# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1852 11 28_S51 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) hier, oder nur da iſt ſeine Kirche und ſeine ver— heißene Gnadengegenwart. Als einſt die afri⸗ kaniſche Sekte der Donatiſten behauptete, die wahre Kirche ſei allenthalben ausgeſtorben und nur in Afrika, nehmlich in ihnen allein, ha⸗ be ſie ſich erhalten, da antwortete ihnen der hei— lige Auguſtinus: Nicht Afrika, ſondern der Weltkreis iſt das Gebiet des Reiches Chriſti; denn es ſtehet von Chriſto geſchrieben: „Heiſche von mir, ſo will ich dir die Heiden zum Erbe geben, und der Welt Ende zum Eigenthum.“ Pſ. 2, 8. Wie es aber kein einzelnes Volk und keine einzelne Stadt und kein einzelnes Land, ja, keinen einzelnen Erdtheil gibt, von dem man ſagen könnte: Hier allein iſt die Kirche, außer welcher kein Heil und keine Seligkeit iſt; ſo gibt es auch keine einzelne ſichtbare Kirchengemein— ſchaft, die dies von ſich rühmen könnte. Mag eine einzelne ſichtbare Kirche vor allen anderen Gottes Wort noch ſo rein haben; mag ſie vor allen anderen die heiligen Sacramente noch ſo treu verwalten und gebrauchen; mag ſie vor al— allen anderen durch chriſtliche Zucht, Ordnung und Reichthum an guten Werken noch ſo herr— lich glänzen: dennoch kann ſie nicht ſagen: Wir allein ſind Gottes Haus, hier bei uns allein iſt Chriſti Kirche; denn Gottes Wort ſagt, Chri⸗ ſtus herrſche ſelbſt mitten unter ſeinen Feinden (Hſ. 110. 2.), das heißt, Chri— ſtus habe ſeine Unterthanen auch da, wo ſeine Feinde, Ungläubige, Spötter, Verführer, Ketzer und Tyrannen, toben. Als daher der theure Mann Gottes Elias meinte, er ſei allein von Gottes Kirche übrig geblieben, weil er ganz Joͤrael von Baalspfaffen verführt und daſſelbe anſtatt des wahren Gottes dem Baal dienen ſah, da erhielt er die göttliche Antwort: „Ich babe mir laſſen überbleiben ſieben tauſend Mann, die nicht haben ihre Kniee gebeuget vor dem Baal.“ (Röm. 11, 1-5. 1 Kön. 19, 1—18.) Ueberall daher, wo Gottes Wort noch für Gottes Wort gilt, hat Chriſtus ſeine Gläu— bigen, ob auch falſche Lehrer daſſelbe verkehren und verfälſchen, Chriſtus iſt kein ſo armer König, der nur in Einer Stadt, in Einer Provinz, in Einem Lande König wäre: wo iinmer in aller Welt das Wort von ſeiner Gnade tönt, da macht er ſich Unterthanen und ſtiftet, den Höl— lenpforten zu Trotz, ſeiner Kirche ſeliges Reich. Auch wir Lutheraner müſſen daher bekennen, und wir bekennen es mit Freuden: auch außer— halb der ſichtbaren lutheriſchen Kirche hat Chri— ſtus ſein Reich; auch außerhalb der ſichtbaren lutheriſchen Kirche hat Chriſtus noch Gläubige; auch außerhalb der ſichtbaren lutheriſchen Kir— che gibt es ſeligwerdende Seelen. — Aber wie? meine Zuhörer, haben wir nicht erſt vor acht Tagen das Feſt der lutheriſchen Kirchenreformation gefeiert? — Iſt es wahr, daß Viele ſelig werden, welche den Namen Lu— theraner nicht tragen, warum feiern wir noch den Tag, an welchem einſt Luther den Grund— ſtein zu dem Neformationswerk legte, als einen Feſttag des Jubels und der Freude? Iſt es wahr, daß die ſichtbare lutheriſche Kirche nicht die allgemeine heilige chriſiliche Kirche iſt, außer welcher kein Heil iſt, warum halten wir noch feſt an unſeren kirchlichen Bekenntniſſen? wa— rum reißen wir dieſe Mauern nicht nieder, wel— che unſere Kirche von allen anderen Gemein— ſchaften trennt? Warum bleiben wir noch in den engen Grenzen unſerer evangeliſch luthe— riſchen Kirche? warum ſondern wir uns noch ab von allen anderen Partheien in der Chriſten— heit? Warum reichen wir nicht allen Gliedern dieſer Partheien die Hand der brüderlichen Ge— meinſchaft? und warum nehmen wir alſo nicht theil an der jetzt ſo hoch gefeierten Union? Wohl meinen Viele, wenn ſie hören, daß Gottes Kirche eigentlich unſichtbar und über den ganzen Erdboden verbreitet ſei, alſo könne man getroſt der ſichtbaren rechtgläubigen Kir— che den Rücken kehren und Gemeinſchaft halten mit allen Religionen und Sekten. Aber, meine Theuren, dies folgt ſo wenig daraus, ſo wenig aus dem Satze: Auch die Chriſten ſind Sün— der — dieſes folgt, daß alſo ein Chriſt die Frei— heit habe, zu ſündigen mit Wiſſen und Willen. Doch dies laßt mich euch in gegenwärtiger Stunde etwas genauer erörtern. Text: 1. Joh. 2, 19. Schon zur Zeit der heiligen Apoſtel traten, meine Zuhörer, Irrlehrer auf, welche neben den rechtgläubigen, von den Apoſteln gegründeten, Kirchen eigene Gemeinden ſtifteten, damit ſie darin ungehindert und ungeſtraft das Wort nach ihrem Sinne deuten und vortragen konn— ten. Dieſe Irrlehrer umgaben ſich meiſt niit einem großen Heiligenſchein. Sie gingen, wie Paulus ſagt, oft einher in Demuth und Geiſt— lichkeit der Engel (Col. 2, 18-23.). Dadurch ließen ſich zuweilen auch Glieder der rechtgläu— bigen Gemeinden täuſchen, verließen dieſe Ge— meinden und ſchloſſen ſich den Gemeinſchaften der Irrlehrer an. Was ſprichtenun hierzu der heilige Apoſtel in unſerem Texte? Erklärt er es etwa für gleichgültig, ob man bei der recht— gläubigen Gemeinde bleibe oder nicht? Erklärt er etwa, daß ſolche abfällige Chriſten doch gute Chriſten blieben und, wenn auch nicht zur wah— ren ſichtbaren, doch zur wahren umſichtba— ren Kirche gehörten? Nein; mit großem Ernſte ſchreibt er: „Sie ſind von uns aus⸗ gegangen, aber ſie waren nicht von uns: denn wo ſie von uns geweſen wären, ſo wären ſie ja bei uns geblieben; aber daß ſie offenbar würden, daß ſie nicht alle von uns ſind.“ Hier— mit erklärt der heilige Johannes: wer von ei— ner ſichtbaren rechtglänbigen Gemeinde abfällt, der beweiſt damit, daß er kein rechtſchaffener Chriſt, alſo kein Glied der unſichtbaren Ge— meinde der Heiligen ſei; denn wer das iſt, der bleibt bei jener. Hiernach laßt mich jetzt die Frage beantworten: Warum ſoll und kann uns der Glaube, daß die wahre Kirche eigentlich unſichtbar und über die ganze Welt zerſtreut ſei, nicht verleiten, die rechtgläubige ſicht⸗ bare Kirche zu verlaſſen? unſichtbaren Kirche gehören wollen, eine dop— Ich antworte: weil diejenigen, welche zur pelte Verpflichtung haben: 1. Die Pflicht, ſich von denjeni⸗ gen abzuſondern, welche Gottes Wort verfälſchen und in ihren Irt⸗ thümern hartnäckig verharren, und 2. Die Pflicht, ſich zu denen zu hahten, welche treulich bei Gottesd Wortbleiben und den wahren Glau⸗ ben rein und lauter bekennen. Du aber, HErr IEſu, wolleſt geben, daß das in dieſer Stunde gepredigte Wort an unſet keinem verloren ſei, daß die von Deiner rechi⸗ gläubigen Kirche bereits Abgefallenen heilſam erſchreckt, die Lauen und Gleichgültigen in Sa— chen der Religion und Kirche aufgeweckt, die im Zweifel Stehenden gewiß gemacht und die treuen Bekenner Deines Namens geſtärkt wer⸗ den, damit wir alle des Glaubens Ende errei⸗ chen, welches iſt der Seelen Seligkeit. Erhöm! uns um Deiner Gnade und Wahrheit willen. Amen. 1. ö Ein ſo gefäbrlicher Irrthum es auch iſt, meint Zuhörer, wenn man meint, die ſichtbare luthe— riſche Kirche ſei die Kirche, außer welcher kein Heil iſt, und daß daher nur die ſogenannten Lutheraner ſelig werden können, ſo iſt es doch ebenſo irrig, wenn man im Gegentheil glaubt, weil viele Menſchen ſelig werden, dir keine Glie— der der ſichtbaren lutheriſchen Kirche ſind, ſo ſei es gleichgültig, zu welcher ſichtbaren Kirche man ſich halte; wer in einer irrgläubigen Kirche ſich befinde, könne ohne Seelengefahr darin bleiben, und wer zur rechtgläubigen lutheriſchen Kircht gehöre, koͤnne dieſelbe auch ohne Seelengefahr wieder verlaſſen und ſie mit einer anderen ver— tauſchen. Wohl iſt es wahr, die wahre Kirche iſt ei— gentlich unſichtbar und über die ganze Welt zer⸗ ſtreut. Aber dieſer Glaube ſohl und kann uns keinesweges verleiten, die rechtgläubigt ſichtbare Kirche zu verlaſſen, oder die Gemein⸗ ſchaft mit ihr gering und für gleichgültig zu achten. Denn gerade diejenigen, welche zur un⸗ ſichtbaren Kirche gehören wollen, haben zwei wichtige Dem entgegenſtehende heilige Pflichten, und zwar 1. dieſe Pflicht: ſich von allen denjenigen abzuſondern, welcht Gottes Wort verfälſchen und in ihren Irrthümern hartnäckig ver⸗ harren. Gehen wir zurück bis zur Kirche Adams, und verfolgen wir die ganze Geſchichte der Kirche von Anfang bis zu dem letzten der Apoſtel, dem heiligen Evangeliſten Johannes, ſo finden wir, daß ſich die Rechtgläubigen auf Gottes Beſehl immer von den Falſchgläubigen abgeſondert ha⸗ ben und daß Gott, wenn ſich die Rechtgläubi— gen endlich in die Gemeinſchaft der Irrgläubi⸗ gen verlocken ließen, daran nicht nur kein Ge— fallen getragen, ſondern dies auch immer mit ſchweren Gerichten heimgeſucht hat. Kaum hatte Cain falſchen Gottesdienſt angerichtet, ſo ſchied ſich die rechtgläubige Kirche Adams von