einige davon. Eine lutheriſche Frau hatte ihren Reiſebündel geſchnürt. Sie nahm nun noch einmal ihr Kind von 21 Wochen in die Arme, und ging mit. ihm hinaus, indem ſie ihrem katholiſchen Manne den Reiſebündel zum Aufbewahren übergab, bis ſie wieder käme. Der Mann wartete lange, aber die Frau kam nicht wieder. Einem Knaben von 14 Jahren ſchlugen ſeine Verwandten Pflöcke unter die Nägel und ver⸗ ſtümmelten ihm einige Glieder, weil er ketzeriſche Geſinnungen hegte. Dann ſetzten ſie ihm einen Degen auf die Bruſt und ließen ihm eine Vater⸗ unſerlänge die Wahl in der katholiſchen Kirche zu bleiben, oder durchſtochen zu werden. Der Knabe aber that einen raſchen Sprung durch die Thüre und verbarg ſich unter dem eben vor⸗ überziehenden Emigrantentrupp. Als ein Zug an einem Hofe vorüberging ſtürzte ein Weib mit blutiger Hand hervor. Der Mann hatte ihr zu guter Letzt zwei Finger ab⸗ gehauen. * Aus Hohenſalzburg war ein Gefangener entlaſſen worden. Es trieb ihn noch einmal mehrere Prieſter. un Letztere wendeten nun alle Gurüc in ſein väterliches Haus, um von den