# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1854 02 28_S112 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Die Auswanderung 1 der evangeliſch lutheriſchen Salzburger in den Jahren 1781, 32 u. 33. (Fortſetzungʒᷓ ö Die Noth unſerer armen Salzburger wurde je länger, je drückender. Ihre Habe ſchwand vor den ungerechten Zahlungen an; weltliche und geiſtliche Preſſer dahin; faſt täglich wurden ſie in ihrer Arbeit draußen, oder in ihrer kümmerlichen Ruhe daheim geſtört; in vielen Gerichten füllten ſich die Gefaͤngniſſe. n? 1n 11 74 Da ward es unruhig in den Gemeinden, ein dumpfes Murren ging von Mund zu Mund; im Dunkel der Nacht, neben ſchauerlichen Klüf⸗ ten, durch tiefe Abgründe und über ſtarre Eisber⸗ ge kamen die Verfolgten an einſamen Orten zuſammen. Menſchen, die ſich ſonſt nie geſehen hatten, fielen ſich hier, wie lang bekannte treue Freunde, in die Arme, weinten an den gleichlei⸗ denden Herzen ihren Jammer aus und gaben ſich die Hände drauf, treu und feſt am Worte Gottes und unter ſich ſelber zuſammenzuhalten. Solche nächtlichen Verſammlungen wurden immer häu⸗ figer. Durch die Gemeinſchaft fühlten ſie ihre Sorgen erleichtert, ja ihre Furcht ſich in Muth gegen ihre Bedränger verwandeln. Von jetzt an hoͤrte man zuweilen Widerſpruch gegen die Ge⸗ waltthätigkeiten, Drohungen gegen die tyrann⸗ iſche Regierung, — die Sache nahm allerdings eine ernſte Geſtalt an. Es wurden ſogar auch Mahnſchriften zum Aufruhr von denen auf den Bergen an die in den Thälern gefunden, einige Schreiben der Regierung von den Thoren der Gerichtshäuſer abgeriſſen, ja nächtlicher Weile das Zeughaus zu Werfen erbrochen und geplün⸗ dert. Dieſes dreifache Vergehen rührte aber nicht von den Lutheranern her, wie die Richter bei der Unterſuchung ſelber an den Tag brachten, ſondern von einigen boshaften Papiſten, welche ihre armen Landsleute noch mehr verdäch⸗ tigen wollten. Auf die erſte Nachricht von dieſen Vorfällen und als die Behandlung der Ketzer überhaupt ſchwieriger wurde, ſandte man von der Reſidenz aus Eilboten nach Wien zum Kaiſer und bat ihn um Hilfstruppen, da im Lande eine Rebellion ausgebrochen ſei. Auch in allen umliegenden Ländern ſuchte man das Gerücht von einem ausgebrochenen Aufruhr auszuſprengen und wir werden ſpäter recht gut erſehen, warum. In⸗ zwiſchen ließ der Erzbiſchof ſeine Soldaten in die Gebirge einrücken. Dieſe trieben auseinan⸗ der, wo nur Viere beiſammen ſtanden, hauſten auch ſonſt, wie man ſagt, auf gut kriegsmän⸗ niſch, und die Lutheraner — befahlen es Gott und duldeten. Aber, höre ich den Leſer fragen, haben ſich denn nicht unſere Glaubensgenoſſen nach aus⸗ wärtigem Schutz und Beiſtande umgeſehen? Oder haben die Lutheraner andrer Länder ſo ſtille und unthätig zugeſehen, wie ihre armen Mit⸗ brüder ſo jämmerlich leiden mußten? Wohl ſandten ſie Boten ins deutſche Reich, an die Fürſten, wohl dachten die Lutheraner anderer Laͤnder darauf, dem Erzbiſchof Einhalt zu thun; aber ſo lange jene auf Salzburgiſchem Boden weiltent war für ſie kein Recht und keine Hilfe zu finden, wieder Leſer ebenfalls hernach zu ſeiner Befriedigung erfahren ſoll. Doch ſiehe, die Noth ſchien ſich unerwartet zu wenden, denn die Bedrücker machten Mienen, die Lutheriſch Geſinnten freundlicher, als je zuvor zu behandeln. Der Kanzler Röll, den wir bereits kennen, brach plötzlich mit zwei Begleitern von Salzburg auf und zog von Amt zu Amt um die Namen und das Vermögen der Lutheriſchen aufzuſchreiben und ihre Beſchwerden zu verneh— men. ſie an, mit den ſanfteſten Worten redete er zu ihnen, ja er gab ihnen ſogar die Erlaubnis, einſtweilen nach ihrer Weiſe in ihren Häuſern Gottesdienſt zu halten und machte ihnen über⸗ haupt die erfreulichſten Verſprechungen für die Zukunft. Bewunderung und Entzücken be⸗ mächtigte ſich der argloſen Gemüther bei einer ſolchen Behandlung vom Miniſter des Staats. Aus den entfernteſten Hütten liefen ſie freiwillig herzu und drängten ſich, ihre Namen und Güter aufſchreiben zu laſſen. Sie dachten an nichts Arges; ſie ſahen in goldene Tage der Zukunft und ihre lang gedrückten Herzen athmeten wieder leicht und froh. Uns aber iſt es nicht ſchwer, den Wolf unter dem Schafskleide zu entdecken. Als der Kanzler am Ende ſeines Zuges war, ſtanden 20, 678 Perſonen und darunter 850 reiche Familien auf ſeiner Liſte, darob er ſelber erſtaunte. Nun warf er aber das Schafskleid ab. Kaum war er wieder durch das Thor der Hauptſtadt eingezogen, ſo war jede Verwilligung aufgehoben, jede Verheißung Lügen geſtraft. Die alten Plagen und Schreckniſſe erneuerten ſich und nun konnte Niemand mehr ſeinen Glauben und ſeine Habe verheimlichen. Fürwahr ein bitterböſer, giftiger, teufliſcher Scherz, den der Kanzler mit den armen Lutheranern getrieben hatte. — In Folge des ſchwand nun aus den getäuſch⸗ ten Gemüthern alle Hoffnung auf eine beſſere Zeit im Vaterlande und der Gedanke, welcher ſchon früher in ihnen aufgeſtiegen war, wurde zum feſten Entſchluß, nämlich auszuwan⸗ dern und unter einem andern Himmelsſtrich eine Stätte der Freiheit und des Friedens zu ſuchen. Zwar iſt uns allen ein mächtiges Ge⸗ fühl der Anhänglichkeit an den Boden eigen, wo wir geboren wurden und die harmloſe Jugendzeit verlebten; bei Gebirgsbewohnern iſt aber dies Gefühl noch viel mächtiger, alſo daß z. B. be— kanntermaßen mancher Schweizer im Auslande eine unüberwindliche Sehnſucht nach ſeinen hei⸗ mathlichen Bergen bekommen hat, und geſtorben ſein würde, wäre er nicht in dieſelben zurückge⸗ kehrt. Kein Wunder, daß der Entſchluß zur Auswanderung in unſern guten Salzburgern nur unter bitteren Schmerzen reifen konnte, daß ſie nur mit thränenvollen Augen zu ihren grünen Almen aufſahen und durch ihre quellenreichen Gründe wandelten, wenn ſie ſichs lebhaft vor— ſtellten, auf immer von ihnen ſcheiden zu müſſen. Doch die Liebe zu Gottes Wort und zur ewigen Heimath machte ſie ſtark, den Entſchluß zur Trennung von der irdiſchen Heimath zu faſſen Mit der größten Freundlichkeit hoͤrte er und,*wie wir ſpäter hören werden, Ramba ö auszuführen. Die evangeliſchen Gemeinden bekabraclen ſich jetzt, ihre frömmſten und weiſeſten Männel. an einem beſtimmten Tage zu einer großen Be⸗ rathung zuſammenzuſchicken. Am Sonntage vor St. Lorenz mit dem früheſten Morgen ſtiegen mehr als hundert Männer von allen Seiten über die Felſenwege in die Schwarzach, einem einſamen Orte am Salzachgrunde, herab. Tieft Stille ſchwebte über ihrem Kreiſe, ſie entblößten ihre Häupter und falteten ihre Hände. In der Mitte der Verſammlung ſtand ein großes Salz⸗ faß. Um vieſes kniecten ſie nieder, tauchten die benetzten Finger in das Salz und hoben ihrs Rechte zum Himmel empor. dem dreieinigen Gott: daß ſie am luthe⸗ riſchen Glauben im Leben und Sterben unverbrüchlich halten und ſich in ihrem gemeinſamen Elende brüderliche Liebe und unerſchütter⸗ liche Treue beweiſen wollten. Dann verſchluckten ſie unter ſtillen Thränen das Salh zum Denkmal ihres Bundes. Salz nahmen ſie zu dieſer feierlichen Handlung vielleicht einmal ſchon darum, weil es das ſchätzbarſte Erzeugnis des Salzburger Landes iſt; dann aber konntt es zu einem ſchönen Sinnbilde dienen, wie ihr jetziges Beginnen zwar etwas ſehr Bitteres, aber doch etwas Nothwendiges und ſehr Heilſames ſei; vornehmlich aber wollten ſie damit wohl das Dauernde, das Unverwesliche ihres Bundes bezeichnen, wie ja auch ſchon in der h. Schrift der feſte Bund zwiſchen Gott und Iſrael ein Salzbund heißt. 4. Moſe 18, 19. 2. Chron 13, 5. Hierauf hielten ſie Rath, wie ſie ihren gegenwärtigen Jammer möglichſt mil⸗ dern und wie ſie für die Zukunft ſorgen wollten. geordnete an die proteſtantiſchen Fürſten Deutſch⸗ lands zu ſchicken, um von ihnen Schutz für ihre Auswanderung und neue Wohnſitze zu erbitten. Das iſt der große Rath oder der Salzbund vom 5. Auguſt 1731. Die nächſte Folge desſelben bei denLutheriſchen war, daß der Geiſt des gemeinſam angerufenen Gottes ihre Seelen noch inniger verband und im Gefühle einer gemeinſchaftlichen heiligen Sacht mächtig ſtärkte. Freier und muthiger als irgend vorher traten ſie nun mit ihrem Bekenntniſſe zu dem lauteren Wort Gottes hervor; offener und zahlreicher, als je vordem hielten ſie ihre religi⸗ öſen Zuſammenkünfte und in Ermangelung der Glocken wurden durch Schüſſe und Trommeln die Zeichen zur Verſammlung gegeben. Die nächſte Folge von dem Allen aber bei der Regierung war, daß ſie alsbald eine neue Schaar Soldaten abſendete, die Häuptlinge der Ruheſtörer, wie ſie immer mehr verſchrieen wurden, gefangen zu nehmen. Die Rachricht davon lief vor den Soldaten her von Gericht zu Gericht. Angſt und Schrecken trieb die Lutheri⸗ ſchen auf, ſie drängten ſich in den Gebirgen hinauf zu einer großen Menge. Aber in der Gemeinſchaft wuchs wiederum ihr Muth; ſie hielten Waffen bereit; die Gefahr gab ihnen Sie ſchwuren zu Und ſie kamen in dieſem Letzteren überein, Ab⸗