# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1852 02 02_S93 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) an ſich gleichberechtigten Bürger, muß nothwen⸗ dig und faſt unwillkuͤhrlich ſchon in die Kinder der Geiſt eines unreifen Freiheitsdünkels und der unzeitige Trieb zur Selbſtſtändigkeit und Unabhängigkeit gepflanzt werden. — Und was iſt nun die nothwendige Wirkung dieſer erſchrecklichen Verwahrloſung, dieſes völ⸗ ligen Freilaſſens der Jugend? — Eine nicht minder erſchreckliche Zügel⸗ und Zuchtloſigkeit, fleiſchliche Freiheitsgelüſte, Ungehorſam u. Ver⸗ achtung der Eltern und Lehrer, freche Sichgleich⸗ ſtellung mit den Erwachſenen, Lügenhaftigkeit, Rohheit in den Sitten, Unwiſſenheit in Gottes Wort, Leichtfertigkeit, Faulheit, Naſchhaftigkeit, wildes Toben und wüſtes Umherlaufen auf den Straßen. Summa, Gottloſigkeit in allerlei Ge⸗ ſtalt. Und fürwahr, wenn nicht Gott in Gna⸗ den dreinſieht, das ganze Volk nicht Buße thut, das wahre Chriſtenthum nicht kräftiger um ſich greift, und ſonderlich die amerikaniſchen Predi⸗ ger dieſe Nationalſünde nicht ernſtlich ſtrafen und ihren Gemeinden zu chriſtlicher Kinderzucht Anleitung geben: ſo iſt ſehr zu beſorgen, daß das Volk der Vereinigten Staaten, während es äußerlich an Zahl, Betriebſamkeit, Kunſt⸗ und Gewerbfleiß, Verkehr, Handel und Reichthum, wiſſenſchaftlichen Kenntniſſen und Verſtandes⸗ bildung zunimmt, dennoch innerlich durch die Verwahrloſung und Verderbung der Jugend unaufhaltſam einem moraliſchen Bankrutte ent⸗ gegeneilt, wenn nicht früher, was freilich herz⸗ lich zu begehren, der HErr mit ſeinem lieben jüngſten Tage hereinbricht und auch dieſem Elende ein Ende macht. — Der andere Beweggrund dieſes meines Send⸗ briefes an Euch iſt ein innerlicher, nämlich die aufrichtige Liebe zu Euch und Euren Kindern und die herzliche Sorge, daß Ihr durch die viel⸗ fältigen Erempel der verderbten Kinderzucht, mit denen Ihr wohl überall rings umgeben ſeid, könntet muthlos, oder doch ſchlaff und träge werden, dieſer Strömung des Verderbens zu wi⸗ derſtehen oder gar am Ende von ihr Euch mit ergreifen und hinabtreiben zu laſſen: denn nur zu leicht geſchieht es überhaupt, daß man ſich an verderbte Zuſtände von mancherlei Art, die man täglich vor Augen ſieht, gewöhnt; und wer zudem noch kein geſchärftes chriſtliches Gewiſſen, keinen kämpfenden Glauben, keine gründliche fürbittende Liebe beſitzt, dem liegt es nicht fern — —— 6 der ihrigen; und dieſe Macht des verderbten Beiſpiels findet man nicht etwa nur unter un⸗ chriſtlichen und unwiſſenden Eltern, ſondern ſelbſt unter ſolchen, die einen gewiſſen Grad chriſtlicher Erkenntniß haben und aus Gottes Wort ſeinen Willen in Betreff der Kinderzucht ſo ziemlich wiſſen. Fehlt aber eben der leben⸗ dige Herzensglaube an den HErrn Chriſtum und daher auch die rechtſchaffene Ehrfurcht vor Gott und ſeinem Worte und die chriſtlich erziehende Liebe gegen ihre Kinder, ſo kommt jene Erkennt⸗ niß zu keiner Kraft und der Einfluß der ver⸗ derbten Umgebung bringt es in Kurzem dahin, daß es, dieſe und jene einzelnen beſſeren Gewöh⸗ nungen, z. B. zur Arbeitſamkeit, zum Schulbe⸗ ſuch u. a. abgerechnet, im Ganzen bei ihnen mit der Kinverzucht nicht minder kläglich beſtellt iſt; und ſtatt zur Warnung dient ihnen die hie⸗ ſige Verziehung und Verwahrloſung. der Jugend vielmehr zur Verführung und Nachahmung. Nachdem ich Euch nun den zwiefachen Be⸗ weggrund nicht verhalten habe, der mich getrie⸗ ben hat, dieſe Sendbriefe an Euch abzufaſſen, ſo laſſet mich nun darangehen, Euch, die Ihr ja doch Alle chriſtliche Eltern ſein wollet, die göttliche Würde und Herrlichkeit Eures Berufs zuerſt ein wenig vor die Augen zu malen und darnach vorzuhalten, was für die Hauptſtücke der chriſtlichen Kinderzucht daraus folget. Das geiſtlich Große aber Eures Berufs be— ſteht zuerſt darin, daß Ihr nach dem erſten Ar⸗ tikel des heiligen chriſtlichen Glaubens als Ehe— leute Mitarbeiter und Mithelfer Gottes, des all⸗ mächtigen Vaters, in der Fortflanzung und Er⸗ haltung des menſchlichen Geſchlechtes ſeid; denn nicht unmittelbar rufet Gott ein neues Geſchlecht von Menſchenkindern in's Leben und Daſein, ſondern durch Euch, indem er mit ſeiner All⸗ macht Eure Ohnmacht durchdringt und im Au⸗ genblick der Zeugung nach Seele und Leib den Keim pflanzt zu einem neuen Menſchen. Und nachdem der allmächtige Gott durch Eure Mit⸗ wirkung dieſes Keimlein gepflanzt hat, ſo nährt er es in der dunkeln Behauſung des mütterli⸗ chen Schooßes, da es ſein geheimnißvolles Wun⸗ derleben vor Ihm führet, wiederum durch das Blut des Weibes; und nachdem die Leibesfrucht 9 Monate lang, geiſtig und leiblich, Wohl und Weh mit ihrer Trägerin getragen, und zum durch die ſchmerzliche Geburts-Arbeit der Toch⸗ Gottesfurcht, keine ſtrafende und doch zugleich 4715 gereift iſt, bricht ſie nun endlich daß aus der Gewöhnung an dieſe und jene rings umgebende Verderbniſſe allmählig Gleichgültig⸗ keit und aus dieſer endlich gar ein Mitmachen deſſelben böſen Weſens wird, aus dem die Ver⸗ derbniſſe kommen. So hört man denn wohl zuweilen dieſe und jene Eltern, nachdem ſie kürz⸗ lich erſt aus Deutſchland gekom men ſind und auf dem Lande oder in den Städten ſich angeſie⸗ delt haben, es mehrfach beklagen, daß hier zu Lande die Kinder doch gar ſo ausgelaſſen und muthwillig ſeien und von den Eltern faſt keine heilſame Zucht und Beſchränkung gegen ſie aus⸗ geübt werde — und ſiehe! in kurzer Zeit ma⸗ chen dieſe Eltern es auch nicht anders und ſind mehr in der Gewalt ihrer Kinder, als dieſe in ter Eva's an's Licht — ein großes unbegreifli⸗ ches Wunder Gottes, der allmächtigen und all⸗ weiſen Liebe, der Euch alſo der Ehre würdigte, in dieſer neuen und fortgeſetzten Schöpfung ſeine Gehülfen und Mitarbeiter zu ſein; und wie Er, der allmächtige Vater, weſentlich der Schöpfer iſt Himmels und der Erden und alle irdiſchen Väter und Mütter in Ihm allein le⸗ ben, weben und ſind: ſo hat er doch den letzteren ſein Bild und Ehre darin mitgetheilt, daß Er mit ihnen und durch ſie wirket zur Erhaltung des menſchlichen Geſchlechts bis an den jüngſten Tag. Iſt ſolche irdiſche Vaterſchaft nicht ſchon eine treffliche Würde und edler Ruhm, dagegen alle v menſchliche Kunſt, Wiſſenſchaft, Ehre und An⸗ ſehen ein Geringes iſt, da ja alle Gaben und Kräfte, alle Aemter und Herrſchaften aus ſolcher Vaterſchaft herfließen? da alle großen und hoch⸗ berühmten Leute, alle Entdecker und Erſinder, alle Weiſen und Staatsmänner, alle Künſtler⸗ und Gelehrten, ja alle großen Propheten, Apo⸗ ſiel und Lehrer der heiligen Kirche ſchon im An— genblicke ihrer Entſtehung im Mutterleibe dazu gebildet und beſtimmt ſind von Gott und Er dazu der Eltern, als ſeiner Werkzeuge, ſich be⸗ dienet? Darnach aber fähret Gott weiter fort und würdigt die Eltern, ſeine Mitarbeiter und Pfle⸗ ger der armen hülfloſen Menſchenkindlein zu ſein; denn obwohl Er nach ſeiner allmächtigen Liebe die Milch in der Mutterbruſt bereitet, ſo ernährt er doch eben durch dieſe die Säuglinge; und auch durch das liebende Mutterauge, durch die pflegende Mutterhand nimmt er dieſer ſeiner lieblichen Creatürlein wahr; und obgleich die Hut und Wacht ſeiner heiligen Engel, nach den ſüßen und tröſtlichen Worten unſers allerlieb— ſten Erlöſers, wider den Satan und ſeine böſen Geiſter die eigentliche Hauptwaffe iſt zur Be⸗ wahrung und Beſchützung der Kindlein, ſo über— trägt doch Gott auch einen Theil dieſer Hut und Wacht den Eltern und vornämlich der Mutter; und es iſt ſein guter gnädiger Wille, darin die Eltern zu ehren, daß ſie an ſeiner Statt die Kin⸗ der ſchon leiblich pflegen, warten und verſorgen, behüten und beſchirmen, auf daß ſein Vaterbild an ihnen leuchte und durch die Erweiſungen der irdiſchen Elternliebe die himmliſche Vaterliebe den Kleinen ſchon früh thätlich in die Seele ge— drückt und nahe und vertraut werde. O.I. Aber noch viel höher ehret Euch, Ihr lieben Eltern, der allweiſe und gnädige Gott, wenn Ihr: die herrliche Würde Eurer Elternſchaft nach dem zweiten und dritten Artikel des chriſtlichen Glau⸗ bens betrachtet. Denn was war wohl das end⸗ liche Abſehen des allmächtigen und liebreichen Vaters, indem er durch Euch Seine und Eure Kinder ins Leben und Daſein rief und Euch zu ſeinen Mithelfern machte im Werke der Fortpflan⸗ zung, dieſer erneuerten Schöpfung? — Etwa blos das leibliche Wachsthum und Gedeihen Euer Kinder und der Genuß dieſer und jener äußerlichen Güter und zeitlichen Segnnngen aus ſeiner ſtets offenen und milden Vaterhand? Oder etwa nur dieſes, daß die Knaben bei allmähligem Heranreifen ihrer leiblichen und geiſtigen Gaben Und Kräfte ſpäter eintreten, je nach Anlagen und Bildung, in einen beſondern Beruf, Landbauer, Handwerker, Kaufleute, Advokaten, Beamte, Arzte, Künſtler, Gelehrte, Prediger und Lehrer“ und deß eiwas, die Mägdlein aber, nachdem ſie mannbar geworden, Frauen und Mütter wer⸗ den? Das ſei ferne! denn da wäre es freilich ein kläglich und jämmerlich Ding um aller Men⸗ ſchen Leben, das überall vom Tode verſchlungen würde. Da hätien die eben gebornen Kind⸗ lein hohe Urſache, mit Schreien in dieſe Welt einzutreten, die eigentlich nichts anders wäre, als eine Pflegerin und Leiterin zum Tode, der als das allverzehrende Ungeheuer alle Menſchen