# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1845 10 13_S15 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 15 eben so wenig der Concordienformel, die nichts anderes thut, als den Urtheilsspruch des HErrn ministerialiter vollzieht. In diesem Sinne darf, ja muß jeder rechtgläubige Christ alle falsche Lehren und Lehrer verwerfen und sich von ihnen scheiden, theils der Wahrheit Gottes zu Ehren, theils aus Liebe seines Nächsten, um ihn zu warnen, falsche Lehre nicht für ein gefahrloses, gleichgültiges Ding und falsche Lehrer nicht für unschädliche Leute zu halten. 7. Doch wir eilen zum Ende und weisen nur noch auf den Werth und die Bedeutung der Concordienformel für unsere Zeit hin. So gern wir zugeben, daß sie in Sprache, Ausdruck und Form ein menschliches Werk ist, so entschieden behaupten wir, daß ihr Inhalt die einige, un- wandelbare Wahrheit Gottes ist, und so wie Gottes Wort unveränderlich ist, so auch die Concordienformel ihrem Inhalt nach. Oder hat ihr mit Grund noch Jemand nachgewiesen, daß sie etwas ohne oder wider Gottes Wort setzet? Müssen nicht selbst viele ihrer Gegner ihr den Ruhm der Schriftmäßigkeit lassen, selbst wenn sie sich vor dem scharfschneidenden Schwert, das sie braucht, entsetzen? Wir Lu- theraner sind zwar nicht so bornirt, wie uns Herr Dr. Schaf ansieht, daß wir außer der Concordienformel kein reines Dogma, kein wahres Christenthum anerkennten; er thut da- her einen sehr vergeblichen Streifzug gegen die armen Lutheraner, die recht gut wissen, daß es reines Dogma und wahres Christenthum vor Existenz der Concordienformel gegeben und gewiß auch noch bei vielen gibt ohne eine for- melle Annahme derselben; aber das schämen wir uns allerdings nicht zu behaupten, daß es bei bewußter Verwerfung der in ihr vorgetra- genen und ausgeprägten Glaubensartikel we- der reines Dogma, noch wahres Christenthum gebe oder geben könne. Haben nun vor 265 Jahren 8,000 Diener des Evangelii, darunter viele durch Gelehrsamkeit und Frömmigkeit ausgezeichnete Männer, kein Bedenken gehabt, mit ihrer Unterschrift ihre Uebereinstimmung mit der Concordienformel zu bezeugen, sollten wir, ihre Kinder, uns nicht wieder freudig um dieses Panier sammeln, um auch damit die Einheit unsers Glaubens mit dem unsrer gläu- bigen Väter zu beurkunden? Oder sind die verführerischen Lehren, die ehedem die Concor- dienformel nothwendig machten, in unserm Jahrhundert ausgestorben? Hat nicht die lu- therische Kirche jetzt der Pelagianer, Syner- gisten, Wiedertäufer, Zwinglianer, Calvinisten die Menge in ihrer Mitte, die alle den luthe- rischen Namen führen, die Augsburgische Con- fession in ihrem Schilde tragen und doch der- selben in Lehre und Praxis Hohn sprechen? Thuts nicht in unsrer zerrütteten Zeit zweifach Noth, daß alle ächten Söhne der lutherischen Kirche, die an der schwärmerischen Ausgelas- senheit oder laodicäischen Lauheit der heutigen Namenlutheraner einen Greuel haben, eins würden, die Concordienformel wieder in den Kreis ihrer Glaubensbekenntnisse aufzuneh- men? Aber jedenfalls müßte bei vielen noch ein fleißiges, sorgfältiges Studium sämmtlicher Bekenntnißschriften vorausgehen; denn die Besorgniß, daß es daran bei vielen, selbst bei Predigern, mangelt, ist wohl nicht ungegründet. Dieses Studium anzuregen, das soll der Haupt- zweck dieser geringen Abhandlung sein. Eingesandt von Pastor O. Fürbringer. Der Rationalismus und die Bibel. (Fortsetzung.) Wir wenden uns jetzt von den Geheimnissen des christlichen Bibelglaubens zu den Wun- dern, die mit jenen in der engsten Verbin- dung stehen. Wie armselig, und klein und niedrig von der höchsten Vollkommenheit den- kend der Rationalismus hier wiederum erschei- ne, ist nicht zu übersehen. Sein Gott, mein lieber Leser, ist ein gemachtes Traumbild, eine ohnmächtige Idee, keineswegs aber der wahre, lebendige, unsichtbare Schöpfer und Regierer aller Dinge. Eins ist nur möglich; entweder ist Gott und Natur nicht von einander zu tren- nen, was aller natürlichen Wahrheit wider- spricht; oder die Natur wird von dem gött- lichen Wesen allgegenwärtig durchdrungen, so daß es ihrem Lauf gebieten kann, je nachdem es seine Weisheit erfordert. Auch der Verfas- ser unserer Schrift will von einem Wunder thuenden Gott nichts wissen (S. 6. 7. 10. 14. 15. oben), die doch (sammt den ganz sichtbar- lich in Erfüllung gegangenen Weissagungen der Männer Gottes viele Jahrhunderte voraus) niemals weggedeutet, noch weggeleugnet wer- den können, da selbst die damals lebenden Feinde die geschehenen Thatsachen anerkannten, die Zeugnisse der Heiden und Juden sie bestä- tigen.*) Wenn das wunderbare Eintreffen ge- weissagter Begebenheiten, die keine Creatur von selbst vorhersehen oder nur muthmaßen konnte, mehr die kommenden Geschlechter überzeugte, daß die Propheten außerordentlicher Gaben von Gott gewürdigt worden waren: so haben die Wunderwerke auch bei der Mitwelt ihnen die Herzen zur gläubigen Aufnahme geöffnet. Es hat schon die Natur der geschaffenen Körper und Geister gewisse Bewegungen und Wirkungen, die aus verborgenen Kräften des von Gott ihnen mitgetheilten Wesens fließen, welche alle menschliche Einsicht übersteigen, Geheimnisse, die man nur der Erfahrung glau- ben, aber nie ergründen kann. Sie alle sind Gesetzen unterworfen, die allein nur dem, wel- cher sie gegeben, vollkommen bekannt sind. Auch was wider die gewöhnliche Ordnung der Din- ge geschieht, ist darum noch kein Wunder, wenn es von einer erschaffenen Kraft herrührt, deren Zusammenhang mit der übrigen Natur wir nicht begreifen können, sondern das erst ist ein Wunderwerk zu nennen, das über alle Kräfte und Fähigkeiten der ganzen geschaffenen Na- tur hinausgeht, das also von einer göttlichen Kraft als ihrer Ursache gewirkt ist. Daraus folgt, daß keine Creatur im Himmel und auf Erden und unter der Erde sei, die, eigent- lich zu reden, Wunder thun könne; Gott der HErr ist es, der Wunder thut, allein. Pf. 72, 18. 136, 4. Joh. 3, 2. Apgesch. 2, 22. 10, 38. Wann sie geschehen, so gleichen sie zwar einem willkührlichen, gesetzlosen Eingriffe in den Lauf der Natur; allein schon Augustin (von der Gottesstadt XXI, 8.) fragte treffend: „Wie kann etwas wider die Natur sein, was nach dem Willen dieses großen Schöpfers die Natur eines jeglichen geschaffenen Dinges ist?“, Sein allmächtiger Wink heißt der Natur ihren Lauf, wohin er will, ohne ihn zu stören noch zu verrücken; ihre Kraft ruht in seiner Kraft, sie mag nun so oder so sich gestalten. Ein Wun- der ist also weit über die Erkenntniß, die un- sere Vernunft von der Natur der Dinge hat, aber keineswegs wider die Wahrheit*) selbst, gleichwie Vieles in der Natur von uns nicht erklärt noch begriffen werden kann. (Dies er- kannte noch auf seinem Todtenbette der gottes- leugnerische Graf von Rochester an, wie der englische Theolog Dr. Burnet in dessen Le- bensbeschreibung erzählt.) Ein Gott ohne Wunder und ein Wunder ohne Gott ist ein Un- ding. Er thue sie mittelbar oder unmittelbar, so hat er allemal einen göttlich weisen Zweck, der auf Segen und Wohlthat gerichtet ist; und wehe dem Uebermuth des kurzsichtigen Men- schen, der den im verachteten Kleinsten Großes schaffenden Gott zu meistern wagt! (Cor. I, 1, 25.) Ach, meine lieben Mitchristen, was für eine traurige, trostlose Irrlehre ist dieser Rationa- lismus! wie schrecklich sähe es um uns aus, wie furchtbar wären wir betrogen, wenn wir diese Lehre als den Weg zur Seligkeit anneh- men wollten! Getrauet ihr denn euch, ohne den wunderthätigen Gott in Noth und Tod, in diesem von Jammer oft niedergedrückten, wechselsvollen Leben, und im Sterben auszu- kommen? Nehmt einmal an, wie der Verfasser jenes bemitleidenswerthen Schriftchens selbst sagt, das Wesentliche der christlichen Religion und also der Lehre IEsu Christi sind nach dem *) Man findet sie gesammelt in der Schrift des bekannten holländischen Staatsmannes Hugo de Groot von der Wahr- heit der christlichen Religion II. § 3 fgg. Die wunderbare Bekehrung so vieler Völker durch die Werkzeuge Christi, die Apostel, ist freilich die sicherste Bürgschaft für die historische Gewißheit der übrigen weit geringeren Wunder (Joh. 14, 12.) *) Wahrheit ist und bleibt Wahrheit, sie mag in Gott al- lein oder auch im Menschen sein. Wahrheit, vom Menschen begriffen, ist da, wenn eine Uebereinstimmung mit den aus dem Licht der Natur gewiß zu erkennenden andern Wahrhei- ten stattfindet; gegen dieselbe und daher gegen alle Vernunft und auch göttliche Wahrheit ist dasjenige, bei welchem man einen Widerspruch mit den vorher erkannten Wahrheiten deutlich einsiehet; wo aber nicht Einhelligkeit noch Streit zu erblicken ist, so ist die Sache über unsere Vernunft, über un- ser Erkenntnißvermögen; wir vermögen den Zusammenhang nicht einzusehen. Was wider die göttliche Vernunftwahr- heiten ist, ist noch viel weniger wider die menschliche; denn die natürlich-menschlichen Vernunftwahrheiten sind ja in den unendlichen Zusammenhang der Wahrheit in Gott eingeschlos- sen; die menschliche Geisteskraft kann nur denselben nicht erreichen. Unsere Vernunft ist nur die endliche, die begränzte; die göttliche Vernunft unendlich, ohne Schranken. Also können die Wunder, wie die Geheimnisse Gottes, wohl über die menschliche Vernunft für sie unerklärbar, aber nicht darwider sein. Dasjenige was denselben in uns zuwider ist, das ist weder das natürliche Licht, noch der von ihm erkannte Zu- sammenhang der Wahrheiten; Irrthum, Krankheit, verderb- liches Vorurtheil und Finsterniß ist es! (Vgl. G. W. Baron de Leibnitz discours de la conformite de la foi avec la raison, Amsterdam 1710. Der Lutheraner Jahrg. 1. No. 8. „Beiträge zur Vertheidigung der christl. Religion“ ꝛc. ꝛc.)