# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1852 01 20_S85 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) zu gehen und den Heiden das Evangelium zu predigen. Deutſchland und Heiden — das klingt uns ſo wunderlich neben einander. Damals nicht. Wie ganz anders ſah es damals in unſerem Va⸗ terlande aus, als heutiges Tages, nachdem es 1000 Jahre lang von den Segnungen des Chri⸗ ſtenthums befruchtet vorden. Die Altern unter euch wiſſens noch recht gut, wie ſich nur ſeit 40 Jahren Ackerbau und Gewerbe gehoben ha— ben, wie Wege und Poſten beſſer, Reiſen und Verkehr leichter geworden ſind, als man ſich's ehedem nur hätte denken können. Aber vor 1000 Jahren erſt! Als Winfrid herüberkam, fand er keine anderen Wegt, als die Menſchen und Pferde ausgetreten hatten und nur geringen Handelsverkehr auf dem Rhein und auf der gro— ßen Straße von Frankfurt a. M. nach Thürin⸗ gen. Meilenweit ſtreckten ſich dichte Waldungen und Brüche hin, wo nun blühende Felder und Wieſen den Reiſenden anlachen. Die kühnen Glaubensboten mußten ſich ſelbſt Bahn durch die Wildniſſe brechen. Die Gewäſſer hatten ihren freien Lauf und konnten reißen und wa⸗ ſchen, wie ſie wollten: wilde Kriegerſchaaren auf ihren Zügen mochten ſehen, wie ſie durch— kamen. Der Krieg allein führte die Leute aus ihrer Heimath in die Ferne; er war das Lieb— lingsgeſchäft unſerer Väter. Städte gab es nur in den Grenzländern den Rhein und die Donau entlang noch von Nömerzeiten her. Weiter ins Land herein über den ganzen weiten Raum vom Rhein bis zur Elbe war nicht eine eigentlicht Stadt zu finden: dazu bildeten ſich erſt mit der Pflanzung des Chriſtenthums kleine Anfänge. Alles wohnte in Dörfern und einzelnen Höfen. Der alte Deutſche haßte die Städte mit ihren Manuern, Thoren und engen Straßen; er liebte die freie Natur und war gern ſein eigener Herr. Was er brauchte, verfertigte er ſich ſelbſt, und die tauſend nützlichen und unnützen Sachen und Sächelchen aus den Städten, ohne die wir kaum noch beſtehen können, waren ihm unbekannt. Wofür hätte er ſie auch kaufen ſollen, da er nicht mehr Lebensmittel zu erbauen pflegte, als er ſelbſt verzehrte. Seine Götter verehrte er eben— falls im Freien, in geweiheten Hainen unter heiligen Bäumen, ſeltener in kleinen aus Holz erbaneten Heiligthümern. Uebrigens war der damalige Deutſche bei aller Roheit gutmüthig, wahrhaft, treu, redlich und keuſch, und von tie— fem nachdenklichen Gemüth, ſo daß er mit treuem einfältigem Sinne das Evangelium tief ins Herz aufnahm, ſobald er ſich von deſſen Wahrheit und Heilſamkeit überzeugt hatte. So war das Land und Volk beſchaffen, wohin ſich Winfrid als Miſſionar ſenden ließ. Unbe⸗ kannt war nun das Chriſtenthum gar nicht mehr. Schon ſeit längeren Zeiten war es aus Italien und Frankreich allmählig über den Rhein und die Donau hereingedrungen. Durch die Be⸗ kanntſchaft damit hatten Viele ihren alten Götzen⸗ dienſt verachten lernen, ihm auch wohl öffentlich entſagt, zahlreiche Glaubensboten aus Irland und England hatten es faſt 200 Jahre hindurch Thüringen hinein gepflanzt. — —82— in Baiern, Schwaben und Franken bis nach' Aber rechten Be⸗ ſtand hatte es eigentlich noch nicht gewonnen; es fehlte noch zu ſehr an einem Zuſammenhange kirchlicher Einrichtungen. Das Evangelium konnte durch dieſe Ueberreſte aus dem alten Hei— denthum nicht kräftig durchwirken. Am beſten ſtand es noch am Rhein, wo die rheiniſchen Franken im heutigen Rheinpreußen ſchon 250 Jahre früher ſich bekehrt hatten. Sie waren damals das Hauptvolk und hatten nicht nur das von ihnen benannte Frankreich unterjocht, wo ſie die chriſtliche Kirche ſchon lange herrſchend vorgefunden, ſondern auch die meiſten übrigen deutſchen Völkerſchaften unter ihre Gewalt ge— bracht. Ihr Herzog Karl Martell ſah die Verbreitung des Chriſtenthums gern, weil er darin ein Mittel zur ordentlichen Einrichtung ſeines Reiches erkannte, wenn es ihm auch viel⸗ leicht nicht ſo ſehr um die Wahrheit und um das Heil der Seelen zu thun war. Am feſteſten hin⸗ gen an ihrem alten Heidenthume die Frieſen und Sachſen, welche ganz Norddeutſchland von den Niederlanden her bis an die Elbe inne hatten. Sie fürchteten nicht bloß die Sitte der Väter, ſondern auch ihre Freiheit vom Joche der Fran— ken mit der Bekehrung einzubüßen. Mehrere aus England gekommene Sendboten waren be⸗ reits von den Frieſen erſchlagen worden. Den— noch war es ihnen, beſonders zuletzt dem Wil— lebrord, gelungen, zahlreiche Chriſtengemein— den zu ſammeln. Allein eben als Winfrid an⸗ laugte, hatte der wilde König Radbod in ei— nem Kriege mit Karl Martell alle Kirchen zer— ſtört, die Gemeinden zerſtreuet, die Geiſtlichen verjagt. Vergebens begab er ſich zu ihm nach Utrecht und ſuchte ihn von ſeinem Unrecht zu überzeugen; vergebens ſuchte er von ihntenur die Erlaubniß zur neuen Verkündigung des Evangeliums zu erlangen. Unverrichteter Sache mußte er noch im nämlichen Jahre heimkehren. Das war im Jahre 716. ö Ein trauriger Anfang für ein ſo großes Un⸗ ternehmen! Wohl geeignet, das Feuer zu lö— ſchen und den Jugendmuth zu kühlen. Aber in Winfrids Herzen brannte nicht eigenes Feuer, ſondern der heilige Geiſt; daher hatte er die Ko- ſten richtig überſchlagen und ließ ſich durch dies erſte Mißlingen nicht abſchrecken. Auch daß die Mönche ſeines Kloſters in ihn drangen, ihr Abt zu werden, da der bisherige unterdeß geſtorben war, vermochte ihn nicht, ſeinem Berufe untreu zu werden. Er erlangte es endlich, daß er noch⸗ mals ausgeſandt wurde, und ſetzte im Herbſte des Jahres 718 abermals nach Deutſchland über, um Vaterland und Freundſchaft nie wie⸗ derzuſehen. Nach einer ſtürmiſchen Ueberfahrt zog er mit mit mehreren Gefährten den Rhein hinauf. Ein Brief von ſeinem Biſchofe Daniel an alle chriſtlichen Könige, Fürſten, Biſchöfe, Geiſtliche u. ſ. w. verſchaffte ihm allenthalben gute Aufnahme, denn er wollte nun zuerſt nach Rom. nnterwegs traten fie fleißig in die Kir⸗ chen ein, um den Höchſten anzurufen, daß er ihnen einen glücklichen Uebergang über die Al⸗ pen, ungefährdeten Durchzug durch das Gebiet zu legen; dann übernahm Willibrord als Biſchif! der Langobarden und Schutz vor der wilden Bosheit übermüthigerKriegsleute verleihen wollt. Wohlbehalten langte er noch vor Anbruch des Winters in Rom an, gab bei Papſt Gregor II. ſein Empfehlungsſchreiben ab und hatte faſt täg⸗ lich Unterredungen mit ihm. Dachte man auch damals noch nicht daran, den Papſt als einen Gott zu verehren, deſſen Entſcheidungen man als Glaubensſätze annehmen müſſe; ſo galt t. doch ſchon im ganzen Abendlande für das recht⸗ mäßige geiſtliche Oberhaupt der Chriſtenheit. Fiel es auch namentlich in Deutſchland Nieman⸗ dem ein, ihn um ſeine Befehle zu befragen, ſo ſtand doch ſein Name in großem Anſehen. Und nirgends wo anders fand man ja auch zu jent Zeit ſo viel Erfahrung und einen ſo weiten Üba blick über kirchliche Dinge, wie in Rom. Daher war für Winfrid, der von Anfang an nicht dit Predigt des Evangeliums in einzelnen Gegemz den, ſondern die Herſtellung eines feſten Kirchen“ weſens für ganz Deutſchland ins Auge gefaßt zu haben ſcheint, der Aufenthalt in Rom höchſt wichtig. Ermuthigt durch freundliche Aufnah⸗ nahme, belehrt durch gute Rathſchläge, begab er ſich endlich im Frühling des Jahres 719 auf, ſein Arbeitsfeld. Durch eine ſchriftliche Beſil, lung ſetzte ihn der Papſt förmlich zum Prrriger des Evangeliums unter den Heiden ein, mit det Anweiſung, den Gottesdienſt nach römiſchen Muſter einzurichten und in zweifelhaften Füällen ſich beim apoſtoliſchen Stuhle Raths zu erholen.! Er wandte ſich zuerſt durch Baiern nach Thüritk gen und ſuchte hier Fürſten und Volk und die ganz verſunkene Geiſtlichkeit zur Herſtellung des verwilderten Chriſtenthums zu vermögen. Eht er etwas ausrichten konnte, folgte er noch in! ſelben Jahre einem Rufe Willibrords, um bei dem eben erfolgten Tode Radbods ihm ſein zer⸗ ſtörtes Werk unter den Frieſen herſtellen zu helfen. Durch dreijahrige Bemühungen gelang es du beiden frommen Männern, einen neuen Grund von Utrecht allein die Weiterführung, Winſtid aber zog im Jahr 722 wieder ins innere Deutſch⸗ land. ö Auf der Reiſe dahin gab dieſer Mann einen Beweis, welche Macht des göttlichen Wortes in ihm war und mit welcher Gewalt er die Setlen! zu ſich zu ziehen wußte. Als er nämlich in ein Kloſter bei Trier eingekehrt war, mußte übtt Tiſche ein funfzehnjähriger Knabe Gregor aus der lateiniſchen Bibel vorleſen. Auf Winfrids Frage: Du kannſt ſchön leſen, mein Sohn, aber verſtehſt du auch, was du geleſen haſt? wollle das einfältige Bürſchchen den Abſchnitn neh ein⸗ mal leſen, ſo wenig begriff er, wo n ufrid ei⸗ gentlich wollte. Dieſer aber unterbrach ihn und ſprach: „So mein ich nicht, ich müchte gern wiſſen, ob du mir auch deutſch ſagen kannſt, was du geleſen haſt.“ Der Knabe geſtand, das er dies nicht könne, und nun überſetzte ihm Winftid die Stelle ins Deutſche und hielt darün ein eindringliche Anſprache an die Tiſchgeſellſhaf. Dieſe Reve machte auf das junge Gemüth einn ſo tiefen Elndruck, daß der Knabe der Aebtiſſn, ſeiner Muhme, ſogleich erklärte, er müſſe dieſen