# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1853 09 23_S24 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Episkopalverfaſſung, ſuchte man ein⸗ müthig, in der Ueberzeugung, daß eine ſo wichti⸗ ge und folgenreiche, und doch nicht unbedingt nothwendige Veränderung der Kirchenverfaſſung bei dem nachfolgenden, alſo auch keineswegs ent⸗ ſchiedenen Streite, zu früh und gefährlich ſei, das Beſtehende zu erhalten. Unſere Verfaſſung, ein dauernd gewähltes Oberkirchencollegium mit geiſtlichen und weltlichen Räthen und Superin⸗ tendenten, wird Ihnen bekannt ſein. Durch zu großes Gewichtlegen auf die Amtsfrage, durch Hervorheben der Lehre von den Sacramenten ſind einige unſerer Amtsbrüder in Anfechtungen von Romanismus gerathen, wie der ſelige Kir⸗ chenrath Wedemann in Breslau. . ... Ein Pa⸗ ſtor Haſert in Bunzlau, iſt während der Synode zur römiſchen Kirche abgefallen, ohne daß dies in ſeiner Gemeinde oder ſonſt ähnliche Schritte zur Folge gehabt hätte. Der Streit über die Amtsfrage wird ruhiger und beginnt ſich zu klä— ren. Daß Höfling als Oberconſiſtorialrath in München plötzlich am Herzſchlag geſtorben iſt, wird Ihnen wöͤhl bekannt ſein. Walther's Buch über Kirche und Amt habe ich auch, ob⸗ gleich flüchtig geleſen. Ein Urtheil über das Reſultat wage ich nicht zu geben, weil ich es nicht genau genug geleſen habe; im weſentlichen kann ich wohl zuſtimmen. Mit unſeren Gemeinden will es nicht mehr recht vorwärts gehen. Die unirte Kirche macht alle möglichen Conceſſionen, um die zur lutheri⸗ ſchen Kirche ſich hinneigenden Geiſtlichen und Gemeinden zu behalten, daher iſt der im vorigen Jahre erfolgte Uebertritt des Paſtor Haver in Nade vorm Wald, welcher bekanntlich im vorigen Herbſt meuchelmörderiſch erſchoſſen wurde, der letzte geweſen. Doch iſt das Zunehmen des Ei⸗ ſers für das lutheriſche Bekenntniß unter den Geiſtlichen ein ſehr erfreuliches Zeichen vom Siege der lutheriſchen Wahrheit. In Gegen— den, wo lutheriſche Gemeinden beſtehen, ſucht man nur ſolche Geiſtliche anzuſtellen, die ſich dem lutheriſchen Bekenntniß zuneigen, auch die alte lutheriſche Liturgie im Gottesdienſt wieder ein⸗ zuführen, und der Name „evangeliſch-lutheriſch“ wird den Gemeinden und Geiſtlichen, die es be⸗ gehren, wieder beigelegt, ohne daß die Union aufgehoben oder ſonſt eine weſentliche Verände⸗ rung eingeführt würde. ö Unirtes Regiment und unirte Kirchengemein— ſchaft bleiben nach, wie vor. Meine unirten Amtsnachbarn lutheriſcher Färbung mehren ſich, und in unſerem ganzen Kreiſe und in der Nähe iſt die alte lutheriſche Agende wieder eingeführt. Mit einigen ſtehe ich in freundlichem Verkehr und ſuche mit ihnen über ihre verkehrte Stellung zu ſprechen. Die Uebertritte in unſerer Gemein— de und überhaupt in Schleſien ſind nur noch einzelne Seelen. Möglich, daß vielleicht ſpäter, wenn das unirte Lutherthum nicht mehr befrie⸗ digt, mehr zur Erkenntniß der reinen Kirche kom⸗ men. Doch iſt nicht der einzige Grund der Stockung das Verhalten der unirten Kirche ge⸗ gen die lutheriſchen Regungen innerhalb ih— rer ſelbſt, ſondern hauptſächlich die Abnahme des geiſtlichen Lebens in den Gemeinden, der Verfall der Bruderliebe, das Trachten nach dem Irdiſchen, die Verweltlichung, die ſeit dem Auf⸗ — 22— hören der Verfolgungen, wodurch die Kirche ſehr geläutert wurde, eingetreten ſind, und welche bet der letzten Spynode in allgemeinen Klagen laut geworden, den Anlaß zu einem Bußſchreiben an alle Gemeinden gegeben hat. Eine allgemeine Buße iſt aber auf dies Schreiben ſo wenig er⸗ folgt, als auf die von allen Geiſtlichen dringend ausgehenden Bußſchreiben; der Zuſtand der Kirche hier zu Lande bietet nur traurige Aus— ſichten für die Zukunft; ich kann nichts anderes erwarten, als ernſte Strafgerichte Gottes, die am Ende mit gänzlichem Untergange der wahren Kirche hier zu Lande enden. Die allenthalben beim Erwachen des kirchlichen Sinns gehegten Jugendträume von einer beginnenden neuen Blüthezeit für die lutheriſche Kirche ſcheinen all— mählig zu ſchwinden; ſie wird wohl in Knechts— geſtalt weiter hingehen müßen. Die Landeskir⸗ chen, auch die bayriſche, ſind in hoffnungsloſem Zuſtand, und das Verderben der ganzen Kirche, die großen Maſſen der Ungläubigen und Feinde, welche innerhalb der Kirche ſtehen, werden alle Verſuche der Beſſerung vereiteln, wenn auch Harleß und viele treue Geiſtliche und Laien al⸗ len Fleiß aufbieten. Ich glaube, daß gewiß auch die Landeskirchen in Trümmern gehen müſſen, und daß die Kirche überall das Gewand annehmen wird, wie bei uns. Dabei macht ſich die römiſche Kirche im⸗ mer breiter; ſie bietet alle Mittel auf, Preußen für das Pabſtthum wieder zu erobern. Fort⸗ während werden Jeſuitenmiſſionen allenthalben gehalten. Sie macht namentlich in Breslau viele Proſelyten, wenn auch gerade nicht unter den Gläubigſten. Große Liſt, lockende Unterſtü— tzungen ſind die Netze des päbſtlichen Fiſchzugs. Weltlich geſinntes Volk und unpraktiſche, in der Idee lebende, im Glauben unerfahrene Gebildete ſind ihre Beute. Auch der lutheriſchen Gemeinde in Breslau hat die römiſche Kirche im vergange— nen Jahre einige, freilich wenig bedeutende Glie— der entriſſen. . . . . Unſere Kirche iſt zwar aner⸗ kannt, doch noch unter manchem Druck. Der fi⸗ rirte Zehnten muß überall noch an unirte Geiſt— liche entrichtet werden, auch noch an vielen Or— ten andere Abgaben, wo auch Römiſche daz verpflichtet ſind, und es koſtet oft Prozeſſe, um von Laſten, die den Lutheranern ohne Recht auf— gebürvet ſind, loszuhommen. Zur Inſpektion unſerer Schulen werden unirte Geiſtliche beauf— tragt und beim Beſuch unſerer Schulen von auswärtigen Kindern, ſind dieſe auch zur Ent— richtung des firirten Schulgeldes an ihre Orts⸗ ſchule verpflichtet. —Wenn bei uns die Noth⸗ ſtände ſo groß ſind, und ich habe ſie hier noch nicht von allen Seiten geſchildert, da möchten wir gerne vertrauensvoll nach Amerika blicken. Allein alle Nachrichten aus Amerika zeigen, daß es dort nicht beſſer ſteht, als hier, und ich ver⸗ muthe, daß die Bruderliebe in Ihren Gemein— den noch viel geringer, und das Trachten nach dem Irdiſchen noch viel größer ſei, als bei uns. Denn wenn ich hören muß, daß Leute von dort, auch aus der lutheriſchen Gemeinde, mit dem ihnen gebotenen Auskommen unzufrieden, nach den Goldgruben Californiens und Braſiliens wandern, iſt das freilich ein für uns Deutſche noch unbegreifliches Trachten nach dem vergäng— lichen Reichthum. 7 ——— — Und ſo befehle ich mich denn Ihrer ferneren Liebe, grüße im Geiſte Ihre Gemeinde und alle theuern Amtsbrüder in Wisconſin und bleibe durch das Band Eines Glaubens und im gemeinſamen Dienſt an Einer Kirche, mit der Bitte, daß der HErr Sie und alle Brüder über dem Ocean ſegnen wolle, Ihr u. ſ. w. +) O daß wir doch hier in Amerika über den böſen Na⸗ men, den wir hierr ath in Deutſchlaud haben, herzlich er ſchrä⸗ cken und Buße thäten! ‚ 5. K. *— Die fromme Frau und die gute Taſſe. Der ſelige Paſtor Schöner in Nürnberg wurde einſt zu einer bekannten Frau geru⸗ fen, welche dem Tode nahe war, ohne ihn zu füh— len. Die Frau hatte in ihrem Leben zu den Selbſtgerechten gehört, hatte ſich zwar fleißig zur Kirche und zum Abendmahl eingefunden, hier⸗ mit aber auch nach ihrer Meinung Alles gethan, was nöthig ſei zum Seligwerden. Darum hatte ſie auch die Predigten des Pfarrer Schöner nie— mals gern hören mögen, denn dieſer, ſagte ſie, predige eigentlich nur für Sünder, nicht für from⸗ me Menſchen, und ſie wiſſe es auch von Vielen, die in ſeine Predigt gingen, daß ſie es, ſonſt wenigſtens, eben nicht genau genommen hätten mit der Tugend. Sie dächte immer, wer ſich in jeder Predigt einen Sünder könne nennen und zur Buße ermahnen laßen, der müße auch große Sünden begangen haben. Da nun Schöner zur Kranken kam, redete ihn dieſe gleich an: „Vor allen Dingen, Herr Pfar⸗ rer, muß ich Sie bitten, daß Sie mich nicht et— wa als eine Sünderin anſehen und mir nicht viel von Sünde und Buße ſprechen. gen habe ich Sie nicht rufen laßen. Ich habe in meinem Leben keine Sünde gethan, ich bin gottesfürchtig erzogen, habe faſt niemals eine Kirche verſäumt, bin auch immer gutthätig ge⸗ gen die Armen. Sagen Sie mir lieber ſonſt was Tröſtliches in meiner Krankheit. —„Glück— liche Frau,“ ſagte Schöner,“ die niemals eine Sünde gethan! Bisher kannte ich nur Einen, der von keiner Sünde wußte, das war unſer Hei⸗ Ich muß auch vor Gott A geſtehen, daß ich ein armer Sünder bin, daß ich land, Jeſus Chriſtus. nichts Gutes an mir zu rühmen weiß.“ Die Frau wurde über dieſe Rede etwas betroffen, brachte aber das Geſpräch auf etwas anderes. Indeß befahl ſie ihrer kleinen Pflegetochter, ein Tuch zu bringen und auf den Tiſch zu brei⸗ ten, an welchem der Herr Pfarrer Kaffee trinken ſollte. Das Kind wollte aber aus Vorwitz auch die Taſſe vom Schränkchen herunterlangen und ließ ſie fallen, daß ſie zerbrach. Darüber wurde die kranke Frau ſo zornig, daß ſich ihr Geſicht entſtellte und daß ſie gegen das Kind in ſehr un⸗ ziemliche Schimpfreden ausbrach. „Alles,“ ſagte ſie zuletzt, „macht ſie ungeſchickt und richtet einen Schaden nach dem andern an.“ Das Kind woll⸗X4 te ſich in Gegenwart des Herrn Pfarrers nicht ſo demüthigen laßen und ſagte, es ſei voch nicht ſo, es mache ſonſt Alles geſchickt und habe noch niemals einen Schaden angerichtet. „Sehet die Lügnerin,“ ſagte die Frau, „will ſich auch noch weiß brennen. Hätteſt Du nicht gelogen, ſo wär' Dir's verziehen, ſo aber geh gleich hinaus, Der Herr Pfarrer geh' mir aus den Augen. halten mir's zu gut, daß mich's ſo böſe macht. Es war die gute Taſſe. Hätte denn das böſe Kind nicht Jemand bitten können, daß er ſie ihm herunter hole! er ſei allein gut.“ „Liebe Frau,“ ſagte der Pfarrer, „ſollte das wohl auch Recht vor Gottes Augen und keine Denn deswe⸗ —— Immer aber denkt der Vorwitz, Sünde geweſen ſein, daß Ihr Euch ſo erzürnt