# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1844 09 01_S3 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 3 sogleich denjenigen Rede und Antwort zu geben, welche uns fragen dürften, was dieser Name bedeute, und warum wir ihn führen wollen. Es haben sich nämlich, wie wir recht wohl wissen, von jeher nicht wenige daran gestoßen, daß die lutherische Kirche nach Luther, also nach einem Menschen genannt wird. Wie? ruft man aus, sieht man nicht hieraus deutlich, daß diese Kirche nicht die wahre Kirche Christi sein könne, sondern das Machwerk eines Menschen, eine Sekte sein müsse? Ey, spricht man, ihr Lutheraner leset doch, was St. Paulus von solchen menschlichen Namen sagt. 1 Cor. 1. u. 3. heißt es: „Mir ist vorgekommen, daß Zank unter euch sei; ich sage aber davon, daß unter euch einer spricht: Ich bin Paulisch; der andere: Ich bin Apollisch; der dritte: Ich bin Kephisch; der vierte: Ich bin Christisch. Wie? Ist Christus nun zertrennet? Ist denn Paulus für euch gekreuzigt? Oder seid ihr in Pauli Namen getauft? — So einer sagt: Ich bin Paulisch; der andere: Ich bin Apollisch; seid ihr denn nicht fleischlich? Wer ist nun Paulus? Wer ist Apollo? Diener sind sie, durch welche ihr seid gläubig geworden.“ — Hört ihr's, ihr Lutheraner? ruft man uns zu; thut ihr nicht dasselbe, was hier der h. Apostel an den Corinthern straft, wenn ihr euch Lutherisch nennt? Ihr sprecht ja immer, man solle genau nach dem Buchstaben der Schrift gehen, warum thut ihr's denn hier nicht? Es giebt nicht wenige rechtschaffene Lutheraner, welche in nicht geringe Verlegenheit kommen, wenn ihnen dieß von Widersachern vorgehalten wird. So scheinbar aber dieser Vorwurf ist, so grundlos wird er sich gar bald darstellen, wenn wir die Sache etwas genauer ansehen werden. Erstlich ist es ein Irrthum, wenn man glaubt, daß sich die Lutheraner ihren Namen selbst gegeben haben; die Geschichte berichtet uns vielmehr, daß sie so zuerst von ihren Feinden genannt worden sind, die sie damit beschimpfen wollten. Dr. Eck, der mit Luthern in Leipzig jene bekannte Disputation hielt, war der Erste, der diejenigen die Lutherischen nannte, welche es damals mit Luthers Lehre hielten. Wie Luther selbst in dieser Beziehung gesinnt war, dieß sehen wir deutlich in einer 1522 herausgegebenen Schrift: „Vermahnung, sich vor Aufruhr zu hüten,“ worin er unter anderem also schreibt: „Ich bitte, man wolle meines Namens schweigen, und sich nicht Lutherisch, sondern Christen heißen. Was ist Luther? Ist doch die Lehre nicht mein. So bin ich auch für niemand gekreuzigt. St. Paulus 1 Cor. 3, 4. 5. wollte nicht leiden, daß die Christen sich sollten heißen Paulisch oder Petersch, sondern Christen. Wie käme denn ich armer stinkender Madensack dazu, daß man die Kinder Christi sollte mit meinem heillosen Namen nennen? Nicht also, liebe Freunde, laßt uns tilgen die partheiischen Namen, und Christen heißen, deß Lehre wir haben. Die Papisten haben billig einen partheiischen Namen, dieweil sie nicht begnüget an Christi Lehre und Namen, wollen auch päbstisch sein, der ihr Meister ist. Ich bin und will keines Meister sein. Ich habe mit der Gemeinde die einige gemeine Lehre Christi, der allein unser Meister ist. Matth. 23, 8.“ Dieses Urtheil Luthers beweist es sonnenhell, daß derselbe die Benennung der Kirche nach seinem Namen ernstlich nicht gewollt habe, geschweige, daß er sie aus Ehrsucht gewünscht haben sollte. Man darf jedoch nicht wähnen, daß es an und für sich unrecht sei, wenn sich Christen nach einem Menschen benennen lassen; dieß geht unwidersprechlich daraus hervor, daß die Kirche des Alten Testaments von Gott selbst auch nach einem Menschen genannt worden ist. Denn wie hieß sie? — Die Israelitische. Spricht daher nicht auch Christus von Nathanael: „Siehe, ein rechter Israeliter, in welchem kein Falsch ist?“ Was war aber Israel? Ein Mensch. Sonach ist es klar, es kommt auf den Sinn an, in welchem sich die Kinder Gottes nach einem Menschen nennen; darin allein kann das Sündliche liegen. In welchem Sinn und aus welchem Grunde nannten sich nun vorerst Corinther bald Paulisch, bald Apollisch, bald Kephisch, bald Christisch? Dadurch wollten sie sich, wie wir lesen, gegenseitig von einander absondern. Obgleich Paulus, Apollo und Petrus (oder Kephas) eins und dasselbe lehrten, so verwarfen doch die Corinthischen Christen, wenn sie den einen annahmen, den andern; sie sagten sich durch jene Benennungen von einander los und richteten damit Partheien an. Die Sünde, welche Paulus an den Corinthern straft, bestand also nicht eigentlich darin, daß sie sich nach Menschen nannten, sondern daß sie dadurch unter denen, welche eine und dieselbe rechtgläubige Lehre hatten, Trennungen machen wollten. Daher verwirft der Apostel selbst den Namen „Christisch,“ den auch einige führen wollten, als Sektennamen, da sie damit dasselbe bezweckten; obgleich dieser letztere Name nicht von einem Menschen, sondern von Christo, dem Sohne Gottes selbst, genommen ist. In jenem verwerflichen Sinne nun haben sich die wahren Lutheraner nie nach Luther genannt; mit diesem ihrem Namen haben sie sich nie von einem anderen rechtgläubigen Lehrer unterscheiden oder lossagen wollen; sie bekennen sich als Lutheraner zu einem Athanasius und allen reinen Predigern des Evangeliums aller Zeiten und Länder ebensowohl, als zu Luther. Luther selbst war weit entfernt, allein ein rechter Lehrer sein zu wollen. Er schreibt unter andern von seinem Zeitgenossen, dem würtembergischen Theologen Brentius, öffentlich also: „Ich halte von Deinen Schriften so viel, daß dafür meine Bücher ganz und gar stinken, wenn ich sie gegen Deine und Deinesgleichen Bücher halte; und heuchle Dir hierinnen nicht; ich erdichte auch nichts, noch rede ich etwas Schimpfliches; so werde ich mit meinem Urtheil auch nicht betrogen, denn ich lobe nicht den Brentius, sondern den Geist, der in Dir viel freundlicher, liebreicher und friedlicher ist, denn mein Geist.“ So redet fürwahr kein Mensch, der darnach trachtet, das Haupt einer Sekte zu sein; so redete ein Luther, der nichts mehr, als ein Zeuge der Wahrheit sein wollte. * Wir nennen uns daher auch nicht Lutheraner von ihm, wie wir Christen heißen von Christo; wir heißen nicht so, weil wir an Luthern glaubten. So hoch wir dieses große Rüstzeug Gottes schätzen, so wird doch in unserer Kirche auch nicht ein Wort in Glaubenssachen angenommen, weil es Luther gesagt hat, sondern allein darum und dann, weil und wenn es klar aus dem geschriebenen Worte Gottes erwiesen werden kann; wir halten ihn für keinen Apostel oder Propheten, sondern wissen, daß er wohl hocherleuchtet, aber ebensowohl wie andere Menschen dem Irrthum und der Sünde unterworfen war. Er ist nicht das Haupt unserer Kirche, nicht unser Pabst. Wer alles in blindem Glauben darum annimmt, weil es Luther so gelehrt hat, der ist vom wahren Lutherthum so weit entfernt, wie die Erde von dem Himmel und die Nacht vom Tage. Daher schrieb Luther 1530 an Melanchthon, als dieser auf dem Reichstag zu Augsburg war: „Es gefällt mir übel in Eurem Briefe, daß Ihr schreibet, Ihr habet mir, als dem Haupt in dieser Sachen, um meines Ansehens willen gefolgt; ich will nichts heißen, auch nichts befehlen, will auch nicht Autor (Urheber) genannt werden. Und wenn man gleich hierauf eine bequeme Deutung finden möchte, so will ich doch das Wort nicht. Ist die Sache nicht zugleich Euer und gehet Euch nicht ebensowohl an, als mich, so soll man nicht sagen, daß sie mein sei.“ Wie aber Luther ein solches ungemessenes Ansehen in der Kirche von sich abweist, so hat ihm auch unsere Kirche ein solches nie zugestanden; denn so heißt es sogleich zu Anfange der Concordienformel, welche eins der wichtigsten öffentlichen Bekenntnisse der rechtgläubigen Lutheraner ist: „Wir glauben, lehren und bekennen, daß die einige Regel und Richtschnur, nach welcher zugleich alle Lehren und Lehrer gerichtet und geurtheilt werden sollen, seien allein die prophetischen und apostolischen Schriften Alten und Neuen Testamentes. Andere Schriften aber der alten und neuen Lehrer, wie sie Namen haben, sollen der heil. Schrift nicht gleichgehalten, sondern alle zumal mit einander derselben unterworfen, und anders oder weiter nicht angenommen werden, denn als Zeugen, welchergestalt nach der Apostel Zeit und an welchen Orten solche Lehre der Apostel und Propheten erhalten worden.“ So fragt es sich denn endlich, nennen wir uns etwa Lutheraner, um anzuzeigen, daß wir einer neuen Lehre anhingen, die Luther erst vor 300 Jahren aufgebracht habe, und daß wir zu einer neuen Kirche gehören wollten, die von demselben gestiftet worden sei? Das sei ferne! Wir nennen uns nicht so, wie die Arianer von Arius, oder wie die Dominicaner von Dominicus. Luther hat keine neuen Lehren, sondern die uralte Lehre des ewigen Evangeliums gepredigt. Er hat sich auch nicht von der ursprünglichen wahren Kirche getrennt, die erbaut ist auf den Grund der Apostel und Propheten, da JEsus Christus der Eckstein ist; er hat sich allein von der Gemeinschaft derjenigen losgesagt, ja, er ist vielmehr von denje⸗