# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1852 10 27_S28 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) irrrſ eeee und wider ſich aufbringen, den Zorn des Pap⸗ ſies gegen ſich reizen und ſich gar damit Acht und Bann zuzieben würde, das hätte er nim— mer geglaubt, des Evangeliums, die er in ſeinen Sätzen dar— getban hatte, verdammt wurde, ſtiegen Dr. Lu— tber'n über die römiſche Kirche ſelbſt Zweifel auf; und die underſchämte Vertheidigung des eberrichterlichen Anſehns des Papſtes in allen Glaubens- und Gewiſſensſachen, mit welcher der päpſtiſche Theologe Joh. Eck hervortrat, drang unſern Luther, auch dieſen Punkt der ſtrengen Prüfung nach Gottes Wort zu unter— werſen, und ſo kam es, daß ihm von dem Ge⸗ beimniß der Bosheit im antichriſtiſchen Papſt— tbum nun ein Stück nach dem andern aus der Schrift offenbar wurde. Je mehr ſich Rom u. ſeine Anhänger der von ihm entdeckten evan— geliſchen Wahrheit entgegenſtellten, deſto mehr wurde er in die Schrift, und damit zugleich in in das Reformationswerk ſelbſt hineingetrieben. Jedes Zeugniß für die Wahrheit, das er noth— gedrungen und Gewiſſens halber vermöge ſei— nes Eides auf die heilige Schrift, den er bei Uebernahme des Doctorats geleiſtet, ablegen mußte, war ein Stein zum Bau des ſich neu— geſtalteuden Tempels; jeder Schritt, zu dem ihn ſeine Gegner drängten, war die nothwendige Urſache des folgenden; bis das Reformations— werk ſich unter ſeiner Hand vollendete, ehe ſich ein eigentlicher Reformationsplan in ſeiner See— le gebildet hatte. Und wenn ihm zur Zeit der Anfechtung faſt ſchwindelte vor dem großen Werk, in welches er hineingeführt war, und ſeine Seele ſich entſetzte über den Stürmen, die in Folge ſeines Auftretens die Länder und Völ— ker durchbrauſten, da tröſtete er ſich im ſtillen Kämmerlein vor ſeinem Gott, daß nicht er, ſon— dern Gott ſolches Werk angefangen habe, daß es nicht ſeine, ſondern Gottes Sache ſei. Sein Gebet zu Worms, wo er vor Kaiſer und Reich erſcheinen ſollte, gibt davon Zeugniß. Wie ganz anders war es mit andern refor-— materiſchen Verſuchen gegangen, die aus menſch— lichem Rath und Vornehmen angefangen wa— ren! Es hatte an dergleichen ſchon vor Luther nicht gefehlt. Denn daß der Kirche eine Refor— matien nöthig ſei, das war ſeit langer Zeit ſchon von vielen angeſehenen und frommen Männern gefüblt worden. Das Verlangen nach Refor— mation ſprach ſich ſo ſtark aus, daß ſie auf je— der Kirchenverſammlung, die ſeit 100 Jahren vor Luther'n gehalten worden waren, ernſtlich zur Sprache kam. Auf dem Coneil zu Coſt— nitz, welches den treuen Zeugen JEéſu Chriſti, „Joh. Huß verdammte, ſollte eine Reformation an Haupt und Gliedern vor ſich gehen. Viele gelehrte Männer hatten zu Gunſten einer Re— formation geſchrieben und Rathſchläge dazu ge— geben. Denn die Sünden und Aergerniſſe des Clerus, oder des ſogenannten geiſtlichen Stan— des, waren über Macht und empörten jedes chriſliche Gefühl. Auf dem römiſchen Stuhl ſelbſt ſaßen die nichtswürdigſten Menſchen, die Erſt als er ſich nicht mehr ver⸗ hehlen konnie, daß von dem Oberhaupt dey Chriſtenbeit zu Rom die ſonnenhelle Wahrheit“ —2.— — die gräulichſten Laſter ungeſchent verübten. Schwelgerei, Ueppigkeit, Prachtliebe, Unzucht, unerſättlicher Geiz, ja ſelbſt Atheismus konnte deu römiſchen Päpſten jener Zeit offen nachge— wieſen werden. Aber alle jene wohlgemeinten Pläne einer Kirchenverbeſſerung blieben unaus— geführt; das Verderben blieb, wie es war, und wuchs je länger, je mehr. angenommen, es wäre ninnner eine Reforma— tion zu Stande gekommen. Gerade einen un— angeſehenen Mönch, der nie daran gedacht hatte, ein Reformator zu werden, erwählte ſich Gott zu ſeinem Werkzeug, damit ihm die Ehre allein bliebe, damit man deutlich erkennen könne, daß dieſe Reformation Gottes Werk war. Aber zu dieſem Beweis kommt noch ein an— derer, der nicht minder wichtig iſt. Dieſer iſt: daßſes ein Werk war, welches alle menſchlichen Kräfte weit überſtieg. Es gab Ungebeures zu thun, um eine wahre gründliche Reformation der Kirche zu bewirken. Welch ein Schutt von Irrthümern, Menſchen— ſatzungen und Mißbräuchen war hinwegzuräu- men, welch eine Macht von eingewurzelten Vor— urtheilen zu überwinden! Wenn es jemand zu einer Zeit, wo noch die mächtigſten Fürſten der Erde dem Papſte als dem allermächtigſten hul— digten und die Völker vor ſeinem Banne zitter- ten, hätte vorausſagen lollen, daß ein armer einzelner Mönch es wagen dürfe, des Papſts Bannbulle und Decrete öffentlich mit Feuer zu verbrennen; öffentlich zu ſchreiben und aus der Schrift zu beweiſen, daß das Papſtthum vom Tenfel geſtiftet ſei; — oder wenn es jemand hätte vorausſagen ſollen, daß von einem gerin— gen armſeligen Mönch rine ſolche Umgeſtaltung in der Kirche ausgehen werde, in Folge deren dasſchriſtliche Volf ſich nicht mehr damit begnü— gen werde, was Papſt, Biſchöfe und Coneilien ſagen, oder was die Satzungen der Kirche vor— ſchreiben, ſondern ſelbſt prüfen und forſchen werde, was das Wort Gottes ſagt, und ſich hinfort keine Glaubensartikel von Menſchen aufdringen laſſen werde, ſie ſeien denn in heili— ger Schrift klar gegründet; ſo würde dies für eine Sache der Unmöglichkeit gehalten worden ſein. Es würde zwar zu weit führen, alle die Irr— thümer und Mißbränche zu erzählen, womit das Papſtthum die Kirche verwüſtet hatte. Allein etwas müſſen wir davon erwähnen, um da— raus zu ſehen, was die Reformation für ein ſchweres, alle menſchlichen Kräfte überſteigendes Werk war. Da war nun erſtlich das ungeheure Anſehn des Papſtes. Er hatte es dahin gebracht, daß ihn die ganze Kirche für das ſichtbare Ober— haupt erkannte, für den ſichtbaren Stellvertreter Chriſti auf Erden, der allein die Schlüſſel des Himmelreichs habe, der allein zu entſcheiden habe, was in der Kirche gelehrt und geglaubt werden ſolle. Was er in Glaubensſachen oder Ceremonieen ordnete oder ſetzte, das galt als Regel für die ganze Kirche und mußte im blin— Hätte nicht Gott! — — „ — — — — ſelbſt dreingeſetzen, und ſich ſeiner Heerde ſelbſt nie auf Erden geweſen war; denn er betrachtete den Gehorſam angenommen werden; ſelbſt wenn es offenbar der heiligen Schrift widerſprach. Keinem ſtand das Recht der freien Prüfung zu, ja nicht einmal das Leſen der Schrift. Der Papſt erhob ſeinen Stuhl ſogar über die Thro— nen der Könige und Fürſten, hatte alle geiſtliche und weltliche Gewalt an ſich geriſſen, und drück— te das ganze Chriſtenvolk in allen Ländern mit unſäglichen Auflagen — eine Torannei, wie ſie ſich als den Herrn über das Gewiſſen, Leib, Le— ben und Gut aller Menſchen. Wenn wir da— her leſen, was St. Paulus vom Antichriſt ge— weiſſagt hat 2 Theſſ. 2, 4.: „Der da iſt ein Widerwärtiger und ſich erhebet über alles, das Gott oder Gottesdienſt heißt, alſo daß er ſich ſetzt in den Tempel Gottes, als ein Gott, und giebt ſich vor, er ſei Goit,“ — ſo kann kein Zweifel ſein, daß ſich dieſer Antichriſt in dem römiſchen Papſt offenbart hat; der ſich eben da— durch über alles, was Gott oder Gottes- dienſt heißt, erhoben hat, daß er ſich unter— wunden, in Lehre und Gottesdienſt alles nach ſeinem Belieben zu ordnen, zu ändern und abzuthun. Mit dem ungeheuern Anſehn des Papſtes hing natürlich auch zuſammen, daß der ganze ſogenannte geiſtliche Stand eine ſol— che Stellung zum Volke einnahm, die alles Recht in geiſtlichen Dingen dem Volke entzog und in die Hände der Prieſter legte. Das Pfaffenthum war ſo zu ſagen die Schleppe des Papſtthums; in Bezug auf das letztere ſtand es in ſclaviſcher Abhängigkeit, aber dem Volk ge— genüber übte es alle Macht im Kleinen aus, die der Papſt im Großem übte. Von dem Recht der Berufung, von dem Recht über die Lehre zu ur— theilen, von der Regierung der Kirche, war das chriſtliche Volk gänzlich ausgeſchloſſen; denn ſie, die Geiſtlichen, betrachteten ſich mit dem Papſt allein als die Kirche. Beſehen wir nun weiter, was denn eigentlich in der päpſtiſchen Kirche dem Volke für eine Anweiſung zur Seligkeit gegeben wurde, ſo treffen wir da auf viele grundſtür— zende, ſeelengefährliche Irrthümer. Denn wenn auch Chriſtus, ſeine Gottheit, Menſchwerdung, ſein verdienſtliches Leiden und Sterben, ſeine Auferſtehung und Himmelfahrt nicht geleugnet. wurdez ſo war doch Chriſti Verdienſt durch die Zuthat ſo vieles menſchlichen Wahnes gar ver— kleinert und verdunkelt. Neben dem Verdienſte Chriſti wies man auf die Fürbitten und Ver— dienſte der Heiligen, beſonders auf die Für— ſprache der Maria, als könne Chriſti Herz nur durch die Fürbitte ſeiuer Mutter über dem Sün— der erreicht werden. Man gebot Wallfahrten, Opfer, Schenkungen, um dadurch die Gunſt der Heiligen zu gewinnen. Neben dem Glauben wies man auf die Werke, auf die eignen Bä— ßungen und Genugthuungen; auf das Fegfeuer als letztes Reinigungsmittel derjenigen, welche nicht als vollkonmmene Heilige verſtorben ſeien. Die tröſtliche Lehre von der Gerechtigkeit des Glaubens, daß Gott dem Sünder die Gerech— tigkeit ſeines lieben Sohnes zurechnet, der ſich