# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1852 03 02_S109 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) 7 jetzt von ihm bewohnten Miſſionshauſe ſelbſt aufſuchten. Hier ward uns die freundlichſte brüderliche Aufnahme zu theil. dern der Philadelphia (dem Cand. der Theologie v. Zeſchwitz, den Candd. der Rechte v. Hey⸗ nitz und Anger, den Studenten der Theolo⸗ gie Neubert und Naumann v), ſondern hatten auch die Freude, Herrn Prof. Dr. Kah⸗ nis hier zu treffen. Gott ſegnete dieſe Zuſam⸗ menkunft zunächſt dazu, daß die hier gegen die Richtung unſerer Synode entſtandenen Beden— ken bald ſchwanden und dem herzlichſten Zu— trauen Platz machten, obwohl es zu einer völli⸗— gen Einigung in der Lehre von Kirche und Amt hier nicht kam. Herr Dr. Schneider hatte ſich in der Betrachtung der ſichtbaren luthe— riſchen Kirche als der Kirche ⁴ ecochen, d. h. als der Kirche im eigentlichen höchſten Sinne des Wortes, welcher daher eigentlich al— lein der Name der Kirche gebühre, feſtgeſetzt, was wir natürlich als eine unevangeliſche Vor— ſtellung beſtreiten mußten; denn ſo gewiß die fichtbare lutheriſche Kirche, wo ſie wirklich den lutheriſchen Bekenntniſf en gemäß in Lehre und Praris verfaßt iſt, eine rechttgläubige Partikularkirche iſt, was die anderen uns bekannten ſichtbaren kirchlichen Gemein— ſchaften allerdings nicht ſind; während vielmehr dieſe anderen wegen der darin feſtgehaltenen ſchweren Irrthümer Sekten ſind: ſo gewiß liegt doch ein ſektireriſcher Begriff von der Kirche zu Grunde, wenn man die ſichtbare lutheriſche Kirche für die Eine heilige catholiſche (allge— meine) chriſtliche Kirche anſieht. In einem gewiſſen Sinne kann man freilich auch ſagen, daß die lutheriſche Kirche die catholiſche Kirche ſei, wenn man nämlich darunter die Ei— ne heilige über den ganzen Erdkreis zerſtreute Kirche verſteht, zu welcher ſich alle Lutheraner von Luther an eigentlich allein bekennen; denn die lutheriſche Kirche hat ſich ja nicht darum von der römiſchen Kirche getrennt, um ſich damit von der allgemeinen Kirche abzuſondern, ſondern vielmehr um davon nicht abgeſondert zu werden, nicht um, wie die römiſche, die Würde der catholiſchen Kirche nun für ſich allein in Anſpruch zu nehmen, ſondern um bei derſel⸗ ben zu bleiben; wie dieß alles ſo herrlich und klar in unſern ſymboliſchen Büchern darge— legt iſt, inſonderheit in dem 4. Artikel der Apo⸗ logie, im 12. Artikel des 3. Th. der Schmalk. Art. und in der Auslegung des dritten Artikels unſeres chriſtlichen Glaubens im großen Cate— chismus Lutheri. Mit Herrn Prof. Dr. Kah⸗ nis kamen wir über die Natur des Predigtam— tes in Streit, nachdem wir gegen denſelben den Glauben ausgeſprochen hatten, daß daſſelbe nicht ein beſonderer Stand, wie das levitiſche Prieſterthum des Alten Bundes, ſei, ſondern daß darin eine Gewalt ausgeübt werde, welche urſprünglich der ganzen Kirche, das heißt, allen wahrhaft gläubigen Chriſten, gegeben iſt, und *) Da eben die akademiſche Ferienzeit war, fanden wir krine Gelegenheit, mit einer gröeren Anzahl der Glieder der bezeichneten Berbin dung perſönlich bekannt zu werden. Wir machten hier nicht nur Bekanntſchaſt mit mehreren Glie⸗ —106— daß dieſe Gewalt nur, jedoch nach Chriſti aus⸗ drücklichem Befehle und nach einer von Ihm geſtifteten heiligen Ordnung, durch dazu tüch— tige von Gott durch die Gemeinde gehörig be— rufene Perſonen im öffentlichen Amte ausgeübt werden ſolle; wie ja auch dieß in den Anhän— gen zu den Schmalkaldiſchen Artikeln (nicht von Luther *), jedoch ganz in Luther's Sinn und Glauben von Theologen unſeres Theils) klar und bündig dargelegt iſt. Kam es nun auch weder jetzt, noch in den ſpäteren wieder— holten Beſprechungen mit dieſen theuren Män— nern zu einer völligen Einigung, ſo überzeug⸗ ten ſich doch beide, daß die von uns bekannte Lehre nicht, wie es bei einer oberflächlichen oder durch Vorurtheile befangenen Betrachtung der— ſelben ſcheint, was den Begriff von der Kirche betrifft, der Union Vorſchub leiſte, und was den Begriff vom Predigtamt betrifft, die göttliche Einſetzung und Würde und die Rechte deſſelben kränke und ſo Gottes Ordnung der Willkühr roher oder ſchwärmeriſcher Geiſter preisgebe. Sie prieſen mit uns Gott, daß er Großes au uns gethan habe, und verſicherten uns ihre herzliche Willigkeit zu jeglicher möglichen Hand— reichung. Herr Prof. Dr. Kahnis beehrte mich beim Abſchied mit einem Geſchenk in ſei⸗ nem neueſten Werke: „Vom heiligen Abend— mahle.“ — Ich kann nicht unterlaſſen, noch ei⸗ ner beſonderen unerwarteten Freude zu gedenke n/ welche mir Gott jetzt in Leipzig beſcheerte. Ich traf hier nehmlich den Sohn meiner Schweſter, den ich vor dreizehn Jahren als einen hoff— nungsvollen Knaben verlaſſen hatte und in dem ich jetzt einen zum Mann herangereiften gott— ſeligen, eifrigen und tüchtigen Candidaten des heiligen Predigtamtes aus der Schule des Herrn Dr. Harleß und, was mich inſonderheit er— götzte, offenbar auch aus der Schule des heili⸗ gen Geiſtes wiederfand, der eben im Begriff war, ein Predigtamt in einer Gemeinde der ſeparirten preußiſchen Lutheraner anzunehmen. Sein Na⸗ me iſt Robert Engel. Derſelbe wurde unn auf unſeren ferneren Reiſen. durch Sachſen unſer ſteter Begleiter. Von Leipzig aus reiſten wir nehmlich uun zunächſt in das Muldenthal, meine Hei⸗ math, wo, wie wir wußten, eine ziemliche Schaar gläubiger Prediger im Weinberge des HErrn ar— beitet, die von jeher mit herzlicher Theilnahme die Entwickelung unſerer amerikaniſch-lutheri⸗— ſchen Kirche verfolgt haben. Am Dienſtag den 23. Septbr. reiſten wir per Eiſenbahn zunächſt nach Altenburg und von da in einem Om⸗ nibus nach Waldenburg im Fürſtlich⸗ Schönburgiſchen ab, wo wir ſpät in der Nacht ankamen. Durch Vermittelung des daſigen Di⸗ akonus und Pfarrers zu Schwaben, Herrn M. Paſig's, des derzeitigen Herausgebers des „Pilger aus Sachſen,“ wurden ſogleich Vor— kehrungen zur Abhaltung von Conferenzen an ) Man will nehmllch jetzt oft ſo gern unſere Lutheraner glauben machen, als ob jene Lehre unſerer Kirche nur eine Luthern eigenthümliche Privatanſicht geweſen und daß ſelbige nie eine allgemeine Lehre unſerer Kirche gewor⸗ den ſei. lung. Art. 2. fol. 271. den beiden folgenden Tagen getroffen, woven! die erſte in M. Paſig's Wohnung und dit andere in dem dort neu errichteten Schullehm'? E Seminargebäude abgehalten wurde. Hirrbä zugegen waren außer genanntem Herrn Dialo nus Paſig die Herren Wilhelm, Archiku⸗ konus in Waldenburg, M. Meurer, Pun in Callenberg (der bekannte Biograph Lutheri Schnabel, Paſtor in Tettau, Gotſch, Patt in Ziegelheim, Kranichfeld, Paſtor in? Wal kenburg, Niedner, Paſtor in Langenchußz dorf, Spiegelhauer, Paſtor Vicarius Altſtadt-Waldenburg, Füllkruß, Paſtor u Kaufungen, Schütz e, Seminardirektot in! Waldenburg, Geißher, Lehrer an der Viy gerſchule daſelbſt, und noch einige andere gläny bige Schullehrer. Als willkommener Gaſt nahn außerdem der gerade gegenwärtige Buchhändith R Herr Juſtus Naumann aus Dresdti⸗ auch an der Conferenz theil. Wie an den mil⸗ ſten Orten, dahin wir kamen, ſo veranlahtt auch hier die Frage der Brüder nach dem eigem⸗ lichen Zweck unſerer Delegation und die Au“ einanderſetzung deſſelben von unſerer Seite eint N lebhafte Discuſſion (Beſprechung) über die Lehg von Kirche und Amt und die damit eng verbun— denen Punkte. Das Reſultat (Ergebniß) der Reden und Gegenreden war auch hier nicht rin völliger Conſenſus, ſondern dieſes, daß ein Thul der Gegenwärtigen mehr für, der andere mehſ gegen die von uns ausgeſprochene Uebetze⸗I gung ſich erklärte. Von Seiten der Opponennn TU mußten wir hier Grundſätze ausſorechen hörn, die uns in der That ebenſo überraſchend wie nie⸗ derſchlagend waren. Von einer gewiſſen Stin her wurde u. A. ſelbſt eine abſolute (unb dingte) Nothwendigkeit des öffentlichen Predigt amtes zur Seligkeit für einen Jeden behauptit und endlich nur ſo viel zugegeben, daß Gon allerdings, weil Er an kein Mittel gebunden ſei, einen Menſchen auch ohne einen Pfarm wie durch ein Wunder bekehren könm durch das bloße geſchriebene und geleſene Won. Vergeblich wurde von unſerer Seite darauf auf⸗ merkſam gemacht, wenn man behaupte, daß ein Menſch bei bloßem Leſen des Wortes nur als. durch ein Wunder bekehrt werde, daß damit/ die Kraft, zu bekehren, dem Worte abgeſpw⸗ chen und dem Pfarrer zugeſchrieben werde; vergeblich wurde von uns ferner darauf auf⸗ merkſam gemacht, daß ja auch unſere ſymboll⸗ ſchen Bücher das geleſene Wort auch umet die Mittel rechnen, durch welche ein Menſch be⸗ kehrt werden könne); vergeblich wurde endlih von uns bezeugt, daß wir ja damit die Noth⸗- wendigkeit des heiligen Predigtamtes nicht leu ⸗ neten; daß ja freilich der, welcher das öffen“ F. liche Predigtamt verachte, ſich nicht darauf be⸗ rufen könne, daß er an dem geſchriebenen um *) So heißt es z. B. in der Concordienformel: „Um will Gott durch dieſes Mittel, und nicht anders, nehmih durch ſein heiliges Wort, ſo man daſſelbige predigen hön oder lieſet, und die Sacramente nach ſeinem Wan gebrauchet, die Menſchen zur Seligkeit berufen, zu ſich ir. hen, bekehren, wiedergebären und heiligen.“ (Wival a.) 2 3