# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1845 09 15_S8 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 8 die ganze heil. Schrift seine Anwendung finde. Ist aber dieses richtig, so fällt 1. der ängstliche und langwierige Bußkampf, den manche vor der Wiedergeburt als nothwendig fordern, von selbst weg; als wovon nicht nur der Name nicht, sondern auch die Sache selbst in keinem Exempel im ganzen N. T. zu erweisen ist. Will aber der Vater der Geister bei diesen oder jenen Seelen hiervon selbst eine Ausnahme machen und sie bald Anfangs mit großer Herzensangst aufwecken, und sodann seiner Gnade und Liebe bald darauf sonderlich versichern—welches sich hie und da im Umgang mit den Seelen zeigt—, so ist es ein anderes. Doch haben sie vor einem redlichen Nathanael, bei dem es ganz still mit seiner Bekehrung zugegangen, nichts voraus; sondern sie sind etwa einer harten Speise gleich, die ein größeres und stärkeres Feuer nöthig hat, wenn sie gar werden soll. Zweitens, fällt auch auf solche Weise weg das gewaltsame Treiben auf eine empfindliche, nothwendige Versicherung der Vergebung der Sünden, ohne welche man vor Gott kein Kind Gottes und Erbe aller himmlischen Güter wäre. Weil auch davon in den Exempeln des N. T. wenig zu finden ist; auch selbst bei denen nicht, denen der Heiland ausdrücklich gesagt: Dir sind deine Sünden vergeben. Drittens, wären die Redensarten: „Er hat noch nicht Gnade, er ist noch nicht durchgebrochen, er hat Rechtfertigung noch nicht erfahren, er kennt den Heiland nicht, er ist nicht wiedergeboren, er hat keine Vergebung der Sünden und das Blut JEsu noch nicht erfahren,“ ꝛc. sehr wohl zu prüfen, daß man sie im Verstande der Schrift, und nicht nach seinem eigenen Sinne oder Secte deute. Viertens, kann man's hiernach eher reimen, wie es mit den Gläubigen N. Testamentes in ihrer Bekehrung so geschwind gegangen, da es mit uns so langsam geht; und wiederum, wie es möglich gewesen, daß die Apostel in ihren Briefen noch so manches geahndet und die Gläubigen noch an sich gehabt haben, welches einem manchmal dünkt, sie sollten längst damit fertig gewesen sein. Weil aber dieses ein sehr geringer Anfang ist, so kommt es nun darauf an, daß die Seelen in Christo JEsu, den sie angenommen haben, treulich wandeln, gewurzelt und erbauet werden in ihm, feste im Glauben, Col. 2, 6. 7. sich selbst verleugnen, ihr Kreuz auf sich nehmen, Geduld lernen ꝛc., da sich's erst zeigt, ob es zeitgläubige, thörichte Jungfrauen, oder kluge und rechtschaffene Seelen sein werden. Da geschieht es denn, daß ernstlichen Seelen die innerliche Verderbniß und Macht der Sünde erst recht klar wird, wie sie so arm, elend, jämmerlich, blind und bloß seien, und erfahren die Seligkeit (Matth. 5.), welche der Heiland seinen Jüngern erst gesagt, da sie schon bei ihm waren; oder es geht auch, wie Röm. 7. steht, bei dem Einen langsamer, bei dem Andern schneller, härter und gelinder. Das macht aber JEsum, den man angenommen hat, nun erst recht theuer. Man lernt ihn näher kennen in seinem Verdienste, Gerechtigkeit, Gnade, Vergebung der Sünden, Leben und Kraft. Kommt nun eine Seele zu diesem lebendigen Genuß JEsu, so kommt ihr freilich ihre erste Bekehrung als nichts und sehr gering dagegen vor; und es mag hernach geschehn, daß man denkt, nun sei man erst bekehrt worden, nun habe man erst Vergebung seiner Sünden empfangen; auch andere sodann also lehrt und führt, da es doch nach dem Grund der Sache selbst nur ein mehrerer Genuß dessen ist, den man angenommen hat; ein Hervorbrechen dessen, was schon in das Herz gelegt worden in dem ersten geringen Anfang; eine Oeffnung der Schrift, wie bei den Jüngern nach der Auferstehung. Luc. 24. Und doch ist auch das noch lange nicht alles. Es geht immer weiter in die Tiefe (Eph. 3.) und in die Höhe. Es ist mir aber hierbei bedenklich vorgekommen, wie die heil. Schrift, sonderlich das N. T. keine Grade bestimmt, sondern nur immer überhaupt sagt: Wer sein Leben erhalten will — wer mir nachfolget — wachset in der Gnade. Ringet darnach. Item: Christum zu wohnen in euren Herzen u. s. w., in welchen Ausdrücken der Stärkste und Heiligste immer noch vieles vor sich findet, und der Kleinste oder Schwächste immer auch mit nebenher geht und mit fortgenommen wird; gleichwie man auch in Lutheri Schriften nirgend keinen Grad der Wiedergeburt findet. Nachbemerkung des Herausgebers. Gott gebe, daß diese Worte dazu gesegnet seien, daß unerfahrne Seelsorger, die sich selbst eine Form der Bekehrung gemacht haben, und daher andere Seelen in guter Meinung darnach führen und beurtheilen, in eine heilige Furcht gerathen, das Muster nirgends andersher, als aus der Bibel, die einen so einfachen Weg zeigt, zu nehmen, damit die ihnen Anvertrauten weder falsch getröstet, noch aber auch von der Erkenntniß der Gnade zurückgehalten werden, die ihnen schon gegeben ist. Mögen auch durch obige Auseinandersetzung solche Seelen, welche Führer haben, die sie durch menschliches Treiben aufhalten, ermuthigt werden, sich an das bloße Wort zu halten, sich nichts von Christo abhalten und nichts den Trost in Ihm verkümmern zu lassen, wenn sie die Last des Gesetzes und der Sünde fühlen und nach Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, hungern und dürsten. Wir haben es leider! aus eigner Erfahrung lernen müssen, wie kläglich es sei, wenn denen, die zum Gefühl ihrer Ohnmacht gekommen sind, erst noch ein großer Proceß vorgeschrieben wird, der mit ihnen vorgehen müsse, ehe sie Christum auch ihren Heiland nennen, und sagen dürften: Auch ich habe Gnade gefunden!—„Wohlan, alle, die ihr durstig seid,“ wartet nicht erst auf eine empfindliche Versicherung, sondern „kommt her zum Wasser; und die ihr nicht Geld habt,“ nichts Gutes in euch findet, „kommt her, kaufet und esset: kommt her und kaufet ohne Geld und umsonst, beides Wein und Milch.“ Jes. 55, 1. „Die Elenden sollen essen, daß sie satt werden.“ Ps. 22, 27. Denn Christus spricht: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.“ Joh. 6, 37. Christum Predigen. Christum recht lehren und bekennen ist nicht möglich ohne den Glauben. Wie St. Paulus sagt 1 Cor. 12, 3.: „Niemand kann JEsum einen HErrn heißen, ohne durch den heiligen Geist.“ Denn kein falscher Christ noch Rottengeist kann diese Lehre verstehen. Wie viel weniger wird er sie recht predigen und bekennen, ob er gleich die Worte mitnimmt und nachredet, aber doch nicht dabei bleibet noch rein lässet? predigt immer also, daß man greift, daß er's nicht recht habe; schmiert doch seinen Geifer daran, dadurch er Christo seine Ehre nimmt, und sich selbst zumisset. Darum ist das allein das gewisseste Werk eines rechten Christen, wenn er Christum so preiset und predigt, daß die Leute solches lernen, wie sie nichts, und Christus alles ist. Luther über Matth. 5, 16. Wandel im Beruf. Gottes Wort, Befehl und Werk soll man allein ansehen, das allein preisen und loben; das andere alles schelten, das außerhalb dem Wort und Befehl Gottes geht. Wenn nun eine Magd des Viehes wartet, eine Frau Kinder trägt, ein Mann seines Handwerks wartet, ein Fürst oder Herr einem bösen Buben den Kopf lässet abschlagen, mögen sie alle, ein jegliches in seinem Stande trotzen, und sagen: Gott hat es gethan. Wenn du aber mit einer Predigt die ganze Welt könntest selig machen, und hast den Befehl nicht, so laß es nur anstehen, denn du wirst den rechten Sabbath brechen, und wird Gott nicht gefallen. Luther über 2 Mos. 20, 8-11. Ein Prediger, der zu Sünde und Irrthum schweigt, ist ein Miethling, wenn er gleich sein Amt nicht verläßt. „O Miethling, du sahest den Wolf kommen, und flohest! du antwortest und sprichst: Siehe, bin ich doch noch hier und nicht geflohen. Du bist geflohen, weil du geschwiegen hast; da hast geschwiegen, weil du dich gefürchtet hast. Furcht ist das Fliehen der Seele. Mit dem Leibe bist du stehen geblieben, dem Geiste nach bist du geflohen.“ Augustinus. Tract. XLVI in Joh. Quittung. Bezahlt d.1. Jahrg. Hr. P. Wier. Der „Lutheraner“ ist stets zu haben in der Wohnung des Herumträgers, Herrn Gräbers (südliche 5 Straße, der Oelmühle gegenüber), und bei dem Herausgeber. Gedruckt bei Weber und Olshausen.