# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1852 07 17_S180 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) 30 Rottengeiſter vor mir gehabt, die mich haben wollen lehren; aber ich widerlegte all ihr Ding mit dieſem Spruche: Dies iſt mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe, den höret. Und mit dieſem Spruche habe ich mich durch Gottes Gnade erhalten; ſonſt hätte ich müſſen dreißigerlei Glauben annehmen ... Ich will gern allerlei Scheltworte leiden, aber nicht eines Fin⸗ gers breit weichen von deß Munde, der da ſaget: Dieſen höret!“ Doch in unſeren Tagen meinen nicht nur die⸗ jenigen, welche Freiheit von Gottes Wort, ſondern auch diejenigen, welche Freiheit von Gottes Ordnung in der Welt predigen, Lutbern als ihren Vorkämpfer feiern zu können. Die Reformation war es, ſo rufen jetzt auch die Prediger der politiſchen Freiheit, welche den er⸗ ſten Grundſtein zu dem Tempel der Freiheit ge⸗ legt hat, an deſſen Kuppel wir jetzt bauen. Die Reformation war es nehmlich, ſprechen ſie, durch welche endlich auch die, durch den Aberglauben der Menge geſtützten Throne der Fürſten wan⸗ kend gemacht, der Zauber ihres, angeblichen Herrſcherrechtes von Gottes Gnaden zerſtört und die Mündigkeit der Völker und die Freiheit und Gleichheit aller Menſchen proklamirt worden iſt. — Wohl iſt es nun zwar wahr, daß, als durch die Reformation das Wort des HErrn wieder an den Tag kam, auch den Großen der Erde, was Gott auch von ihnen fordere, gepredigt und ih— nen gezeigt worden iſt, daß auch ſie Menſchen ſind und einen HErrn im Himmel haben, vor deſſen Gericht auch ſie dereinſt werden erſcheinen müſſen; wohl iſt es wahr, daß Luther einſt nicht nur das arme gedrückte Volk geſtraft, ſondern auch den Fürſten Buße für ihre, an den von ih⸗ neu mit Füßen getretenen Völkern begangenen, Sünden mit Poſaunenſtimme verkündigt und mit ihnen geredet hat, wie bis dahin mit ihnen zu reden noch kein Wehrloſer ſich erkühnt hatte. Unter Andrem ſchrieb Luther bei dem entſtehen— den Bauernaufruhr alſo an die Fürſten: „Erſt— lich mögen wir niemand auf Erden danken ſol— ches Unraths und Aufruhrs, denn euch Fürſten und Herrn, . die ihr noch heutiges Tages ver⸗ ſtockt nicht aufhöret zu toben und wüthen wider das heilige Evangelium; dazu im weltlichen Regiment nicht mehr thut, denn daß ihr ſchindet und ſchatzt, euren Pracht und Hochmuth zu füh— ren, bis der arme gemeine Mann nicht kann, noch mag länger ertragen. Das ſollt ihr wiſ⸗— ſen, liebe Herrn, Gott ſchafft's alſo, daß man nicht kann, noch will, noch ſoll eure Wütherei die Länge dulden. Ihr müſſet anders werden und Gottes Wort weichen .. . Es ſind nicht Bau⸗ ern, die ſich wider euch ſetzen; Gott iſt's ſelber; der ſetzt ſich wider euch, heimzuſuchen eure Wü— therei.“ So redete Luther, ein Feind aller Schmeichelei, allerdings mit den Fürſten. Allein weit entfernt, daß der Geiſt des Aufruhrs, der jetzt wie ein Sturmwind aus dem Abgrund die Völker durchbrauſt, durch die Reformation ge— weckt und entfeſſelt worden ſein ſollte, und weit nifernt, daß Luther bürgerliche Freiheit als das Ziel der Menſchheit gepredigt und darin das Heil der Welt geſucht haben ſollte: ſo war es — 178— vielmehr die Reformation, durch welche auch den ſo genannten weltlichen Ständen ihre Würde wiedergegeben und inſonderheit die Göttlichkeit auch des obrigkeitlichen Standes wieder gerettet worden iſt. Eine ganz andere, wichtigere, heiligere Frei⸗ heit iſt es, meine Brüder, die uns vor 300 Jah⸗ ren errungen worden iſt. Es iſt jene Freiheit, von welcher Chriſtus redet, wenn er ſpricht: „So euch der Sohn frei macht, ſo ſeid ihr recht frei.“ Es iſt jene Freiheit, von welcher Paulus redet, wenn er ſchreibt: „So beſtehet unn in der Freiheit, damit uns Ehriſtus befrrier hat, und laſſet euch nicht wiederum in das knechtiſche 4. 2. vor die Seele führen, welch' eine Joch fangen,“ und an einer anderen Stelle: „Ihr ſeid theuer erkauft, werdet nicht der Men⸗ ſchen Knechte.“ Es iſt, mit einem Worte, die chriſtliche Freiheit, wovon die Freiheit des Gewiſſens von den Satzungen der Menſchen, die Freiheit der Ehriſten, in Sachen des Glau⸗ bens und der Seligkeit Niemanden im Himmel und auf Erden unterworfen zu ſein, als IEſu Chriſto, dem ewigen König der Gnade, ein Hauptſtück iſt. Von dieſer Freiheit, als einer Wohlthat der lutheriſchen Kirchenreformation und als einem theuren Kleinod eines evangeli⸗ ſchen Chriſten laßt mich daher jetzt zu euch ſpre⸗ chen. Gott kaſſe es geſchehen ihm zur Ehre, uns zur Erweckung. Text: 1 Cor. 3, 21—23. Kaum hatte, meine Lieben, Paulus die von ihm in der großen Stadt Corinth gegründete zahlreiche Gemeinde wieder verlaſſen, ſo waren in derſelben Spaltungen entſtanden. Die einen hatten ſich nehmlich hier darum vor anderen ei— nes Vorzugs zu rühmen angefangen, weii ſie von Paulus, andere, weil ſie von Apollo, andere, weil ſie von Kephas oder Petrus bekehrt und ge— tauft worden ſeien. Daher hatte denn auch der eine vor den anderen geprahlt: „Ich bin Pau— liſch,“ ein anderer: „Ich bin Apolliſch,“ ein drit— ter: „Ich bin Kephiſch.“ Hierüber entrüſtet, ruft ihnen denn der Apoſtel zu: „Wie? iſt denn Chriſtus zertrennt? Iſt denn Paulus für euch gekreuziget? Oder ſeid ihr in Pauli Namen ge⸗ taufet? Wer iſt Paulus? Wer iſt Apollo? — Diener ſind ſie, durch welche ihr ſeid gläubig geworden.“ Uns hierauf fährt er endlich in un— ſerem Terte fort: „Darum rühme ſiſch Nie— mand eines Meuſchen. Es iſt Alles euſer. Es ſei Paulus oder Apollo, es ſei Kephas oder die Welt, es ſei das Leben oder der Tod, es ſei das Gegenwärtige oder das Zukünfti⸗ ge; Alles iſt euer. Ihr aber ſeid Chriſti; Chriſtus aber iſt Gottes.“ Welche Herrlichkeit, welchen Reichthum, welche Hoheit ſchreibt der heilige Apoſtel hiermit allen wahrhaft gläubigen Chriſten zu! Könnte er wohl— die Freiheit von aller Menſchenherrſchaft, in wel⸗ cher ſie als Chriſten ſtehen, deutlicher bezeugen und höher erheben? Da nun aber dieſe Freiheit, die die Prieſter vor der Reformation, ſo viel an ihnen war, den Chriſten geraubt hatten, durch die Reformation den Chriſten wieder gepredigt u. zugeſtellt worden iſt, jetzt aber ihnen wieder viel⸗ fach, ſelbſt mitten in der lutheriſchen Kirche, ab-4 geſprochen wird, ſo laßt mich euch jetzt vorſtellen: 3 Die Freiheit der Chriſten von der angemaßten Herrſchaft der Prieſter, eine Wohlthat der lutheriſchen Kirchenreformation; laßt mich euch hierbei zeigen, daß die gläubigen Chri⸗ ſtenals Ehriſten nach Gottes Work' keinem Menſchen unterworfen, ſondern freie Herren und könig⸗ liche Prieſter ſeien; laßt mich euch ſchmähkiche und verderbkiche Herr- ſchaft die Prieſter über die Chri+ gemaßt habenz und laßtmich euch endlbich 3.darſteblen, wie durch die Reforma⸗ tion diefes ungöttliche, tyranni⸗ ſtürzt, den Ehriſten ihre Frei⸗ heitwiedererrungen und dieſelbe nunein theures Kleinod unſeitt Kirche geworden iſt. 1. „Esiſtalles ener, ihr aber ſeid Chriſti,“ in dieſen Anfangs⸗ und Schluß⸗ worten unſeres Textes bezeugt der heilige Apo⸗ ſtei, daß alle wahre Ehriſten, ſeien ſie nun Zu⸗ hörer oder Lehrer, Mann oder Weib, Alt oder Jung, Reich oder Arm, Hoch oder Niedrig, Kö⸗ nig oder Bettler, durch den Glauben eine Herr⸗„ lichkeit beſitzen, die mit Worten gar micht aus⸗ zuſprechen, ja, mit Sinnen und Gedanken nicht zu erreichen iſt. „Es iſt alles euer,“ ſpricht der Apoſtel erſtlich. Hiernach iſt nichts ausgenommen, waz die gläubigen Chriſten nicht durch den Glanben hätten; und zwar wird ihnen hiermit klärlich! nicht nur der Gebrauch und die Nutznießung laller Dinge zugeſprochen, ſondern die Sache ſelbſe. Die Chriſten ſitzen hiernach in Gottes Gütern nicht nur, ſo zu ſagen, zu Pacht und Miethe, ſondern ſie ſind hiermit für die einzig rechtmäßigen Beſitzer, Eigenthümer und Herren faller Dinge erklärt; ja, während ſie gerade noch Vieles nicht in der That gemwieben, ſo beſitzen ſie doch Alles durch den Glauben. Der Apoſtel ruft ihnen hiermit zu: Euer iſt alles, was Gott der Bater erſchaffen, euer, was heilige Geiſt gewirkt hat. Euer iſt Gott ſelbſt, euer das Himmelreich, euer das Erdreich. Euer ſind alle Schätze und Mittel der Gnade und alle Früchte der Verſöhnung und Erlöſung; euer die Freiheit von Sünde, Tod, Teufel und Höllez euer alle geſtiftete Vergebung; euer alle erworbene Gerechtigkeit; euer die göttliche Kind⸗ ſchaft und alle Hoffnung des ewigen Lebens; euer iſt das Wort und die heiligen Sacramente, euer die Schlüſſel des Paradieſes und der Hölle; euer alle Aemter und Rechte und Gewalten, die Chriſtus den Sündern wieder mit ſeinen ſten vor der Reformation fich an ſche Kirchenregiment wieder ge⸗ Gott der Sohn verdient, euer, was Gott der 4