# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1846 03 21_S57 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Der Lutheraner. „Gottes Wort und Luthers Lehr' vergehet nun und nimmermehr.“ Herausgegeben von C. F. W. Walther. Jahrgang 2. St. Louis, Mo., den 21. März 1846. No. 15. Bedingungen: Der Lutheraner erscheint alle zwei Wochen einmal für den Subscriptionspreis von Einem Dollar für die auswärtigen Unterschreiber, welche davon die Hälfte vorauszubezahlen und das Postgeld zu tragen haben. — In St. Louis wird jede einzelne Nummer für 5 Cents verkauft. (Eingesandt von Pastor Keyl.) Säcularfeier des Todes Luthers. (Fortsetzung.) Luthers letzte Stunden und seliges Ende. Wir kommen nun zur Betrachtung seines letzten Lebenstages, seiner letzten Stunden und seines seligen Endes, wie solches alles namentlich in dem Schreiben Dr. Jonas' an den Churfürsten und in seinem und M. Cölius' Bericht von Lutheri Absterben, als von treuen Augenzeugen, erzählt wird. Ersteres steht in Luthers Werken nur in Walchs Ausg. XXI, 274 * fl., letzterer ebendaselbst 280 * fl., so wie in der Leipziger XXI, 693, in der Altenburger VIII, 847, in der Jenaer VIII, 383 oder 421 und in der Wittenberger XII, 460. Die nöthigen Ergänzungen sind größtentheils aus J. G. Walters Nachrichten von den letzten Thaten und Lebensgeschichten Luthers genommen worden. Während der drei Wochen, daß sich Luther zu Eisleben aufhielt, befand er sich ziemlich wohl, so daß er den Vergleichsunterhandlungen beiwohnen, viermal predigen, zwei Ordinationen verrichten, mehrere Briefe und Aufsätze schreiben und sonst andere Geschäfte besorgen konnte; er konnte alle Mittage und Abende an der Mahlzeit Theil nehmen und lobte auch sonderlich Speise und Trank, wie es ihm wohlschmeckte in seinem Vaterlande. Er konnte auch alle Nächte ziemlich gut schlafen und ruhen, und seine beiden Söhne, seine Freunde und Diener, die mit in seiner Kammer schliefen, sorgten alle Abende treulich dafür, daß seine Betten jedesmal wohl gewärmt wurden; seinen Freunden Jonas und Cölius gab er alle Abend fröhlich gute Nacht, oft mit diesen Worten: „Betet für unsern HErrn Gott, daß es ihm mit seiner Kirchen-Sache wohl gehe. Das Concilium zu Trient zürnet sehr.“ Nachdem er nun die ganze Zeit über an den Unterhandlungen regelmäßig Antheil genommen hatte und zwar jedesmal 1—1½ Stunde lang, so baten ihn alle, insonderheit auch die Fürsten und Grafen, dies nicht mehr zu thun, sondern seiner zu schonen; er ging demnach Mittwochs den 17. Febr. zum erstenmale nicht mit in die größere Unterstube, worin jene Zusammenkünfte gehalten wurden, sondern blieb in seiner Oberstube und lag entweder auf einem Ruhebett, oder ging auf und ab, zuweilen sah er zum Fenster hinaus und betete so emsig, daß es die, welche bei ihm waren, gehöret haben. Abends vor dem Essen fing er an zu klagen, es drücke ihn auf der Brust, komme aber noch nicht zum Herzen, und als man ihn auf sein Begehren mit warmen Tüchern gerieben, sagte er, das Drücken lasse ein wenig nach; hierauf ist er dennoch in das größere Zimmer zum Abendessen gegangen, wobei er gesagt: Allein seyn bringt nicht Fröhlichkeit; Prd. Sal. 4, 4.; er genoß noch Speise und Trank wie sonst und war dabei fröhlich. Bei dieser seiner letzten Abendmahlzeit hat er aber auch viele wichtige Reden vom Tode und ewigen Leben geführt und unter andern gesagt: „Ach lieber Gott, 20 Jahre ist eine geringe Zeit, noch macht die kleine Zeit die Welt wüst, wenn Mann und Weib nicht nach Gottes Geschöpf und Ordnung zusammenkämen; wie gar ists eitel Creatio (Erschaffung): Gott sammelt ihm seine christliche Kirche ein groß Theil aus den kleinen Kindern. Denn ich glaube, wenn ein Kind von einem Jahr stirbt, daß allezeit tausend oder zweitausend jährige Kinder mit ihm sterben. Aber wenn ich Dr. Martinus Dreysechziger sterbe, so halt ich nicht, daß ihr sechzig oder hundert durch die Welt mit mir sterben; denn die Welt wird jetzund nicht alt. Wolan wir Alten müssen darum so lang leben, daß wir dem Teufel in Hintern sehen, so viel Bosheit, Untreu, Elend der Welt erfahren, auf daß wir Zeugen seyn, daß der Teufel ein so böser Geist gewesen. Menschlich Geschlecht ist wie ein Schafstall der Schlachtschafe.“ Den vorletzten Satz hat Seckendorf gründlich gegen die Lästerungen, welche Cochläus dagegen erhoben, vertheidigt. Denn obgleich diese Worte als unter lauter guten Freunden etwas frei geredet wären, so sey doch der Manchem anstößige Ausdruck zu Luthers Zeit üblich gewesen und beziehe sich vielleicht auf eine satanische Erscheinung, die er kurz zuvor gehabt habe. Mit jenem Ausdruck hat Luther aber nichts anders bezeichnen wollen als die Trübsal der Kinder Gottes, daß sie, je länger sie leben, je mehr teuflische Bosheit und Gewalt erfahren müssen. Auch gedachte Luther an jenem letzten Abend über Tische dieser Frage, „ob wir in jener seligen künftigen ewigen Versammlung und Kirchen auch einander kennen würden;“ und da ihn seine Freunde um Beantwortung dieser wichtigen Frage baten, erwiderte er: „Wie thät Adam? er hat Evam sein Lebtag nicht gesehen, lag da und schlief: als er aber aufwachte, da saget er nicht, wo kommst du her? was bist du? sondern: das Fleisch ist von meinem Fleisch, und das Bein von meinen Beinen genommen. Woher wußte er das, daß das Weib aus keinem Stein gesprungen wäre? Daher geschah es, daß er des heiligen Geistes voll, und im wahrhaftigen Erkenntniß Gottes war. Zu dem Erkenntniß und Bild werden wir in jenem Leben wiederum in Christo erneuert, daß wir Vater, Mutter und uns untereinander kennen werden, von Angesicht besser, denn wie Adam und Eva.“ Nicht lange nach diesen Worten stand Luther von der Mahlzeit auf und ging allein hinauf in seine Stube und bot Jedem, den er im Weggehen antraf, auch zuletzt den Dienstboten mit Darreichung seiner Hand, wie er immer zu thun pflegte, eine gute Nacht. Dies geschah um 8 Uhr. Es folgten ihm seine beiden jüngern Söhne, Martinus und Paulus, und M. Cölius, und er verrichtete wie gewöhnlich sein Gebet am Fenster, welches J. Sickel, des Dr. Jonas Famulus, aufgezeichnet hat und das also lautet: „HErr Gott, himmlischer Vater, ich rufe dich an, in dem Namen deines lieben Sohnes, unsers HErrn JEsu Christi, den ich durch deine Gnade bekennet und geprediget habe, du wollest mich, nach deiner Zusage, zu deines Namens Ehre gnädiglich auch in diesem erhören, nachdem du mir nach deiner großen Barmherzigkeit, nach deinem gnädigen Willen, geoffenbaret hast den großen Abfall und Finsterniß des Pabsts für deinem heiligen Tage, welcher nicht ferne, sondern für der Thür ist, so auf das Licht des Evangelii erfolgen soll, und jetzo in aller Welt angehet, du wollest doch die Kirche meines lieben Vaterlandes bis zum Ende ohne Abfall, in reiner Wahrheit und Beständigkeit rechter Bekenntniß deines Worts gnädiglich erhalten, auf daß die ganze Welt überzeuget werde, daß du mich darum gesandt hast. Ach lieber HErr Gott. Amen. Amen!“ Als Cölius unterdessen wieder herabgegangen und Aurifaber in Luthers Stube getreten war, hat er gesagt: „Mir wird aber weh und bange, wie zuvor um die Brust.“ Da rieth ihm Aurifaber geschabtes Einhorn zu nehmen was den jungen Grafen, deren Hauslehrer er