# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1852 05 11_S152 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) 5. die Orthographie und Interpunktion zwar nach dem jetzigen Grundſätzen umgeſtaltet, Spracheigenthümlichkeiten aber durchaus unan— getaſtet bleiben, und 6. dem Ganzen zweckmäßige Regiſter beige⸗ geben werden. Fanden dieſe Grundſätze bei der homilet i⸗ ſchen Abtheilung (Bd. 1 — 20) auch nicht ihre volle Anwendung, weil ein großer Theil derſel— ben nicht aus Luther's Feder gefloſſen, ſondern blos ſeinem mündlichen Vortrage nachgeſchrieben war, ſo wird dagegen Kennern nicht entgehen, daß in den folgenden 44 Bäuden mehr geleiſtet worden iſt, als verſprochen war. Abgeſehen davon, daß dieſe Ausgabe ſeit 236 Jahren die erſte iſt, welche dielateiniſchen Schriften Luther's in der Originalſprache wie— dergiebt, iſt ſie auch unter allen die vollſtän— digſte und die erſte kritiſche, welche den urſprünglichen Tert in ſeiner Integrität wieder herſtelht. Denn die letzte lateiniſche Ausgabe von 1600 — 1612 enthält nicht einmal alle ſchon damals gedruckten Schriften, namentlich weder die treff— lichen (1554 zu Nürnberg in 4 Bänden erſchie— nen) Enerrationes in Genesin, noch die (von Veit Ditrich's Erben daſelbſt 1559 herausgege— benen) Enarrationes breves in psalmos XXV. priores et sequentes aliquot, noch die ſchon 1525 von Obsopoeus, 1549 von Flacius und 1556 von Aurifaber edirten lateiniſchen Briefe Luther's, — der großen Anzahl jener lateiniſchen Briefe, Bedenken, Vorreden u. a. Schriften, welche erſt 1702 Buddeus, 1720 Löſcher, 1740 Schwarz, 1765 Nie⸗ derer, 1780 Schütze, 1814 Strobel⸗ Ranner, 1825 De Wette herausgegeben haben, gar nicht zu gedenken. Die hier zuerſt genannten zwei größeren Schriften hat aber die Erlanger Ausgabe in 12 Bänden geliefert, wie ſie denn ſeiner Zeit und gehörigen Orts auch die übrigen mittheilen wird. Ebenſo hat ſie von den in der Walchiſchen Ausgabefehlen— den deutſchen Schriften bereits einen Band herausgegeben, dem ſofort zwei andere, und ſpäter an ihrem Orte die übrigen folgen werden. Der unbeſtreitbarſte Vorzug dieſer Ausgabe aber iſt und bleibt jedenfalls die Wieder— herſtellung des urſprünglichen, rei⸗ nenn Tertes nach den unter Luther's Augen zu Wittenberg ſelbſt gedruckten Originalausga— ben, unter ſorgfältiger Beibehaltung aller Sprach— eigenthümlichkeiten und alleiniger Anbeguemung der Orthographie und Interpunktion an die jetzige. Bekanntlich haben mehrere Lutheriſche Schriften ſchon in der erſten Wittenberger Ge— ſammtausgabe kryptocalviniſche Entſtellungen ihres Textes erfahren, und auch ſpäter hat ſich, theils durch das Beſtreben, Luther's Sprache dem 18. Jahrhunderte mundgerechter zu machen, theils durch Nachläſſigkeiten in Behandlung der Urdrucke und der neuen Terte eine ſolche Unzahl von Veränderungen, Zuſätzen und Auslaſſungen in faſt alle Geſammtausga⸗ ben, hauptſächlich aber in die Walchiſche einge- — 150— ſchlichen, daß es unglaublich ſein würde, wenn nicht der Beweis hiefür in den Noten der Er— langer Ausgabe unter dem Terte geliefert wäre. Wer ſich die Mühe geben will, nachzuzählen, wird finden, daß allein in den erſten 18 deutſchen Bänden der zweiten und dritten Abtheilung nicht weniger als 10,404 Varianten der Walchi⸗ ſchen Ausgabe nach den Urdrucken berichtigt wor— den ſind. Daß ein großer Theil derſelben den Sinn des Originaltertes gerade nicht ſtört, muß allerdings zugegeben werden, aber eben ſo un— längbar iſt es, daß ein anderer großer Theil denſelben wirklich entſtellt oder verkehrt, wie z. B. die Worte: ſchele ſt. ſtählene, Genüge ſt. Geuſſe, verkauft ſt. vertäuft (wie mit einer Sündfluth), Hölle ſt. helle, nämlich ſt. niedlich, ſein Gebet ſt. fein gebet't, Zungen ſt. Zeugen, die Verbrannten ſt. Verbannten, Sünder ſt. Kinder, Griechen ſt. Juden, leiblich ſt. lieblich, williglich ſt. muth— williglich, Glauben ſt. Unglauben, ewig ſt. einig, ſtehet ſt. ſtöret, ein Jeglicher ſt. einiglich, immer ſt. nimmer, eigen Thun ſt. Eigenthum, Hand ſt. Haut, greuliche ſt. getreuliche, beſchworne ſt. be— ſchorene Prieſter, Verderbung ſt. Vergebung, hei— lig ſt. heimlich, Morgens ſt. Mordens, Füßen ſt. ſüßen, würdiger ſt. wüthiger, Trutzen ſt. Truhen (Kaſten), Kampf ſt. Kopf, beſſer ſt. beißen, gül⸗ denen ſt. geliehenen, däniſch ſt. dehniſch (dehn— bar), Umweg ſt. Unweg, Buch ſt. Bauch, Beſte ſt. Böſeſte ꝛc. In welchemSinne die Sprache Luther's, als das eigenthümliche Gepräge ſeines Geiſtes ungetaſtet gelaſſen wurde, iſt daraus erſichtlich, daß nicht nur Form und Ausdruck, Wortfügung und Wortſtellung beibehalten, ſondern ſelbſt der Laut der Worte ſo genau wiedergegeben iſt, daß weder ein Vokal, noch ein Konſonant, den man beim Leſen der Originalausgaben hört, weg— gelaſſen, verändert oder zugeſetzt worden iſt. Wir führen hier beiſpielsweiſe von alten Formen an 1. die Hauptwörter: Berden, Bliren, Dampniß, Fahr, Feihl, Geuſſe, Hau, Hulf, Höh— muth, Irrſal, Mennige, Reuel, Riege, Ruge, Scheuel, Thurſt, Untucht, Urgicht, Verdieß. Widerſpenſt, Zumüſſigung; 2. die Eigenſchaftswörter: amächtig, dehniſch, geel, gewegen, lützel, ſchamlich, ſchel— lig, unordig, verachtig, willkörrig, mit dem Komparativ: baß, dem Zahlwort zwier und dem Verhältnißworte ſonder; 3. die Zeitwörter: affenfenzen, auslau⸗ chen, befrieden, benügen, bewiegen, börnen, düren (und thüren), eugen, fachen, heuern, le⸗ bendigen, leuken, mennigen, ruſſeln, tucken, tu⸗ gen, vergichten, verjähen, vernichtigen, vertäu⸗ fen, weißbörnen und das ſehr verkommene wie⸗ ſen, ſammt den poetiſchen Imperativen: gang, ſtand, gann, zeuch, bis; 4. die Um ſtandswörter: Aus den Bün⸗ den, Bedunks, faſt (ſehr), flechlich, feintlich (auf feine Art), ichtes, kaumet, nindert, ſam (als ob), ſtrack, uneſſe, wecher, zewarten, nebſt dem Ausruf: wanne, wanne! 5. die Vocalveränderungen in: Aer⸗ beit, Gottis, Sund, Übel, Übirkeit, wa, ahn, wogen (ſt. wagen) ꝛc.; 6. den Gebrauch der Silbe vor ſt. ver in: vordächtig, vordruckt, vorſchlunden, vornichti gen, und der Silbe zur ſt. zer und zu er⸗,; in zurtrennen, zurrutten, zurzählen ꝛc.; bieten, empfallen, entpfahen, dorftiſt, ſchrrib (als imperfekt.), Er ſtatt Herr u. ſ. w. Als weitere Vorzüge der Erlanger Ausgabe dürfen wir mit Recht noch hervorheben, daß 1. die in den Urdrucken oft falſch oder un⸗ vollſtändig citirten Bibelſtellen und vor⸗ kommenden Namensverwechslungen, wie z. B. Petrus ſt. Paulus, Jeremia ſt. Hoſea und dgl. im Terte berichtigt; 2. daß die in den ältern Ausgaben blos mit lateiniſchen oder deutſchen Lettern gedruckten hebräiſchen und griechiſchen Wörter zum erſten Male mit ihren eigenthümlichen Schriftzügen wiedergegeben und Ueberſicht der Urdruücke und der Nach⸗ ältern Sammlungen überall ſogleich jeder einzel⸗ nen Schrift vorausgeſchickt ſind, ſo daß es nicht mühſeligen und oft vergeblichen Nachſchlagens bedarf. Was insbeſondere die bibliographiſche Angabe der Urdrucke betrifft, ſo muß dieſelbe um ſo willkommener geheißen werden, als be— land eine vollſtändige Sammlung dieſer Drucke beſitzt, ja nicht einmal ein Verzeichniß eriſtirt, worin ſie überſichtlich zuſammengeſtellt und bi⸗ bliographiſch unterſchieden wären— beruhen die Kennzeichen der Verſchiedenheit die— ſer Urdrucke, wie ſchon Riederer, Schwarz ſchen Kleinigkeit des Titels (wie z. B. in einem i ohne Punkt), daß man, die Hervorhebung der— fänden ſich nicht bei näherer Prüfung auch wirk⸗ lich Tertverſchiedenheiten vor. Es iſt daher kei— neswegs gleichgiltig, welſchenn Urdruck eine neue Ausgabe wiedergiebt. Die Erlanger weiſtt dies bei jeder einzelnen Schrift genau nach. Nehmen wir nun noch hinzu die ungemeine Wohlfeilheit dieſer Ausgabe, indem die unmittelbar bezogen, nur 22 Thlr. koſten,“) ſo iſt es unbegreiflich, daß in Deutſchland unter 16 Millionen Lutheranern kaum über 400 Erem⸗ plare abgeſetzt werden! Wohl mögen ſich Man⸗ ſche an dem unſcheinbaren Aeußern ſtoßen, ohne zu bedenken, daß eine Ausgabe auf größerm und ſplendidern Papier auch ungleich höher zu ſtehen gekommen ſein würde. Andere mag die Furcht vor ihrer nicht abzuſehenden Beendigung vom Kaufen abgehalten haben, aber wir können verſichern, daß gerade dieſe Zurückhaltung des *) Man vergleiche Uiermit die Vorbemerkung des Red. 7. die Formen begunſt und begonſten, em⸗ 3. daß die literär-hiſtoriſchen Ein⸗ leitungen, die bibliographiſche weis ihres Abdrucks in den verſchiedenen erſt, wie bei der Walchiſchen Ausgabe, eines kanntlich leider keine einzige Bibliothek in Deutſc⸗ Und doch Panzer, Veeſenmeyer u. A. nachge⸗ wieſen haben, oft in einer ſolchen typographi⸗ ſelben leicht für eine Pedant erie halten könnte, bis jetzt erſchienenen 64 Bände, vom Verleger Publikums es iſt, was den mit großen pecunü-