# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1852 10 27_S27 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) * * — 1 welche die reine Lehre annahmen, womit er doch nichts ausgerichtet, ſondern nur Urſache gegeben hat, daß Gottes Macht und Herrlichkeit an ſei— nem Knecht Luther, und hinwiederum ſein Ge— richt an dem Papſtthum deſto offenbarer gewor— den iſt. Ich aber wüßte, meine Theuren, auf dieſen Tag von keiner Sache zu predigen, die uns mehr zur Etärkung und Erbauung, ſo wie zum Lobe Gottes dienen könute, als wenn ich Euch zu zeigen ſuche, wodurch ſich Luther's Werk oder das Werk der Wefermatien als ein Werk aus Gott erwieſen hat. Denn iſt dies klar und erwieſen, ſo folgt auch nothwendig, daß unſre Lehre, unſre Kirche, unſer Glaube recht und wahr iſt; daß wir um unſres Ge⸗ wiſſens, um unſrer Seel und Seligkeit wil⸗ len dabei bleiben müßſen; daß wir nicht no⸗ thig haben, auf das ungegründete Geſchrei de— rer zu achten, die gern Lutber's Werk als ein balbes oder wohl gar als ein verfehltes anklagen möchten und ſich berufen glauben, erſt jetzt ſeinem Werke die rechte Vollendung zu ge⸗ ben; während ſie in der That nichts andres ver— mögen, als zu verpfuſchen und zu verderben, was Luther wohl und trefflich gemacht hat. Der HErr laſſe unſre Betrachtung geſegnet ſein zu ſeines Namens Ehre und unſrer Seelen— Erbauung. Text: Heſek. 34, 10—11. Der Nerv dieſes Tertes iſt die göttliche Zu— ſage,d daß Er, der HErr, ſich ſeiner Heerde, d. i. ſeiner Kirche, ſelbſt annehmen will, wenn ſie von ihren Hirten, d. i. von denen, die ihr ſoll— ten treulich im Amte des Wortes vorſtehen, ver— wahrloſt, unterdrückt und verwüſtet wird; daß er ſie aus den Händen ſolcher treuloſen, ſchäd— lichen Hirten erretten und dafür ſorgen will, daß ſie die rechte Weide der Seelen im Wort und, Sacrament wieder bekomme. Iſt nun zwar die— größte und herrlichſte Erfüllung dieſer Zuſage geſchehen, da der HErr Ehriſtus ſelbſt perſön— lich auf Erden kam, — denn da hat er ſeine Heerde ſelbſt geweidet und die verirrten Schafe wiedergeſucht und ſie den Händen ihrer geiſtli— chen Verführer und Mörder entriſſen, — ſo iſt doch der HErr zu allen Zeiten ſeines Wortes eingedenk, und hat es ſtets wahr gemacht; er hat ſich allezeit ſeiner Heerde ſelbſt angenommen, und ſelbſt darein gegriffen und eine Hülfe ge— ſchafft, wenn durch die Untreue und Bosheit der Hirten ſeine Kirche der Verwüſtung und Zerſtö— rung Preis gegeben war. Ganz offenbar geſchah dies zur Zeit der Re— formation. Und von dieſem Geſichtspunkte aus. wird es uns recht klar werden, wie dir Refor-— formation ein Werk Gottes war. Alſo der Ge— genſtand unſrer Andacht möge diesmal ſein: Die Reformation Lutheri ein Werk Gottes. Es gibt nicht blos zu beweiſen, daß Gott ſein Werk in und bei der Reformation gehabt habe; denn Gott hat bei manchen Ereigniſſen und bei manchen Handlungen der Menſchen ſein Werk, ehne daß man das Werk ſelbſt für ein lauteres Gotteswerk halten kann. Es haben je und je laſtiker oder päpſtiſchen Theologen aus, — 26— bei verderbten Zuſtänden der Kirche reformato⸗ riſche Bewegungen Statt gefunden, denen man nicht abſprechen kann, daß Gott ſein Werk da— runter hatte, die man aber auch nicht unbedingt für ein lauteres Gotteswerk erkennen kann, weil ſich denſelben zu viel Menſchliches und Unlau— teres beimiſchte und keine Heilung von Grund aus erfolgte. Von Luther's Reformation kön— nen und müſſen wir aber behaupten, daß ſie ganz und gar ein Werk Gottes war, weil ſie l. nicht aus menſchlicher Mei— nuing angefangen war. weil ſie ahle menſchlichen Kräfte weit überſtieg; weil ſie mit dem heilſam⸗ ſten unda geſegnetſten Erfohge für die Kirche gekrönt wurde. 25 Sie war nicht aus menſchlicher Meinung angefangen. Luther hatte ſich nicht vorgenommen, ein Re f0 rmator zu wer— den; das war ihim nicht in den Sinn gekommen. Er war Papiſt geweſen in vollem Sinne des Wortes, voll ſelaviſcher Unterthänigkeit gegen den römiſchen Stuhl; er hatte mit höchſtem Fleiß allen Satzungen der Kirche nachgelebt und es aller Heiligkeit der Mönche zuvorge— than, um nur Ruhe zu finden für ſeine Seele. Und da ihm unter großen ſchweren Anfechtun— gen nicht aus der Lehre der römiſchen Kirche, ſondern aus dem lebendigen Troſtquell des gött— lichen Wortes ſelbſt, der Glaube im Herzen auf— gegangen war, daß der Menſch nicht gerecht werde durch ſeine Werke, daß alles Eigenwerk umſonſt ſei, und nur die lautere Gnade Gottes in Chriſto, mit einem bußfertigen und gläubi— gen Gemüth ergriffen, den Menſchen gerecht und ſelig mache; ſo war er doch damals noch weit davon entfernt, gegen die Lehre der römiſchen Kirche oder gegen das nubedingte Anſehn des römiſchen Stuhls einen Argwohn zu faſſen, ge⸗ ſchweige ſich für einen Reformator berufen zu glauben. Er tachtete ſich nicht würdig des Be— rufs zu einem Doctor der heiiigen Schrift; denn als ihm ſolcher von Dr. Staupitz für die neu— errichtete Univerſität in Wittenberg angeira— gen wurde, ſo machte er die demüthigſten Ein— wendungen. Ja, noch ahnte Luther ſeinen ho⸗ hen Beruf nicht, als er in jenem Beruf bereits mehrere Jahre mit dem größten Erfolge gewirkt hatte; denn er blieb nicht bei der hergebrachten unfruchtbaren Lehrart, er legte nicht den heid— niſchen Sittenlehrer Ariſtoteles aus, er kramte nicht die Schulweisheit der ſogenannten Scho— die mit ihrem gelehrten Plunder das Papſtthum mit al— len ſeinen Gräueln zu ſchmücken und zu decken ſuchten, ſondern er ergötzte ſich mit ſeinen Zu— hörern an dem friſchen Quell der Wahrheit, den Schriften der Propheten und Apoſtel, er förderte aus dieſer unerſchöpflichen Fundgrube Schätze der Weisheit und Erkenntniß zu Tage, daß auch viele, die ihn hörten, ſich ſeiner verwunderten und von ihm prophezeiten, er werde eine neue . Lehrweiſe in der Kirche und in den Schulen aufꝰ bringen; während es alſo andere ahnten, daß mit ihm der Anbruch einer beſſeren Zeit gekom⸗ men ſei, ſo ahnte er doch ſelbſt nichts, ſondern blieb in ſeinem Sinn klein und demüthig, machte nichts aus ſich ſelbſi und begehrte keinenz! ö weitern Wirkungskreis, als den ihm Gott für' ſeine nächſten Zuhörer angewieſen hatte. Man⸗ cher Saame war auf dieſe Weiſe ſchon ausge— ſtreut, manche evangeliſche Wahrheit in die Her- zen gepflanzt, manchem papiſtiſchen Irrtbum ſchon die Wurzel abgeſchnitten, und der Refor⸗ mation der Weg gebahnt, ehe jemand an die Neformation dachte. Der erſte öffentliche Schritt, der die Lehre der römiſchen Kirche vor den Nichterſtuhl des goͤit. lichen Worts zog und ſo mit den erſten Anſtoß zur Reformation gab, war bekanntlich die Ver— öffentlichung der 95 oder Theſes, wel⸗ che Luther am 31. October 151ʃ7 an die Schloßkirche zu öenden anſchlug; denn in dieſen Sätzen wuͤrde beſonders die römiſche Lehre vom Ablaß, daß der Papſt vermöge des Schatzes, welchen die Kirche aus den überflüſ— ſigen Verdienſten der Heiligen beſitze, gegtu Darleguug einer gewiſſen Geldſumme dem Sün⸗ der die Genugthunngen erlaſſen könne, die er für ſeine Sünden hier und im Fegefener zu leiſten habe, nach Gottes Wort geprüft, und von Luther entſchieden behauptet: der wahre.! Schatz der Kirche ſei allein das Verdienſt E— ſu Chriſti, uicht die Verdienſte der Heiligen; aus dieſem Schatz allein komme Vergebung der Sünde, und werde umſonſt und ohne Geld al⸗ len geſchenkt, die in wahrer Neue über ihre Sünden ſtehen, auf das Verdienſt Chriſti ver⸗ trauen und von ihren Sänden zu laſſen be gebren. Ob nun gleich die Veröffentlich dieſer Sätze, weil ſie nicht in den engen Rälke men des Hörſaals vorgetragen wurden, ſondern frei in die Welt hinaustraten und die Grund⸗ lehren des Papſtthums angriffen, unlengbar die erſte reformatoriſche Handtung Luther's war; ſo war es doch ſeine Meinung ganz und nicht, mit dieſen Sätzen als Reformator außzu treten. Die böchſte Gewiſſensnoth hatte ihn dazu gedrungen. Denn der gräuliche Unfug des Ablaͤßkrämers Tetzel geſchah unter ſeinen Angen, richtete unter ſeinen eignen Pfarrkindern Irrthum und Verwirrung an und riß in ihren Herzen die Lehre von Buße u. Glauben nieder, die er ſorgfältig in ſie gepflanzt hatte. Denn die ſich von Tetzel Ablaß geholt hatten, ſagten! frei, daß ſie nun keine Buße wegen ihrer Sün⸗ den nöthig hätten. Welch ein Schmierz, weich eine Gewiſſensnoth mußte dies dem frommen und erleuchteten Dr. Luther verurſachen! Aber.! zu denken, daß dies von dem Haupt der Chri⸗ ſtenheit zu Rom gebilligt werde, war ihm un⸗ möglich. Er ging, nachdem er manche andere Wege zur Abſtellung des Aergerniſſes vergeblich! verſucht hatte, mit ſeinen Sätzen in der Hoff⸗— nung hervor, daß die Wahrheit von allen, die l es treu mit der römiſchen Kirche meinten, und beſonders vom Papſt ſelbſt anerkannt werden würde. Daß er damit die ganze Welt erergeng