# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1851 12 08_S63 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) und Pfarrherrn zu ihrer geiſtlichen Nutznießung habe, ja daß am Ende das Evangelium und die heiligen Sacramente nur dann ihre geiſtlich ſeg⸗ nende und belebende Kraft äußerten, wenn ſie durch die ordinirten Prieſter gehandelt würden. Denn zwiſchen dieſem Wahne und der einfälti⸗ gen evangeliſchen Wahrheit von der von dem HErrn Chriſto der Kirche, nicht aber dem ſoge— nannten geiſtlichen Stande, mitgetheilten Schlüſ— ſelgewalt, wie dieſe Wahrheit durchweg auf Grund der Schrift von unſern kirchlichen Sym-— bolen einmüthig bezeugt wird — zwiſchen jenem Wahn und dieſer Wahrheit giebt es, wie geſagt, keinen mittleren Standpunkt, der durch die An⸗ griffe ſcharfſinniger Papiſten ſich nicht als un⸗ haltbar erwieſe. Wer dieſe Wahrheit aber, die wieder auf der evangeliſchen Erkenntniß des Weſens der Kirche ruht, nur loſe erfaßt hat oder gar fahren läßt, und ſich in ſeiner Abirrung nicht wieder beſinnt, zum rechten evangeliſchen Grundbegriffe vom Weſen der Kirche nicht wieder eilends zurückkehrt und ihn nun um ſo unverrückter feſthält, der muß folgerichtig von Stufe zu Stufe immer tiefer jenem Wahne zugetrieben werden, der aus der Hölle ſeinen Urſprung hat und vom Vater der Lügen erzeugt iſt. Zeugniſſe römiſch-katholiſcher Schriftſteller von dem durch das Papſtthum verderbten Zuſtande der Kirche vor dem Anbruch der geſegneten Reformation, ſammt dem Gedächtniß dieſes Anbruchs. (Fortſetzung) Das gemeine Volk aber verſank durch die ver— kehrte Lehre ſeiner Prieſter in die tiefſte Unwiſ— ſenheit über den Heilsweg und die Heilsordnung Gottes und gerieth in den unſinnigſten und maßloſeſten Aberglauben. Es glaubte wirklich an die Oberherrlichkeit und Macht— vollkommenbeit des Papſtes, ja daß er Gott auf Erden ſei und die Gewalt habe, als weſentlicher Inhaber und Beſitzer des heiligen Geiſtes den Schriftverſtand zu beſtimmen, den Prieſterſtand zu ſetzen, Lehren zu ſtellen und Geſetze, Ord⸗ nungen und Cärimonien zu befehlen, die bei Verluſt der Seligkeit von allen Chriſtenmenſchen eben ſo unverbrüchlich zu halten ſeien, als die Einſetzungen und Ordnungen des HErrn Chri⸗ ſti ſelber, ja daß er Macht habe, dieſe ſelber zu ändern und dem Volke den Kelch im hl. Abend⸗ mahle zu entziehen. Es glaubte, daß der Papſt, nach göttlichem Rechte, über den Kir— chenverſammlungen ſtehe und daß er — nicht aber die hl. Schrift und die durch ſie erleuchtete Kirche — der oberſte Richter ſei in allen Glau— bens- und Lehr-Streitigkeiten, und daß ſeine höchſten und letzten Entſcheidung ſich Alle unter— werfen müſſen; es glaubte, daß ſeine Amts⸗ verwaltung nichts zu ſchaffen habe mit ſeiner perſönlichen Geſinnung, und er, obwohk viel— leicht in groben und offenbaren Laſtern dahinle— bend, dennoch den heil. Geiſt beſitze, und daß — 60— deshalb ſeine, nicht aber der heiligen Schrift Ausſprüche untrüglich und unfehlbar ſeien; es glaubte, daß der Herzensſchrein des heil. Va⸗ ters zu Rom — nicht aber des HErrn Chriſti im Himmel — weſentlich und eigentlich der Sitz der Schlüßel und ihrer Gewalt ſei, die er durch ſeine Diener, die Biſchöfe, ausübe, und daß ſein Bann, er ſei recht oder unrecht, jedenfalls von der Kirche Gottes ausſchließe und dem Sa⸗ tan übergebe. Es glaubte, daß wirklich, auf oben bereits gemeldete Weiſe, ein Ablaß⸗ Gnadenſchatz vorhanden ſei und der Papſt der weſentliche und urſprüngliche Verwalter deſſelben ſei, und daß man Vergebung begangener oder noch zu begehender Sünden von ihm eben ſo gut um Geld erkaufen könne, als die Erlaubniß, an Faſttagen Butter oder Fleiſch zu eſſen; es glaubte, daß der Papſt aus göttlichem Rechte auch die Gewalt habe über alle Reiche der Welt, daß er könne Könige ſetzen und eutſetzen, welt— liche Reiche ordnen, die Unterthanen aller Für— ſten ihres Eides und Gehorſams o gegen dieſe ent— binden ꝛc. Endlich aber — und das iſt freilich das Schrecklichſte von Allem — glaubte das Volk, daß dieſer ſein Glaube an den Papſt und der äußerliche Gehorſam gegen deſſen Beſchlüſſe, Satzungen und Ordnungen ihm unfehlbar die Seligkeit verdiene. War und iſt das nicht — denn viele Millionen Seelen, die noch jetzt in der Finſterniß des Papſtthums liegen, haben ja noch keinen andern Glauben ipfel ober vielmehr der Abgrund der papiſtiſchen Abgötterei und des dne Aberglaubens? Und ſollte nicht auch an dieſer graulichen Wirkung deutlich genug erkannt werden, daß der hl. Vater zu Rom — nicht als vergängliches Einzelweſen, ſondern als ſtehende Amtsperſon gedacht — weſentlich und perſönlich der Anti— chriſt ſei, der Chriſto die Ehre raubend und Got— tes Gebote durch ſeine Gebote aufhebend, und unter dem Schein der Demuth doch gleichſam der eingefleiſchte geiſtliche Hochmuths- und Herrſch— ſuchtsteufel, ſich geſetzet hat in den Tempel Got⸗ tes und ſich darſtellet und erweiſet, als ſei er Gott? — Was Wunder nun, daß aus ſo gräulichem Aberglauben ein wildes und wüſtes Weſen folgte und das arme betrogene Volk durch Schuld der gottloſen Lehre ſich in ſeinem Leben und Wandel als ein unſchlachtiges und verkehrtes Geſchlecht erzeigte? Wurde ja doch ſein Ungehorſam ge— gen Gottes Gebote durch den Gehorſam gegen des Papſtes Gebote bedeckt und der Unglaube wi⸗ der Chriſtum durch den Glauben an den Papſt überſchwänglich geſühnt; konnte es ja doch für Zauberei um 2, für Mord um 8§, für Kirchen⸗ riub und Meineid um 9 Dukaten Ablaß be— kommen von den Ablaßkrämern des Papſtes! Was brauchten die Leute den fernen unſichtba— ren Gott zu fürchten, da ſie den ſichtbaren Gott, den Papſt, in ſeinen Dienern allezeit zur Hand hatten, der ihr etwa erſchrecktes Gewiſſen durch ſeine Ablaßgnade leichtlich heilen konnte, und deſ— ſen Bann, allein um des Ungehorſams gegen ihn willen, zu fürchten war! — und her zerſtrente Gotteskinder vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang, die in der Auch konnten ſie zum Ueberfluß von den um herlaufenden Bettelmönchen die Verdienſte ihrn Orden um Geld erkaufen, und ein Sterbenditz durfte kein Bedenken tragen, alsbald fröhlich zum Himmel aufzufahren, wenn er zuvor dis ſchäbichte Kutte eines Mönches erhandelt 1 und darin eingekleidet war. Wie nun aber — ſo möchte Jemand fragen — war denn in dieſer furchtbaren Verfinſterung durch das gräuliche Papſtthum das Licht des göttlichen Wortes in der Kirche des HErrn vöͤlliz erloſchen? Wurde denn von den Knechten und Lobrednern des Antichriſts die Stimme Chriſti in ſeiner Kirche ganz und gar unterdrückt? Gab es in dieſer Sodoma des papiſtiſchen Verderb⸗ niſſes gar keinen Zeugen der Wahrheit, keinn ſtrafenden Lot mehr? War in dieſem babhlo⸗ niſchen Gefängniß der Kirche durch das anti⸗ chriſtiſche Papſtthum gar kein Volk des HEmi! mehr, und hatte er in dem ſo ſchrecklich verwil⸗ derten und mit papiſtiſchem Unkraut bedeckten Garten ſeiner Kirche gar keinen geſegneten Sa⸗ men, keinen Baum der Gerechtigkeit übrig ge— laſſen, der da unter ſich wurzelte und über ſich Früchte trug? Ja! gelobet ſei der HErr! — noch gab es deren; hatte ja doch die Kirche die Verheißung ihres getreuen und allmächtigen HErrn Chriſt, daß die Pforten der Hölle ſie nicht überwältigen ſollen, und daß die kleine Heerde, ſeine Heiligen, endlich das Reich einnehmen würden. Und da⸗ her kam es, daß mitten in ſeinem unerforſchll“ chen Gerichte, das er durch das Papſtthum übet ſeine Kirche verhängte, doch das Licht und die Leuchte ſeines Wortes und ſonderlich ſeines gna⸗ denreichen Evangeliums nicht völlig erloſch, ſon⸗ dern Stücke deſſelben, die hl. Taufe, der apoſto⸗ liſche Glaube, das hl. Vater unſer in ſeiner Ki⸗ che verblieb; und daraus erwuchs denn unde erſtarkte mitten in den Wildniſſen und Wüſtun⸗ gen des Papſtthums der geſegnete Same, hin Furcht Gottes ſtanden, an den HErrn Chriſtum kindlich und einfältig glaubten und aus den Glauben an Ihn in Werken der Liebe wandel ten, ſein Kreuz in Geduld ihm nachtrugen und durch ſonderliche Bewahrung des heil. Geiſtts vor der ſeelenmörderiſchen Gewalt der papiſi⸗ ſchen Irrlehren errettet wurden. Mannichfaltig in Geſtalt, Duft und Farbt waren dieſe Blumen und Bäume des HErrn im Garten ſeiner Kirche meiſt einander verborgen und nur von Ihm, dem himmliſchen Gärtner, mit einem Blicke überſchauet, von der Somt! ſeines Angeſichts freundlich angeſtrahlt, von ſei⸗ nem Auge überwacht, von dem Thau ſeints Mundes erquickt, von ſeiner Hand durch das Meſſer der Trübſal und des Kreuzes heilſam gereinigt. Da waren verborgene Veilchen, dit getauften Säuglinge in der Wiege und dit lallenden Kindlein, aus deren Munde er ſich ein Lob zurichtete; da waren ſchlanke Lilien und duftende Roſen, nämlich auch dieſe und jen edle und zarte Kloſterjungfrauen, deren Gebete und Lieder aus gläubigem Herzen und heilige