# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1845 09 29_S9 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Der Lutheraner. „Gottes Wort und Luthers Lehr' vergehet nun und nimmermehr.“ Herausgegeben von C. F. W. Walther. Jahrgang 2. St. Louis, Mo., den 4. October 1845. No. 3. Bedingungen: Der Lutheraner erscheint alle zwei Wochen einmal für den Subscriptionspreis von Einem Dollar für die auswärtigen Unterschreiber, welche davon die Hälfte vorauszubezahlen und das Postgeld zu tragen haben. — In St. Louis wird jede einzelne Nummer für 5 Cents verkauft. (Eingesandt von Pastor O. Fürbringer.) Der Rationalismus und die Bibel. (Fortsetzung.) Da dem nun so ist, mein geliebter Leser, und ich, wenn es verlangt werden sollte, das Alles noch ausführlicher zu vertheidigen und zu bewähren mich getraue: so siehst du, wie alle Schwierigkeiten des Verständnisses heiliger Schrift und alle Hindernisse ihrer rechten Auffassung von selbst hinfallen: so wie ich nur überzeugt bin, daß dieselbe Gottes Wort im eigentlichen Sinn (Thess. I, 2, 3.) von Gott den Propheten und Aposteln auf eine für uns unbegreifliche Art eingegeben (Tim. I, 3, 16.) und bei Gott kein Ding, das nicht seinem Wesen selbst zuwider läuft, unmöglich sei (Luc. 1, 37.); dann bleibe ich bei den Worten stehen, wie sie mir Gott sagt, der sie mir zu meines Fußes Leuchte und zum Licht auf meiner Lebensreise gibt (Ps. 119, 105), nehme sie mit Demuth, mit kindlichgläubigem und gehorsamen Gemüthe an, und überlasse es Gott, die Dinge, die unmöglich oder unvereinbar scheinen, auszuhellen, indem ich das Geheimniß seiner Wege anbetend bewundere, ohne die unendliche Gottheit, die in alle Ewigkeit weit über meinen Verstand Erhabenes in sich verhüllen wird, ausmessen und von meinem kleinen Bezirke aus mich bis zu ihr ausbreiten zu wollen. (Vgl. dagegen Petr. II, 3, 16.) Wenn ich die göttliche Weisheit und Gnade, Wahrheit und Güte der höheren Offenbarung bereits in meinem Gemüthe empfunden habe: so bin ich dann der frohen Zuversicht, daß auch das Unfaßliche oder nur stückweis Erkannte der himmlischen Regel entsprechen werde. Dich nun zu dieser Ueberzeugung zu führen, daß die Schrift das sei, wofür sie sich ausgebe, daß ihr ein göttlicher Ursprung und ein göttliches Ansehen zustehe, darauf kommt es jetzt an. Laß dich es nicht verdrießen, genau und aufmerksam meinen Gedanken und ihrer Darstellung zu folgen; das Ziel, das Ende wird dich belohnen. Betrachte dich, o Sterblicher, in deiner ganzen Seelen- und Leibesverfassung, wie sie dir durch die sinnliche Wahrnehmung sich darstellt, und ebenso die ganze Natur um dich: so findest du, daß du mit ihr von einer höheren Gewalt abhängig bist. In dem Innersten deines Geistes begleitet eine anklagende und entschuldigende Stimme deine Handlungen, von denen du die Vergeltung von dem höchsten Wesen erwartest, von einem Wesen, dessen Eigenschaften und Vollkommenheiten dir unausdenklich sind. Bei allem deinen Streben nach „Sittlichkeit, Rechtschaffenheit und aufrichtiger Liebe“ fühlst du immer Unvollkommenheit und Mangel derselben, ja Widersprüche in deinem ganzen Wesen, daß du oft das thust, was du selbst nicht willst, daß du Anlagen, Wünsche und Bestrebungen hast nach Höherem und doch dein Herz an zeitlich Gut und Ehre gefesselt ꝛc. ꝛc.; du erkennst dich in keinem rechten Verhältniß zu deinem Gott, und vermissest die wahre Ruhe deiner Seele, den unschätzbaren Frieden des Gewissens. Das Alles sind feststehende Erfahrungen bei den Menschen aus allerlei Volk, sie mögen auf einer noch so tiefen Stufe der Cultur stehen; daher die mannigfaltigen Versuche, die Gottheit zu versöhnen. Bei den tugendhaftesten Heiden hören wir Klagen*), die uns überraschen. Ja, je emsiger du nach Vollkommenheit strebst, desto weiter findest du dich entfernt vom Ziele; du geräthst in Schrecken über deinen hülflosen Zustand, wie ein Mensch, der sich in eine Wildniß verloren hat; und kein Mittel erscheint dir im ganzen stummen Weltall, dir zu sagen, was du machen sollst, dich zu retten aus einer peinvollen Ungewißheit. Du erkennst, daß alle Gabe einen Geber, also alle gute und vollkommene Gabe einen guten und vollkommenen Geber hat; du kommst somit auf den Ursprung alles Guten, auf das *) Man sehe den merkwürdigen Ausspruch Krantor's bei Plutarch consolat. ad Appollon VI. 396: Uns wird, wenn wir entstehen, ein durchgängig böses Theil beigemischt; denn der Same, der sofort sterblich ist, hat dieselbe Ursache gemeinschaftlich, aus welcher die natürliche Untüchtigkeit der Seele, Krankheiten und Herzeleid, und das Loos der Sterblichen uns anschleicht.“ Seneca's de clementia I, 6: „Wie viele Untersucher gibt es, die nicht an dasselbe Gesetz gebunden sind, nach welchem sie richten? Wie viele Ankläger sind frei von Schuld? Und ich weiß nicht, ob nicht allemal der am schwersten zur Verzeihung zu bringen ist, der es öfters verdient hat, um sie zu bitten. Wir haben Alle gefehlt, Einige mehr. Andere weniger; Einige vorsätzlich, Andere etwa hingerissen oder durch fremde Bosheit verführt; Einige von uns sind in guten Entschließungen allzuwenig festgestanden, und haben die Untadligkeit wider Willen und mit Widerstreben verloren. Und wir versehen es nicht nur, sondern werden es versehen bis zum letzten Lebenstheil.“ Juvenals Satyre XIII, V. 108 fag.: „Diese Strafen leidet allein der Wille zu sündigen; denn wer eine Schandthat still in sich verborgen denkt, ist in der Schuld, als hätte er sie verübt. Sieh' an, wenn er der Sünde ihren Willen gethan hat, so verläßt ihn die immerwährende bange Furcht auch nicht zur Tischzeit. höchste Gut, d. i. Gott. Nur im Besitze, in der Vereinigung des höchsten Gutes kannst du wahrhaft und ewig selig sein. Deine persönliche Fortdauer nach dem Tode ist dir gewiß eben aus dem anerschaffenen unauslöschlichen Verlangen nach wahrer und beständiger Glückseligkeit, die du auf der Erde nicht findest. Dein Leben ist dem störenden Wechsel und einem Ende unterworfen, das wahrhaftig eher Strafe als künftige Wohlthat vorbedeutet. In welchem Zustande muß nun deine Seele nach dem Tode sich befinden, wenn du des höchsten Gutes nicht theilhaftig werden kannst? Was wird im Tode aus dir werden, wenn du stirbst, der Vergeltung entgegen zu gehen, die dir dein Gewissen für die Ewigkeit ankündigt? Ja, sprichst du, woher beweisest du mir, daß ich nicht im Besitze des höchsten Gutes, in der Vereinigung mit Gott sei, daß ich der Reinigkeit, der Gerechtigkeit entbehre, um Gottes zu genießen? Nun, das beweist dir deine eigene Erfahrung. Die Liebe ist es, die zwei Wesen zu einander neigt; in deinem Herzen aber herrscht die Furcht; denn was ist's Anders, als Furcht, die dein innerstes Gemüth durchschauert bei dem Gedanken an den Tod, die Ewigkeit und ihr Gericht? Und reicht denn deine Erkenntniß Gottes so weit, daß sie die Liebe in dich pflanzen könnte? Kann aber wohl die Furcht die Liebe ersetzen, die Furcht, die aus knechtischem Zwange handelt, die freiwillige Liebe? Kann das reinste Wesen mit einem Geschöpf voll sündigen Hochmuths, das Heiligste mit dem Unheiligen, einen freundlichen Umgang und Gemeinschaft aufrichten? Nichts bleibt also übrig, als daß du entweder zu einer ewigen Geschiedenheit von Gott d. i. Unseligkeit bestimmt bist, (denn hat Gott uns nach sich geschaffen, wie der Rationalist selbst zugesteht, so ist der Mensch ewig ruhelos, in einer unerhörten Qual, wenn er der Erde entbehren muß, ohne doch in Gott mit seinem Geiste zu ruhen:) oder daß Gott sich deiner und aller deiner elenden Mitmenschen erbarmet hat und dir den Weg offenbart, wie du zu ihm kommen und in seiner Gemeinschaft ewig selig werden kannst. Daß das Letztere wahrscheinlicher sei, als das Erstere, ist von dem besten Wesen zu vermuthen. Wir mögen somit Gott suchen, in dem wir leben, weben und sind, ob wir doch ihn fühlen und finden können. Wo aber soll ich Gott suchen? wo soll ich Gott