# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1846 01 24_S43 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) wenn wir nicht darob halten (Tit. 1, 9—11.) und kämpfen, (Jud. 3.) das Kleinod verlieren, (2 Joh. 8. 9.) und einst als untreue Haushalter verworfen werden. Darum laßt uns, die wir uns nicht nur heuchlerisch lutherisch nennen, sondern es auch in der That und Wahrheit sein und bleiben wollen, laßt uns zusammen treten und um das Panier der alten unveränderlichen Lehre unserer Kirche uns wieder schaaren; zusammen flehen, daß sich der HErr aufmache und eine Hülfe schaffe, daß man wieder getrost lehre; zusammen die Wahrheit treulich bekennen; zusammen wider alle Verfälschungen mit dem Schwerte des Geistes kämpfen und zusammen die Schmach tragen, womit der HErr seine Diener zu bezeichnen pflegt: dürfen wir auch nicht hoffen, daß die Kirche in diesen letzten greulichen Zeiten dadurch wieder in einen blühenden und herrlichen Zustand werde versetzt werden, so dürfen wir doch auch die Hoffnung nicht aufgeben, daß unser Zeugniß und unser Kampf nicht ganz vergeblich sein, sondern dem HErrn ein Lob bereiten und manche Seele von dem Irrthum ihres Weges bekehren werde. Die sogenannte „Lutherische General-Synode." Dieser kirchliche Körper hat neuerdings einen gedruckten Bericht über seinen eigenen Zustand nach Deutschland abgesendet. Dieser Bericht ist ein nicht unwichtiges Document, indem darin gewissermaßen ein amtliches Geständniß des Abfalls der Generalsynode von der lutherischen Lehre und Kirche abgelegt ist. Wir theilen die betreffenden Stellen unseren Lesern hierdurch mit und werden vielleicht später wieder einmal darauf zurückkommen. Es heißt in dem erwähnten Berichte aber u. a. wie folgt: „Ein Hauptgrundsatz des Lutherthums, dessen wir uns zu bedienen oft Gelegenheit hatten, ist der, welchen Mosheim in seiner Schilderung der Lutherischen Kirche voranstellt, daß „nach der Meinung dieser Kirche alle Lebenspflichten einzig und allein aus der heil. Schrift geschöpft werden," und daß die symbolischen Bücher dem göttlichen Worte untergeordnet sein müssen. Nur wesentliche Uebereinstimmung in Lehr- und Lebensansichten, wurde also (?) unter uns erfordert. Nach der von der General-Synode herausgegebenen Formula oder Kirchenordnung, müssen Candidaten bei ihrer Licensur und Pastoren bei ihrer Ordination, nachdem sie die Bibel als die allein unfehlbare göttliche Norm ihres Glaubens und Lebens anerkannt haben, nur folgendes Versprechen ablegen: „Wir glauben, daß die Fundamentalwahrheiten der Bibel auf eine wesentlich richtige Weise in den Lehrartikeln der Augsburger Confession vorgetragen werden." Unser Grundsatz ist: „In fundamentalibus Lutheranismi unitas, in non-fundamentalibus libertas, in omnibus charitas."*) Und es ist bemerkenswerth, unter allen Predigern, welche zu den verschiedenen mit der General-Synode vereinigten Synoden gehören, ist nicht, so weit uns bekannt ist, ein einziger Neolog. Die wenigen Rationalisten, schon damals bejahrt, welche zu Zeit der Entstehung der General-Synode in unserer Kirche existirten, haben sich derselben entgegengesetzt, und sind jetzt mehrstens gestorben. Wesentliche Rechtgläubigkeit wird also durch unsere Regel gesichert. Auch wäre strenge Gleichförmigkeit hier nicht erreichbar. Unsere Väter kamen aus allen Theilen des deutschen Vaterlandes, und wem ist es nicht bekannt, daß da auch unter den Rechtgläubigen Verschiedenheit der Ansichten obwaltet, welche unsere Väter mit sich brachten. Nur durch einen solchen Eclecticismus, durch eine solche freie Bildung, welche über Verschiedenheit in Nebensachen hinaussehend, die wesentlichen Momente des Lutherthums mit wahrem Erfahrungs-Christenthum verbunden, zum Bande der Einigkeit macht, kann unsere Kirche in America den Frieden erhalten und glücklich aufgebauet werden. Diese ganz freie Bewegung der Kirche mag unseren deutschen Brüdern befremdend erscheinen, aber sie fließt aus der freien Lage der Kirche, und herrscht auch in allen andern Religionsverfassungen unseres Landes. *) In Grundlehren des Lutherthums Einheit, in Nicht-Grundlehren Freiheit, in Allem Liebe. Was nun unsere Lehransichten anbelangt, so bekennen wir unverhohlen, ja bekennen es laut und offen, daß die große Mehrzahl von uns nicht altlutherisch sind, in dem Sinne einer kleinen Partei, welche in Deutschland diesen Namen führt. Wir sind überzeugt, daß wenn der große Luther noch lebte, so wäre er es selbst nicht. Wir glauben, die drei letztverflossenen Jahrhunderte haben auch Männer hervorgebracht, die vermögend waren zu denken, zu forschen, zu bilden, sowohl als das sechszehnte. Ja, so gering wir uns selbst achten, so erkühnen wir uns doch, angetrieben durch Pflichtgefühl, die Schrift für uns selbst zu untersuchen, und unsere Lehransichten aus dieser himmlischen Quelle zu schöpfen. Aber dennoch sind wir Evangelisch-Lutherisch. Festhaltend an dem Hauptgrundsatz Luthers, daß Gottes Wort allein unfehlbar ist, haben wir Luthers Lehrgebäude nach diesem Worte geprüft und wesentlich richtig gefunden. Wir stehen hier wie überhaupt in den mehrsten unserer kirchlichen Grundsätze, auf gemeinschaftlichem Grunde mit der Unirten Kirche Deutschlands. Die Unterscheidungsansichten zwischen der Altlutherischen und der Reformirten Kirche achten wir als nicht wesentlich; und die Richtung der sogenannten altlutherischen Partei scheint uns hinter unserem Zeitalter zu sein. Die glorreiche Reformation des sechszehnten Jahrhunderts war weder eine plötzliche noch vollkommene. Der große Luther hat zeitlebens Fortschritte gemacht, und am Ende seiner Laufbahn, sein Werk als unvollendet betrachtet. Wir folgen seinem eignen Rathe, wenn wir in Gottes Wort mehr als in seinen Schriften um die Wahrheit forschen, und so sein Werk zu vollenden suchen; und diesem seinem Grundsatze getreu, glauben wir als ehrliche Männer, uns noch Lutheraner nennen zu können. Ueber alle Hauptpuncte des Christlichen Lehrgebäudes stimmen wir mit Luther und den Symbolen der Lutherischen Kirche überein. Die dogmatischen Ansichten eines Mosheim, eines Reinhart, ausgenommen des letzteren Theorie über die künftigen Strafen der Hölle, können im Allgemeinen als die unsrigen angesehen werden. Die Lehre der absoluten Gnadenwahl wird von keinem unserer Prediger geglaubt. Luthers besondere Ansicht über die leibliche Gegenwart des HErrn im Abendmahl ist von der großen Mehrheit unserer Prediger längst aufgegeben; obzwar einige wenige der ältern deutschen Lehrer und Gemeindeglieder sie noch behalten. Ueber die Art und Bedeutung der Gegenwart des HErrn im Abendmahl wird, wie in der Evangelischen Kirche Deutschlands, Freiheit erlaubt. „Die Mehrheit unserer Prediger glauben an eine besondere Gegenwart und einen besondern Segen des HErrn, aber nur geistlicher Art. Die Versöhnung ist, nach unserer Ansicht, für alle Menschen bestimmt. Die Rechtfertigung des Sünders geschieht allein um des Verdienstes Christi willen, durch den Glauben ergriffen. Die Gnade Gottes wird allen Menschen angeboten — ist aber nicht unwiderstehlich. Die Taufe nimmt das Subject in die sichtbare Kirche Gottes auf: auch versichert sie dem Kinde die Vergebung der Sünde, dem Erwachsenen aber nur, wenn er wahrhaftig bußfertig ist, und lebendigen Glauben an Christum übt. Ueber die novissimis, oder letzten Dinge, wüßten wir nicht, daß wir in irgend einem Puncte die alte Lehre verlassen hätten. Die Lehre der Wiederbringung sehen wir als unbiblisch an, und der hiesige Universalismus, der fast immer den Socinianismus zum Grunde hat, wird als höchst schriftwidrig und seelengefährlich verworfen. Die Methodistische Kirche hat auch viel Nutzen gestiftet unter den Deutschen, und mehrere Gemeinden gebildet. Aber die Ansichten dieser sonst geschätzten Kirche über Ordnung im Gottesdienst, behagen den Deutschen nicht. — Wenn Prediger herüber kommen, sollten sie sich an unsere Synoden anschließen, indem die Errichtung einer eigentlichen Evangelischen (Unirten) Kirche, wie sie im alten Vaterlande existirt, hier nicht rathsam ist. Sie würden nur aus Europäern bestehen, und eine neue Secte neben den schon existirenden bilden. Die hiesigen Reformirten neigen sich zur absoluten Gnadenwahlslehre, und sind nicht willig, mit der luth. Kirche sich zu vereinigen; sondern vielmehr mit der Holländisch-Reformirten, welche sich strenge an das Lehrgebäude Calvins hält. Auch sollten sie nicht mit dem Vorsatze kommen, die Americanisch-Luth. Kirche nach dem europäischen Maßstab umbilden zu wollen. Es wird ihnen doch nicht gelingen, und der Versuch verursacht nur Streit und Zwiespalt.