# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1845 10 13_S14 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 14 diese zu ihrer Glaubensnorm, sondern sie stellt den Grundsatz an die Spitze ihres Bekenntnisses, daß die heil. Schrift die alleinige Richtschnur ist, nach welcher alle Lehre und Lehrer gerichtet und geurtheilt werden sollen, erkennt in den Büchern alter und neuer Lehrer nur Zeugnisse des Glaubens und macht also zwischen der heil. Schrift und allen menschlichen Schriften, die der apostolischen und nächstfolgenden Zeit nicht ausgeschlossen, einen Unterschied so weit wie der Himmel von der Erde. Und dies ist der allein richtige Standpunct, auf dem die luth. Kirche steht, sie erkennt weder menschliche Vernunft, wie die Rationalisten, noch eine menschliche Ueberlieferungslehre, wie die Römisch-Katholischen, als Quelle des Glaubens an, duldet sie auch nicht einmal neben der Schrift. Aus diesem höchsten Grundsatze folgt nothwendig auch, daß sie keine andre Norm der Auslegung oder keine andre Analogie des Glaubens anerkennt, als die in der heil. Schrift selbst gegeben ist; denn gäbe es außer oder über der heil. Schrift eine Norm, wie sie zu erklären und auszulegen ist, so müßte ja diese über der heil Schrift, das Licht, welches das rechte Verständniß der heil. Schrift finden lehrt, über dem Lichte der heil. Schrift selbst stehen. Indem wir aber die heil. Schrift für die alleinige Regel und Richtschnur halten, so wissen wir auch von keinem andern Schriftausleger als dem heil. Geist selbst, der durch die heil. Schrift in ihren klaren, deutlichen Aussprüchen zu uns redet, und trauen der Deutlichkeit und Kraft der heil. Schrift so viel zu, daß sie auch ohne ein fremdes Licht einem demüthigen Leser derselben zur Erkenntniß der seligmachenden Wahrheit helfen kann. Wir verschmähen nicht die Zeugnisse der rechtgläubigen Kirche, wie sie besonders in den öcumenischen Symbolen zu uns reden, und brauchen sie dankbar als ein herrliches Förderungsmittel und Wegweiser zum Verständniß der Schrift, und finden darin ein glaubensstärkendes Siegel für die Wahrheit unseres Glaubens, aber wir machen sie nicht zu unsrer Auslegungsnorm, sondern die lassen wir die heil. Schrift selbst sein. Diesen in der Concordienformel klar ausgesprochenen Gesichtspunct hervorzuheben, scheint jetzt nicht überflüssig zu sein, da bei etlichen lutherischen Theologen neurer Zeit eine Hinneigung zu einer traditionellen Schriftauslegung aufzutauchen scheint. 4. Wer die Concordienformel mit einem gesunden Herzen lieset, wird sich leicht von dem Ungrund der Beschuldigung überzeugen, als ob in ihr eine scholastische Spitzfindigkeit oder todte Orthodoxie walte. Wahrlich nur der kann so reden, der selbst von dem Leben, das aus Gott ist, nichts weiß. Sie ist allerdings ein Schrecken für alle Ketzer, sie entscheidet die streitigen Fragen mit einer schneidenden Schärfe, sie duldet auch nicht das kleinste Irrthümlein, auch keine Zweideutigkeit, sie will, daß in der Kirche nicht bloß einerlei Lehre, sondern auch einerlei Rede geführt werde, sie will auch nicht einmal solche Redeweisen in der Kirche geführt wissen, die zu Aergerniß und Zerrüttung Anlaß geben könnten; aber wie die Verfasser selbst Männer waren, die das Geheimniß des Glaubens in reinem Gewissen bewahrten, so ist das Buch selbst der Abdruck einer lebendigen Herzenserfahrung, ja es würde dem Vorbild der heilsamen Worte nicht so gemäß sein, wenn die Verfasser nicht selbst unter dem Einfluß des Geistes gestanden hätten, der in alle Wahrheit leitet. Wie erfahrungsmäßig reden sie z. B. von dem Verderben der Erbsünde, von den Gnadenwirkungen des heil. Geistes, von der Buße, Rechtfertigung u. s. w., daß nur ein blinder Parteihaß oder ein geistlich verkrüppeltes Gemüth das rechte geistliche Leben darin vermissen kann. Es ist aber unter den heutigen „evangelisch Gesinnten“ die unselige fixe Idee herrschend geworden, als wenn strenge Rechtgläubigkeit mit geistlichem Leben sich nicht vertrüge, und man ist bald fertig, einen strengen Lutheraner und einen todten Orthodoxen für ein Ding zu halten. 5. Ein wichtiges Moment scheint uns auch das zu sein, daß die Concordienformel die einzig richtige Ansicht gibt von dem, was man in neuerer Zeit das materielle Schriftprincip zu nennen beliebt. Unsrer alten gesunden Theologie ist freilich dieser Ausdruck fremd, seitdem es aber einmal Mode geworden ist, die Theologie im Philosophenmantel einhergehen zu lassen, muß auch „der vornehmste Artikel der christl. Lehre,“ wie die Apologie ganz schlicht sich ausdrückt, die Lehre von der Rechtfertigung eines Sünders allein durch den Glauben, nach Philosophen Weise das materielle Schriftprincip heißen. Doch wir streiten nicht um den Namen; man lasse aber nur die Sache bleiben, was sie ist. Allein was macht man aus diesem Princip? Ein Unding, einen Stamm ohne Wurzel und ohne Aeste; man stellt die Rechtfertigung des Sünders allein durch den Glauben so isolirt hin von den übrigen Artikeln des Glaubens, namentlich von den heil. Sacramenten, Taufe und Abendmahl, in deren Verbindung der Artikel von der Rechtfertigung erst wird, was er ist, articulus stantis et cadentis ecclesiae. Luther, wenn er von der Wichtigkeit dieses Artikels redet, sagt nicht: lasset mir nur diesen Artikel, die andern möget ihr fälschen, wie ihr wollet; sondern er spricht also: Wo dieser einige Artikel rein auf dem Plane bleibt, so bleibt die Christenheit auch rein und fein einträchtig und ohne alle Rotten. Wo er aber nicht rein bleibet, da ists nicht möglich, daß man einigem Irrthum und Rottengeist wehren möge. (Concordienformel p. 704 Pipping.) Luther und nach ihm die Concordienformel bevorzugt also nicht den Artikel von der Rechtfertigung auf Kosten der anderen, sondern zeigt vielmehr den genausten Zusammenhang der übrigen mit dem Artikel der Rechtfertigung, und wie einer ohne den andern nicht bestehen kann. Wir können also die Ansicht des Hrn. Dr. Schaf*) nicht theilen, daß die beiden Kirchen, luth. und reform., im tiefsten religiösen Grund und Wesen einig sind; nein, sie sind es nicht einmal in dem Hauptartikel der Rechtfertigung. Denn wenn wir gleich zugeben, daß in den Symboben und Lehren der reformirten Kirche dieser Artikel an sich enthalten ist, so müssen wir doch leugnen, daß er ganz und integral darin enthalten ist. Denn abgesehen, daß ihre schreckliche Lehre von der unbedingten Gnadenwahl der Rechtfertigung durch den Glauben schon den Todesstoß versetzt, so verkümmert sie den armen Sünder durch ihre schriftwidrige, ausleerende Lehre von den heil. Sacramenten, die nebst dem Evangelium die alleinigen Darreichungsmittel des himmlischen Schatzes sind, den Trost der Rechtfertigung und ist, so viel an ihr ist, Schuld, daß ein Sünder der Rechtfertigung verlustig geht. Nur weil Herr Dr. Schaf dieses wichtige Moment ignorirt, ists erklärlich, wie er dieses sogenannte materielle Princip des Protestantismus in beiden, der reformirten, wie lutherischen Kirche, gleich stark und vollständig ausgeprägt finden kann. *) In seinem „Princip des Protestantismus.“ So herrliche Gaben und treffliche Kenntnisse in der alten Theologie der Verfasser in dieser Schrift entwickelt, so ist doch zu bedauern, daß er damit keiner bessern Sache dient, als der Union. 6. Den größten Anstoß, den die Concordienformel von jeher den zarten Ohren gegeben, ist ihre Verwerfung und Verdammung der Ketzer. Wenn man ihr alles verziehe, das nicht, daß sie alle Ketzereien und Ketzer so unbarmherzig verdammt. Wo ist, ruft man, die Liebe, die alles verträgt und dem Irrenden zurecht hilft mit sanftmüthigem Geist? Spricht nicht der HErr selbst: richtet nicht, verdammet nicht. Gibt nicht die Concordienformel eben durch ihr Verdammen kund, daß in ihr nicht der Geist des HErrn wehet? Die gelindesten Richter meinen es mit der Derbheit des damaligen Zeitalters entschuldigen zu müssen, da man auch harte, derbe Ausdrücke sich gegenseitig nicht so übel genommen habe. Doch sieht man's genauer an, so fällt auch dieser Vorwurf dahin und die Concordienformel steht auch in dieser Beziehung vollkommen rein da. Wenn es an dem wäre, daß sie jeden Irrenden, ohne zu fragen, ob er in Schwachheit oder mit Halsstarrigkeit irrt, verdammte, oder wenn sie, wie der Pabst thut, ganze Kirchen, und somit auch die in ihnen verborgenen Kinder Gottes verdammte, dann beginge sie allerdings eine himmelschreiende Sünde, dann wäre es Zeit, diese Verdammungen auszustreichen; wer wollte sich solcher Sünde theilhaftig machen? Allein was ihr Sinn und Meinung ist, spricht sie deutlich in der Vorrede des Concordienbuchs aus: unser Wille und Meinung ist nicht, daß hiermit die Personen, die aus Einfalt irren und die Wahrheit des göttlichen Worts nicht lästern, viel weniger aber ganze Kirchen gemeint, sondern daß damit allein die falschen, verführerischen Lehren und derselben halsstarrige Lehrer und Lästerer eigentlich verworfen werden. Daß sie aber solche öffentlich verwirft und verdammt, das thut sie gehorsam Christo und seinen Aposteln; man lese nur mit Aufmerksamkeit Matth. 23. Gal. 1, 7. 8. 5, 10. 12. 1 Cor. 16, 22. Phil. 3, 18. 19. 2 Pet. 2, 1. f. So wenig nun dem Allerheiligsten und seinen Aposteln ohne schreckliche Gotteslästerung der Vorwurf der Verdammungssucht gemacht werden kann,