# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1852 02 02_S97 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) untertreten und ſich lieber engherzige, kurzſichtige, beſchränkte und verroſtete Altlutheraner ſchelten laſſen, als daß ſie nur eines Fingers breit von ſol⸗ chem Gottesworte weichen zur Rechten oder zur Linken; denn jedes einzelne Wort Gottes iſt ihnen lieber als alle Macht u. Pracht der Welt, als alle Gunſt, Ehre und Anſehen unter den Menſchen, ja als das eigene Herz mit ſeiner liebſten Be⸗ gierde und Neigung. Wäre nun Koſſuths Herz und Gewiſſen alſo in Gottes Wort ſeliglich gefangen und gebun⸗ den d. i. wäre er wirklich ein geſunder lutheri⸗ ſcher Chriſt geweſen, ſo hätte ihn Gottes Wort in Nöm. 13. zurückgehalten, auf fleiſchliche und ſchriftwidrige Weiſe die Befreiung ſeines Volkes vom Joche Oeſterreichs zu betreiben. Da er nun aber dieſes gleichwohl gethan, ſein Volk zu den Waffen wider ſeinen Herrn, den Kaiſer, gerufen und dieſe bekriegt hat, ſo bewei⸗ ſet dieſes doch, auf das Mildeſte zu reden, daß er keine Erkenntniß des betreffenden göttlichen Wortes in dieſer Sache gehabt, daß er alſo die— ſelbe wider Gottes gnädigen Willen angefangen und fortgeſetzt und im beſten Falle, als noch unerleuchtet vom Lichte der göttlichen Wahrheit des geſchriebenen Wortes und durch den wah— ren Glauben an den Herrn Chriſtum, in einem ſchwärmeriſchen Wahne unter göttlicher Ge— duld ſeine Sache angefangen habe. Und da⸗ her iſt es unmöglich, daß dieſe und jene Zeichen einer gewiſſen Religioſität, die allerdings hin und her einem in ſeinem Lebenslaufe ſeit cirea vier Jahren entgegentreten, Zeugniſſe wahrer criſtlicher Frömmigkeit und des geſunden lu⸗ theriſchen Glaubens geweſen find. ö Hätte er dieſen ſammt der innerlichen Erleuch— tung des hl. Geiſtes aus dem rechtfertigenden Glauben an Chriſtum wirklich vor ſeiner Erhe⸗ hebung wider Oeſtereich gehabt, ſo wäre dieſe nicht nur eine Übertretung des göttlichen Ge⸗ ſetzes und ſonderlich des erſten, vierten und fünften Gebotes geweſen, was ſie auch jeden⸗ falls iſt, ſondern ſie ſetzte nothwendig einen ent⸗ ſchiedenen Abfall vom Glauben, eine Verach⸗ tung Gottes und ſeines Wortes, eine Verleug⸗ nung Cbriſti in Koſſuths Herzen voraus, was jedoch höchſt unwahrſcheinlich iſt, da es ſchwer⸗ dem „lutheriſchen Herold“ obendrein, der die⸗ lich gedenkbar iſt, daß er den innerlich erfahrenen Herzensglauben an Chriſtum ſammt der Erleuch⸗ tung des heil. Geiſtes damals beſeſſen hat. Es iſt alſo deßhalb ſein Vornehmen und Beginnen im beſten Falle verbunden geweſen und noch ver⸗ bunden mit einem gewiſſen fronmen Wahn und ſelbſtgemachten ſchwärmeriſchen Dünkel der fleiſch⸗ lichen Venunft, als ſei der Aufſtand wider Oeſt⸗ reich und die alſo gewirkte Befreiung Ungarns ein Gott wohlgefälliges Werk, ähnlich wie die Kreuzzüge im Mittelalter aus ähnlicher Wurzel hervorgingen. Denn wie in damaliger Ver⸗ dunkelung der evangeliſchen Erkenntniß in Kirche und Staat allgemein dafür gehalten wurde, es ſei ein heiliges und verdienſtliches Werk, das hl. Grab des HErrn und das gelobte Land den Händen der Ungläubigen zu entreißen, ſo iſt es bei ähnlicher Verdunkelung des Evangeliums jetzt in wanchen Herzen und Köpfen der Fall, . die keinesweges grundſäͤtzlich entſchiedene Feinde Gottes und ſeines Wortes ſind, daß ſie im from⸗ men Wahn und Schwärmerei dafür halten, es ſei eine heilige Sache und ein verdienſtliches Gott gefälliges Werk, daß die europäiſchen Völker die Feſſeln ihrer ſogenannten Despoten ſich entreißen und zu einer Freiheit und Selbſtregierung ge⸗ langen, wie ſie etwa das Volk der vereinigten Staaten Nordamerika's verfaſſungsmäßig beſitzt. Wo iſt aber Gottes Wort, daß ſolchte gewalt⸗ thätige Selbſtbefreiung Gottes guter gnädiger Wille und eine „heilige“ Sache und jener ſchwär⸗ meriſche Wahn der Betreiber oder Begünſtiger oder Lobredner dieſer Selbſtbefreiung mit viel⸗ facher Anziehung ja eigentlichem Mißbrauch des göttlichen Namens wirklich chriſtliche Wahrheit und geſunder evangeliſcher Glaube ſei? Es wäre freilich möglich, daß der beſchränkte „Lutheraner“ ſolchen Leitſtern des göttlichen Wor⸗ tes noch nicht entdeckt hätte und er bittet deshalb den gelehrten Herrn Dr. Kurtz ſammt Herrn Paſtor Stohlmann hiemit um Hülfe, daß ſie ihm doch das Wort der heil. Schrift anzeigten, darin jene Selbſtbefreiung auch nur gebilligt und zu⸗ gelaſſen, geſchweige geboten und nicht vielmehr auf das Entſchiedenſte verboten wäre. Sie mögen ſo gefällig ſein, der Kurzſichtigkeit des engherzigen „Lutheraner“ freundlichſt abzuhelfen und aus der heil. Schrift ihm das Wort nach⸗ zuweiſen, durch welches das, ſeiner Anſicht nach, Maßregel und Richtſchnur gebende göttliche Wort für das Verhalten der Chriſtenmenſchen gegen ihre dermalige Obrigkeit in Röm. 13, 1 — 7 vergl. mit Joh. 19, 10. 11. 1 Petr. 2, 13. 14. Tit. 3, 1. 1 Tim. 2, 1. 2. Matth. 26, 52. umge⸗ ſtoßen und aufgehoben wird. Bis dahin — und es möchte dieſer begehrte Nachweis ſchwerlich ge⸗ liefert werden — iſt „der Lutheraner“, ſammt all ſeinen nüchternen, von den Blendwerken der Zeit nicht berauſchten Leſern, die ein einfältiges Glaͤubensauge und ungeheuchelte Ehrfurcht vor Gottes Wort haben, in ſeinem Herzen und Ge⸗ wiſſen gehalten, an obigem Worte Gottes, als der wahren Leuchte zur Bildung des richtigen chriſtlichen Urtheils auch über Koſſuth und ſeine Sache feſtzuhalten. Und können die beiden genannten Herrn, ſammt ſelbe Lobpoſaune über Koſſuth bläſet, trotz all ſeines Eifers um das wahre Lutherthum — kön⸗ nen alle drei nicht den Beweis aus der heiligen Schrift liefern, daß Koſſuths Verſuche zur ge⸗ waltthätigen Selbſtbefreiung Ungarns auf Grund des göttlichen Wortes und aus dem Glauben an Chriſtum, aus Lieve Gottes und des Näch⸗ ſten und zur Ehre des HErrn und zum Nutz und Frommen ſeiner Mitchriſten geſchehen ſind: ſo können ſie auch nicht behaupten, daß Koſſuths Unternehmungen vom Jahre 1848 eine „h ei⸗ lige“ Sache oder gar Glaubenswerke eines zweiten Gideon und Jephtah und er ſelbſt ein geſunder evangeliſcher Chriſt in dieſer ſeiner Hand⸗ lungsweiſe geweſen ſei. Denn darin ſetzt aller⸗ dings „der Lutheraner“ ſtillſchweigendes Ein⸗ verſtändniß mit dieſen drei Lobrednern Koſſuths voraus, daß auch ſie dafür halten, daß derſelbe gerechte und tyranniſche Obrigkeit, nachrem güt⸗ Menſch, der ſich Überdies recht eigentlich zu den Gotte der Bibel bekennt, nicht dürfe gleichſam zweierlei Rollen ſpielen, nämlich das eine Mal den Chriſten und das andere Mal den Freibür⸗ ger, je nach Perſonen und Umſtänden; vielmeht iſt vorausſetzlich dieſes auch ihres Herzen Meinung, daß jede einzelne Handlung des Bün⸗ gers, in Wort und That, doch weſentlich und ausſchließlich von der Geſinnung des Chriſten durchdrungen und geheiligt ſei, mithin aus dem Glauben gehe und zur Ehre Goites, zur eige⸗ nen Heiligung und zum Dienſte des Nächſten geſchehe. Wie dieſes aber mit dem Einzelnen der Fall iſt, der zugleich Chriſt und Bürger oder Unte than iſt, ſo hält es ſich gleicherweiſe im Großen und Ganzen mit ganzen Völkerſchaften, die zunz gleich Chriſten ſein wollen; und demgemäß ſoll auch ihr ganzes Verhalten gegen die Obrigkeit. von der chriſtlichen Geſinnung durchdrungen und beſeelt ſein. Gehen ſie etwa Sonntags in die Kirche und heben Montags Aufruhr an, ſo ſind ſie ſicherlich Heuchler, aber keine Chriſten;“ denn wie geſagt, ſofern ſie chriſtliche Untem thanen ſein wollen, ſo haben ſie ſelbſt gegen un⸗ liche Vorſtellung nichts gefruchtet, keine anderen Waffen als Gottes Wort und das Gebet. Mit dem erſteren ſollen vornämlich die Prediger, ſo ſie anders Chriſti Diener und nicht Bauchdiener und Fürſtenknechte ſind, die gottloſe Obrigkei durch Gottes Geſetz ſcharf und ernſtlich ſtrafen wie die Propheten des HErrn die böſen Köͤnige Israels und Johannes den Herodes; und allt Geplagte und Gedrückte ſollen aus dem Evan ⸗ gelium, dieſer Troſtqu elle, Stärkung des Glau⸗ bens und der Geduld holen, ſonderlich wenn ſie in der Leidensgeſchichte Chriſti Exempel fleißig vor ſich nehmen und die erbauliche Anwendung davon in den Brirfen der Apoſtel. Mit dem Ge⸗ bet ſollen ſie auch in ihren bürgerlichen Nöihen fleißig den HErrn anrufen und in ſein väterlichen Herz dringen, theils für ſich ſelbſt, theils fi ihre gottloſe und ungerechte Obrigkeit; für ſich, daß der HErr ihren Glauben und Geduld ſtärle und ſie in der chriſtlichen Liebe und Fürbitte für die böſen Fürſten und Herren erhalte, dagegen Zorn und Haß, Rachgier und Bosheit, die ſi, nach dem alten Menſchen, noch vielfach in ſich ſpüren, kräftig dämpfe und daniederhalte. Summa: Vor dem Richterſtuhle des gͤttli“ chen Wortes in Röm. 13. iſt u. bleibt auch Koß ſuihs u. Ungarns gewaltthätige Erhebung wig Oeſtreich, um ſich durch die Waffen eine politiſy Unabhängigkeit und Selbſtſtändigkeit zu erzwin ⸗ gen, eine gott⸗ und ſchriftwidrige That des Fleiſches, aber nicht des wahren Chriſtenthuns, und ſie bliebe weſentlich dieſelbe Sünde, ſelbt wenn ſie äußerlich gelungen wäre; denn nimmer und niemals ſind die Handlungen wie der ein⸗ zelnen Chriſten, ſo ganzer chriſtlicher Völkerſchaf⸗ ten nach dem Erfolge, ſondern nach der herr⸗ ſchenden Geſinnung und dem treibenden Beweg⸗ grunde des oder der Thäter aus Gottes Wort zu beurtheilen. Iſt die That dem göttlichen Geheh gemäß und gehet ſie im Thäter aus dem Gi