# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1845 11 15_S21 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Der Lutheraner. „Gottes Wort und Luthers Lehr' vergehet nun und nimmermehr.“ Herausgegeben von C. F. W. Walther. Jahrgang 2. St. Louis, Mo., den 15. November 1845. No. 6. Bedingungen: Der Lutheraner erscheint alle zwei Wochen einmal für den Subscriptionspreis von Einem Dollar für die auswärtigen Unterschreiber, welche davon die Hälfte vorauszubezahlen und das Postgeld zu tragen haben. — In St. Louis wird jede einzelne Nummer für 5 Cents verkauft. (Eingesandt von Pastor O. Fürbringer.) Der Rationalismus und die Bibel. (Schluß.) Alles, was nun der Verfasser S. 10—14 gegen unsern allerheiligsten Glauben, namentlich von der Vereinigung wahrer göttlicher und wahrer menschlicher Natur in der Person JEsu Christi auch im Stand der tiefsten Erniedrigung und äußersten Verleugnung, (mit welchem Glauben die christliche Kirche steht und fällt.) mitunter mit scheinbar frommer Rede, in feindlicher Gesinnung vorbringt, läßt sich von einem gläubigen Bekenner der Wahrheit nach dem Vorhergehenden leicht widerlegen. „Die Strafe lag auf Christo, auf daß wir Friede hätten, und durch seinen Seelenschmerz und tiefgeschlagenen Wunden sind wir geheilet.“ — Jes. 53. Er kämpfte mit dem Satan in der Wüste, in Gethsemane und auf Golgatha an unsrer Statt. Nur das ist bemerkenswerth, wie Hr. M. S. 13. 14 den hochwichtigen Artikel von der Rechtfertigung, dieses theure Kleinod der christlichen Lehre, absichtlich als ein schnödes Ruhekissen für hartnäckige Sünder hinstellt, um den bußfertigen Gewissen den Schatz des evangelischen Trostes zu nichte zu machen. (Wie Rationalismus und Romanismus in theologischen Grundsätzen sich die Hand reichen, hat vor 20 Jahren der damals in Marburg angestellte Doctor Sartorius eigens ausgeführt.) „Verstehen wir diesen Artikel recht und rein, so haben wir die rechte himmlische Sonne; verlieren wir ihn aber, so haben wir nichts anderes, denn eitel höllische Finsterniß.“ Daß er nicht bloß von einigen Aposteln, wie der Verfasser will, sondern von Christo selbst ist gelehrt worden, beweisen, folgende Stellen: Matth. 20, 28., 26, 28. Marc. 14, 24. Luc. 22, 19. fg. 24, 46. fg. Joh. 3, 14—18., 6, 51., 10, 12—18., 14, 31., 15, 13., 18, 11. Das Wort vom Kreuze war gleich anfangs den selbstgerechten jüdischen Pharisäern ein Aergerniß, und den lasterhaften, selbstklugen Heiden eine Thorheit. (1 Cor. 1, 18. fg.) Die tiefe Einfachheit der göttlichen Offenbarung gibt wenig oder nichts dem grübelnden, hoffärtigen Sinne des gefallenen Menschen und seiner gemeinen Verständigkeit: aber viel, unendlich viel dem kindlich gläubigen Gemüthe. In dieser Beziehung weist Christus uns auf die Kinder als Muster hin; der freie Wille des Menschen ist ein Freiwille zum Bösen, ein Hang zum Ungöttlichen, in einer furchtbaren Selbstsucht begriffen, wie das die tausendfache Erfahrung belegt. Alle wirkliche Sünde setzt entweder eine innere böse Neigung oder eine äußere Versuchung zum Bösen voraus; darauf führt uns der Satz des zureichenden Grundes; jenes geschieht bei uns, dieses aber trug sich bei Adam zu durch Mißbrauch des freien Willens; wenn wir nun von Adam her, dessen Natur durch Sünde und Tod zerrüttet worden, durch sündige Menschen geboren werden, so muß nothwendig das Uebel erblich sich fortpflanzen, ehe wir's wissen oder darein willigen können; so hat denn jede Sünde ohne Verletzung der Freiheit des Willens ihren Ausgang und Ursprung. Gingen wir, wie der Verfasser des Schriftchens lehrt, mit guten und schlimmen Neigungen aus Gottes Schöpferhand hervor: so wäre lästerlicher Weise Gott der Ursprung des Bösen. In solchen verworfenen Gräuel des Widerspruchs verwickelt sich der Rationalismus; Glück zu dem Manichäer! — So liegt es denn nicht an Jemandes Wollen oder Laufen, sondern allein an Gottes Erbarmen, Röm. 9, 16.; die Schrift hat es Alles beschlossen unter die Sünde, auf daß die Verheißung käme durch den Glauben an JEsum Christum, gegeben denen, die da glauben, Gal. 3, 22. Meinst du, daß der verlorne Sohn in seinem eigenen elenden Namen zu dem Vater ging? Spricht nicht Christus: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; Niemand kommt zum Vater, denn durch mich“? (Joh. 14, 6. vgl. Apg. 4, 12.) Willst du, daß Gott nach seinem vorbedachten Rath und ewigen Vorsatz sein heiliges Kind hat in die Hände der Sünder hingegeben zur Versöhnung (Apg. 2, 23. 1 Joh. 2, 1.), aus der Leidensgeschichte unsers HErrn wegstreichen, so thue es auf deine eigene Gefahr; aber hüte dich, daß du nicht andere mit dir zu gleicher Lästerung und Unglauben verführest. Christus, in dem die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig wohnte (Col. 2, 9.), „starb nicht für seine Lehre; er besiegelte nicht durch den Tod die Wahrheit seiner Worte, um dadurch seinem erhabenem Leben und Wirken die Krone aufzusetzen,“ (S. 14 oben, 10 unten;) für die Wahrheit seiner Lehre sind vielmehr die Apostel und alle glaubensmuthigen Märtyrer gestorben; und er selbst hat sie bestätigt und besiegelt durch seinen vorausgesagten glorreichen Sieg über den Tod in seiner Auferstehung, durch welche er unsere Gräber aufgethan hat. Das Feuer seiner göttlichen Liebe trieb den Sohn auf die Erde, um das grundlose Meer der väterlichen Barmherzigkeit zu offenbaren, und „auf dem Altar des Kreuzes das lebendige, heilige Opfer seines Leibes und Blutes darzubringen,“ mit starkem Geschrei und heißen ängstlichen Thränen im Ringen des Gebets (Hebr. 5, 7.) den Himmel für die Verlornen aufzuschließen, damit das Höllenreich auf ewig verstummte. So ward das bedeutsame Schattenbild der levitischen Opferanstalten und Reinigungen, von denen die abgöttischen Heiden ihre Ceremonien abkonterfeiten, durch seine Erfüllung überflüssig gemacht. Und wer anders gibt mir denn die Bürgschaft für mein ewiges Heil, wo habe ich wohl ein sichreres Pfand für den versöhnten Gott, als in der Sendung und Hingabe des einzigen Heiligen für das ungetreue, sündenbeladene Menschengeschlecht? Wer seine Strafwürdigkeit nicht tief empfindet, noch die Unmöglichkeit einsieht, selbst im Gerichte Gottes bestehen und mit eigner künftiger Tugend menschlicher Schwachheit oder irgendwelchen Opfern die frühere unzahlbare Schuld tilgen zu können, der kann auch nimmer an das Verdienst des Sohnes Gottes glauben; und einem solchen bleibt nichts anderes zu wünschen übrig, als daß ihn die göttliche Langmuth so lange tragen wolle, bis er sich selbst in seiner Armuth und Verdammniß erkenne. So erwacht zum Bewußtsein seines Zustandes und gemahnt durch die Klagen seines Gewissens wird er in dem Glauben an das Evangelium, welches auch da Trost und Hülfe bietet, wo kein Mensch sie geben kann, gewiß neues Leben und Seligkeit finden. Welche entsetzliche Gefühllosigkeit aber verräth es, diese Anbetung des gekreuzigten Mittlers, den Quellpunkt alles wahrhaft christlichen Lebens und Wandels, für „abergläubische Thorheit und heidnischen Götzendienst“ auszugeben. (S. 11. 13.) Der Verfasser unserer Schrift fragt S. 14.: „Warum sollte Gott jemals die Menschen auf übernatürliche Art belehrt haben, da, wenn etwas der Art möglich und nützlich wäre, dies auch jetzt noch, wie es scheint, eben so nöthig sein dürfte, als in längst vergangenen 17