# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1846 02 07_S46 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) vom alten Menschen in einem Christen übrig bleibe, was täglich ersäufet werden müsse und wozu das fortwährende Ermahnen von nöthen sei. Besonders sollten Christen darauf wohl Acht haben, daß sie nicht durch ihre eigne Vernunft zum Unglauben gegen Gottes Wort sich verführen lassen, wie alle Irrlehrer gethan haben; denn die Vernunft richtet damit, daß sie Gottes Wort meistern will, weit mehr Unglück in der Welt an, als grobe Sünde, und wer ihrer vorgeblichen Weisheit folge, begehe jene große Sünde der geistlichen Hurerei, welche so oft von den Propheten gestraft würde. Luther zeigt nun an einigen Hauptartikeln der christlichen Lehre, von der Dreieinigkeit, von der Taufe und von dem Abendmahl Christi, wie wir die Vernunft sollen im Zaume halten, ihren schönen Gedanken ja nicht folgen, sondern steif und fest bei dem Buchstaben der heil. Schrift bleiben; dies gründet er vornehmlich auf den Spruch Matth. 17, 5.: Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe, den sollt ihr hören; mit diesem Spruche, sagt er, habe er sich durch Gottes Gnade bis dahin erhalten, sonst hätte er müssen dreißigerlei Glauben annehmen, den ihn eben so viel Rottengeister hätten lehren wollen. Hierauf ermahnt er mit großem Ernst auch in Zukunft, da noch viele Verführung kommen würde, nicht ein Haar breit von diesem Munde zu weichen, der da saget: Diesen höret. Die Zuhörer sollten auch Gott um reine Lehre anrufen und ja nicht um der Liebe willen in göttlichen Dingen das Geringste nachgeben und sich nicht nur vor den groben Lüsten, sondern auch vor den hohen, verborgenen Lüsten der Vernunft und menschlichen Weisheit hüten, indem dadurch die Einigkeit des Glaubens zerrissen und Hurerei, d. i. Abgötterei angerichtet werde. (Luthers Werke, XII, 1526 fl.) So bezeugte Luther in seiner letzten Predigt seinen Wittenbergern, als ob er geahnt, daß sie sein Angesicht nicht mehr sehen würden, noch einmal alles das, was St. Paulus in seiner Abschiedspredigt Apostelg. 20. bezeugt hat. Bei Luthers Abreise nach Wittenberg ist noch ein an sich unbedeutender, aber in seinen Folgen wichtiger Umstand zu erwähnen. Er hatte sich nämlich auf den Rath seines Arztes, des Dr. Ratzeberger, schon einige Jahre früher ein Fontanell am linken Schenkel legen lassen, um dadurch seine heftigen Kopfschmerzen, Schwindel und andere Leiden zu lindern; und wirklich konnte er nach einiger Zeit wieder allein und ohne sich, wie früher oft geschehen, führen zu lassen, auf die Kanzel und in die Vorlesungen gehen. Bei seiner Abreise vergaß er aber in der Eile die zur Offenhaltung des Fontanells erforderlichen Mittel mit sich zu nehmen, und bei den vielen Geschäften, die er in Eisleben vor sich fand und die ihn weit länger aufhielten, als er anfangs geglaubt hatte, ließ er die Sorge für das Fontanell ganz außer Acht und dachte nicht daran, welche schlimme Folgen dies haben könnte; denn indem auf solche Weise die Wunde bei dem Fontanell zufiel und heilte, so wurde dadurch die fortwährende Absonderung des Krankheitsstoffes gehindert, der nun zurücktrat und nach Ratzebergers Urtheil sein Ende so schnell, jedoch nach Gottes gnädigem Willen herbeiführte. Sonnabend den 23. Jan. reiste L. in Begleitung seiner drei Söhne von Wittenberg ab und kam den 25. Jan., als am Tage Pauli Bekehrung, in Halle an, wie er dies seiner Hausfrau in einem Briefe meldet. Er kehrte bei seinem alten Freunde Dr. Jonas ein, und über Tische reichte er ihm ein Glas zum Trunke dar, wobei er lateinische Reime machte, die nach einer alten Uebersetzung so lauteten: Dem alten Dr. Jonas Bringt Dr. Luther ein schön Glas, Das lehrt sie alle beide fein, Daß sie zerbrechliche Gläser seyn. Dies erzählt Matthesius und bemerkt dabei: „Was Hertz voll ist, gehet der Mund über, der Mann trägt Todesgedanken bei sich und fähet an von Tag zu Tag zu sterben und der Ruhe zu begehren, darum muß ihn nicht allein Gottes Wort, sondern auch alle Creaturen trösten und predigen." Möchten doch dies auch diejenigen zu Herzen nehmen, welche ohne alle Scheu Luthern eine starke Neigung zum Trunke vorwerfen oder sich dabei auf Luthern berufen! In Halle predigte Luther über die Epistel am Tage Pauli Bekehrung, Apostlg. 9, 1—19.*) Er handelt darin von dem Berufe Pauli zum Apostelamt und zeigt, wie derselbe weit herrlicher sei, als der andern Apostel Beruf und wie besonders wir, deren Väter Heiden gewesen sind, Gott dafür danken sollen, da er sich selbst einen Lehrer der Heiden nennt. Daher sollten wir nicht sowohl nach den vorgeblichen Häuptern Petri und Pauli fragen, die man aus Holz geschnitzt zu Rom zeigte, die Leute damit zu äffen, sondern wir sollten vielmehr das rechte Heiligthum, nämlich die heil. Schrift selbst, und insonderheit die Episteln Pauli fleißig betrachten; denn darin redet er noch jetzt zu uns, wie wir durch den Glauben an Christum von Sünden frei werden und zum ewigen Leben kommen könnten. Luther zeigt ferner, wie Paulus früher Christenblut vergossen, ja sogar den Namen des HErrn gelästert und auch andere, dies zu thun, gereizt habe, wie ihm aber dennoch Barmherzigkeit widerfahren sey, uns und aller Welt zu einem Gnaden-Exempel, daß wir nicht verzagen, wenn wir von unsern Sünden angefochten werden, sondern, wie er, an Christum glauben. Ob nun gleich die Sünde Pauli groß gewesen sey, so habe er sie doch unwissend gethan, der Pabst hingegen sündige wider den heiligen Geist, weil er sehr wohl wisse, daß er Unrecht habe. Auch sey Paulus in der heil. Schrift nicht so ungelehrt gewesen, als der Pabst, im Gegentheil habe er sie wohl gekannt und viel auf Moses gehalten, da er aber nicht besser unterrichtet gewesen wäre, so habe er in Moses nur das Gesetz, nicht aber Christum gesucht, von dem doch Mose z. B. im 5. B. 18, 15. deutlich zeuge. Ueberdies habe Paulus auch noch vor seiner Bekehrung heiliger und unsträflicher gelebt, als alle Mönche. Er sey auch der himmlischen Erscheinung und Stimme nicht ungehorsam gewesen, und als er von seinem Irrthum überzeugt worden, habe er davon abgelassen, wovon das gerade Gegentheil an den Papisten zu sehen sey. Weiter legt Luther dar, welch' eine herrliche Predigt Christus vor Paulo gehalten, wie er ihn zum Apostel berufen und ordinirt und ihm nichts andres befohlen habe zu predigen, als was er, Luther, auch predige, nämlich, wie wir allein durch den Glauben an Christum, daß er Gottes Sohn sey, und sonst durch nichts, weder durch Ablaß noch gute Werke, von Sünden los und selig würden. (L. W. XII, 1498 fl.) *) Diese Predigt hat der damalige Prediger zu St. Moritz, Matth. Wankel, nebst noch einer andern, die Luther in demselben Jahre am Feste der Erscheinung (6. Jan.) dort gehalten hat, herausgegeben. Letzteres geschah ohne Zweifel auf einer früheren Reise, welche Luther in Aurifabers Begleitung und nach dessen Erzählung, um Weihnachten nach Mansfeld machte. (S. Grosch Vertheidig. der Luth. Religion. S. 4.) Die oben erwähnte Predigt aber hat Luther wahrscheinlich nicht am Tage Pauli Bekehrung (25. Jan.) gehalten, indem er an demselben Tage erst in Halle ankam. Donnerstag den 26. Jan. reiste Luther mit seinen drei Söhnen und Dr. Jonas von Halle ab und mußte mit Lebensgefahr in einem Kahne über die hochangeschwollene Saale fahren, wobei er sagte: „Lieber Dr. Jonas, wäre das dem Teufel nicht ein fein Wohlgefallen, wenn ich Dr. Martinus mit dreien Söhnen und euch im Wasser ersöff." Auf der Mansfeldischen Grenze wurde Luther von den Grafen und ihrem Gefolge, welche einen Zug von 113 Mann zu Pferde ausmachten, höchst ehrenvoll empfangen. Allein noch unweit Eisleben überfiel ihn im Wagen plötzlich eine so große Schwachheit, daß man Gefahr für sein Leben fürchten mußte, wobei Luther sagte: „Das thut mir der Teufel allweg, wenn ich etwas großes vorhabe und ausrichten soll, daß er mich zuvor also versucht und mit einer solchen Tentation (Anfechtung) angreift." Als er in die für ihn bestimmte Wohnung gebracht und mit Tüchern gerieben wurde, erholte er sich wieder so, daß er noch an der Abendmahlzeit Theil nehmen konnte. Schon am Tage nach seiner Ankunft begannen die Vergleichsunterhandlungen, an welchen Luther regelmäßig und zwar bis einen Tag vor seinem Ende (vom 29. Jan. bis 17. Feb.) persönlich beiwohnte in Gemeinschaft des Fürsten Wolfgang zu Anhalt, der alle Schriften Luthers sehr eifrig gelesen hatte, (L. W. XXII, 1824.), des Grafen Heinrich von Schwarzburg und des Dr. Jonas. Von Seiten der Mansfeldischen Grafen wohnten diesen Unterhandlungen ihre Räthe bei. Einer derselben, Dr. Melchior Klinge, war es vornehmlich, durch dessen Schuld seit Jahren die obschwebenden Streitigkeiten noch immer mehr in die Länge gezogen, und alle christliche Vergleichs-Vorschläge, die Luther that, verworfen wurden; daher drang Luther darauf, daß dieser Klinge nicht mehr bei den Unterhandlungen erscheinen durfte und wieder nach Wittenberg, wo er Professor der Rechte war, zurückkehren mußte. Luther hat den Grafen mehrmals prophezeit, daß ihre unseligen Streitigkeiten noch zuletzt ihr und der ganzen Grafschaft Verderben nach sich ziehen würden, und dies ist auch wirklich und zwar schon 24 Jahre nach Luthers Tode geschehen; denn da die Grafen immer mehr