# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1851 12 22_S72 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) — ————— —— — ̃ — — — — boren war.“ Alſo, daß er ein wahrer Menſch geweſen, der allerlei Mittel zur Erhaltung die— ſes Lebens gebraucht hat, wie ein andrer Menſch; allein, daß er ohne Sünde war. Denn die Per⸗ ſon iſt zugleich wahrer GOtt und Menſch. Das Wunſer Chriſtlicher Glaube, höchſter Troſt und Schatz. Und wir ſahen ſeine Herrlichkeit. „Siche, wie gewaltig er dieſen Artikel uns vormalet und einbildet. Wir haben, ſpricht er, nicht allein geſehen, daß er ein wahrer Menſch it, der unter uns gewohnet hat; ſondern wir haben auch gewiß gemerket, daß er wahrer GOtt iſ; denn er hat Tedten auferweckt, Ausſätzige kein gemacht, ſchlecht mit einem Worte. Daß alſo ſeine Thaten göttlich waren, und ſeine Herr⸗ lichkeit, die er erzeigete durch ſolche Wunder— werke, eine Herrlichteit war des eingebornen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahr⸗ heit. Das iſt nun die Frucht, die wir Gläubigen davon haben, daß der Sohn Gottes iſt Menſch worden. Er iſt nicht ein Sünder, wie wir, ſo in Sünden empfangen, geboren, und Kinder des Zorns von Natur ſind: derohalben lauter lügen und Falſchheit in uns iſt. Dies konnte aber in Chriſto nicht geſchehen, daß er eine einige Sünde hätte gehabt; denn er war; der einge⸗ borne Sohn GOttes, ganz rein, unſchuldig, hei⸗ lg. Und ob er wol menſchliche Geſtalt ange⸗ nommen, iſt er doch im ſelbigen Augenblick rein geweſen, durch den Heiligen Geiſt von der Jung⸗ frau empfangen. Das meinet der heilige Evan⸗ geliſt, da er ſaget: „Voller Guade und Wahr— beir“ Und hernach v. 16: „Wir alle haben von ſeiner Fülle genommen.“ Das iſt: Die Gnade und Wahrheit gehet ſo über in ſeiner Perſon, daß alle Gläubigen ſeiner Gnade und Wahrheit genießen und theilhaftig werden. Darum laſſet uns wohl zuſehen, daß wir beide, den Kern und Hülſen, das iſt, ſeine Gottheit und Menſchheit, behalten. Denn, iſt er allein ein pur lautrer Menſch, ſo ſind wir der Oſtern und Pfingſten nichts gebeſſert, das iſt, er hat uns durch ſeine Auferſtehung nicht gerecht und ſelig gemacht, noch den Heiligen Geiſt geſandt, der die Herzen rein macht, daß ſie auch gnaden— reich und wahrhaftig werden. Darum müſſen wir das Feſt der Geburt Chriſti zum Grunde legen, daß wir recht erkennen, was für eine Perſon IEſus Chriſtus ſei, nämlich daß er das iſt, ſo im Anfang war, durch welches alle Dinge gemacht ſind, und bald Adam verheißen, daß des Weibes Samen der Schlangen den Kopf zu⸗ treten ſollte; darum hat er zeitlich müſſen gebo⸗ ren werden von einem Weibesbild, aus dem Stamm und Geblüt Adä, Abrahä und Davids. Es ſind zwar drei Perſonen des ewigen gött⸗ lichen Weſens; allein aber die mittlere Perſou, der Sohn, iſt ein Menſch worden. Gläuveſtodu nun das, ſo wirſt du verſtehen, was für eine Perſon am Charfreitage ſei am Kreuz gehangen, rie um unſerer Sünde willen in Tod dahin ge⸗ geben, und um unſrer Gerechtigkeit willen wieder auferweckt worden, die in der Taufe und Sacra⸗ mente uns ſelig mache. —25 — 69— Zeugniſſe römiſch⸗katholiſcher Schriftſteller von dem durch das Papſtthum verderbten Zuſtande der Kirche vor dem. Anbruch der geſegneten Reformation, ſammt dem Gedächtniß dieſes Anbruchs. ö (Schluß.) Von dieſer Zeit an wurde nun dieſe reine am Lichte des Evangelii entzündete Lehre von der Rechtfertigung des Sünders vor Gott — gegen⸗ über den verdienſtlichen Geſetzeswerken des Papſt⸗ thums — die innerliche Leuchte, durch welche Lu⸗ ther aus Gottes Wort durch die Gnade des heil. Geiſtes auch immer mehr über den Zuſammen⸗ hang der chriſtlichen Lehre erleuchtet wurde. Und da ſolches zugleich kein äußerlich aner— lernter Schulglaube, ſondern lebendiger, inner⸗ lich erfahrener Herzensglaube in ihm war, ſo ging auch bei ihm in Erfüllung, was David Pſ. 116 zeuget: „Ich glaube, darum rede ich;“ denn in Predigten, Briefen und gelehrten Dis⸗ putationen konnte er dieſe erleuchtende und be⸗ ſeligende Wahrheit, dieſe große That Gottes des heil. Geiſtes nicht verſchweigen, ſondern mußte ſie fort und fort, unmittelbar und mittelbar mit freudigem Muthe bekennen. Da geſchah es nun, daß ihm das Papſtihum in ſeinem ſchändlichen Ablaßkram in den Weg kam. In der Nähe von Wittenberg ſtellte ſich der Dominikaner Mönch Johann Tetzel als Ab— laßhändler des Papſtes ein, der in frechen und gottloſen Reden über die Herrlichkeit des päpſti⸗ ſchen Ablaſſes und an marktſchreieriſcher Unver— ſchämtheit Alles hinter ſich ließ, was man bis daher darüber gehört batte. So z. B. behaup⸗ tete er folgende gräuliche Artikel: „Er hätte ſolche Gnade und Gewalt vom Papſte, wenn einer gleich die heilige Jungfrau Maria, Gottes Mutter, hätte geſchwächt, ſo könnte er's vergeben, wenn derſelbe in den Ka— ſten legte, was ſich gebührt. Item, das rothe Ablaßkreuz mit des Papſtes Wappen, in den Kirchen aufgerichtet, wäre eben ſo kräftig, als das Kreuz Chriſti. Item, wenn St. Peter jetzt hier wäre, hätte er nicht größere Gnade noch Gewalt, denn er hätte. Item, er wollte im Himmel mit St. Peter nicht beuten (theilen); denn er hätte mit Ablaß mehr Seelen erlöſt, als St. Peter mit ſeinem Predigen. ö Item, wenn Einer Geld in den Kaſten legt für eine Seele im Fegfeuer, ſobald der Pfennig auf den Boden fiele und klinge, ſo führe die Seele heraus gen Himmel. + H½ . Item, die Ablaßgnade wäre eben die Gnade, dadurch der Menſch mit Gott verſöhnet würde. Item, es wäre nicht Noth, Reu noch Leid oder Buße für die Sünde zu haben, wenn Einer den Ablaß oder die Ablaßbriefe löſte.“ Da trug es ſich nun zu, daß Etliche von Luthers Beichtkindern mit den gelöſten Ablaß⸗ zetteln zu Luthern kamen und vermeſſene Reden führten, daß ſie von Ehebruch, Hurerei, Wuche⸗ rei ꝛc. nicht ablaſſen wollten. Er redete daher im Beichtſtuhl und auf der Kanzel zuerſt nur wider den Mißbrauch des Ablaſſes; und da die⸗ ſes wenig fruchtete, ſo ließ er getroſten Muths zur Steuer der Wahrheit am 31. October 1517 an die Thüre der Schloßkirche zu Wittenberg 95 Theſes (Sätze) wider den Mißbrauch des Ablaſſes anſchlagen, deren wichtigſte alſo lauten: 1. „Da unſer HErr und. Meiſter Jeſus Chri⸗ ſtus ſpricht: Thut Buße ꝛc. wollte er, daß das ganze Leben ſeiner Gläubigen auf Erden eine ſtete Buße ſei.“ 5. Der Papſt will noch kann nicht andre Strafen erlaſſen außer die, welche er ſeines Ge⸗ fallens oder laut der Kanones (päpſtl. Satzun⸗ gen) auferlegt hat. 32. Die werden ſammt ihren Meiſtern zum Teufel fahren, die da vermeinen, durch Ablaß⸗ briefe ihrer Seligkeit gewiß zu ſein. 33. Für denen ſoll man ſich ſehr wohl hüten und fürſehen, die da ſagen, des Papſtes Ablaß ſei die höchſte und wertheſte Gnade Gottes und Ge⸗ ſchenk, dadurch der Menſch mit Gott verſöhnt wird. 41. Fürſichtiglich ſoll man von dem päpſtlichen Ablaß predigen, daß der gemeine Mann nicht fälſchlich dafür halte, daß er den andern Werken der Liebe werde fürgezogen und beſſer geachtet. 47. Man ſoll die Chriſten lehren, daß das Ablaßlöſen ein frei Ding ſei und nicht geboten. 62. Dererechte wahre Schatz der Kirche iſt das heilige Evangelium der Herrlichkeit und Gnade Gottes. 71. Wer wider die Wahrheit des päpſtlichen Ablaſſes redet, der ſei verflucht und vermaledeiet. 76. Dagegen ſagen wir, daß des Papſtes Ablaß nicht die allergeringſte tägliche Sünde hinwegnehmen könne, ſo viel die Schuld derſel⸗ ben belanget. 94. Man ſoll die Chriſten ermahnen, daß ſie ihrem Haupte Chriſto durch Kreuz, Tod und Hölle nachzufolgen ſich befleißigen. 95. Und alſo mehr durch viel Trübſal ins Himmelreich eingehen, denn daß fie durch Ver— tröſtung des Friedens ſicher werden. Am Schluſſe fügt Luther hinzu: „Ich biite noch um Chriſti willen alle und jeden, ſie ſol⸗ len mir entweder einen beſſern Weg zeigen, wenn Jemand derſelbe von Oben wäre offenba⸗ ret worden, wenigſtens ihre Meinung dem gött⸗ lichen und der Kirche Ausſpruch Unterwerfen. Denn ſo verwegen bin ich nicht, daß ich meine Meinung der Meinung aller Andern durchaus vorgezogen haben wollte; doch bin ich auch nicht ſo unverſtändig, daß ich das göttliche Wort den Fabeln, welche die wienſchliche Vernunft erſon⸗ nen, nachfolgen ließe.“ Wiewohl nun Luther, nur von ſeinem Ge⸗ wiſſen gedrungen, in dieſen Theſen wider den Mißbrauch des Ablaſſes Zeuguiß erhob, auch noch nicht über das Weſen desſelben und ver⸗ wandte Lehrſtücke der herrſchenden Kirchenlehre aus dem Evangelio völlig im Klaren war — ja wiewohl er noch gar nicht die Oberkeit des Pap⸗ ſtes, nach göttlichem Rechte, in ihnen anzwei⸗ felte: ſo waren doch darin zugleich tiefe Blicke evangeliſcher Wahrheit, wie z. B. in der oben