# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1845 12 08_S32 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 32 höre, was ich von Gott gesandt dir sage: Alle, alle, es seien Juden oder Heiden, wollen sie anders zu Gnaden kommen und wahrhaftig vor Gott erfunden werden, sollen und müssen aus dieser Quelle schöpfen, ihr Fläschlein füllen, die immer für und für fleußet und übergehet, und sich satt trinken aus dieser Hauptquelle des lebendigen Wassers, das in das ewige Leben quillet. In Summa, seine Fülle hat weder Maaß noch Ende; darum schenket nur getrost ein und trinket mit Lust und Freuden. Denn hier ist überflüssig genug bis in das ewige Leben; dafür ihr Gott zu loben und zu danken in Ewigkeit werdet genug haben. Was nehmen wir denn? Gnade um Gnade. Johannes sagt von zweierlei Gnade: Christi Gnade ist die unergründliche Quelle und Hauptbrunn aller Gnade, die er seine Fülle genannt hat; unsere Gnade ist, die wir aus ihm schöpfen und er unter uns austheilt, und wird uns gegeben um seiner Gnade willen, als, daß ich Gott angenehm und gefällig bin. Also zeucht uns Johannes von der Zuversicht und Trotz auf unsere Werk und Verdienst und führt uns auf die Gnade Christi und Liebe Gottes, nicht allein hier in diesem Text, sondern durch sein ganzes Evangelium und Epistel. Als wollt er sagen: Was sieht Gott an, was bewegt ihn, daß er euch günstig ist, Sünde erläßt? Thut er's um eures Opfers, Beschneidung, Gottesdienstes willen, den ihr im Tempel ihm leistet? Nein. Viel weniger thut er's um eurer Möncherei willen, darinnen ich fünfzehn Jahr mein Leben schändlich zugebracht, habe Christum, meinen lieben HErrn, greulich gekreuzigt durch mein lästerlich Meßhalten, und meine beßte Zeit, mit meinem und anderer Leute großen Schaden verloren. So thut er's auch um keines härnen Hemdes willen, das ein Carthäuser, oder andre Ordensbrüder, trägt und darin schläft; auch derhalben nicht, daß einer in vollem Harnisch zu (dem Wallfahrtsort) St. Jacob gehet, ob's ihm wohl blutsauer ankommt. Nein, er verkaufet seine reiche überschwängliche Gnade nicht um deiner garstigen, lausigen Kappe oder stinkenden Oelfressens, oder anderer Werke willen, sie scheinen oder gleißen so köstlich sie können. Denn weil es ihnen an der Gnade und Wahrheit fehlt, tügen sie gar nicht; ja, sind vor Gott falsch, ein nichtiger Schein und Greuel. Darum sieht Gott etwas anders an. Er ist gnädig und barmherzig um dieser Fülle und unaussprechlichen Gnade seines eingebornen Sohnes JEsu Christi willen, darum daß Christus vor Gott in eitel Gnaden; derselbigen seiner Gnaden genießen wir und sind um des HErrn Christi willen Gott angenehm, er wird uns gnädig um des geliebten Sohnes willen. Eph. 1, 7. Darum ist alle Mühe und Arbeit verloren und umsonst, daß wir andere Wege gen Himmel zu kommen suchen; dieses ist der einige, richtige Weg, und sonst keiner: von seiner Fülle genommen, also, daß wir Gnade, d. i. Vergebung der Sünden erlangen, Gottes Kinder werden und Erben des ewigen Lebens, die Seligkeit empfahen um seiner (unsers HErrn Christi) Gnade willen, an welchem Gott keine Sünde, Betrug oder Falschheit, sondern eitel Gnade, Wahrheit, Gerechtigkeit und Leben findet. Darum hat er ihn herzlich lieb, befiehlt uns, daß wir ihn hören sollen. Nun spricht er aber Joh. 7,37. 38.: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke. Wer an mich glaubt, von deß Leibe werden Ströme fließen.“ So glaube ich nun an ihn und komme zu ihm, meinem lieben HErrn und Heiland, als zu dem, der voller Gnaden ist, und bitte, daß er meinen Durst mit seiner lebendigen, frischen, reichen und unendlichen Quelle lösche. Daß er denn solches auch thut, bin ich gewiß, denn er ist darum zu uns gekommen in die Welt, voller Gnade, daß wir seiner Gnade genießen und theilhaftig werden. Aufschrift über einer Studirstube. Johann Michael Dillherr, der im Jahre 1669 als Pastor zu Nürnberg starb und durch viele schöne Erbauungsschriften bekannt geworden ist, hatte zur Nachricht für die, welche ihn besuchen wollten, folgende Aufschrift über die Thür seiner Studirstube ausgehängt: „Steh still, lieber Gast! klopfe nicht an und störe mich nicht, es sei denn, daß es die hohe Noth erfordere. Wisse, daß ich die Vormittagsstunden meinem Gott und den Geschäften meines Amtes gewidmet habe. Hast du aber etwas mit mir zu sprechen, das einigen Aufwand der kostbaren Zeit werth ist, so seien die Nachmittagsstunden für dich, doch also, daß du bedenkest, daß wir für jede einzelne Stunde Gott werden Rechenschaft geben müssen.“ Des Glaubens wahrer Trost im Tode. Im Jahre 1586 wurde in der Schweiz ein gottseliger Bauer um der evangelischen Wahrheit willen von den Römisch-katholischen zum Feuer verdammt. Als er bereits an den Brandpfahl angebunden war, verlangte er nochmals mit dem Richter, welcher der schweizerischen guten Gewohnheit zufolge bei der Execution zugegen sein mußte, zu sprechen. Als dieser nach langem Weigern endlich herbeikam, sprach derselbe folgendermaßen zu ihm: „Ihr habt mich heute als einen Ketzer zum Tode verdammt; nun bekenne ich zwar, daß ich ein armer Sünder, keineswegs aber, daß ich ein Ketzer bin, denn ich glaube und bekenne von Herzen alles, was in dem apostolischen Glaubensbekenntniß enthalten“ — welches er darauf ganz hersagte. —„Nun bitte ich, fuhr er fort, dieses Einzige noch zu guter Letzte von Euch, mein Herr, daß Ihr herzutretet, und erstlich auf meine, hernach auf Eure Brust eine Hand legen, und dann vor allem diesem Volk frei und mit Wahrheit ansagen wollet, wessen Herz vor Furcht und Angst am härtesten schlage — meines oder das Eurige. Ich will fröhlich und getrost zu meinem JEsu abscheiden, an den ich geglaubt habe; wie Euch aber hierbei zu Muthe sei, werdet Ihr selbst wissen.“ — Der Richter, der nicht wußte, was er darauf sagen sollte, befahl, mit dem Feuer fort zu machen, jedoch mit solchen Geberden, daß man wohl merkte, er sei erschrockener als der Märtyrer. Mißbrauch der Lehre von der Gnade und guten Werken. Die Welt bleibet allezeit also, daß sie entweder falsch vom Glauben rühmet, oder will ohne Glauben allzu heilig sein. Predigt man von Glauben und Gnade, so will niemand Werke thun. Treibet man auf die Werke, so will niemand an den Glauben, und sind gar seltsam, die sich der rechten Mittelstraße halten. Ja, es wird auch wohl den frommen Christen schwer. Denn ich bekenne für mich selbst, und ohne Zweifel andere auch müssen bekennen, daß mir's mangelt an solchem Fleiß und Ernst, den ich jetzt vielmehr, denn zuvor, haben sollte, und viel nachlässiger bin, denn unter dem Pabstthum, und ist jetzt nirgend ein solcher Ernst bei dem Evangelio, wie man zuvor hat gesehen bei Mönchen und Pfaffen, da man so viel stiftete und bauete, und niemand so arm war, der nicht etwas wollte geben. Aber jetzt ist nicht eine Stadt, die einen Prediger wolle ernähren, und nichts gehet, denn eitel Rauben und Stehlen unter den Leuten, und lassen ihnen niemand wehren. Woher kommt solche schändliche Plage? Von der Lehre, sagen die Schreier, daß man lehret, man soll nicht auf die Werke bauen noch trauen. Aber es ist der leidige Teufel, der solches der reinen heilsamen Lehre fälschlich zumisset, das seiner und der Leute Bosheit Schuld ist, die solcher Lehre mißbrauchen, dazu auch unsers alten Adams, der immer den Holzweg zur Seiten uns will, und denket, es habe nicht Noth, ob wir gleich nicht viel gute Werke thun; und werden also unversehens faul und unachtsam, und versauern darinne, bis wir den Saft und Kraft des Glaubens gar verlieren. (Luther in seiner großen Predigt von der Liebe über 1 Joh 4, 16—21.) Wie Luther hier über seine Zeit klagt, so müssen wir auch über die unsrige klagen. Wo falsche Lehre und Schwärmerei herrscht, da ist — zu unserer Schande sei es gesagt — meist mehr Eifer, als da, wo die reine Lehre erschallt. Auch jetzt wird es offenbar: wenn sich der Mensch selbst etwas aussinnt, womit er Gott zu dienen gedenkt, da glüht er vor Andacht wie ein Backofen (Hos. 4, 7.) und martert sich vergeblich ab bis aufs Blut (1 Kön. 18, 28.), wenn aber der Mensch seine selbsterwählten Werke und Gottesdienste lassen (Jes. 58, 13.), seinen Willen tödten, seine Weisheit verläugnen und Gott allein nach seinem Worte dienen soll, was freilich in der Regel vor der Vernunft und den Augen der Welt keinen herrlichen Schein hat, dann ist der Mensch meist verdrossen, faul und träge dazu, und fällt endlich in die Sünde Sauls. (1 Sam. 15.) Seid darum gewarnt, ihr, die ihr die Gnadenmittel rein habt, daß ihr nicht aus den Ersten die Letzten werdet. Wem viel gegeben ist, von dem wird man viel fordern. Pabst Pius V. sagte: „Da ich ein Ordensmann war, hatte ich Hoffnung zu meiner Seligkeit, nachdem ich aber Cardinal wurde, fing ich an zu zweifeln, und nun als Pabst muß ich dißfalls gar verzweifeln. Bezahlt. Den 2. Jahrg. die Hrn. P. Wyneken (7 Expl.), P. Trautmann, Faulstich. Die 2. Hälfte des 2. Jahrg. Hr. Brandt. Gedruckt bei Weber und Olshausen.