# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1853 09 23_S22 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Todesnachricht. Mit tiefbetrübtem Herzen entledigen wir uns hikmit der ſchweren Pflicht, die lieben Leſer von einem Todesfalle in Kenntniß zu ſetzen, der alle, welche unſer amerikaniſches Zion lieben, in um ſo tiefere Trauer verſetzt, je größer die Hoffnun— gen für dieſe unſere Kirche waren, die damit in das Grab ſinken. Dem unerforchlichen Gott hat es nehmlich ge— fallen, unſeren lieben jungen Bruder, Georg Volck, weiland Paſtor der deutſchen ev. luth. St. Johannis Gemeinde zu New-Orleans, im Staate Louiſiana, mitten aus ſeiner treuen, kaum begonnenen Arbeit durch einen ſanften und ſeligen Tod abzurufen und in die Hütten des Friedens und der Ruhe aufzunehmen. Aus einem, in der erſten Nummer dieſes Jahr— gangs zum Theil mitgetheilten, Schreiben un⸗ ſeres ſeligen Bruders haben die lieben Leſer be⸗ reits erfahren, daß derſelbe bis zum 15. vor. M. mitten unter den Verheerungen des gelben Fie⸗ bers um ihn her, und trotz der anſtrengendſten Arbeiten an den Betten der Kranken und Ster⸗ benden, durch Gottes Gnade des beſten Wohl⸗ ſeins ſich noch erfreute. Aus Briefen von ſpä⸗ teren Daten erfuhren wir, daß der theuere Mann auch in den darauf folgenden Wochen mit unge⸗ ſchwächter Kraft und Freudigkeit ſeinem Amte an Geſunden und Kranken obliegen konnte. Die Anzahl der in der Stadt Erkrankenden und Sterbenden fing, wie wir hier mit zitternder Freude laſen, an, ſich zu mindern. Es ſchien, daß ſich nun vielleicht bald das drohende Gewit— ter verzogen haben werde, das wir Über Hirt und Heerde ſchweben ſahen. Aber während wir eben meinten, nun bald ohne jene beſondere, be⸗ klemmende Sorge wieder frei aufathmen zu kön⸗ nen, da war es gerade, wo der HErr, der da ſpricht: „Eure Gedanken ſind nicht meine Ge⸗ danken, und eure Wege ſind nicht meine Wege,“ Anſtalten traf, ſeinen Knecht aus unſerer Mitte zu nehmen. Am 29. Auguſt hatte er ſich noch des Abends geſund und wohl zur Ruhe begeben. Am frühen Morgen aber folgenden Tages wird er geweckt, einen Kranken zu beſuchen, der durch ihn ſchon bei vorherigen Beſuchen aus ſeiner Sicherheit aufgeweckt und aufgeſchreckt worden war, und der nun in Sterbensnoth liegend, geiſt⸗ lichen Beiſtand begehrte, weil ihm um Troſt bange und in ihm mit voller Gewalt die Frage erwacht war: „Was ſoll ich unn thun, daß ich ſe⸗ lig werde?“ Während nun ſonſt unſer Volck, wie ihm dringend gerathen worden war, immer et⸗ was zu ſich genommen hatte, ehe er einen am gelben Fieber Darniederliegenden beſuchte, ſo war diesmal ſeine ganze Seele ſo ſehr von der Sorge für den rathloſen, erſchrockenen Sünder erfüllt, daß er, ohne jene Vorſichtsmaßregel erſt anzuwenden, ſogleich nüchtern, wie er war, zu demſelben eilte, um ihn in die Wunden Chriſti zu leiten. Es gelingt ihm. Hocherfreut ver— läßt er daher den in Chriſto getrott Gewordenen und theilt einem der Vorſteher der Gemeinde ſei⸗ ne große Freude über dieſe köſtliche Erſtlings⸗ frucht ſeiner Amtsarbeit mit. Hier hört er denn, zur Verdoppelung ſeiner Freude, daß wenige — 20̃— Stunden vorher ebenfalls zwei Seelen, von de⸗ nen die eine, ein Jüngling, auch erſt durch ſei⸗ nen Dienſt zur lebendigen Erkenntniß Jeſu Chriſti gekommen war, getroſt im wahren Glau⸗ ben in die ſelige Ewigkeit gegangen ſeien. Wäh— rend dieſes ganzen Tages wollte nun ein gewiſ⸗ ſer Todtengeruch nicht von ihm weichen, der von dem Augenblick an an ihm gehaftet, als er ſich über einen von innerlicher Fäulniß bereits ange— griffenen Kranken gebeugt hatte, um demſelben noch die letzten Worte evangeliſchen Troſtes zu— zurufen. Trotzdem hielt er aber noch an dem— ſelben Tage jenen beiden in der Nacht vorher Verſtorbenen die Leichenrede, die eine Morgens um acht, die andere Nachmittags um vier Uhr Völlig erſchöpft an Leib und Seele kam er endlich gegen Abend vom Gottesacker zurück, ſchrieb noch einen kurzen Brief—ſeinen letzten — an einen Zögling der hieſigen Anſtalt und begab ſich hierauf, etwas früher als gewöhnlich, zur Ruhe. In jenem letzten Briefe heißt es unter Andern: „Für jetzt ſind zwar alle meine Kran⸗ ken entweder geſtorben, oder beinahe geſund, aber wer weiß, was die bevorſtehende Nacht bringt!? „Deus providebit“ (Gott wird's verſehen.) Doch ich bin zu müde. Die Feder will nicht mehr in der Hand fort. Darum lebe wohl. Grüße Deine lieben Eltern und Mitſchüler herz— lich von Deinem G. Volck.“ — Am nächſten Morgen, den 31. Auguſt früh um 5 Uhr, weckt ihn ein Fieberſchauer. Er geht zu einem der Vorſteher, Herrn Hollan— der, der ihn ſogleich in ſein Haus auf- und mit ſeiner Gattin in ſorgſame Pflege nimmt, ſo⸗ gleich ihm ein Fußbad bereiten läßt und einen geſchickten Arzt herbeiruft. Der Arzt erſcheint auch ſogleich und erklärt zwar die Krankheit für das gelbe Fieber, ſpricht jed och die Hffonung aus, daß Gott, da die Krankheit nicht heftig auftrete, die Gefahr wohl bald werde vorüber gehen laſ⸗ ſen. Dieſe Hoffnung beſtätigt ſich jedoch, trotz aller angewendeten dienlichen Mittel und der aufmerkſamſten Pflege micht. Zwar iſt der Verlauf der Krankheit kein ſchneller, doch nimmt die Krankheit von Tag zu Tag an Heftigkeit zu, und als der 5. Tag der Krankheit kommt, iſt jede Spur von Hoffnung des Lebens verſchwunden. So ſchickt ſich denn der theuere Mann an, ſeine Seele den Händen ſeines Heilandes zu überlie— fern, bittet, dem Schreiber dieſes ſagen zu laſſen, derſelbe möge ſeinen Abſchied aus dieſer Welt ſei⸗ nem lieben Vater und ſeiner theuern Mutter mel— den, macht die Anordnung, daß ſeine Hinterlaſſen— ſchaft an Büchern und andern Sachen dem Con-⸗ cordia⸗-Collegium übermacht werden ſolle und ſagt dann,—es geſchah dies früh halb ſieben Uhr am 5. September — ſein Glaubensbekenntniß vor den Umſtehenden laut und vernehmlich her. Hierauf wendet er ſich an Hrn. Hollander mit der Frage: ob er ihm das Zeugniß geben könne, daß er ihnen die reine und lautere Lehre des Wortes Gottes verkündigt habe? Herr Hol— lander beantwortet dieſe Frage mit einem lau— ten, zuverſichtlichen „Jal“—worauf der Sterben— de, alle ſeine Kräfte zuſammenraffend, noch fol— genden 1. Vers aus dem 370. Liede unſeres Ge⸗ jangbuchs ſingt: „Schwing dich auf zu deinem Gott, „Du betrübte Seele! „Warum liegſt du, Gott zum Spott, „In der Schwermuthshöhle? „Merkſt du nicht des Satans Liſt? „Er will durch ſein Kämpfen „Deinen Troſt, den Jeſus Chriſt „Dir erworben, dämpfen.“ Schon zuvor hatte er aus dem 362. Geſange ausgerufen: „Ich bin ja doch dein liebes Kind, „Trotz Teufel, Welt und aller Sünd.“ ö Seine letzten Worte endlich ſind geweſen: „O Jeſu, du Sohn Gottes, erbarme dich meiner! O Jeſu, ſei mir armen Sünder gnädig.“ Worauf er denn auch, nämlich am genannten Tage frühf 8 314 Uhr, in dieſem ſeinem Jeſus, an den er im Leben geglaubt und den er mit Wort und That bekannt und treulich und eifrig gepredigt hatte, ſanft und ſelig entſchlafen, nachdem er ſein Le⸗ ben nicht höher gebracht, als auf 22 Jahre und nicht ganz drei Monate. Er hatte, zu einem Zeugniß ſeines Glaubens, ausdrücklich ſeinen Willen ausgeſprochen, nicht durch einen dortigen Prediger beſtattet zu werden. So übernahmen denn die Glieder der nun verwaiſten Gemeinden ſelbſt die feierliche Beſtattung des theuern Leich— nams. Nachdem ſie denſelben in einen Sarg gelegt und zu einem Zeugniß, was der Entſchla⸗ fene gelehrt, demſelben eine Bibel und einen Ka⸗ techismus beigelegt hatten, trugen ſie ihn nun unter lautem Weinen und Schluchzen zunächſt inj die Kirche, wo ſie ihn vor dem Altar niederſetz— ten. Rach dem Geſange des Liedes Nr. 430 unſeres Geſangbuches und nach Vorleſung des 40. Pſalmes hielt hierauf Hr. Hollander, von der Gemeinde dazu aufgefordert, eine kurze Re⸗ de, auf welche ſodann die feierliche Beerdigung auf dem proteſtantiſchen Kirchhofe, und zwarf auf dem Familienbegräbnißplatz Herrn Dr. Wolff's in Gegenwart einer nach den gegenwär⸗ tigen Umſtänden ſehr zahlreichen Verſammlung! ſtatt fand. Die Gemeinde hatte zwar gewünſcht, den ſterblichen Leib ihres ihr ſo theuer geworde⸗ nen Seelſorgers auf ihrem Kirchenplatz zurß Ruhe bringen zu dürfen, hatte aber dazu die Er⸗ laͤubniß nicht erhalten können.— Der Selige iſt zu Augsburg im Königreich Baiern am 15. Juni 1831 von gottſeligen El— tern geboren, von denen er die ſorgfältigſte chriſt— liche Erziehung erhielt. Die Eltern vertauſch⸗ ten ſpäter ihren Wohnort Augsburg mit Nürn⸗ berg, wo ſich dieſelben noch jetzt befinden.“), Nachdem unſer Volck die Gymnaſien der genannten Städte eine Reihe von Jahren fre— quentirt hatte, entſchloß er ſich, ſich dem ameri⸗ kaniſchen Predigtamte zu widmen und ſich daherſ hierzu in Amerika ſelbſt vorzubereiten. Seine theuern Eltern willigten von Herzen in dieſes“ chriſtliche Vorhaben ein. Zunächſt mit 2— Anſtalt in Fort Wayne bekannt, trat er hier im Frühling des Jahres 1849 ein und genoß hier neben der Anleitung Hrn. Prof. Dr. Sihler's noch einige Zeit den treuen Unterricht des ſel. Prof. Wolter und Prof. Crämers. Da *) Siehe „Lutheraner“, Jahrg. 8, S. 113.