# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1852 07 17_S184 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) des verfloſſenen Jahres zum Montage wurde ich bei meinem Aufenthalte in der Filialgemein— de N. N. gegen 2 Uhr Morgens von meinem Hauswirth geweckt, der mit den Worten an mein Bett trat: „Herr Paſtor, ich möchte Sie wohl nicht gerne ſtören, aber die Frau N. N. iſt hier und begehrt jetzt gleich die Aufnahme in die evangel.-lutheriſche Kirche und das heilige Sacrament.“ Dieſe Fran iſt eine Schuhmachersfrau aus einem von N. N. eine Meile abgelegenen Orte, die ſich ſchon einmal bei mir zur Aufnahme in die Kirche gemeldet hatte, doch hauptſächlich aus dem Grunde nicht aufgenommen werden konnte, weil der eben beginnen ſollende Sonntagsgottes— dienſt eine gründliche Beſprechung mit ihr un— möglich machte. Schon Tags darauf war ſie, um des Beſuches unſeres Gottesdienſtes willen von ihrem Manne jämmerlich gemißhandelt, im Geſicht voll Beulen und Striemen und auf den Armen braun und blau geſchlagen, und, wie die Frauen der Gemeinde verſicherten, am ganzen Leibe noch weit übler zugerichtet, mit der fle— hentlichſten Bitte um Hülfe wieder zu mir ge— kommen. Sie verlangte wiederum das Saera⸗ ment und blutenden Herzens mußte ich auch dies Mal ihren Wunſch unerfüllt laſſen, weil kein Wein übrig geblieben, am Orte, keiner zu haben und nach der Stadt zu ſchicken nicht möglich war. Es blieb mir da nichts übrig, als mit der Armen, in Gemeinſchaft der gegen— wärtigen Gemeindeglieder, vor dem Herrn in's Gebet zu gehen und den Allbarmherzigen, der ja noch überſchwenglich mehr Erbarmen in Sei— nem Itſusberzen trage, als wir ſündigen Men⸗ ſchen, zu bitten: Er möge dem zornigen Manne die Hand läbmen, damit er aufhöre mit ſeinem Schlagen und Quälen; ja ich konnte um des Beßten der Frau ſelbſt willen, in Uebereinſtim— mung mit den Gemeindegliedern, nicht einmal dazu rathen, ſie in Begleitung nach Hauſe zu— rückbringen zu laſſen, weil der Zorn des Man-— nes dadurch nur geſteigert worden wäre. So ging ſie, ohne menſchlichen Beiſtand, aber durch's Gebet geſtärkt, mit dem Entſchluſſe: „Und wenn er mich auch todtſchlägt, meinen Glauben kann er mir doch nicht rauben,“ nach Hauſe zurück, wo ihr Mann, im Begriff, abermals über ſie herzufallen, von dem Schwiegervater gehindert, mit dieſem in Streil gerieth, ſich einen Finger verrenkte, und das Schlagen einſtweilen einſtel— len mußte. Dieſe Frau war's, welche an genanntem Sonntage zur Nacht, nachdem ich ſie den Tag vorher vergeblich erwartet hatte, gekommen war, und abermals das Sacrament begehrte. Gern hätte ich die heilige Handlung bis zum Tage verſchoben, allein mein Wirth redete mir zu. Er ſagte: Herr Paſtor! die Frau iſt geſtern auf die Nachricht von Ihrer Ankunft von ihrem Manne den ganzen Tag bis zum ſpäten Abend in N. N. herumgeſchleppt worden, ſie hat durch⸗ aus mit ihm dort zur Kirche und Sacrament gehen ſollen, das Erſtere hat ſie gethan, das Letztere nicht, ſondern ſich geweigert, und deß— halb mußten ſie beide die Kirche verlaſſen, weil — 182 dadurch Unruhe entſtand. Abends zu Hauſe angekommen, hat ihr Mann ihr befohlen, ſich auszukleiden und zu Bett zu gehen. Sie war ſchon halb entkleidet, da gehet ſie noch einmal zur Hausthüre hinaus und läuft ſchnell um's Haus. Ihr Mann und Bruder ſind bald hin— ter ihr drein; aber ſie verſteckt ſich hinter dem Zaun und kriecht in der Finſterniß unentdeckt, obgleich die Verfolger dicht bei ihr ſind, auf dem Leibe nach dem Kartoffelfelde, bis ſie entfernt genug iſt, um unentdeckt weiter zu laufen, und ſo iſt ſie über K. hierher gekommen und fürch— tet, daß ihr Mann auch nicht lange ausbleiben werde. Jetzt half nichts, ich mußte auf, meine Frau. die mich dies Mal auf meiner Reiſe begleitet hatte, ebenfalls. Die Stube wurde in Ord— nung gebracht, der Tiſch in einen Altar ver-— wandelt uud Alles ſo kirchlich als möglich ein— gerichtet. Die ganze Gemeinde ward geweckt und zuſammengerufen; bald brachten auch die Frauen die von ihnen völlig bekleidete Kreuz— trägerin herbei, welche von allen in dieſer feier— lichen Stunde ihr ſchlichtes, ungeſchmücktes, aber aller Herzen bewegendes Glaubensbekennt⸗ niß ablegte, und durch das Sacrament in Ge— genwart der Gemeinde, die insgeſammt in ſol— cher Stunde ſich nicht enthalten konnte, aber— mals dem Tiſche des Herrn zu nahen, obgleich ſie erſt am Sonntage das hl. Sacrament em-— pfangen hatte, ein Glied der evangel.-luther. Kirche wurde. Es kommt zwar im Chriſtenleben auf Ge— fühle und Empfindungen nicht ſonderlich viel an, nach ihnen beſtimmt ſich weder unſere Glaubenskraft, noch Glaubenstreue, ſondern der Glaube, der gleichviel, ob unter Angſt und Schrecken oder in Freud und Wonne, ohne Wanken und Schwanken am „Worte“ hält und. auf's „Wort“ allein ſich gründet, überwindet die Welt; aber bisweilen läßt uns der Herr in ſeligen Stunden auch die himmliſche Herrlichkeit in lieblichem Vorſchmack empfinden nud fühlen, um unſern Glauben zu ſtärken. Solch ein Stündlein erlebte ich jetzt im Schooße meiner jungen, noch nicht ein Jahr alten Gemeinde N. N. Es war, als weilte der Heer in nächſter Nähe, faſt ſichtbar unter uns. Wir hatten nur zu loben und zu preiſen. Noch heute reden wir öfter davon und noch heute iſt die Ankunft der Frau, mitten in finſtrer Nacht, in der ſie allein einen Weg trockenen Fußes zurückgelegt, der durch die vielen waſſerreichen Gräben den Män⸗ nern bei Tage Schwierigkeiten bietet, ein Wun⸗ der. Sie wußte uns ſelbſt nicht zu ſagen, wie ſie da herüber gekommen ſei, ſie wußte bloß, daß ſie glücklich da ſei. Merkwürdig iſt's, wie ſie geradezu behauptete, von den Engeln Gottes ge⸗ leitet worden zu ſein; denn ſonſt, voll ängſtlicher Furcht, in der Dunkelheit bloß bis vor die Haus-— thüre zu gehen, erklärte ſie, diesmal ſo fröhlich, grade als ob ſie mitten unter einem ſie ſchützend umgebenden großen Haufen geweſen, ihren Weg angetreten und ohne alle Schwierigkeiten gefun⸗ den zu haben. Die Freude der Frau nach Empfang des hl. Abendmahls war unausſprechlich, und geſtärkt ging ſie friſchen Muthes den ihr bevorſtehenden neuen Trübſalen entgegen, welche bald genug wieder beginnen ſollten. Sie verließ meine Wohnung mit den Worten: „Jetzt habe ich meinen HErrn und Heiland und nun mag's werden wie Gott will.“ — Sie war kaum im Nachbarhauſe angekommen und hatte dort eben ihr ſtilles Gebet vollendet, ſo fand ſich auch Mann und Bruder ein. Wüthend ging Erſte⸗ rer auf ſie los. Sie ſprang ihm entgegen mit den Worten: „Ach Fritz! wie lieb iſt mir's, daß“ du kommſt, ſiehe, jetzt habe ich das Sacrament empfangen.“ Der Mann ſtieß ſie von ſich und tobend und fluchend wollte er den ſehen, der ſich unterſtanden, ohne ſeine Erlaubniß ſeiner Frau das hl. Abendmahl zu geben. Er ſtieg mit ſei⸗ nem Knotenſtock auf meine Wohnung zu, ich nebſt meiner diesmal ängſtlich beſorgten Frau erblickten ihn ſchon durch's Fenſter, ehe er her⸗ einkam. Trotzig trat er ein, und vor mich hin mit der eben angedeuteten Frage. Doch ſchien das ſich enlwickelnde Geſpräch, in welchem ich ihm erſteus bemerkte, daß ich bei meiner Amts⸗ übernahme mich nicht erinnere, die Verpflichtung überkommen zu haben, den Schuhmacher N. aus N. um Genehmigung zu erſuchen, wenn ich neue Glieder meiner Heerde einverleiben wolle, und ihn ſodann ernſtlich auf ſein gottloſes Ge— bahren hinwies, ſeinen Zorn zu brechen. Er reichte mir beim Abſchiede freundlich die Hand utid ſoll auch draͤußen geäußert haben, daß der Paſtor ein ganz vernünftiger Kerl ſei, was er gar nicht geglaubt habe; doch dauerte dieſe kurze Bekehrung nicht lange, denn als er ſeines Weibes anſichtig wurde, kam der alte Ingrimm wieder, und weil er ihr jetzt nichts anhaben konnte, cilte er zornig nach dem Wirthshauſe, um ſeinen Arger im Branntweinfrühſtücke zu erſäufen. Seitdem haben meine Augen die Frau gar nicht wieder geſehen, aber deſto mehr habe ich über ſie gehört, was meine Freude an ihrem Glauben, trotz aller ihrer Schwachheit, nur ge— mehrt hat. Ihr Mann iſt's, welcher ihr jedes Kommen zum Gottesdienſte und in die brüder⸗ liche Gemeinſchaft unmöglich gemacht hat. Das erſte, womit er ſie bei ſeiner Heimkunft beſtrafte, war, daß er ihr alle ihre Kleider wegnahm und im Kaſten verſchloß, ſo daß ſie kaum zur Deck— ung der Blöße die nöthige Hülle behielt, dazu regnete es bei Tage Schläge, bei Nacht Stöße. Endlich machte ſich ihre Schwachheit geltend, und um den ununterbrochenen Mißhandlungen zu entgehen, ſuchte ſie einen Verſteck im Hauſe unter dem Dache im Heu, woſelbſt ſie 14 Tage unentdeckt blieb. Der Mann ließ ſie als eine Entlaufene im Kreisblatt ausrufen, entdeckte aber endlich, durch das Verſchwinden der Spei⸗ ſeüberreſte darauf gebracht, ihren Schlupfwinkel im eignen Hauſe, und fuhr von Neuem in ſei⸗ ner alten Methode fort. Der HErr muß Rath geben, was jetzt zu thun iſt, doch gelobt ſei ſein heiliger Name, die Frau ſtehet noch felſenfeſt und iſt in ſolcher Trübſal noch nicht weich geworden, ſondern voll Lobens