# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1851 12 22_S73 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) — angezogenen 62. Theſe, und fruchtbare Keime für die Reinigung der Lehre und Kirche enthal⸗ ten; und gerade dieſe beſondere Miſchung ſeiner Sätze war ſicherlich die Urſache, daß ſie, als wären die Engel Botenläufer geweſen, in vier⸗ zehn Tagen in ganz Deutſchland, in vier bis ſechs Wochen in ganz Europa bekannt wurden, und Für oder Wider eine mächtige Bewegung hervorbrachten; denn ſchwerlich wären damals die Gemüther ſchon für eine Schrift bereitet und empfänglich geweſen, wie er ſie drei Jahre ſpä⸗ ter in dem Büchlein: von der babyloniſchen Ge⸗ fängniß der Kirche lieferte, darin er ganz offen und unumwunden die ſchriftwidrige Anmaßung und Tyrannei des Papſtthums mit Gottes Wort angreift und zu Boden ſtürzt. Es iſt nun nicht unſers Vorhabens, auf dies⸗ mal nach beiden Seiten die Aufuahme und Wir⸗ kung dieſer 95 Sätze Luthers geſchichtlich ge— nauer nachzuweiſen. Nur ſo viel ſei hier be⸗ merkt, daß dieſe Wirkung eine zwiefache und entgegengeſetzte war, ſonderlich unter den Gelehr⸗ ten, Prieſtern und Mönchen. Diejenigen näm⸗ lich, die ein herzliches Verlangen nach der we— ſentlichen, Herz und Kopf zugleich befriedigen⸗ den göttlichen Wahrheit trugen, wurden von dem in dieſen 95 Sätzen durchſcheinenden Evan⸗ gelium lieblich angeſtrahlt und erleuchtet, alſo daß ein neues Regen und Bewegen in ihre Seele kam; die blinden Anhänger und Verehrer des Papſtthums dagegen, ſei es aus ehrlicher Ergebenheit oder um des Bauchs und der Gunſt willen, nahmen aus Luthers Theſen den erſten gar nicht gegebenen Anſtoß und AÄrgerniß, als trete er feindſelig und vermeſſen wider den Papſt auf, und griffen ihn mehrfach mit zornigen und giftigen Schriften an. Aber gerade dadurch geſchah es unter Gottes gnädiger Leitung, daß Luther immer tiefer in das Wort Gottes getrieben und durch den h. Geiſt daraus erleuchtet ward, das antichriſtiſche Un⸗ geheuer des Papſtthums und deſſen unermeßliche Verderbung der Kirche nach Lehre und Leben immer gründlicher zu erkennen und immer kräf⸗ tiger dawider zu zeugen, dafür ihm denn der HErr von Innen einen unerſchrockenen Glau⸗ bensmuth ſchenkte und im Laufe der nächſten Jahre von Außen dieſe und jene durch ihn an⸗ geregte Mitzeugen und evangeliſche Bekenner hinzugeſellte. Weder Luther aber, noch ſeine ſpäteren Mit⸗ ſtreiter *) — ein Melanchthon, Joh. Brentz, Bugenhagen, und Andere, hatten es je in den Sinn genommen, die verderbte Lehre der Kirche von Grund aus zu reinigen und die Kirche zu reformiren, obwohl Gott ſolch großes Ding ohne ihr Wollen und Vornehmen den noch durch ihren *) Daß darunter kein Zwingli, Calvin u. A. mitbegriffen ſei, verſteht ſich von ſelbſt, theils weil die ſe in den papiſti⸗ ſchen entgegengeſetzte Irthümer hineingeriethen, theils weil ſie überhaupt in ihrem Zeugniß nicht, wie Luther und ſeine Freunde, von der unter dem Papſithum immer noch verbor⸗ genen wahren Kirche Chriſti ausgingen und unter der Spreu der papiſtiſchen Irrlehren nicht die Samenkörner der evan- geliſchen Wahrheit, ja die Summa des uralten und immer neuen, weſentlich ſich ſtets gleich bleibenden Bekenntniſſes der Kirche feſthielten. 70— Dienſt hinausführte. Vielmehr ſtand ihr Zeu— gen und Kämpfen auf folgenden Gründen und Urſachen: Zum Erſten nämlich ward es erfordert von Gottes Ehre, daß die Reinheit und Wahrheit ſeines evangeliſchen Worts von Allen erkannt werde, wie es hineinſcheine, durchleuchte und daniederwerfe, als die Sonne des Geiſtes, alle papiſtiſche Finſterniß und Nebel, die bis daher die Chriſtenheit umfangen und gefangen hatten und damit überhaupt die in ſich ſelbſt helle und. klare und durch ſich ſelbſt zu erklärende heilige Schrift als alleiniger Grund und Quell der Kirchenlehre, als der eigentliche und weſentliche Richter aller Glaubens- und Lehrſtreitigkeiten, als die einige Regel und Richtſchnur auch alles gottgefälligen Handelns und Lebens der Chri⸗ ſten, ohne gleichberechtigtes Zuthun von ſogen. apoſtoliſchen Überlieferungen, Menſchenlehren und Menſchengeboten wieder allgemein aner⸗ kannt werde. Zum Andern ward ihr Zeugniß gefordert von ihrem durch das Evangelium und den Glauben gereinigten Gewiſſen, das unmöglich ſchweigen konnte und ſie innerlich richten und verurtheilen mußte, wenn ſie die eben neu aus Gottes Wort gewonnene Erkenntniß dieſer und jener evan⸗ geliſchen Wahrheit und zugleich dieſes und jenes papiſtiſchen Irrthums aus Menſchenfurcht und Bauchſorge unterdrückt und durch ſolches feige Schweigen die frechen Behauptungen der Ver— theidiger des Papſtthums beſtätigt und darin zu⸗ gleich ihre eigene Seele verderbet hätten. Zum Dritten ward es gleicher Weiſe gefordert durch die Liebe des Nächſten und das Heil der Brüder, um dieſen das durch ſonderliche Er— leuchtung des heiligen Geiſtes aus ſeinem Wort gewonnene Licht der Wahrheit zur Seligkeit nicht vorzuenthalten, ſondern ſie dadurch aus den Ketten und Banden der papiſtiſchen Irrthü— mer zu befreien und vornämlich durch die evan⸗ geliſche Lehre von dem allgenugſamen und allein⸗ und vollgültigen Verdienſte Chriſti zur Rechtfer⸗ tigung des Sünders vor Gott, der es im Glau⸗ ben ergreife und ſich zueigne, ohne Zuthun der Werke, ihnen zur tröſtlichen und beſeligenden Ge⸗ wißheit der Vergebung der Sünden und des ewigen Lebens zu verhelfen. Zum Vierten endlich ward das Zeugniß Lu⸗ thers und ſeiner Mitzeugen und Mitſtreiter wi⸗ der die Verderbniſſe des Papſtthums dadurch nothwendig, um darin zugleich doch ihre Glau— bens- und Lehreinigkeit mit der Einen heiligen chriſtlichen, katholiſch-apoſtoliſchen Kirche von Anfang zu bezeugen, die ja hin und her in die⸗ ſen und jenen rechtſchaffenen Chriſten und wah⸗ ren Kindern Gottes auch unter dem Papſtthum verborgen war und die auch die Stimme Chriſti, als ihres Bräutig ams, in dem evangeliſchen Zeugniß Luthers und ſeiner Freunde gar bald erkannte. Denn nicht ein Neues, dem Worte und der Kirche des HErrn Fremdes wollten dieſe ja aufbringen, wie eben das leidige Papſtthum gethan und wie die Schwärmer aller Zeiten und Völker mit ihren ſonderlichen Menſchenfündlein gleichfalls thun, ſondern den uralten und doch zugleich ewig neuen Glauben, Bekenntniß und ö Lehre der Kirche Gottes, auf Grund ſeines Wor⸗ tes, wollten ſie nur von dem darauf gehäuften Schmutz und Unrath der älteren pelagianiſchen ö Irrlehren und der neueren papiſtiſchen Men⸗ ſchenſatzungen reinigen; die heilige ſich allezeit ſelbſt gleiche und weſentlich unveränderliche Wahrheit dieſes Bekenntniſſes der Kirche Chriſti wollten ſie aus dem Schutte alter und neuer Irrthümer wieder an das Licht bringen, die heilige Schönheit dieſes Glaubens der Kirche des HErrn von der entſtellenden Mißgeſtalt und Verzerrung des häßlichen Papſtthums befreien und den Augen Aller, die da ſehen wollten, von Neuem vormalen. Dies waren die vornehmſten Gründe ihres Zeugniſſes wider das Verderbniß des Papismus; und da derſelbe mit ſeinen „kräftigen Irrthü— mern“ unter Gottes Verhängung und durch des Satans Wirkung, allem Anſehen nach heut' zu Tage wieder neue Macht und Stärke gewinnt, bald auf grobe augenfällige Weiſe, wie in dem eifrigen Lehren und Wirken der Jeſuiten, bald auf verkapptere Weiſe, wie in dem Puſeyismus und deſſen Wirkungen in England, bald auf faſt unmerkliche und geheimere Weiſe hie und da in⸗ nerhalb der lutheriſchen Kirche ſelbſt, ſo möchte es wohl an der Zeit ſein, daß die geſunden Söhne der lutheriſchen d. i. rechtgläubigen Kir⸗ che ihren Vätern nacharteten und von denſelben Gründen aus das weſentliche gleiche Zeugniß wi⸗ der das weſentlich gleiche Papſtthum alter und neuer Zeit erhüben; denn z. B. mit dem leichfer⸗ tigen, weibiſchen, partheiſüchtigen Schwatzen, Schelten und Schmähen der reformirt- methodi⸗ ſtiſchen ſogen. luth. General-Synode in ihrem Lutheran Observer, dieſem Wiederhall reformir⸗ ter Schreiblätter wider das Papſtthum, möchte dieſem etwa eine eben ſo tödtliche Wunde ge— ſchlagen werden, als einem Bären, den ein Knabe mit einem Strohhalm ſticht. Zu ſolchem geſund⸗lutheriſchen d. i. kirchlichen Zeugen wider das antichriſtiſche und antikirchliche alte und neue Papſtthum gehört aber vornämlich, daß die mannhaften und wehrhaftigen Söhne der Kirche ſich erſt zu den Füßen ihrer Väter und vornämlich des großen Vorkämpfers und treuen Zeugen, Dr. Martin Luthers, und ſeines eben⸗ bürtigen Sohnes und Bekämpfers des Papſt⸗ thums, eines Martin Chemnitz *), niederſetzen und von ihnen erſt lernen, wie ſie das Schwert des Geiſtes, d. i. das Wort Gottes wider die Lügen und Irrthümer des Papſtthums geſchwun⸗ gen und demſelben wirklich eine tödtliche Wunde geſchlagen haben. Denn nur alſo kann es geſchehen, daß ſie im geſchichtlichen Zuſammenhang ſich würdig an⸗ reihen, als die treuen Zeugen der Gegenwart, an die großen Vorkämpfer und Bahnbrecher der Vergangenheit, die doch unleugbar zu ſolch' großem und edlem Kampfe und Siege vom heil. Geiſte mit herrlichen Gaben und vornämlich der *) In ſeinem examen Coneilii tridentini d. i. Prüfung der Beſchlüſſe des Tridentiniſcheu Concils, darin die papiſti⸗ ſchen Irrlehren wider die evangtliſche Wahrheit kirchlich feſl⸗ geſtellt und beſtätigt wurden.