# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1851 12 22_S74 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) geſunden kirchgerechten Schrifterkenntniß bega— bet und ausgerüſtet waren. Nur alſo kann es geſchehen, daß ſie im kirch— lichen Handeln der Lehre und Wehre ſich nicht zerſtreuen und vereinzeln und nicht in die große Gefahr gerathen, indem ſie, jeder auf ſeine eigene Weiſe, Alles von Neuem aus der heil. Schrift begründen wollen, je nach perſönlichen und tigenthümlichen Lieblingsgedanken, dieſe im Worte Gottes zu ſuchen und zu finden meinen und demgemäß ſo oder anders in ſchwarmeriſche Schriftauslegung gerathen, ſei es nach dieſen und jenen von unſern Lehrvätern bereits über⸗ wundenen papiſtiſchen Irrthümern hin oder den⸗ ſelben abgekehrt, nach der entgegengeſetzten Seite hin, dieweil die reine Lehre überall ein ſchmaler Weg iſt, zwiſchen zwei Abgründen hin. Denn ſo ſchätzbar und wichtig manche Lei⸗ fungen der neu erwachten gläubigen Theologie unſerer Zeit auf proteſtantiſchem Gebiete auch ſein nögen, ſo iſt doch ſehr fraglich, ob ſelbſt alle auf lutheriſchem Boden gewachſenen Erzeugniſſe derſelben, recht aus dem Lebensgrunde derſelben und aus gründlicher Erkenntniß des Zuſam⸗ menhangs der lutheriſchen Kirchenlehre, aus den wichtigſten Lehrvätern geſchöpft, hervorge— gangen und nicht mit dieſen und jenen krank⸗ haften Auswüchſen eigenthümlicher Lieblings⸗— gedanken und Privatmeinungen ihrer Verfaſſer behaftet ſeien, die der Kirchenlehre der Reforma— tion nicht gemäß ſind und die Probe unſres Be⸗ kenntniſſes in unſern ſymboliſchen Büchern nicht beſtehen? — Ach! wir Alle, die wir wirklich treue und ehr— liche Lutheraner d. i. Bekenner der rechtgläubigen Kirche ſein wollen, wir mögen nun Hirten und Lehrer ſein oder nicht, — wir alle wollen es roch nicht vergeſſen, daß wir kein Geſchlecht ſind, wie das, welches aus dem Schooße der lutheri⸗ ſchen Reformation hervorging, auferzogen in den Worten des Glaubens und der heilſamen Lehre, getragen vom Grunde der Kirche, beſeelt und durchdrungen vom Bekenntniß der Kirche, alle ſich fühlend als Glieder der Kirche und im Zengen und Lehren ihrer Diener die Stimme der Kirche, als ihrer geiſtlichen Mutter, mit Freu— den vernehmend. Vielmehr gleichen wir den Kindern Israel, die aus dem Babel der entweder ſtaatlich zu Recht beſtehenden Union oder doch des unirt⸗pietiſtiſchen Geiſtes den Heimweg an⸗ treten nach Jeruſalem. Da wird es denn ſchwerlich auch den begabte— ſten lutheriſchen Lehrern und Zeugen in unſerm ſchwächlichen und kränklichen Kirchenthum etwas ſchaden, wenn ſie, ehe ſie zu voreilig Eigenes und Neues liefern, ſich erſt wieder recht herzlich und warm befreunden mit unſern rechtgläubigen und erkenntnißreichen Lehrvätern und nicht blos ihren Perſonen den gebührenden Reſpekt be⸗ weiſen, ſondern auch den Schatz ihrer Erkennt- niß ſowohl überhaupt, als auch für die kirchlich geſunde Bekämpfung des neu erſtarkenden Papſt⸗ thums ſich lebendig aneignen und gern erſt gründ⸗ lich zu deren Füßen ſitzen und lernen, ehe denn ſie Andere zu lehren vornehmen. Ja! fürwahr uns Lutheranern allen, je nach —71— Beruf, Gabe und Bildung, vorzüglich aber uns Predigern, wird es hochwichtig und heilſam ſein, unſere Nahrung nicht vorzugsweiſe oder gar ausſchließlich in manchen oft ſo vergänglichen Eintagsfliegen und Eigengeſpinnſten neuerer Lehrbücher und Büchlein zu ſuchen, ſondern uns zu. der kernhaften und markvollen Speiſe zurück— zuwenden, die wir beſonders in Luthers Schrif— ten und in den rechtgläubigen Lehrvätern des ſechszehnten und ſiebenzehnten Jahrhunderts zu nachhaltiger Sättigung und zugleich lebendiger Anregung ſo reichlich bereitet finden. Zu ihnen, als unſern Vätern im Glauben, wollen wir auf⸗ ſchauen und aus ihrem Munde lernen, die uns das Wort Gottes geſagt haben; ihnen, den Hel- den des HErrn, den guten Streitern Jeſu Chriſti, die mit dem Geiſte ſeines Mundes, dem lebendi⸗ gen und kräftigen Worte Gottes das Papſtthum, wie den Schwarmgeiſt, in der Wurzel angegriffen und daniedergelegt haben — ihnen dieſen unſern Vorkämpfern, wollen wir, getroſten Muthes, nach— kämpfen; an ihnen, die da Säulen ſind im Hauſe Gottes, durch deren Mund auch damals die Kirche des HErrn ſich erzeiget hat als Pfeilerund Grund— veſte der Waͤhrheit — an ihnen wollen wir feſt— halten und erſtarken; denn ſie ſind uns zugleich nächſt den heil. Apoſteln, die herrlichſten Vorbil— der in Glaubenskraft und Glaubensmuth; in tiefer und gründlicher Erkenntniß des göttlichen Wortes; in kirchlicher Durchdrungenheit von deſſen reiner und heilſamer Lehre; im brünſti— gen Eifer, dieſelbe wider Teufel, Welt und Fleiſch zu bekennen und zu vertheidigen; in dem Leben in Gottes Wort und desſelben in ihnen; in der ſelbſtoerleugnenden Liebe zu Chriſto und ſeiner Lirche; in der heil. Salbung ihres Betens und Flehens, darin ſie die Kirche Gottes ſtets auf ihrem Herzen trugen; in tief-innerlicher Erfah⸗ rung des rechtfertigenden Glaubens, durch mäch⸗ tige Feindſchaft von Außen und hohe geiſtliche An⸗ fechtung von Innen; in einem Reichthum gottſe— liger Selbſt- und Weltbetrachtung in ſo einfältig— erbaulicher Sprache; in einer Fülle geheiligter Amtsweisheit und Rathes zur evangeliſch-ge— ſunden Regierung der Gemeinden und Behand— lung einzelner Seelen, je nach ihrer beſonderen Nothdurft. — Wo fänden wir doch dieſen Reichthum in all den gläubigen Lehr-, Predigt-, Gebets⸗ und Er⸗ bauungsbüchern, welche die neuere Zeit geliefert, deren verſtändigſte Söhne ja gerade das Alte und Bewährte aus der reichen Schatzkammer der lutheriſchen Kirche wieder hervorgeholt und durch erneuerten Abdruck ſo manches edle Kleinod zum allgemeinen Gebrauch und Genuſſe wieder dar— geboten haben? Gewiſſe Namenlutheraner freilich, als z. B. die bisherigen Stimmführer der ſogen. luther. General-Synode, verachten dieſen Schatz, ob⸗ ſchon ſie ihn nicht kennen. Und indeß ſie z. B. das luther. ſchriftgetreue Lehrkleinod von den heiligen Sakramenten mit Füßen treten und ſich doch ihre Weisheit nur aus ſolchen reformirten Beſtreitern desſelben geholt haben, die Luther ſchon vor mehr als 300 Jahren ſiegreich danie⸗ dergekämpft hat, ſchwatzen und gaukeln ſie doch unaufhörlich ſich und Anderen „Fortſchritte uno Entwicklung“ vor, ohne eigentlich zu wiſſen, was ſie ſagen und ſetzen. Wollte Gott, alle Lutheraner gewönnen in die⸗ ſem unſerm krankhaften, pietiſtiſchen und unioni⸗ ſtiſchen Zeitalter erſt den geſunden ſchriftgemäßen und bekenntnißtreuen Standpunkt der lutheri⸗ ſchen Reformation wieder, und von dieſem aus ein neues Regen und Bewegen in allen Richtungen — das wäre ſicher⸗ lich der wahre Fortſchritt und die rechte Ent⸗ wickelung. Dann würden auch gewiß in Lehre und Leben, Kirche und Staat, Kunſt und Wiſ⸗ ſenſchaft wieder geſunde, bibelfeſte, rech tgläu⸗ bige und rechtgläubige, erkenntniß und er— fahrungsreiche, geſalbte, lehr- und wehrhafte, in der Liebe thatkräftige, im Kreuze geduldige, in der Hoffnung fröhliche Söhne der Kirche heran⸗ wachſen, an denen dieſe, als ihre geiſtliche Mut⸗ ter auf Erden, ſo wie Gott, der HErr, als ihr Vater im Himmel ihr herzliches Wohlgefallen hätten. Dazu helfe der gnädige und barmherzige Gott. Amen! Wie Luther den nicht für einen Gläubi⸗ gen hält, welcher ſeinen Glauben nicht mit der That beweiſ't. Wir ſehen an dem Exempel des reichen Man⸗ nes, daß es unmöglich iſt, zu lieben, wo der Glaube nicht iſt, und unmöglich, zu glauben, wo die Liebe nicht iſt. Denn es will und muß beides bei einander ſein, daß ein Gläubiger Jedermann liebt und Jeder⸗ mann dient; ein Ungläubiger aber iſt Jeder— mann im Herzen feind, und er will von Jeder⸗ mann ſich dienen laſſen, und alle dieſe arge, verkehrte Sünde bedeckt er mit einem geringen Schein ſeiner heuchleriſchen Werke, mit dem Schaafspelze, wie der große Vogel Strauß, der ſo thöricht iſt, daß, wenn er den Hals mit ei⸗ nem Reiſe bedeckt, er meint, daß ſein ganzer Leib bedeckt ſei. Paulus heißt diejenigen, welche in der Sün⸗ de beharren, Kinder des Unglaubens; womit er ſagen will, ſie ſind vom Glauben getreten und abgefallen, damit wir hieraus ſehen, wer den Glauben mit der That nicht be⸗ weiſt, der gilt eben ſo viel, als ein Heide, nämlich, ein abgefallener Chriſt und ein Abtrüͤnniger vom Glauben; darum kommt auch der Zorn Gottes hier zeitlich über ſie, gleichwie uns Deutſchen jetzt auch geſchieht, daß wir theure Zeit, Peſtilenz, Krieg und Blut⸗ vergießens genug haben müſſen. Dieſe un⸗ nützen Schwätzer und vergeblichen Lehrer mögen wohl zuſehen, daß ſie nicht auch zu denen ge⸗ rechnet werden, die da faul und laß ſind; denn ob ſie wohl nicht ſo blind, als die Heiden ſind, ſondern wohl wiſſen, daß Unkeuſchheit und Geiz Sünde iſt, ſo gehen ſie gleichwohl hin, und hal⸗ ten ſolches nicht, und verlaſſen ſich auf den Glauben, der ſie ohne Werke