# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1852 04 27_S143 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) 77 theriſchen Gottesdienſt einzuführen, ob er's gleich eft ſehr gewünſcht und auch verſucht hat. Man muß ſagen, die Zeit war noch nicht gekommen. Kurz zuvor, ehe er wegberufen wurde, hatte nun die Gemeinde beſchloſſen, daß ſein Nachfolger über den lutheriſchen Gottesdienſt Belehrung geben möchte, und das geſchah auch in mehreren Verſammlungen. Leider kamen aber gewöhnlich nur ſehr Weni— ge dazu: von 280 oft nur 40—50, obgleich ſie immer auf's Neue von der Kanzel dazu ermahnt wurden. So kam es denn endlich dahin, daß am erſten Advent 1850 mit der Einführung des Abendmahlsgottesgienſtes der Anfaug gemacht wurde. Es ſollte nämlich der Pfarrer nicht mehr blos wie bisher die Präfation, das Vater Unſer und die Einſetzungsworte leſen, ſondern ſingen, und das Chor und die Gemeinde ſollte ſingend antworten. Ueber das Alles gab der Herr Pfar-— rer von der Kanzel noch weitere Belehrung. Dieſe Einrichtung wollte anfangs freilich Man-— chen gar nicht gefallen, beſonders weil ſie ihnen ungewohnt warz doch haben ſich immer Mehrere daran gewöhnt, und Manchem gefällt dieſe Ein⸗ richtung recht wohl, dem ſie ſonſt mißfiel. Nur einige Wenige haben ſich, trotz aller Belehrung, deßhalb von der Gemeinde getrennt. Dabei blieb es nun ein ganzes Jahr lang, bis auf einige unbedeutende Veränderungen im Got— tesdienſte. Die Zeit, wenn die ganze vollſtändige Ordnung eingeführt werden ſollte, wurde dem Ermeſſen unſeres Seelſorgers überlaſſen. Nun kam dieſe Sache gegen das Ende des vorigen Kirchenjahrs abermals in der Gemeindever— ſammlung zur Sprache. In dieſer Verſammlung ſagte unſer Seelſorger ungefähr ſo: Ich habe dieſe Sache faſt ein ganzes Jahr ruhen laſſen, um der Schvachen willen, daß ſie Zeit haben möchten, ſich bei dem Abendmahlsgottesdienſte Ler einen Sonntag um den andern ſtattfindet,) an die alte Weiſe der lutheriſchen Kirche mit dem Singen der Gebete u. ſ. w. zu gewöhnen, und daß Niemand denken möchte, wir wären keine Lutheraner, wenn wir nicht den vollen lu— theriſchen Gottesdienſt hätten. Wir ſollen nicht zu viel auf die äußerlichen Ceremonien halten, wie die Papiſten, aber auch nicht zu wenig, wie die Unionsleute und die Schwärmer. Alle Ce-— remonien ſollen die Uebung des Wortes Gottes fördern; darum hat Gott ſelbſt im Alten Teſta— ment mancherlei Ceremonien vorgeſchrieben und auch im Neuen Teſtament haben die Apoſtel ſol⸗ che Ordnungen gemacht, z. B. den Sonntag und Anderes. Was ſie unter den Satzungen verſte⸗ hen, und was die ſpätere Zeit als dem Worte Gottes gemäß mit Recht beibehalten und je nach Umſtänden auch vermehrt hat, daraus hat ſich denn mit der Zeit eine gewiſſe feſte Gottesdienſt— ordnung gebildet, die aber ſpäter, beſonders un⸗ ter dem Papſtthum durch allerlei falſche Zuſätze immer mehr verderbt wurde. Als nun Dr. Lu⸗ ther kam, ſo warf er nicht alles miteinander als papiſtiſch hinweg, ſondern als ein weiſer Bau— meiſter ſonderte er das, was untauglich war, von dem guten Material ab, und bauete daraus die lutheriſche Gottesdienſtordnung, wie ſie beinahe — 141— 300 Jahre lang an den meiſten Orten, mit we⸗ ö durch falſche Lehre oder böſes Leben zu Irrthum nigen Ausnahmen, bis zu Ende des vergange⸗ nen Jahrhunderts beſtanden hat. Da aber im⸗ mer mehr Gräuel der Verwüſtung an heiliger Stätte in der Lehre aufkamen, ſo war es kein Wunder, daß auch dieſe herrliche Gottesdienſt— ordnung verwüſtet wurde, und daher kommt es, daß viele von uns davon gar nichts mehr wiſſen. Wir ſollen nun die öffentliche Religionsfreiheit in dieſem Lande nicht dazu mißbrauchen, dieſe Verwüſtung guter Gottesdienſtordnung fortbe— ſtehen zu laſſen oder gar gut zu heißen, ſondern wir ſollen mit der Rückkehr zur Lehre der luthe— riſchen Kirche auch zur alten Weiſe des lutheri— ſchen Gottesdienſtes zurückkehren. Das iſt beſon— ders auch deshalb ſehr zu rathen, weil dadurch die Gemeinde Gelegenheit bekommt, thätig dabei mitzuwirken, beſonders durch die Antworten, die ſie ſingt. Dieſe ganze Weiſe hat ſich länger als 300 Jahre als heilſam und erbaulich bewährt, und wird ſich auf's Reue auch ſo an allen be— währen, die von ganzem Herzen dem Vorbild der lutheriſchen Lehre gehorſam werden wollen. Ja, es iſt das eine Schuld, die wir unſrer Mutter, der lutheriſchen Kirche, ſchon längſt hätten abtra— gen ſollen, daß wir auch in Ceremonien, und alſo durch die That uns offen und frei zu ihr beken— nen, und damit auch der Leerheit und Gleichgül— tigkeit in Ceremonien, wie ſie die abgefallenen Lutheraner dieſes Landes haben, mit der That widerſprechen, wie das ja auch der 10te Artikel der Concordienformel lehrt. Wenn andre Par— theien, als die abgefallenen Lutheraner, die Unir— ten und beſonders die Römiſchkatholiſchen, ihre Ceremonien feſthalten, trotz alles Widerſpruchs, warum ſollten wir Lutheraner nicht daſſelbe tbun? Warum ſollen wir um einiger Unirten und Neformirten willen ihre Uniform anzieben, da doch dieſe um einiger Lutheraner willen gewiß nicht die lutheriſche Uniform auziehen würden. Wollten aber einige ſich nicht dieſer alten Ord— nung fügen und ſich deßhalb von der Gemeinde trennen, die würden nur damit ihres Herzens Gedanken offenbaren, daß ſie die lutheriſche Lehre entweder nicht kennen oder ihr nicht folgen wol— len, denn dieſelbe lehrt, daß man ſich aller guten Kirchenordnung, um der Ordnung und des Frie— dens willen, fügen ſolle. wegs, daß man ſich deßhalb von einer chriſtlichen Gemeinde und alſo von dem Leibe Chriſti tren— nen dürfe; ſie lebhz auch nicht, daß Jemand ver— langen ſoll, daß ſich Andere in ſolchen bewährten Dingen nach dem Eigenſinn einiger Weniger richten ſolle, denn auf ſolche Weiſe würde in ſol— chen Dingen nie etwas zu Stande kommen. Der Einwand, daß man damit den Schwachen im Glauben Aergerniß gebe, hat keinen Grund; denn ſchwach im Glauben ſind nach der Bibel ſolche, welche ſich nicht alsbald von gewiſſen Vor— urtheilen losmachen können, wegen ihres ängſt— lichen Geiſtes, dabei aber gern Belehrung an— nehmen und ſtärker werden wollen. Solche Schwache gewöhnen ſich gewiß mit der Zeit im— mer mehr an ſolche Ceremonien, die ja zu unſrer Väter Zeit, länger als 300 Jahre beſtanden ha⸗ ben. Aergerniß aber giebt nur der, welcher Andre Sie lehrt aber keines⸗ und Sünde reizt, ſo daß ſie dadurch ärger wer— den; beides findet aber hier nicht ſtatt, ſonſt wäre ja auch zur Zeit der Reformation vielfaches Aergerniß gegeben worden, indem man die ab⸗ göttiſchen Ceremonien abſchaffte, und nur reine und heilſame bleiben ließ. So wird den Leuten nicht derart Aergerniß gegeben, ſondern ſie neh— men vielmehr ſelbſt Aergerniß ohne alle Urſache, und es gilt daher auch hier das Wort Chriſti: „ſelig iſt, der ſich nicht an mir ärgert.“ Wenn endlich Jemand ſagen wollte: dies und jenes iſt katholiſch; ſo ſage ich: „ja!“ und auch „nein!“ Ja! es iſt katholiſch, d. h. nach der allgemein heil. chriſtlichen Kirchen-Ordnung, und das iſt kein Vorwurf, ſondern im Gegentheil ein Lob. Nein! ſage ich, wenn Du vor katholiſch das Wort römiſch ſetzeſt, denn das röm iſch Katholiſche oder Falſche hat eben Luther von allen Ceremo⸗ nien hinweggethan und nur das chriſt-katholiſche Gute behalten. Wenn wir alles das nicht haben wollten, was die Katholiken haben, ſo dürften wir auch Kirchen, Altäre, Kanzeln, Orgeln und viele andre Dinge nicht haben. Endlich wird die Erfahrung lehren, daß die Einführung der alten Gottesdienſtordnung weit weniger Anſtoß verurſachen, ja weit mehr Beifall finden wird, als Viele denken. Hierauf that der Herr Pfarrer den Vorſchlag, vom neuen Kirchenjahre an in den Wochen- und Nachmittagsgottesdienſten den Anfang mit die— ſer Ordnung zu machen, damit ſich die Leute nach und nach daran gewöhnen, und dann ſpäter auch bei dem Hauptgottesdienſt die nöthigen Veränderungen vorgenommen werden könnten. Als nun dieſe Sache weiter berathen wurde, ſo kamen die Anweſenden zu dem einſtimmigen Beſchluß, vom erſten Advent an die vollſtändige Gottesdienſtordnung einzuführen und damit ſo— gleich in den nächſten Nachmittags- und Wo⸗ chengottesdienſten den Anfang zu machen. Von dem allen wurde die Gemeinde von der Kanzel in Kenntniß geſetzt und weiter darüber belehrt. Ich will Dir daraus mittheilen, was ich min gemerkt habe, beſonders über die Ordnung und Bedeutung des lutheriſchen Gottesdienſtes an Sonn⸗- und Feſttagen: Das erſte Lied: „Kyrie Eleiſon“ iſt ein kurzes Sündenbekenutniß der Gemeinde und eine Bitte um Gnade zu dem dreieinigen Gott. „Das „Ehre ſei Gott in der Höhe,“ das der Pfarrer ſingt, und das darauf folgende Lied „Al— lein Gott in der Höh' ſei Ehr,“ mit dem die Gemeinde einſtimmt, iſt ein Lob- und Danklied für alle Wohlthaten des dreieinigen Gottes. Hierauf folgt der Gruß des Dipners Gottes an die Gemeinde „der Herr ſei mit Euch“ und der Gegengruß der Gemeinde an den Diener Gottes „Und mit deinem Geiſte“ (nämlich ſei der Herr.) Hierauf ſingt der Pfarrer eine Collecte, wel— ches Wort eine Sammlung der Herzen zur An⸗ dacht bedeutet, wie denn jede mit der Ermunte⸗ rung anfängt: „laßt uns beten!“ Dieſe Collecten ſowie das Meiſte beim heiligen Abendmahl wird von der alten Zeit her deßhalb langſam geſun—