# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1844 09 01_S4 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 4 nigen ausgestoßen worden, die vom alten Glauben abgefallen waren und den Namen der katholischen Kirche dazu mißbrauchten, die Gewissen zu ihren Menschensatzungen zu verbinden. Dieses gründlich zu zeigen, das ist die Aufgabe, deren Lösung wir uns mit diesem Blatte zum Ziel gesetzt haben. Vorläufig verweisen wir unsere Leser nur auf einige Zeugnisse Luthers selbst, aus denen deutlich zu ersehen ist, daß es ihm nicht etwa darauf ankam, eigne menschliche Ansichten zu verbreiten, sondern daß er allein auf Gottes Wort gedrungen habe. So spricht er unter andern zum Schlusse seiner vortrefflichen Kirchenpostille: „O, daß Gott wollte, daß mein und aller Lehrer Auslegungen untergingen und ein jeglicher Christ selbst die bloße Schrift und lauter Gottes-Wort vor sich nähme. Du siehst aus diesem meinem Geschwätz, wie unmäßlich ungleich Gottes Worte sind gegen aller Menschen Wort; wie gar kein Mensch mag ein einziges Gottes-Wort genugsam erreichen und verklären mit allen seinen Worten. Wer dahin könnte ohne Glossiren und Auslegen kommen, dem wären mein und aller Menschen Glossiren gar kein noth, ja, nur hinderlich. Darum hinein, hinein, liebe Christen! und laßt mein und aller Auslegen nur ein Gerüst sein zum rechten Bau, daß wir das bloße lautere Gottes-Wort selbst fassen, schmecken und da bleiben, denn da wohnet Gott allein in Zion.“ Selbst die erbittertsten Feinde Luthers haben es daher bezeugen müssen, daß es die heil. Schrift war, auf welche derselbe vor allem gedrungen und die er daher unter dem Volke verbreitet habe. Dieß zu beweisen will ich nur Eine Stelle anführen aus der Schrift eines römisch-katholischen Scribenten, eines gewissen Floremundus Raemundus, der sonst überaus heftig wider die Protestanten geschrieben und an der Verfolgung derselben thätigen Antheil genommen hat. Derselbe sagt in seiner „Geschichte von dem Ursprung ꝛc. der Ketzereien des 16. Jahrhunderts“ also: „Das gemeine Volk trug sich (zu Luthers Zeit) überall mit der Bibel, welche in die Muttersprache war übersetzt worden. Man sah dieselben auf allen Tabletten und Tischen liegen. Die Handwerksleute hatten die Bibel in ihren Werkstätten und die Weiber auf ihren Knieen liegen. Die ganze Welt beschäftigte sich mit Lesung der Bibel. — Die mit diesen Büchern bewaffneten Sectirer fingen, wenn sie an einen Priester oder geistlichen Ordensmann geriethen, sogleich mit ihnen einen Streit an. Einer verlangte, man sollte ihm die Messe; der andere, das Fegfeuer; dieser, die Kindertaufe; jener, die Dreieinigkeit in der heil. Schrift zeigen. Endlich wollten sie alle Glaubensartikel mit ausdrücklichen Worten bewiesen haben, und verwarfen das ungeschriebene Wort Gottes und die apostolischen Satzungen. — Denn der Erzketzer Luther hatte gelehrt: Die Schrift, deren Auslegung er allen verstattete, sei allein der Richter aller Streitigkeiten in der Religion.“ — Wer hätte wohl von dem Erwachen eines neuen Lebens durch die alte Wahrheit in dem Reformationszeitalter ein lieblicheres Bild entwerfen und Luthern gegen die Anklage besser vertheidigen können, daß er eine neue Lehre aufgebracht habe, als dieser eifrige Anhänger des Pabstes? — Ob aber Luther die wahre Kirche verachtet und eine neue Kirche habe stiften wollen, auch darüber höre man ihn selbst reden. Er schreibt unter andern im J. 1532 „wider etliche Rottengeister *) an den Markgrafen Albrecht zu Brandenburg“ also: „Ich wollte lieber nicht allein aller Rottengeister, sondern aller Kaiser, Könige und Fürsten Weisheit und Recht wider mich lassen zeugen, denn ein Jota oder ein Titel der ganzen h. christlichen Kirchen wider mich hören oder sehen. Denn es ist ja nicht so zu scherzen mit Artikeln des Glaubens, von Anfang her, und soweit die Christenheit ist, einträchtiglich gehalten, wie man scherzen mag mit päbstlichen und kaiserlichen Rechten, oder anderen menschlichen Traditionen der Väter oder Concilien.“ *) Diese Schrift ist hauptsächlich gegen die Zwinglianer gerichtet, welche lehrten, daß der Leib und das Blut Christi nicht wahrhaftig im h. Abendmahle gegenwärtig seien. Hieraus ersieht man, daß Luther die Kirche keinesweges verachtet habe, wie man ihm so oft Schuld gibt, sondern daß er ein gehorsamer Sohn derselben gewesen sei. So wenig Luthern das Ansehen irgend eines Menschen etwas galt, so wollte er doch keinesweges, wie jetzt leider so viele, auf eine falsche Weise in dünkelhafter Selbstgenügsamkeit auf eignen Füßen stehen. Er glaubte, daß durch alle Jahrhunderte hindurch eine rechtgläubige Kirche übrig geblieben sei; er fragte daher allerdings darnach, wie sie durch alle Zeiten hindurch gelehrt habe; es kam ihm auf das Zeugniß der wahren Kirche und auf die Uebereinstimmung mit derselben allerdings etwas an; er achtete sie für einen Pfeiler und eine Grundveste der Wahrheit und wollte daher mit dem ganzen großen Streiterheere der rechtgläubigen Lehrer der Kirche von der Zeit der Apostel an bis zu ihm in Reihe und Glied stehen. Daß man die Kirche hören und ihr gehorchen müsse (Matth. 18, 17.), das hat Luther nie geleugnet; das ist daher auch der Streitpunkt nicht, um den es sich einstmals zwischen der lutherischen und römischen Kirche handelte und noch handelt. Das ist vielmehr die Frage, ob man denen gehorchen müsse, welche zwar die Kirchenauktorität für sich in Anspruch nehmen, weil sie das Kirchenamt inne haben, aber dabei etwas gebieten, was dem Evangelio widerstreitet. Das hat Luther geleugnet, und behauptet, daß er dann, wenn er die Stimme Christi nicht höre, auch seine Braut, seine wahre Kirche nicht höre, sondern falsche Propheten, die den Namen der Kirche nur als Schaafskleid tragen, unter welchem sie den reißenden Wolf zu verbergen suchen. Von diesen falschen Propheten, die sich keine wahre Reformation gefallen lassen wollten, hat sich Luther getrennt, aber nicht von der Kirche. (Fortsetzung folgt.) Ein Beleg aus der Geschichte der Kirchenversammlung zu Nicäa, wie unser Glaube nicht auf Menschenweisheit bestehe, sondern auf Gottes Kraft. Es wird vielen christlichen Lesern aus den Bekenntnißschriften unserer Kirche das Nicänische Glaubensbekenntniß bekannt sein, welches gegen die Irrlehre der Arianer einige weitere biblische Erläuterungen des ältesten biblischen Glaubensbekenntnisses enthält. Diese Arianer lehrten nehmlich, daß der Sohn Gottes einst nicht gewesen, sondern von Gott dem Vater erschaffen worden sei, so daß Gott ihn zum Anfang aller erschaffenen Dinge gesetzt und ihn das Wort, den Sohn und die Weisheit genannt habe, durch welchen er dann auch uns und alle Creaturen geschaffen habe. Gegen diese gefährliche Irrlehre, welche die ewige Gottheit unseres HErrn JEsu Christi läugnet und bestreitet, wurde im Jahr 325 nach Christo die berühmte allgemeine Kirchenversammlung zu Nicäa in Kleinasien gehalten, wo außer einer großen Anzahl von Presbytern allein 318 Bischöfe versammelt waren, unter welchen viele von den vorhergegangenen Zeiten der schrecklichsten Christenverfolgungen noch die Maalzeichen des HErrn IEsu an ihren Leibern trugen und zum Theil an Augen, Händen und Füßen verstümmelt waren. Zu dieser ehrwürdigen Versammlung hatten sich auch einige heidnische Philosophen eingefunden, theils um ihre Neugierde hinsichtlich des Christenthums zu befriedigen, theils um die Christen in eine Menge Spitzfindigkeiten zu verwickeln und sie in Verlegenheit zu bringen, oder das Vergnügen zu genießen, sie mit einander streiten zu hören. Einer von ihnen zeichnete sich ganz besonders durch hohe Ansprüche auf Gelehrsamkeit aus, worin er die Christen in ihrer vermeinten Unwissenheit verlachte. Bei dieser Gelegenheit nahm ein alter Christ, der in den Verfolgungen große Standhaftigkeit bewiesen, sonst aber von den Regeln der Weltweisheit wenig Kenntniß hatte, es auf sich, dem Philosophen zu antworten. Diejenigen, denen es mehr um die Befriedigung ihrer Neugierde, als um die Wahrheit zu thun war, suchten auf Kosten des alten Mannes ein Gelächter zu bewirken, während rechtschaffene Seelen in Kummer geriethen, einen so ungleichen Streit entstehen zu sehen. Jedoch die Achtung für ihn gebot, ihm seinen Willen zu lassen. Und so hub er also an: „Höre, Philosoph, im Namen IEsu Christi. Es ist Ein Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde und aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge, der alle diese Dinge durch die Kraft seines Wortes gemacht und sie durch die Heiligkeit seines Geistes befestigt hat. Dieses Wort, das wir den Sohn Gottes nennen, hatte Mitleid mit den Menschenkindern, die in Irrthum und Bosheit dahingingen. Er entschloß sich, von einem Weibe geboren zu werden, unter den Menschen zu wandeln, und für sie zu sterben, und er wird wiederkommen als Richter über alles, was die Menschen hier in der Welt gethan haben. Daß alles dieses so ist, glauben wir in Einfalt, gieb dir also keine vergebliche Mühe, Dinge zu widerlegen, die durch den Glauben angenommen werden müssen, oder die Art zu untersuchen, wie diese Dinge sein oder nicht sein können, aber wenn du glaubst, so sage es mir.“ Betroffen durch diese einfältige und doch kraftvolle Anrede, sagte der Philosoph: „Ja, ich glaube;“ bekannte sich überwunden, ermahnte die andern Philosophen, seinem Beispiel zu folgen, und fügte hinzu, daß er durch eine göttliche Kraft gerührt worden sei, die er nicht erklären könne. — So erzählt uns Sozomenus im 18. Capitel des 1. Buches seiner Kirchengeschichte. Luthers eignes Urtheil über sein scharfes Schreiben. — Ich weiß auch wohl, daß meine Schriften fast allesamt der Art gewesen sind, daß sie zuerst angesehen gewesen, als sein sie aus dem Teufel, und man besorgte, der Himmel würde bald einfallen, aber hernach ists bald anders worden. Es ist jetzt eine andere Zeit, daß man die großen Häupter, vorhin ungewohnet, antastet: und was Gott im Sinn hat, wird man sehen zu seiner Zeit. Nicht, daß ich mich damit entschuldige, als sei nichts Menschliches an mir; sondern daß ich mich dessen rühmen kann mit St. Paul, ob ich gleich zu hart bin, daß ich dennoch je die Wahrheit gesagt habe, und mir niemand kann Schuld geben, daß ich geheuchelt habe. Soll ich je einen Fehl haben, so ist mir's lieber, daß ich zu hart rede und die Wahrheit zu vernünftig herausstoße, denn daß ich irgend einmal heuchelte und die Wahrheit inne behielt. Gedruckt bei Weber und Olshausen.