# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1853 11 10_S38 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) * nicht durch gewiſſe Zauberformeln römiſcher Prie⸗ ſter, wird ja eben eine Kirche eingeweiht, daher denn auch jenes bekanntlich Brauch bei unſern Vätern geweſen iſt. Die Ordnung war kurz dieſe. Der Unter⸗ zeichnete ſprach zuerſt in dem bisher benutzten Hauskirchlein, anknüpfend an Ebr. 13, 14.: „Denn wir haben hier keine bleibende Stätte,“ u. ſ. w. einige Abſchiedswte nach dem Geſan— ge des Verſes: „Unſern Ausgang ſegne Gott, u. ſ. w. mit Vater Unſer. Darnach walleten wir in langem geordneten Zuge dem nahen, auf einem Hügel liegenden Kirchlein zu, voran die heiligen Gefäße und unſere Waffen: Das Wort Gottes, die Agende und das Geſangbuch. So zog vor uns her, wenn auch nicht ſichtbar in der Wolken⸗ und Feuerſäule, wie vor dem Volke Israel, der HErr in Seinem Wort. Vor der Kirchthür erſcholl weithin mit Poſaunengetön das Lied: „Nun danket alle Gott,“ ꝛc. So⸗ dann zogen wir ein. Es war in der Kirche, wie auch außen an den Thüren und Fenſtern alles beſetzt. Dem Weihgebet folgte der Beicht⸗ gottesdienſt, der von Herrn Paſtor Keyl aus Baltimore gehalten wurde. Herr Paſtor Nord⸗ mann in Washington City, der viel für den Kirchenbau gethan hatte, konnte leider nicht an⸗ weſend ſein. Der Gottesdienſt wurde liturgiſch gehalten. Bedeutend gehoben und geſchmückt wurde die ganze Feierlichkeit durch die Auffüh— rung des dazu neu eingeübten Muſik- und Ge⸗ ſangſtückes: „Die kirchlichen Feſte,“ von A. Bergt, durch den kirchlichen Muſik-und Sänger⸗ chor der Gemeinde zu Baltimore. Es war dies Muſikſtück eben ſo paſſend gewählt, als mit an⸗ zuerkennender Genauigkeit und Innigkeit von den Betheiligten vorgetragen. Darnach und nach dem übrigen hierher Gehörigen folgte die Predigt über das Sonntagsevangelium, eben⸗ falls von Herrn Paſtor Keyl gehalten, worin derſelbe mit mehrfacher Beziehung auf das Feſt davon handelte: Wie der HErr Chriſtus jetzt noch mächtig ſei in Thaten und Worten, und zwar 1. in Thaten, und 2. in Worten. Möge der dreieinige Gott das Zeugniß Seines Knech⸗ tes an vieler Herzen ſegnen zum ewigen Leben! — Darnach wurden wieder von dem Valtimorer Sängerchor allein, einige Verſe des köſtlichen Liedes: „Macht hoch die Thür, die Thor' macht weit“ ꝛc., Nr. 31 unſeres Geſangbuches, mit er⸗ geifender Anmuth und Friſche, vierſtimmig mit Solo's vorgetragen. Hierauf folgte die Feier des heil. Abendmahls und dann noch eine Tau⸗ fe, worauf wir mit Geſang und ſtillem Gebet den Gottesdienſt ſchloſſen und das Gotteshaus verließen, um uns noch in chriſtlicher Gemein— ſchaft gegenſeitig zu erquicken. Wir danken allen Gäſten für ihre freundliche Theilnahme, namentlich aber den werthen Freun⸗ den, die durch ihre gütige Mitwirkung uns ſtärk⸗ ten und erfreuten. Daß wir überhaupt Kirch⸗ weihe feiern, und ſo feiern konnten, war auch ein mächtiges Zeugniß gegen unſere mancherlei Feinde; dieſelben konnten hören und ſehen, ja es mit Händen greifen, daß das lutheriſche Häuf⸗ lein, „ein arm gering Volk“—Zephanja 3, 12. —doch nicht allein daſtehe, und daß alle Feind⸗ ſchaft und Bitterkeit weder das ſtrafende Zeug⸗ niß der Knechte Chriſti, noch die Bekenner der reinen Lehre an dieſem Ort hisher zu vertilgen vermochten. Der barmherzige Hüter Israels wolle dieſen Anfang zu einem ſchönen Siege hin⸗ ausführen und unſere in der Nͤähe wohnenden Stammesgenoſſen, deren viele unſere Verſamm⸗ lungen bisher verließen und die Predigt gering achteten, herzubringen; denn „es iſt ja noch Raum da,“ auch für ſie, wie Chriſtus ſpricht. Er wolle es thun, hier und aller Orten, und das — 36 — ſtille Seufzen derer, die oft auf Hoffnung wider Hoffnung ausſtreuen, erhören, auf daß bald auch hier Vieler Zeugen jauchzen: „Aus Zion bricht an der ſchöne Glanz Gottes!“ Pſ. 50, 2. Wir grüßen Euch Alle. die Ihr mit uns Glie⸗ der an dem Einem Leibe ſeid, betet für uns und mit uns, liebe Brüder! Dem aber, der über⸗ ſchwänglich thun kann, über Alles, was wir bit— ten und verſtehen, Dem ſei Ehre in der Gemein⸗ de, die in Chriſto Jeſu iſt, zu allen Zeiten und in Ewigkeit! Amen. M. W. Sommer, Paſtor. ö (Eingeſandt für den „Lutheraner.“) Der politiſche Veitstanz im Jahre 1848, von Dr. Kerner. Im Jahre des Herrn 1848 verbreitete ſich im Monat März von Frankreich herkommend, über Deutſchland eine eigenthümliche Tollheit, die ſie den politiſchen Veitstanz, auch das Märzfieber nannten. Dieſe anſteckende Seuche verſchonte kein Alter und Geſchlecht; Männer, Frauen, Jünglinge und Mädchen wurden davon befal⸗ len; beſonders herrſchte ſolche Seuche in den Städten, wo vorher Aufwand und Wohlleben unter den Gewerbsleuten geherrſcht, da ſie viele Gelegenheit zum Verdienſt hatten in ſo vielen Jahren der Ruhe und des Friedens. Weniger herrſcht ſie unter Landbewohnern, den Weingärt⸗ nern und Bauern, die emſig bei aller Entbeh⸗ rung ihrem Geſchäfte nachgingen und der Na⸗ tur treu blieben. ö ö Der Anfall war ſo, daß man glauben mußte, die Menſchen hätten alle aus dem Taumelkelch, von dem Jeſaias ſchreibt, getrunken. Sie zo⸗ gen in ſalchem Taumel haufenweis in Schen— ken und auch in das Freie, wo ſie ſich in großer Anzahl verſammelten, ſprangen auf Tiſche, Bänke und Fäſſer und ergoſſen ſich in exaltirten Reden mit Worten, von denen die nachſtehen⸗ den ſich am meiſten in damaliger Zeit in Rede und Schrift wiederholten, als: „Märzerrungen⸗ ſchaften,“ „breiteſte Unterlage,“ „Volks ſouverä⸗ nität,“ „Hecker hoch!“ „der Zeit Rechnung tra— gen,“ „Gut und Blut,“ „Neuzeit,“ „wie Ein Mann,“ „Geſinnungstüchtigkeit,“ „Zeitbewußt⸗ ſein,“ „Volksverräther,“ „Sondergelüſte,“ „In⸗ terpellationen,“ „Reaetion“ ꝛc. Beſonders auffallend war, daß die Geſichts⸗ züge der von dieſer geiſtigen Seuche Befallenen in kurzer Zeit eine merkliche Veränderung er— litten. Manche die früher ganz mager waren, beka⸗ men auf einmal dicke, aufgeblaſene Backen, rothe Naſen und funkelnde, oft auch triefende Augen. Sehr Vieler Geſicht bedeckte ſich auch ſchnell ganz mit Haaren, die vom Kinn oft in einen langen oft rothen Bart ausliefen, und ſo kam es, daß oft der Vater den Sohn, der Freund den Freund nicht mehr erkannte; denn bei Vielen veränderte ſich dadurch ganz ihr Menſchenantlitz und nahm das Anſehen eines Waldteufels an. Je länger und ſtruppiger Bart und Haare ei⸗ nem ſolchen ſtanden, je ſtärker war er von dieſer Seuche ergriffen, ließ er ſich Bart und Haar ſtu⸗ czen, ſo war dieß ſchon ein Zeichen anfangender *9 · Reconvalescenz (Beſſerung), nahm er ſich aber den Bart gänzlich ab, ſo durfte man zuverläßig darauf rechnen, daß ihn das Uebel dauernd ver— laſſen. Dieſe Bemerkung wurde auch nach der Be— ſtätigung mehrerer Irrenärzte an gewöhnlichen Irren gemacht, namentlich daß das erſte Zeichen ihrer Beſſerung darin beſteht, daß ſie ſich ihre Bärte abnehmen laſſen. Wunderbare Gelüſte zeigten ſich in dieſer Krankheit, ſogar bei Knaben, nach Federn von Hahnen, die ſie auf die Hüte ſteckten, und war die Vrrfolgung dieſer Thiere damals ſehr groß. Denjenigen, die von dieſer Seuche auf's äußer⸗ ſte ergriffen waren, wuchſen rothe Kämme, wie den Hahnen, und beſonders war ihnen die rothe Farbe ein heftiges Begehren, weßwegen ſie auch oftmals rothe Fahnen vor ſich hertragen ließen, doch ſteigerte dieſe Farbe, wie bei den wälſchen Hahnen geſchieht, ihren Taumel und ſie verfie⸗ len dadurch in Raubluſt und Blutgier, ſprachen irre von Köpfmaſchinen und Beraubung des Adels und der Reichen. Andere ſchrien ſehr ge⸗ waltig nach Gewehren und Säbeln, ſogar nach Kanonen und marſchirten in allerlei Anzügen unter Trommelſchlag und. Kriegsgeſang in den Gaſſen der Stadt und auf den Viehweiden um⸗ her mit dem Geſchrei: „Gut und Blut!“ und: „wie Ein Mann!“ Zu dieſer Zeit gab es mit dem Schießen viel Unglück, weil die Bäcker und Schneider die Führung der Waffen noch nicht kannten, wodurch ſie ſich oder die Naheſtehenden oft ohne Willen verletzten. Ein immerwähren⸗ des Trommeln verſcheuchte alle Singvögel. Andere von dieſer Seuche Ergriffene verließen ihre Geſchäfte und ſtanden in den Straßen um— her, als warteten ſie auf Dinge, die da kommen ſollten und doch nicht kommen wollten. Alle Geſchäfte ruhten und ſo auch Handel und Wan⸗ del, während die ſo Befallenen auf den Stra⸗ ßen und in den Schenken ſich aufhaltend, über Gewerbloſigkeit (ſelbſt nichts mehr ſchaffend) rasten. Oft auch geſchah es, daß Solche, in großer Gemeinſchaft anderer auch ſo Befallener, bei Nacht in den Straßen, mit Gießkannen, Koch⸗ häfen, Feuerzangen, Kühglocken und Kübeln he⸗ rumzogen und dieſe im furchtbarſten Geſchmetter und unter Miauen (Katzengeſchrei) vor den Häu⸗ ſern derer ertönen ließen, die in Reden oder in Zeitſchriften Mittel zur Unterdrückung dieſer heil— loſen Seuche angegeben hatten, und nannte man damals dieſe nächtlichen wahnſinnigen Aufzüge „Katzenmuſiken.“ Aber nicht blos Handwerksleute und gewöhn⸗ liche Bürger ergriff dieſe Seuche, ſie wüthete auch unter andern Ständen, und namentlich be— ſonders unter dem Stande der Advokaten, haupt⸗ ſächlich wenn dieſelben jüdiſchen Stammes wa— ren. Die Redekunſt und die Schwatzhaftigkeit ſolcher wurde durch dieſe Seuche auf das fürch— terlichſte geſteigert und es waren dieſe der An⸗ ſteckung wegen, die am häufigſten von ihen aus⸗ ging, hauptſächlich gefährlich. Da in den vor— angegangenen Jahren auch eine ſonſt nie geſe⸗ hene auffallende Seuche unter die Kartoffeln ge— kommen gar, ſo nannte man jene die Menſchen —