# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1846 01 24_S41 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Der Lutheraner. „Gottes Wort und Luthers Lehr' vergehet nun und nimmermehr.“ Herausgegeben von C. F. W. Walther. Jahrgang 2. St. Louis, Mo., den 24. Januar 1846. No. 11. Bedingungen: Der Lutheraner erscheint alle zwei Wochen einmal für den Subscriptionspreis von Einem Dollar für die auswärtigen Unterschreiber, welche davon die Hälfte vorauszubezahlen und das Postgeld zu tragen haben. — In St. Louis wird jede einzelne Nummer für 5 Cents verkauft. Die sogenannte deutsch-katholische Kirche. Unter diesem Namen ist, wie unseren Lesern bekannt sein wird, neuerdings in unserem alten Vaterlande eine Secte entstanden. Ein vormaliger römischer Priester, mit Namen Ronge, steht an ihrer Spitze. Da diese Secte in aller Welt großes Aufsehen erregt,*) so haben sich, wie wir hören, schon manche unserer Leser gewundert, daß derselben (eine kurze Notiz in einem Briefe aus Deutschland ungerechnet,) bisher im „Lutheraner“ keine Erwähnung gethan worden ist. Der einfache Grund unseres Schweigens hierüber ist, daß es die Tendenz unseres Blattes ist, Kenntnisse der reinen lutherischen Lehre zu verbreiten und dieselbe dem Unglauben, der Schwärmerei und dem Indifferentismus gegenüber nach Kräften zu vertheidigen, und höchstens solche neue kirchliche Nachrichten zu geben, welche die lutherische Kirche unmittelbar berühren. Mit Ronge und seiner Partei hat aber die lutherische Kirche keine Verwandtschaft, es ist die Partei der rationalistisch gesinnten deutschen Katholiken und Protestanten, die auch, wie Zeitungen melden, dieselbe als eine passende Gelegenheit zu einer constituirten Vereinigung benutzen. Daß dem so ist, dafür könnten wir unseren Lesern eine große Menge Belege geben. Dazu diene nur das Folgende: Ein Correspondent aus Süddeutschland schreibt u. a. in der New Yorker „Schnellpost“ vom 13. Nov. v. J. dieses: „Der Deutsch-Katholicismus ist eine Bewegung rein politischer Natur: er ist realisirende Burschenschaft (das heißt, was die burschenschaftlichen Studentenverbindungen gewollt haben, das führen die Rongianer aus.) Nicht das Dogma (die Glaubensartikel, die sie aufstellen) macht seine Bedeutung aus, sondern der Grundsatz der Freiheit.“ Derselbe Correspondent versichert sodann, daß die frechsten Ungläubigen, die sich jetzt in Deutschland „Lichtfreunde“ nennen, mit den Deutschkatholischen Hand in Hand gehen, und daß beide dasselbe Ziel verfolgen. Ja, es heißt dort weiter: „Ronge — will nicht nur Christen, sondern Christen, denen es wohl ergeht; er drückt die Augen nicht zu über dem Diesseits, um ausschließlich in das Jenseits zu blicken.“ (Vergl. Marc. 8, 35. 36. Apg. 14, 22. Phil. 3, 19. 20.) Sehr deutlich bezeichnen zwei Trinksprüche, wovon den einen Ronge, den anderen Dowiat, Ronge's Mitarbeiter, bei einem Festmahl zu Heidelberg ausgebracht hat, den wahren Charakter der deutschkatholischen Bewegung mit kurzen Worten. Sie lauten wie folgt: Ronge: „Deutsche Brüder und Bürger! Sie können wohl glauben, daß es mir nicht gleichgültig, ja daß es mir schmerzlich ist, mit Ihnen über die Reformation nicht sprechen zu dürfen. Aber die Stunde wird kommen, wo wir es dürfen. Dichter und Weise haben es ja verkündet, daß die deutsche Nation berufen sei, eine neue Zeit hervorzurufen. Keine andere kann sich in Erfassung des Christenthums, in Wissenschaft und Kunst vergleichen mit der unsrigen. Das deutsche Volk ist berufen, die Wage der Gerechtigkeit und Liebe zu halten unter den Völkern Europa's. Aber vor Allem muß dies Jedem zum Bewußtsein kommen, ein Jeder soll eine Rolle spielen im großen Drama. Der erste Kampf Deutschlands mit der Herrschaft Roms war, als dieses mit Waffengewalt unser Land überzog. Der Genius Deutschlands erhob sich, Varus stürzte sich in sein Schwert. Der zweite Feind, der vom Ufer der Tiber ausging, war das Pabstthum. Es verderbte Sitten und Religion. Aber die Völker waren mündig geworden. Deutschland ging den zweiten Gang und Luther hob den Handschuh. Die Hierarchie erzeugte aber eine neue geheime Macht, den Jesuitismus, die schleichende List, die uns an den Rand des Verderbens gebracht hat. Jetzt thut der deutsche Geist den letzten Gang. Die Nägel werden schon geschmiedet für den Sarg des Jesuitismus. Aber Sie wissen, meine Herren, daß ich keine Rede halten soll; ich will nur eine Erklärung geben. Was Luther sagte, Andere möchten sein Werk fortsetzen, das geschah nicht, man wollte nicht fortschreiten, es entstand der hierarchische Pietismus, der sich an den Bänken und Thronen der Minister gelagert hat. Dem Protestantismus fehlt die freie Verfassung, er geht Hand in Hand mit dem römischen Hierarchenthum. Sie werden aber sehen, der wahre Protestantismus wird Hand in Hand gehen mit dem Neukatholicismus. Die Stunde wird kommen, wo Deutschland eine allgemeine, nationale Kirche haben wird. Mit dieser Idee habe ich begonnen. Es muß und wird der Tag kommen, wo zwei deutsche Brüder, die 300 Jahre lang sich befeindet haben, einander die Hand reichen, wo wir eine deutsche Kirche haben werden. Die einige deutsche Kirche hoch!“ Dowiat: „Mit Rom werden wir schon fertig, aber glauben wir nicht, daß damit der Sieg schon unser ist, ein anderer härterer Kampf steht uns bevor und hat schon begonnen, der Kampf mit dem Pietismus*), jenem giftigen Ungeheuer, das in Hof- und Sumpf-Luft genährt, durch Deutschlands Gauen schleicht. Es zu bezwingen bedarf es Kraft und Eintracht. Lasset uns zusammenhalten und mit macedonischer Phalanx einbrechen in die Reihen der Schwarzen! Kaum, (fuhr er fort) ist eine Sache so viel verkannt und mißverstanden worden, als die unsre. Der Grund aber, auf den wir bauen wollen, ist nicht die leere Frivolität der neunziger Jahre des verflossenen Jahrhunderts, er ist auch nicht der genügsame Rationalismus Bretschneiders, auch nicht die Alles versöhnende Zschokke'sche Liebe, nein, der Grund, auf den wir bauen, ist der allmächtige Geist der modernen Wissenschaft. Mit diesem Bundesgenossen müssen wir siegen und ihm bringe ich mein Hoch!“ Wir haben nichts hinzuzusetzen, als zu den obigen Worten Ronge's: „Was Luther sagte, andere möchten sein Werk fortsetzen, das geschah nicht“ die Worte Luthers, die derselbe seinem Glaubensbekenntniß vorangestellt hat: „Weil ich sehe, schreibt Luther, daß des Rottens und Irrens je länger je mehr wird und kein Aufhörens ist des Tobens und Wüthens des Satans, damit nicht hinfort bei meinem Leben oder nach meinem Tode, der etliche zukünftig, sich mit mir behelfen und meine Schrift, ihr Irrthum zu stärken, fälschlich führen möchten, wie die Sacraments- und Taufschwärmer anfingen zu thun, so will ich mit dieser Schrift vor Gott und aller Welt meinen Glauben von Stück zu Stück bekennen, darauf ich gedenke zu bleiben bis in den Tod, drinnen (des mir Gott helfe,) von dieser Welt zu scheiden und vor unsers HErrn IEsu Christi Richterstuhl zu kommen. Und ob jemand *) Den neuesten Berechnungen zufolge, sind bis jetzt 50,00) Personen zum Deutschkatholicismus übergetreten. *) Unter Pietismus versteht Hr. Dowiat die Richtung derjenigen, welche noch die Bibel für Gottes Wort erklären.