# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1845 10 13_S13 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Der Lutheraner. „Gottes Wort und Luthers Lehr' vergehet nun und nimmermehr.“ Herausgegeben von C. F. W. Walther. Jahrgang 2. St. Louis, Mo., den 18. October 1845. No. 4. Bedingungen: Der Lutheraner erscheint alle zwei Wochen einmal für den Subscriptionspreis von Einem Dollar für die auswärtigen Unterschreiber, welche davon die Hälfte vorauszubezahlen und das Postgeld zu tragen haben. — In St. Louis wird jede einzelne Nummer für 5 Cents verkauft. (Eingesandt von Th. Brohm.) Die Concordienformel. Die Concordienformel, die letzte unter den symbolischen Schriften der luth. Kirche, ist, wie zu besorgen, manchem Leser dieser Blätter kaum dem Namen nach bekannt, manchem selbst verdächtig gemacht worden, als ein Buch eines todten, starren Buchstabendienstes oder als ein Buch, darin ein spitzfindiger Scholasticismus und liebloser, verdammungssüchtiger Geist herrsche. Denn unsere „evangelischgesinnten“ Gegner können es der Concordienformel noch bis diese Stunde nicht vergessen, daß sie der seit 300 Jahren von reformirter Seite betriebenen Union einen mächtigen Damm entgegengestellt hat, bis endlich in unserm unglückseligen Jahrhundert dieser Zaun um den Weinberg von den wilden Säuen umwühlt oder von den Füchsen ist übersprungen worden. Es ist in der That zu beklagen, daß dieses vortreffliche Buch so freventlich unter die Bank geworfen worden ist; wir müssen es wieder hervorholen, den Staub von den Deckeln abwischen und jedermann, Gelehrten und Ungelehrten, zurufen: leset, leset! Schreiber dieses erinnert sich noch mit freudiger Danksagung der Zeit, als ihm die gute Hand Gottes die Concordienformel in die Hand gab; seitdem ist sie ihm ein gar liebes Buch und eine reiche Fundgrube heilsamer Erkenntniß geworden. Es verlohnte sich allerdings der Mühe, den Lesern eine ausführliche Geschichte der Entstehung dieses Werkes zu liefern, es würde überaus lehrreich für unsere Zeit sein, die damaligen Streitigkeiten kennen zu lernen, die dieses Buch hervorgerufen haben. Doch da eine solche Darstellung, wenn sie nur einiger Maßen erschöpfend und fruchtbar sein soll, die Schranken dieser Blätter überschreiten würde, so wollen wir uns auf Hervorhebung einiger allgemeiner Gesichtspuncte beschränken, die zur rechten Würdigung der Concordienformel ins Auge zu fassen sind. 1. Concordie ist ein schöner Name und heißt Eintracht. Die Concordienformel hatte den Zweck, in der bald nach Luthers Tod durch viele Streitigkeiten und Irrlehren zerrütteten luth. Kirche wieder Eintracht hervorzubringen. Aber wie hat sie dies ins Werk gerichtet? Freilich auf ganz anderem Wege, als man es in unsern Tagen thut. Man ist durch die 300jährige Erfahrung noch nicht klug geworden zu erkennen, daß eine kirchliche Eintracht ohne Einigkeit der Lehre ein vergebliches Ding ist, eine lose Tünche ohne Halt. Der Grund, worauf man sich jetzt vereinigt, ist der grund- und bodenlose Indifferentismus, der die streitigen Puncte, obgleich Heil und Seligkeit von ihnen abhängt, als unwesentliche Nebenlehren auf sich beruhen läßt, oder der eine allgemeine Rechtgläubigkeit in Bausch und Bogen, oder eine bloß innerliche Sympathie der Herzen ohne ein äußerliches Zeichen der Einigkeit im Bekenntniß, mit einseitiger Hervorhebung des innerlichen geistlichen Lebens der Individuen zum Vereinigungspuncte macht. Die Einigkeit, die die Concordienformel bezweckt, ist ganz anderer Art; sie will nicht eine bloß äußerliche, auch nicht eine bloß innerliche, sondern eine auf einträchtiger Lehre des Glaubens beruhende Einigkeit stiften. Daher werden nicht die Streitpuncte verschwiegen und umgangen, vielmehr in ihren schärfsten Gegensätzen hingestellt, darauf der richterliche Ausspruch der heil. Schrift gehört, bei deren Entscheidung es sein Bewenden hat. Wer sich mit ihr diesem richterlichen Ausspruch der heil. Schrift demüthig unterwirft, dem bietet sie brüderlich die Hand; wer das nicht will, den betrachtet sie als einen, der das Band der brüderlichen Eintracht selbst zerrissen hat. Die Concordienformel kennt nicht nach eignem Vernunftdünken einen Unterschied zwischen wesentlichen und unwesentlichen Lehren; wo Gottes Wort klar redet, da wagt sie nicht zu sagen, dies ist wesentlich, jenes nicht. In Summa: sie macht nicht Friede mit Darangabe der Wahrheit, sie sucht aber die Quelle des Unfriedens durch Aufdecken und Ueberwinden des Irrthums mit der Wahrheit zu verstopfen; sie stellt Einigkeit des Glaubens über Einigkeit der Liebe, und bedingt die letztere durch die erstere. Ein wichtiger Fingerzeig für uns jetzt, wo Friede, Vereinigung, Union die Tagesordnung geworden ist und es einem Christen schwer wird, sich durch die mit Wahrheit und Irrthum so wundersam gemischten, mit dem blendendsten Schein der Geistlichkeit und Gottseligkeit ausstaffirten Raisonnements heraus zu finden. 2. Es ist eine grundfalsche Behauptung, daß die Concordienformel ein neues, von der Augsb. Confession abweichendes Bekenntniß auf die Bahn gebracht habe, wie die Reformirten nicht weniger, als die Papisten ihr vorgeworfen haben. Sie will durchaus nichts Neues und Eigenes aufrichten, sondern schließt sich wie an die öcumenischen Symbole der alten Kirche, so an die Augsb. Confession an; sie ist im Grunde nichts anders, als eine scharf markirte, treue Auslegung und Rettung einiger Artikel der Augsb. Confession gegen die Verfälscher derselben. Als unsre Väter die Augsb. Confession verfaßten, konnten sie natürlich nicht alle die groben und subtilen Entstellungen der Wahrheit voraussehen, die der Teufel in den folgenden Zeiten sich aussinnen würde; darum stellten sie die vornehmsten Artikel kurz und einfach zusammen. Wiewohl nun die Confession bei aller Einfachheit so bestimmt und umfassend ist, um den wahrheitsliebenden Christen nicht im Dunkeln zu lassen, so bohrte dennoch der Teufel ein Loch hindurch und es standen nach Luthers Tod Irrgeister auf, die alle in der Augsb. Confession einen Stützpunkt ihres Irrwahns zu finden vorgaben; selbst diejenigen, die im Herzen der calvinischen Irrlehre vom heil. Abendmahl zugethan waren, scheuten sich nicht, die Augsb. Confession zu unterschreiben und in Aemter der luth. Kirche zu treten, während sie die Lehre dieser Kirche, deren Brod sie aßen, durch heimliche Künste zu unterminiren suchten. Diesen stellt die Concordienformel eine treue Auslegung der angefochtenen Artikel der Confession entgegen und zwar mit solcher Präcision und Genauigkeit, daß sie den Unredlichen keinen Schlupfwinkel übrig läßt. Sie treibt die Gegner so ein, daß sie entweder bekennen müssen: nein, solche Lutheraner wollen wir nicht sein; oder sie müssen sich unter die Wahrheit gefangen geben und bekennen, daß sie geschwärmt haben. Um dieser Schärfe und Bestimmtheit willen ist sie auch allen, die gern im Dunkeln ihr Werk treiben und trotz ihrer innerlichen Abneigung gegen die lutherische Lehre ihr Bürgerrecht in der lutherischen Kirche nicht verlieren wollen, bis diese Stunde ein Dorn im Auge. Dagegen sammeln sich noch heute alle rechtschaffnen Lutheraner, die das Licht nicht scheuen, gern um dieses Panier und Feldzeichen, und unterscheiden sich damit von allen Afterlutheranern, sie heißen wie sie wollen. 3. So aufrichtig sich die Concordienformel an die öcumenischen Symbole und die Augsb. Confession anschließt, so macht sie dennoch nicht