# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1852 09 01_S3 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Nachdem dies aber eben geſchehen war, ſende— te uns Paſt. Grabau einen ſogenannten „Hir⸗ tenbrief“ zu, den ſelbiger zu Ende des Jahres 1840 zunächſt an die mit ihm verbundenen Gemeinden wegen in denſelben vorgekommener Unordnungen hatte ergehen laſſen. Zugleich veranlaßte uns der Genannte, uns über dieſen „Hirtenbrief“ auszuſprechen. Als wir dieſen „Hirtenbrief“ laſen, erſchracken wir nicht wenig; denn wir fanden darin die Irrthümer vorgelegt, von deren verderblichen Folgen wir eben vor kurzem nur zu traurige Erfahrungen gemacht hatten und daraus wir eben erſt durch Gottes überſchwengliche Gnade und Geduld errettet worden waren. Wäre uns jener „Hirtenbrief“ zugekommen in der Zeit, in welcher wir noch ſtephaniſtiſchen Grundſätzen huldigten, ſo wür— den wir ihn freilich ohne weiteres unterſchrie— ben und auf Grund deſſelben ſogleich eine in— nige kirchliche Verbindung mit den Verfaſſer und ſeinen Gemeinden angeknüpft haben; aber jetzt, nachdem uns Gott faſt gewaltſam die ugen geöffnet hatte, war dies nicht möglich. Wir laſen hier, was wir kurz zuvor an uns ſelbſt als gräulichen Irrthum erkannt, Gott⸗ heimlich mit Thränen der Reue abgebeten und öffentlich vor der Hanen Kirche demüthig wi— derrufen hatten. Wir erkannten daher in der uns gemachten Zumuthung, den „Hirtenbrief“ zu unterſchreiben, eine Verſuchung und Prü- fung, ob wir uns jetzt noch eiumal von dem Irrthum überwinden laſſen oder das von Gott aus Gnaden uns geſchenkte Licht treu bewaͤh— ren würden. Zwar waren wir damals ſo rath— los und hilflos, und dabei ſo verachtet und verläſtert, daß die Verſuchung bei uns groß war, zu den Irrthümern Paſt. Grabau's zu ſchweigen und in die uns von ihm angebotene kirchliche Gemeinſchaft einzugehen: allein hat— ten wir vorher ſeinen Irrthümern in Unwiſ— ſenheit gehuldigt und hatten uns dieſelben doch an den Rand des Verderbens geführt, ſo konn— ten wir nun nimmermehr mit Wiſſen und Wil— len in dieſelben wieder einſtimmen. Wir kamen vielmehr zu einer mündlichen Beſprechung in St. Louis zuſammen, verglichen den Grabaui— ſcheu Hirtenbrief mit Gottes Wort, den ſom— boliſchen Schriften unſerer Kirche und inſon— derheit Lutheri Schriften, und beauſtrag— ten hierauf den ſeligen Paſt. Löber in Alten— burg, Perry County, Miſſouri, eine Kritik des genannten Briefes aufzuſetzen, welche denn wir anderen ſächſiſchen Prediger mit unterzeichneten und als unſer aller Urtheil Paſt. Graban im Juli, 1843, zuſendeten. So mild und brüder— lich nun dieſe unſere Beurtheilung abgefaßt war, ſo machte ſie doch bei Paſt. Grabau einen ganz anderen Eindruck, als wir erwartet hatten. Paſt. Grabau nehmlich, anſtatt ſeine, ihm ſchlagend nachgewieſenen groben Irrthümer zu widerru— fen, vertheidigte dieſelben nicht nur, ſondern be— ſchuldigte nun uns, um ſich an uns für die Angriffe auf ſeine Rechtgläubigkeit zu rächen, nicht weniger, als ſiebenzehn Irrthümer, welche er wieder in unſerer Kritik gefunden zu haben vorgab. Die Folge hiervon war ein noch wei⸗ terer Briefwechſel von beiden Seiten. Wer den⸗ ſelben in ſeinem ganzen Umfange kennen lernen und ſich von der Wahrheit deſſen überzeugen will, wenn wir behaupten, daß der Streit von— unſerer Seite ohne alle Bitterkeit, Paſt. Grabau's hingegen von vornherein mit großer Leidenſchaftlichkeit geführt worden iſt, der! leſe ein Büchlein, welches der ſelige Paſt. Löber herausgegeben hat unter folgendem Titel: „Der Hirtenbrief des Hrn. Paſtors Grabau zu Buffa⸗ lo vom Jahre 1840. und mehreren lutheriſchen Paſtoren von ri gewechſelten Schriften. übergeben als eine Proteſtation gegen Geltend— machung hierarchiſcher Grundſätze innerhalb der lutheriſchen Kirche.“ Es iſt dieſes Büchlein (10/ Seiten in Groß 8 ſtark) für den Preis von 15 Cents in der Erpedition des „Luthera— ner“ zu haben. Wie es ſcheint, wäre jedoch wohl die Feindſelig— keit Paſt. Grabau's gegen uns u. die Sonode von Miſſouri (welche ſpäter ihre Uebereinſtimmung mit der von uns gegen Paſt. Grabau vertheidigten Lehre öffentlich zu erkennen gegeben hat), nicht ſo groß geworden, wären wir und ſpäter auch die Synode nicht genöthigt werden, nach und nach einer ziemlichen Anzahl von Leuten uns anzu— nehmen und denſelben zur Erlangung von Pre— digern behülflich zu ſein, welche (Leute) früher. zu den Gemeinden der Grabauiſchen Partei ge⸗ hört hatten. In Folge der in dieſen Gemeinden herrſchenden hierarchiſchen Grundſätze nehmlich ſind von Zeit zu Zeit nicht wenige Glieder der— ſelben ungerecht in den Bann gethan, d. h. von dem heiligen Abendmahl abgeſtoßen und von der chriſtlichen Gemeinſchaft ausgeſchloſſen worden; und andere, welche dies zwar nicht erfahren ha— ben, aber zur Erkenntniß der falſchen Lehre und Praris ihrer Prediger gekommen ſind, ſind, da dieſe ihre Prediger daran hartnäckig feſthielten, ſelbſt auszutreten in ihrem Gewiſſen genöthigt worden. Dieſe von der Grabauiſchen Parter theils Verſtoßenen, theils von derſelben Grwiſ— ſens halber Ausgetretenen haben ſich denn, frü— her an uns ſächſiſche Paſtoren und ſpäter an un— ſere Synoee mit der Bitte gewendet, daß man ſie mit der Predigt des reinen Wortes Gottes und mit der Spendung der heiligen Sacramente verſorgen und ihnen überhaupt die Segnungen des heiligen Predigtamtes zu Theil werden laſ⸗ ſen möge. Dies konnten wir aber den Bittenden nicht abſchlagen. Es iſt zwar wahr, wir haben die Grabaniſche Partei noch bisher für eine Ser— te oder Rotte weder erklärt, noch angeſehen, da wir die Hoffnung nie aufgegeben haben, dieſelbe werde noch zu ſeiner Zeit, von dem Zeugniß der Wahrheit überwältigt, von dem betretenen We— ge umkehren. Allein wie hätten wir es vor Gott und ſeiner Kirche entſchuldigen wollen, wenn wir die von der Grabauiſchen Partei ungerecht Ver— ſtoßenen, oder die in derſelben um der darin im Schwange gehenden Irrthümer willen, alſo Ge— wiſſens halber, nicht bleiben konnten, auch von uns geſtoßen u. ihnen die gebotene Spendung der Gna— denmittel verſagt hätten? Hätten wir damit uns nicht aller der Irrthümer u. Sünden mit theilhaf⸗ wir' fragen: tig gemacht, durch welche dieſe Leute des Genuſ— ſes der Gnadenmittel beraubt worden waren? Mußte uns, wenn wir IEſu Sinn hatten, nicht der armen Seelen jammern, die da waren wit von Sriten Schaafe, ſo keinen Hirten haben? Oder mußten 1 ö f ö dieſe etwa ſo lange harren und ſchmachten, bichz ihre Prediger ihre Irrthümer einſehen, die un⸗ gerecht E Gebannten wieder aufnehmen und das ö W W ort Gottes Wort wieder rein und lauter ver⸗ kündigen würden, und mußten ſie alſo, wenn Rebſt den zwiſchen ihm dies nun micht geſchah, ohne die Segnungen Miſſon-des Predigtamtes ſterben, damit nur ihren in Der Oeffentlichkeit Irrthum verharrenden Lehrern nichts an ihrrr Ehre abginge? Wer dies glaubt, der muß frei⸗ lich meinen, die Hirten ſeien nicht um der Schaa--1 fe, ſondern die Schaafe um der Hirten willen da. Wir für unſern Theil haben ſo gontloſe Grundſätze nicht annehmen, noch befolgen kän— nen, ſondern nach Gottes Wort geglaubt und darnach gehandelt, daß lieber einem irrenden Lehrer an ſeiner Ehre etwas abgehen, als daß den Hungernden und Dürſtenden das Brod und ö Waſſer des Lebens vorenthalten werden ſolle. ! Es iſt zwar ferner wahr: ſo iſt des Spaltend! und Trennens immer mehr geworden. Aber wer iſt der Urheber der Spaltung?“ Derjenige, welcher falſch lebret und ungerecht: bannt, oder derjenige, welcher um dieſer falſchen Lehre und um dieſes ungerechten Bannes willen vor ihm flieht? Nicht der letztere, ſondern der erſtere; denn falſche Lehre und Lehrer zu flichen und zu meiden, heißt uns Gottes Wort bei Gottes Zorn und ewiger Ungnade. Es mag endlich zwar wahr ſein, daß ſich unter diejenigen,! welche ſich um des Gewiſſens willen von der Pat⸗3 tei Paſt. Grabau's losgeſagt, auch einige umed⸗ liche Menſchen eingemiſcht haben. Aber ſind nicht auch einſt viele Tanſende von Schälken aus dem Papſtthum mit in die lutheriſche Kirche herüber— geſchlichen? Wurde durch dieſe böſen Ueberläu-3 fer die Reformation ein. gottloſes Werk und 1 die lutheriſche Kirche eine Rotte und Secte?—4 Könnten daher auch Paſt. Grabau und Paſt. Winkler von einer noch größeren Anzahl von ih— nen Getrennter nachweiſen, daß es unredlicht Leute ſeien: wenn ſie daraus beweiſen wollen, 3 daß die Trennung von ihnen ein gottloſes Werk 4 und daß unſere Synode eine Rotteſeinmüſſe, ſo ſtellen ſie ſich damit den jeſuitiſchen Gegnern der lutheriſchen Kirche an die Seite, welche eben— falls aus dem böſen Leben vieler vom Pabſtthun abgetretener Lutheraner zu beweiſen ſuchen, daß die Reformation ein gottloſes Werk und die lu— theriſche Kirche eine gottloſe Secte ſei. Zwar hat nun unſer Gegenpart, und inſon⸗ derheit Hr. Paſt. Grabau ſelbſt, ſeit einer langen Reihe von Jahren, alles gethan, eine Einigung 4 immer ſchwieriger, ja, endlich faſt unmöglich zu machen, wir hingegen haben dazu fort und fert Raum gelaſſen. Schon in ſeiner Antikritik vom 12. Juli, 1844, ſchrieb Paſt. Grabau an uns ſächſiſche Prediger in Miſſonri: „Schließlichz verſichere ich Ihnen, daß ich Sie nicht für ſolchen! lutheriſche Paſtoren erkennen kann, die ſich noch mit Ernſt zu Gottes Wort und zu den Symbo⸗ len der Kirche halten und bekennen,“ nachdem